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Detektei Lessing

Band 60

Im Augenblick des Todes 

1

Es war kurz vor Mitternacht, als sich ein blauer Audi mit röhrendem Motor und dröhnender Musik dem Kreisel zwischen Ahlum und Salzdahlum näherte. Der Fahrer war auf dem Weg nach Sickte, weshalb er die erste Ausfahrt nahm und weiter in Richtung Apelnstedt fuhr. Er kam, wie an nahezu jedem Freitag, von einem Treffen mit der Auto-Clique.

Seit die beiden neunzig Grad Kurven entschärft waren, konnte er auf der zu dieser Zeit recht wenig befahrenen Landstraße den getunten Motor seines Wagens noch einmal so richtig hochziehen. Gerade als er mit über einhundert Sachen in die erste der beiden S-Kurven einlenken wollte, erkannte er auf dem Rastplatz der ehemaligen Kurve die Lichter eines Warnblinklichts. Getreu dem Ehrencodex seiner Clique bremste er ab, um gegebenenfalls seine Hilfe anzubieten.

Im Scheinwerferlicht seines Audis erkannte er kurz darauf den Wagen. Er stoppte hinter ihm. Aus seinem herabgelassenen Fenster zerriss ein Song der Scorpions die laue Sommernacht. Gerade als er aussteigen wollte, bemerkte er eine dunkle Gestalt, die sich aus dem Gebüsch näherte. Unter dem tief heruntergezogenen Cap erkannte er ein Gesicht. „Schwache Blase, wie?“, lästerte er grinsend. Die Antwort fiel weniger humorvoll aus. „Spinnst du?“, fragte der Mann im Wagen, während er in den Lauf einer Pistole sah. „Lass den Scheiß! Das ist nicht witzig.“ „Nein“, entgegnete die Person. „Das soll es auch nicht sein.“

In diesem Moment wurde dem Mann im Wagen bewusst, dass die Situation ernst war. Er spürte, wie sich jeder einzelne Muskel in ihm versteifte, wie er zu keiner noch so kleinen Bewegung mehr in der Lage war. Er wollte um sein Leben betteln, doch seine Lippen pressten sich aufeinander, ließen nicht den leisesten Laut entweichen. Stattdessen starrte er auf die Waffe, die nach wie vor auf ihn gerichtet war. Seine Atmung beschleunigte sich, in seinem Körper schien alles zu vibrieren, wurde heißer und heißer.

Die Person an der Fahrertür beobachtete ihn genau. Sie schien sich an seiner Angst zu ergötzen. Seine Reaktion stimulierte, euphorisierte sie geradezu bis hin zur Ekstase, die in drei ohrenbetäubenden Schüssen ihren Höhepunkt fand. Während der Getroffene auf dem Sitz in sich zusammensackte, stieß die Person vor dem Fenster einen befreienden, geradezu unmenschlichen Laut aus. Im selben Moment rutschte der Fuß des Sterbenden von der Kupplung. Der Audi machte einen Satz nach vorn und prallte auf den vor ihm stehenden Wagen. Mit dem Absterben des Motors hauchte auch der Mann im Audi seinen letzten Atemzug.

Die offenbar wahnsinnige Person am Fenster sah ihm unterdessen regungslos beim Sterben zu. Das letzte, was Daniel Droste im Augenblick seines Todes sah, war ein hämische Grinsen. Der starre Blick jener Person löste sich nur zögerlich von dem Toten. Fast hatte es den Anschein, als wolle sie den sich bietenden Anblick so lange wie möglich auskosten, doch das Geräusch eines sich nähernden Autos erforderte eine Reaktion.

Die Person beugte sich nach vorn, langte durch das Fenster und schaltete zunächst das Licht und dann die Soundanlage ab. Der Wagen näherte sich vom Kreisel kommend dem Parkplatz. Bevor das Licht seiner Warnblinkanlage gesehen werden konnte, schaltete sie auch diese ab. Anschließend begab sie sich in das Dunkel der angrenzenden Büsche und lauerte. Sie war auf alles gefasst, wollte nichts dem Zufall überlassen, wenn nötig auch ein weiteres Mal morden.

Der Wagen fuhr auf die erste Kurve und somit auf den ersten Parkplatz zu. Seine Geschwindigkeit verringerte sich. Der Fahrer wurde bereits aus der Dunkelheit ins Visier genommen. Jede seiner Lenkbewegungen wurde akribisch beobachtet. Ihr Puls wurde schneller, heftiger, sie spürte, wie das Leben in ihren Adern pulsierte, wie ihr Blut immer heißer wurde und wie ihr Adrenalin den Verstand raubte.

Der Wagen fuhr vorbei, sie legte den Kopf in den Nacken und stöhnte. Ihre Muskulatur entspannte sich. Langsam fuhr sie wieder runter, lockerte sich, indem sie den Kopf über ihre Schultern kreisen ließ. Es knackte in ihren Knochen. Sie wandte sich wieder dem Audi zu. Fast hätte sie die CD von den ‚Skorpions‘ vergessen. Noch einmal langte sie in den Wagen und drückte mit dem behandschuhten Zeigefinger der linken Hand auf die Auswurftaste des Players. Sie nahm sie mit sich, schob sie in ihr Radio, drehte die Lautstärke bis zum Anschlag und fuhr davon.

Erst am späten Vormittag fuhr ein weißer Sprinter auf den Parkplatz. Der Paketzusteller Jusef Dousco wollte eine kurze Pause einlegen, um ein kleines Geschäft zu erledigen und um seinen Hunger zu stillen. Er kam aus Richtung Apelnstedt und wie immer fuhr er nicht den in seiner Fahrrichtung gelegenen ersten Parkplatz, sondern den zweiten an. Durch den üppigen Baum und Strauchbewuchs war dieser von der Straße aus kaum einsehbar, was ihm für sein erstes Vorhaben von Vorteil schien.

Als er auf den Parkplatz fuhr, ärgerte er sich jedoch, weil er nicht allein zu sein schien. Er stoppte seinen Wagen dennoch und packte seine Brotdose und die Thermosflasche mit dem Kaffee aus. Immer wieder versuchte er trotz der ihn blendenden Sonne hinter der Windschutzscheide des kaum zwanzig Meter von ihm entfernt stehenden Wagens etwas zu erkennen. Doch anders als erwartet regte sich in dem Audi nicht das Geringste. Nachdem einige Minuten vergangen waren und sich die Blase des Paketzustellers immer heftiger meldete, stieg er notgedrungen aus. Er verschloss seinen Sprinter und warf einen letzten Blick zu dem Mann, der hinter dem Steuer saß. Kein Zweifel, der Typ hatte sich seit einigen Minuten nicht bewegt. Er schlussfolgerte, dass der Fahrer ein Nickerchen machte, womit er sich ungeniert in die Büsche schlagen konnte.

Kurz darauf kehrte er erleichtert zurück. Dabei sah er, dass die Scheibe in der Fahrertür vollständig heruntergelassen war.  Er stutzte und ging einige Schritte auf den Wagen zu. Während er sich näherte, veränderte sich sein Blickwinkel und die Sonne blendete nicht mehr. Mit demselben Atemzug bemerkte er in der Brust des Manner mehrere Wunden, aus denen Blut sickerte. Nicht viel und wahrscheinlich war es längst getrocknet, aber das konnte der Bote nicht mehr sehen, weil er sich längst geschockt von der Leiche abgewandt hatte.

2

„Wann haben Sie den Toten entdeckt?“, erkundigte sich Kommissar Schubert bei dem Paketzusteller. „Das habe ich doch alles schon den Polizisten gesagt“, erwiderte Jusef Dousco. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wenn ich jetzt nicht weiterfahren kann, schaffe ich heute meine Tour nicht mehr.“ Schubert ließ sich nicht beeindrucken. „Je schneller Sie meine Fragen beantworten, umso schneller sind wir damit durch.“ Der Syrer stieß einen tiefen Seufzer aus, verdrehte die Augen und antwortete.

„Haben Sie den Toten oder irgendetwas im Inneren des Audis angefasst?“ „Allah sei mein Zeuge, nein!“ „Sie wollten hier also eine kurze Rast einlegen?“, fasste Schubert das Geschehen noch einmal zusammen. „Was ist Rast?“ „Eine Pause“, erklärte der Kommissar. „Ich werde diese Sprache nie verstehen“, schüttelte der Syrer den Kopf. „Warum so viele Worte für eine Sache?“ „Sie hielten also an, um hier Ihre Pause zu machen“, rekapitulierte Schubert. „Ich musste pinkeln.“

„Äh, ja“, nahm der Ermittler die Antwort zu Protokoll. „Und irgendwann fiel Ihnen dann auf, dass sich der Tote nicht bewegte?“ Der Syrer nickte dem Kommissar erleichtert zu. „Genauso wars.“ „Was geschah dann?“ „Na, ich bin zum Wagen gegangen und sah die Wunden im Oberkörper des Mannes. Mir war sofort klar, dass der tot war.“ Die Stirn des Kommissars krauste sich. „Haben Sie seinen Puls überprüft?“ Jusef Dousco machte eine abwehrende Handbewegung. „Bei Allah, nein! Ich habe nie einen Geschossenen gesehen. Ich habe sofort den Notruf gewählt.“ „Es heißt Erschossenen und Wildpinkeln ist eine Ordnungswidrigkeit“, belehrte ihn Schubert.

„Ihr Deutsche macht mich kaputt“, stöhnte der Zeuge kopfschüttelnd. „Kann ich jetzt gehen?“ „Eine letzte Frage noch, Herr Dousco. Fiel Ihnen noch ein weiteres Fahrzeug auf, als Sie auf den Rastplatz fuhren, oder kam Ihnen eins entgegen?“ Der Syrer überlegte angespannt. Seine Stirn legte sich dabei in Falten. „Da waren viele Autos.“ Der Ermittler stutzte. „Wo?“ „Überall.“ „Hier auf dem Parkplatz?“ Dousco schüttelte den Kopf. „Nein, hier war keiner, aber woanders waren viele.“

Schubert drückte die Mine seines Kugelschreibers zurück und klemmte den Stift an sein Notizheft. „Fürs Erste war es das. Bitte finden Sie sich morgen Vormittag in der Polizeidienststelle Wolfenbüttel, an der ‚Lindener Straße‘ ein.“ „Aber das geht nicht, ich muss arbeiten“, entgegnete der Zeuge entsetzt. „Also gut“, lenkte Schubert ein. „Dem Protokoll ist es letztlich egal, wann Sie es unterschreiben. Wann könnten Sie denn da sein?“ Dousco wog den Kopf abwägend hin und her. „Ich komme um 9 Uhr.“ „Also doch am Vormittag.“ „Nein, am Abend.“

„Seid ihr so weit?“, erkundigte sich der Ermittler bei den Leuten von der Spurensicherung. Bevor der Paketzusteller mit seinem Sprinter weiterfahren konnte, musste der Wagen auf Spuren untersucht werden, die mit der Tat in Zusammenhang stehen konnten. Letztlich war zu diesem Zeitpunkt nichts ausgeschlossen und es musste in alle Richtungen ermittelt werden. Lutz Findeisen signalisierte ihm, dass die Arbeiten am Sprinter abgeschlossen waren, und Schubert gab dem Zeugen grünes Licht.

„Das sieht wie eine Hinrichtung aus“, schüttelte der Hauptkommissar den Kopf. „Nu, wenn Sie mich fragen, war hier ein hohes Aggressionspotential im Spiel. Der Täter traf drei Mal aus nächster Nähe in die Brust des Opfers, wobei mindestens ein Treffer schon tödlich gewesen sein dürfte. Allerdings war der Mann nicht sofort tot. Sein Todeskampf dürfte sich über ein bis zwei Minuten erstreckt haben.“ Doktor Schnippler deutete auf eine der Wunden. „Anhand des Einschusskanals, den das Geschoss verursachte, dürfte der Schütze…“ „Oder die Schützin“, ergänzte Tim Sinner. „Nu ja, wie Sie meinen, Herr Hauptkommissar. Jedenfalls können Sie davon ausgehen, dass der Mann durch das geöffnete Fenster aus einer erhobenen Position erschossen wurde.“ „Der Täter stand also…“ „Oder die Täterin“, unterbrach Doktor Schnippler. „Äh, ja, genau“, pflichtete ihm Sinner bei. „…also vor dem Seitenfenster.“ „Einwandfrei.“

„Können Sie schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen, Herr Doktor?“ „Na. Sie wissen doch, dass ich mich ungern so früh festlege, Herr Sinner.“ „Nur ganz vage“, ließ der Hauptkommissar nicht locker. „Vor Mitternacht oder eher später?“ „Na, wenn Sie mich so fragen, dann denke ich, dass Sie mit Mitternacht gar nicht schlecht liegen“, schätzte der Rechtsmediziner. „Plus minus zwei Stunden“, fügte er zur Sicherheit an. „Genaueres, wie immer erst…“ „Nach der Obduktion“, fiel ihm Sinner ins Wort. „Genau.“

„Wie sieht es aus, Lutz, konntet ihr weitere Spuren zum Tathergang sichern?“, erkundigte sich Tim Sinner. „Was die Spurenlage im Inneren des Audi betrifft, werden wir die wie üblich erst in der KTU[1]ermitteln. Am äußeren Fahrzeug gibt es einen kleineren Lackschaden, der auf einen Auffahrunfall hindeuten könnte. Ich konnte allerdings noch nicht genau bestimmen, wie alt dieser Schaden ist.“ Der Hauptkommissar horchte auf. „Letzte Nacht liegt im Bereich des Möglichen?“ „Könnte sein, könnte aber auch nicht sein“, ließ sich der Leiter der Spusi nicht festlegen. „Ich frage mich die ganze Zeit, was der Tote hier um diese Zeit wollte“, dachte Sinner laut nach. „Da kann ich dir vielleicht weiterhelfen“, versprühte Lutz Findeisen Hoffnung. „Wir fanden an einem der Bäume Urinspuren.“

„Es gibt also eine DNA“, schlussfolgerte der Hauptkommissar. „Die könnte von dem Zeugen stammen“, gab Schubert zu bedenken, der sich in diesem Moment zu ihnen gesellte. „Jusef Dousco gab dies und seine Frühstückspause als Grund für seine Rast an.“ „Na, das wäre ja auch zu einfach gewesen“, lamentierte Findeisen. Sinner rieb sich das Kinn. „Trotzdem, der Tote hatte sicherlich einen Grund für seinen nächtlichen Stopp.“ „Was ist mit seinem Handy?“, erkundigte sich Schubert. „Das haben wir schon gecheckt“, entgegnete der Leiter der Spurensicherung. „Die letzte Aktivität, die von dem Opfer ausging, fand um 23:24 Uhr statt.“ „Das grenzt zumindest schon mal den Zeitpunkt der Tat etwas ein“, bemerkte Schubert.

„Die komplette Liste bekommt ihr, wenn wir das Handy ausgelesen haben“, vertröstete Findeisen die Kommissare. „Schon klar“, seufzte Sinner und wandte sich seinem Dienstpartner zu. „Den Namen und die Adresse des Opfers haben wir ja. Machen wir uns also auf den Weg, um den Angehörigen die traurige Nachricht zu überbringen.“ „Können Sie da nicht allein hinfahren, Chef? Ich würde mich dann in der Zwischenzeit schon mal um den letzten Telefonkontakt kümmern, den das Opfer hatte.“ „Nee Schubert, da müssen wir gemeinsam durch.“ „In diesen Momenten hasse ich unseren Job“, seufzte der Kommissar. „Vier Augen sehen und vier Ohren hören besser als zwei“, entgegnete Sinner trocken.

[1] Kriminaltechnische Untersuchung

3

Auch wenn Schubert nur allzu gern auf diesen Gang verzichtet hätte, befand er sich nun an der Seite seines vorgesetzten Dienstpartners. „Das ist so gar nicht meins“, beteuerte er zum wiederholten Male. „Auch die unangenehmen Seiten unseres Jobs müssen erledigt werden“, ließ sich der Hauptkommissar nicht erweichen, während er seinen Daumen auf den Klingeldrücker presste. Es brauchte einige Zeit, ehe sich im Inneren des Hauses etwas tat. Als die Tür endlich geöffnet wurde, tauschten die Kommissare einen kurzen Blick.

„Frau Droste?“, erkundigte sich Sinner. „Wenn’s auf der Klingel steht, wird’s wohl so sein.“ Der Hauptkommissar zeigte seinen Dienstausweis und deutete auf seinen Begleiter. „Der Kollege Schubert. „Ist was mit meinem Sohn?“, ahnte die Frau im Rollstuhl bereits, dass etwas Schlimmes geschehen war. „Vielleicht sollten wir besser ins Haus gehen“, schlug Schubert vor. „Die zunächst so taffe Frau reagierte fahrig. „So reden Sie doch! Ist etwas mit Daniel? Ist er tot?“ „Bitte, lassen Sie uns ins Haus gehen“, bemühte sich Sinner, eine gewisse Kontrolle aufrechtzuerhalten. Es war nicht das erste Mal, dass er eine solche Nachricht überbringen musste. Er wusste also aus Erfahrung, wie unvorhersehbar Angehörige zuweilen darauf reagierten. Die körperliche Situation, in der sich die Mutter des Toten befand, ließ eine noch heftigere Reaktion erwarten.

„Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen können?“, erkundigte sich Schubert, nachdem er und sein Dienstpartner Frau Droste in die Küche gefolgt waren. „Vielleicht eine gute Freundin, eine Nachbarin oder eine andere Ihnen nahestehende Person?“ „Jetzt reden Sie endlich, Mann!“, schrie Lydia Droste. „Sie haben Recht“, brach Sinner endlich sein Schweigen. „Ihr Sohn wurde heute Morgen tot in seinem Auto aufgefunden.“ Ein Klageschrei erfüllte den Raum. Den Ermittlern lief es kalt den Rücken hinunter. Ihre Versuche, die Frau zu beruhigen, misslangen.

Lydia Droste atmete schwer. Immer wieder drückte sie ihre Faust in den weit geöffneten Mund und biss darauf, bis sie blutig war. Sinner sah sich das Ganze nicht lange an und orderte einen Rettungswagen. Er wusste, dass jede weitere Frage unverantwortlich war. „Hat er sich mit seinem Wagen totgefahren?“, fragte sie, nachdem ihr der Notarzt eine Spritze verabreicht hatte.“ Die Frau braucht jetzt absolute Ruhe“, entband der Mediziner den Ermittler von einer Antwort. 

Als sie von den Sanitätern in ihrem Rollstuhl zum Rettungswagen dicht an Sinner vorbeigeschoben wurde, griff sie nach seinem Arm. „Gehen Sie zu Anna Redlich, sie ist seine Freundin.“ Er nickte ihr betreten zu, während sie über die Rampe samt Rollstuhl in den Rettungswagen gehoben wurde. Selbst als die Sanitäter die Türen schlossen und sich der RTW in Bewegung setzte, sah er ihr gedankenverloren nach.

„Was ist los, Chef?“, kam Schubert dazu. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich diesen Job noch mehr als dreißig Jahre machen muss, frage ich mich, ob ich das wirklich so lange aushalten kann und will.“ „Was glauben Sie, weshalb ich mich davor drücken wollte“, seufzte Schubert. Der Hauptkommissar holte tief Luft und wandte sich dem kleinen Siedlungshäuschen in der ‚Halberstädter Straße‘ zu. Die Tür stand noch immer weit auf und aus dem Inneren vernahm er das Klagen der Mutter. „Ich hoffe, wir finden seinen Mörder.“

Was nun geschah, war Routine. Zunächst suchten die Kommissare zusammen mit den Kollegen der Spurensuche das Haus des Ermordeten, die Garage, seinen Arbeitsplatz und jeden anderen Ort, an dem er sich öfter aufgehalten hatte. Freunde, Bekannte, Studenten der Ostfalia und Lehrer wurden befragt. Ein Bewegungsprofil, welches die letzten Stunden bis zu seinem gewaltsamen Tod rekonstruierte, wurde akribisch und mit Sorgfalt erstellt. All dies brachte allerdings nicht den erwünschten Erfolg und so wurde die Soko Parkplatz nach drei Monaten und die Hälfte der Mitarbeiter reduziert und nach einem halben Jahr ganz aufgelöst. 

„Ich weiß gar nicht, wie ich Frau Droste sagen soll, dass wir den Fall zu den Akten legen müssen, weil wir nicht die kleinste Spur haben“, schüttelte der Hauptkommissar mit dem Kopf. „Alles, was wir wissen, ist, dass eine selbstgebrannte CD mit den ‚Skorpions‘ verschwand.“ „Letztlich können wir nicht mal mit Bestimmtheit sagen, ob der Mörder die CD tatsächlich mitnahm“, relativierte Schubert. „Den Zeugenaussagen nach, spielte er diese Musik auf dem Parkplatz der ‚Ostfalia‘“, gab Sinner zu bedenken. „Wo um alles in der Welt soll der verdammte Tonträger sonst hingekommen sein?“

„Schön und gut, Chef“, verzog Schubert versonnen das Gesicht. „Was nutzt es uns, wenn der Mörder die CD tatsächlich mitgenommen hat. Selbst wenn er sie abspielt und es jemand hört, wird ihn dies nicht entlarven.“ „Wie auch immer, van der Waldt hat uns einen neuen Fall übertragen. Auch wenn der nun Priorität hat, werden wir den Mord an Daniel Droste nicht für immer ruhen lassen.“ Schubert klappte die Mappe mit den Ergebnissen ihrer Ermittlungen zusammen und schob sie in den Aktenschrank zu den anderen ungeklärten Fällen. „Vielleicht ergeben sich ja in der Zwischenzeit neue Erkenntnisse.“

Sinner schnappte sich seine Jacke. „Na dann, auf nach Schladen, Schubert. Unser neuer Fall wartet in einem der Silos der Zuckerfabrik.“

4

Die Terrassenüberdachung war fertiggestellt und unsere Fahrradtouren in die weitere Umgebung von Wolfenbüttel hatten nicht nur zur Folge, dass sich mein Waschbärbauch allmählich zurückbildete und sich meine Konstitution kontinuierlich verbesserte, es bewirkte auch, dass sich bei mir eine völlig neue Sicht auf mein Leben einstellte. Die Stunden, die ich dabei mit Ramona und Miriam verbrachte, wurden mir von Mal zu Mal wertvoller. War mir die Detektei bislang ebenso wichtig wie die Familie, richtete sich mein Fokus nun mehr auf Ramona und Miriam.

Der Erkenntnis folgt die Entscheidung, das Leben zu ändern, den bisherigen Trott hinter sich zu lassen und Grundlegendes zu überdenken. Natürlich trug ich nicht nur für meine Familie, sondern auch für meine Mitarbeiter Verantwortung. Denn im Grunde gehörten sie ebenso zu meinem Leben. Die Lösung hieß Delegieren, ein Wort, welches für jemanden wie mich, der am liebsten alles selbst erledigen möchte, eine große Bedeutung in sich trägt. Wer das eine will, der das andere muss, sagt mein Freund Jogi immer und er hat recht. Wenn ich mehr Zeit mit meinen Lieben verbringen wollte, musste ich lernen, Verantwortung abzugeben. Bei dem Gedanken, diese in Leonies Hände zu legen, kamen mir zwar Bedenken, aber da ich wusste, dass sie auf einem guten Weg war, hatte ich Hoffnung.

Eine solche Entscheidung lässt sich natürlich nicht über Nacht umsetzen, aber letztlich trieb mich ja keiner, weil noch niemand etwas von meinem Entschluss ahnte. Sowohl Leonie als auch ich hatten somit Zeit, um meine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Ich nahm mir daher vor, meine Azubine zeitnah auf die Prüfung ihrer Ausbildung zur Detektivin vorzubereiten. Da es in meinem Beruf kein reguläres Examen und somit auch keine Prüfung gab, beruhte dieser Check allein auf meinen Vorgaben, was die Sache für Leonie gewiss nicht einfacher machte.

So saß ich bereits seit Stunden in meinem Büro und grübelte darüber nach, wie ich die junge Dame am besten herausfordern konnte. Die alltägliche Arbeit in meiner Detektei, wie die Recherche und die Überprüfung von Versicherungsfällen, konnte ich ihr und Trude schon seit längerem überlassen. Abgesehen von gelegentlichen Außeneinsätzen, die beispielsweise der Überprüfung von Betrügern galten, die unser soziales Netz als eine Hängematte betrachteten, bearbeiteten meine Mitarbeiterinnen diese Fälle bereits überwiegend eigenständig.

Was allerdings die verzwickten Aufträge betraf, bei denen sich zeigt, wie gut eine Detektei wirklich ist, bedurfte es beim Ermitteln neben einer klaren Struktur und logischem Denken vor allem das, was allgemein als Bauchgefühl bezeichnet wird. Eine Komponente, die sich nicht erlernen lässt.  

Obwohl, ein gewisses Bauchgefühl ließ sich bei der kleinen Fressraupe nicht leugnen. Allerdings hatte dies einen eher anderen Ursprung. Da sie sich jedoch sicher war, dass keine Schwangerschaft vorlag und eine Untersuchung bei ihrem Hausarzt ebenfalls nichts Negatives ergab, nahmen ihr Onkel Christoph und ich ihre Dauerfressattacke erst einmal so hin.

Was eben jenes besondere, nicht erlernbare Gefühl für die Lösung eines speziellen Falls angeht, ließ sich dies nur in der Praxis erwerben. Leider gab es derzeit keinen solchen lukrativen Auftrag. Somit brauchte ich mir über die Kosten, die nach dem Abschluss ihrer Ausbildung auf mich zukommen würden, zumindest keine Sorgen machen. Ich hatte mein Gedankenspiel noch nicht beendet, als mich Trudes krächzende Stimme aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage auf meinem Schreibtisch, aus eben jener geistigen Arbeit riss.

„Sorry Chef, ich störe nur ungern, aber hier vorne bei mir in der Anmeldung steht das Ehepaar Möller und möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“ „Aber Sie wissen doch, dass wir keinen weiteren Fall mehr annehmen können“, reagierte ich in der abgesprochenen und bereits vielfach erprobten Weise. „Ich weiß, Chef“, entgegnete sie gedehnt. „Es geht um eine verschwundene junge Frau.“ „Bitte Herr Lessing“, vernahm ich eine aufgewühlte Stimme. „Helfen sie uns!“

Selbst wenn ich bis zum Hals in Arbeit stecken würde, gäbe es an dieser Stelle keine Ausrede. Ich legte einige Akten auf den Tisch, um den Eindruck von Geschäftigkeit zu erwecken und öffnete die Tür zu meinem Büro. „Bitte treten Sie näher. Ich will sehen, was ich für Sie machen kann.“

Natürlich mag diese Art der eigenen Vermarktung etwas skurril wirken, aber die Erfahrung, die ich in den Jahren als Detektiv sammeln konnte, zeigt, dass man nur dann als guter Ermittler gilt, wenn der Anschein erweckt werden kann, dass man förmlich in Arbeit erstickt.

„Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Lessing, aber wir wissen wirklich nicht mehr weiter“, erklärte Herr Möller, während sich das Ehepaar auf die Stühle vor meinen Schreibtisch setzte. „Wo drückt denn der Schuh?“, erkundigte ich mich salopp. „Es geht um unsere Stefanie.“ „Steff war gestern zu einer kleinen Feier vor dem Studentenwohnheim in der Ostfalia. Sie studiert dort Elektrotechnik“, fiel Frau Möller ihrem Mann ins Wort. Sie war mehr als aufgeregt. Ihre Hände zitterten, während sie sprach.

„Bitte beruhigen Sie sich erst einmal. Vielleicht ist es besser, wenn Ihnen meine Mitarbeiterin einen Beruhigungstee zubereitet“, schlug ich vor. „Ach bitte, ich glaube der täte mir jetzt wirklich ganz gut“, zeigte sie sich dankbar. „Wie alt ist denn Ihre Tochter?“ „Steff ist 18“, entgegnete Herr Möller.

Das Mädchen war also volljährig und sie war mit Freunden auf einem Sommerfest. Ich konnte es gut verstehen, wenn sich Eltern um ihr Kind sorgten, aber in diesem Fall erschien mir der Aufwand, der von ihnen betrieben wurde, für verfrüht. Dennoch war es wichtig, den Leuten das Gefühl zu geben, dass ich ihre Sorge teilte und sie ernst nahm.

„Wann hatten Sie denn den letzten Kontakt mit Ihrer Tochter?“, erkundigte ich mich daher. „Steff wollte um 23 Uhr daheim sein. Als sie nicht kam, rief ich sie eine halbe Stunde später auf ihrem Handy an.“ „Welchen Eindruck machte sie zu diesem Zeitpunkt auf sie?“, unterbrach ich sie. Frau Möller sah ihren Mann bedächtig an. „Eigentlich war sie fröhlich wie immer.“ „Sie wollte sich nach dem Telefonat mit meiner Frau direkt auf den Weg machen“, ergänzte Herr Möller. „Nachdem sie eine Stunde später noch nicht zuhause war, versuchte ich sie ein weiteres Mal zu erreichen“, fuhr Frau Möller fort. „Da war nur noch die Mailbox dran.“

Ich sah zur Uhr. „Es ist jetzt 11 Uhr, es sind also inzwischen zwölf Stunden vergangen. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Ihre Tochter ist fast erwachsen. Sie hat doch sicherlich einen Freund.“ „Es gab da tatsächlich einen jungen Mann, aber von dem hat sie sich vor einem Jahr getrennt“, räumte Frau Möller ein. „Sie könnte vielleicht jemanden kennengelernt haben und die Nacht bei ihm verbracht haben.“ „So eine ist unser Mädchen nicht“, stellte Herr Möller klar. „Außerdem hätte sie sich dann auf jeden Fall bei uns gemeldet“, pflichtete Frau Möller ihrem Mann bei. „Nein, ich weiß ganz genau, dass ihr etwas passiert ist. Eine Mutter spürt so etwas.“

„Suchen Sie nun nach unserer Tochter oder sollen wir uns nach einem anderen Detektiv umsehen?“, riss ihr der Geduldsfaden. „Bei der Polizei haben die uns auch nicht geglaubt“, rückte Herr Möller unvermittelt mit dem Grund für ihren Besuch bei mir heraus. „Dann hat man Ihnen sicherlich gesagt, dass es noch viel zu früh ist, um sich Sorgen zu machen“, versuchte ich das Ehepaar zu beruhigen. „Die wollten nicht mal eine Vermisstenanzeige aufnehmen“, wütete der aufgebrachte Vater. „Wir sollen ein paar Tage abwarten und dann noch mal wiederkommen.“

Meine Stirn krauste sich. Wenn diese Aussage stimmte, war das so nicht in Ordnung. „Okay, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie warten bis heute Abend ab. Sollte sich Ihre Tochter auch nach 24 Stunden nicht bei Ihnen gemeldet haben, werde ich den Fall übernehmen.“ Die Eheleute sahen sich zögerlich an, ehe sie mir zunickten. „Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät“, setzte mich Frau Möller unter emotionalen Druck. „Machen Sie mir eine Liste mit allen Kontakten, die Ihre Tochter hat. Falls sie nicht auftaucht, verlieren wir dann keine Zeit.“ „Gut, das machen wir.“

5

Anlässlich des zweiundzwanzigjährigen Bestehens der Detektei Lessing hatte ich meine Mitarbeiter, deren Partner und einige Weggefährten zu einem gemeinsamen Grillabend auf der nun überdachten Terrasse in meinem Garten eingeladen. Ich selbst halte nichts von solchen Veranstaltungen, aber das sah Miriam ganz anders. Sie begann schon Wochen davor mit den umfangreichen Planungen zu diesem Event. Neben dem, aus Dorstadt eingeflogenen Sänger-Songwriter, Mark Beerell, der die Gäste in musikalische Stimmung bringen sollte, war auch der freiberufliche Reportagenmacher Kai Ruf als Vertreter der regionalen Presse eingeladen.

Alle finanziellen Bedenken meinerseits wurden von Miriam mit der unbezahlbaren Werbung, die ein solches Jubiläum mit sich brachte, lapidar zur Seite gewischt. „Nicht kleckern, sondern klotzen“, lautete ihre Devise. „Nur wer dich kennt, wird dich engagieren.“ Ich fragte mich nur, woher ich die Zeit nehmen sollte, um all die neuen Fälle zu lösen, wenn ich in Zukunft kürzertrat.

„Es freut mich sehr, dass ihr heute Abend dabei sein könnt“, begrüßte ich meinen Freund und Leonies Onkel Christoph Börner und seinen Mann Detlef. „Leonie hätte uns die Hölle heiß gemacht, wenn wir abgesagt hätten“, zwinkerte mir der Advokat zu. „Hallo Jogi, hallo Ultra“, freute ich mich kurz darauf, als mein langjähriger Dienstpartner aus meiner Zeit bei der Braunschweiger Kripo und seine Lebensgefährtin in unserer Haustür standen. „Isabelle wollte leider nicht mitkommen“, lächelte Jogi smart. „Sie hat dir offenbar immer noch nicht deine Heirat mit Miriam verziehen.“ „Damit muss ich wohl leben“, zuckte ich unschuldsvoll mit den Schultern. „Alles gut, wo steht der Grill und wo bekommen wir was zu trinken?“ Ultra verdrehte die Augen. „Jürgen!“ „Habt viel Spaß, wir sehen uns gleich“, beeilte ich mich, die nächsten Gäste hereinzubitten.

Im nächsten Moment verschlug es mir die Sprache, die lieben Schwiegereltern. Wer hat euch denn eingeladen, dachte ich, konnte mir aber gerade noch auf die Lippen beißen. „Oh wie schön, dass ihr es geschafft habt.“ „Weshalb hätten wir es nicht schaffen sollen?“, entgegnete Max, während er die Koffer vor der Tür stehen ließ und sich an mir vorbei ins Haus zwängte. „Offenbar könnt ihr länger bleiben.“ Ich mag es, von Miriam überrascht zu werden. „Lieb von dir, Leopold“, fiel der Blick der Schwiegermama auf das Gepäck. „Haben wir unser altes Zimmer?“ „Ich äh… denke schon.“

Es war mir eine besondere Freude, ihr Hab und Gut ins Obergeschoss zu wuchten. Wobei ich mich beim Schleppen der Koffer fragte, ob mein lieber Schwiegervater Bowlingkugeln darin beförderte. Komplett ausgepumpt ließ ich mich kurz darauf in einen der Gartenstühle plumpsen. „Was bist du denn für ein Gastgeber?“, schreckte mich meine Liebste bereits im nächsten Moment schon wieder auf. „Was, wieso?“ „Deine Gäste haben Hunger. Die Würste grillen sich nicht von allein, Schatz.“ Ich sah Miriam herausfordernd an. „Apropos Gäste, wann wolltest du mir eigentlich erzählen, dass du deine Eltern eingeladen hast?“ „Oh, habe ich das vergessen? Na ja, wenn du mich auch mit den ganzen Vorbereitungen allein lässt.“ Wer es versteht, die eigenen Fehler als Gewinn zu verkaufen, ist zu höherem berufen.

Immerhin schaffte ich es, Axel für den Grill, Trude für die Bar und Leonie fürs Bedienen zu begeistern und somit auch Miriam zufrieden zu stellen. Von dem zusätzlichen Urlaubstag, den ich meinen Mitarbeitern in Aussicht gestellt hatte, erzählte ich lieber nichts.

„Immerhin scheint dein Gemahl wenigstens die Arbeit delegieren zu können“, äußerte sich Max gegenüber Miriam so laut, dass ich es gut verstehen konnte. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken. „Keine Ahnung, wie er es macht, aber sein Personal frisst ihm aus der Hand“, wusste es Miriam gottlob nicht besser. „Steuert er denn inzwischen mit seiner Schießbude etwas zum Familieneinkommen bei?“, erkundigte sich Max nicht gerade wertschätzend. „Die Detektei läuft und ja, Leopold trägt seinen Teil bei. Darüber hinaus ist er ein guter Ehemann.“

Der Abend nahm doch noch einen guten Verlauf. Zumindest so lange, bis dunkle Gewitterwolken am Himmel aufzogen und von jetzt auf gleich ein Starkregen einsetzte. In Windeseile wurden das Büfett und der Grill unter die Überdachung geräumt. Ich sah mit bangem Blick auf meine Arbeit. „Leopold hat die Überdachung erst letzte Woche fertigbekommen“, betonte Miriam stolz. Im nächsten Moment hob eine heftige Windböe eine der Doppelstegplatten empor, riss sie wie Spielzeug aus der Verankerung und wehte sie quer durch den Garten, um letztlich an den Koniferen in Nachbars Garten hängen zu bleiben. 

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen allenthalben. Alle sahen sich irritiert an. Letztlich übernahm Trude das Kommando. „Los jetzt! Bevor das Büfett komplett absäuft, sollten wir es ins Haus tragen.“ Der Grill hingegen ertrank ebenso wie die Pfeife meines verehrten Schwiegervaters. War die kleine Jubiläumsfeier bis zu diesem Zeitpunkt eine Veranstaltung, die von abgedroschenem Smalltalk getragen wurde, entwickelte sich das Ganze nun zu einem heiteren Beisammensein.

Die Frauen verschwanden in der Küche, um vom Büfett zu retten, was sich retten ließ. Steaks und Würstchen schmeckten auch aus der Pfanne und die Teller passten notfalls auch auf die Knie. Dank des wetterfesten Sonnenschirms, unter dem der Musiker seine Anlage aufgebaut hatte, kam die Technik trocken ins Haus und im Wohnzimmer, wo er nun seine Klampfe anschmiss, brauchte er eh keinen Verstärker.

So wurde aus dem von mir ungeliebten Jubiläum ein Event von dem, dank des Reportagemachers, wochenlang in Wolfenbüttel gesprochen wurde. Familie, Freunde und Mitarbeiter hatten einen heiteren Abend, bei dem viel gelacht und sogar getanzt wurde. Das heißt, bis unvermittelt jemand in unserem Garten stand.

„Du, Leopold“, stupste mich Miriam irgendwann an. „In unserem Garten stehen fremde Leute. Hast du die eingeladen?“ Als ich genauer hinsah, konnte ich kaum glauben, wer da inzwischen auf unserer Terrasse stand. Ein Blick zur Uhr ließ mich den Grund für den Besuch erahnen. „Das sind neue Klienten, die um ihre vermisste Tochter bangen“, erklärte ich. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich erst nach vierundzwanzig Stunden aktiv werden kann. Offenbar sind die jetzt rum.“ Meine Liebste sah mich irritiert an. „Das kannst du doch nicht machen“, ereiferte sich Miriam. „Stell dir vor, es würde um unsere Tochter gehen.“ „Das Kind ist volljährig“, präzisierte ich, während ich die Tür zur Terrasse öffnete und mich nach draußen begab.

 „Auf unser Läuten öffnete niemand und dann hörten wir die Musik und sind einfach mal ums Haus gegangen“, rechtfertigte sich Frau Möller. „Ich habe dir gleich gesagt, dass wir das nicht machen können, Marita“, seufzte ihr Mann. „Entschuldigen Sie bitte die Störung“, wandte sich der besorgte Vater nun mir zu. „Komm Marita, wir suchen Herrn Lessing morgen früh wieder auf.“ „Wo Sie schon mal hier sind, können wir auch kurz in mein Büro gehen und die Formalitäten erledigen. Dann können meine Mitarbeiter und ich gleich in aller Frühe loslegen.“ Frau Möller ließ enttäuscht den Kopf sinken. „Ich dachte, Sie fangen sofort mit der Suche an.“ „Jetzt ist es aber gut!“, sprach Herr Möller ein Machtwort.

Eine gute Stunde später war der Ermittlungsauftrag unterschrieben und ich war über alle Einzelheiten bis zum Verschwinden der jungen Frau bestens informiert. Die Mutter der Vermissten hatte sogar an die von mir erbetene Liste mit den Kontaktdaten ihrer Freunde gedacht. „Wir haben Ihnen auch die Namen ihrer Lehrer aufgeschrieben“, erklärte Herr Möller. „Bitte finden Sie unser Mädchen.“

Nachdem ich die Eltern mit dem Versprechen, ihr Kind zu finden, verabschiedet hatte, kehrte ich mit einem nachdenklichen Gefühl zu meiner kleinen Feier zurück. Natürlich waren in der Zwischenzeit alle gegangen, also half ich Miriam dabei, das Haus und den Garten wieder aufzuräumen.

6

Nach einer kurzen Nacht, in der mir alle möglichen Gedanken zum Verbleib der jungen Frau und zur Anwesenheit meiner Schwiegereltern durch den Kopf gingen, verpieselte ich mich schon früh in das Büro meiner im Souterrain gelegenen Detektei und recherchierte im Internet bezüglich der Ostfalia und den angebotenen Studiengängen. Es war nicht das erste Mal, dass ich es mit der Fachhochschule am ‚Exer‘ zu tun hatte. Von daher kannte ich mich für einen Außenstehenden dort recht gut aus.

Ich wusste, dass es auf dem Gelände ein Wohnheim für die Studenten gab und das dort im Sommer auch die eine oder andere Party stattfand. Hier mussten wir mit unseren Ermittlungen ansetzen. Stefanies Eltern zufolge studierte sie dort Elektrotechnik. Sie hatten mir von einer gewissen Larissa erzählt, eine Mitstudentin, die inzwischen die beste Freundin ihrer Tochter geworden war. Bevor wir diese jedoch aufsuchten, musste ich mir das Zimmer der Vermissten ansehen. Oftmals lassen sich hier bereits erste Anhaltspunkte finden, die für unsere Ermittlungen von enormer Wichtigkeit sind.

Während ich mich in den Fall einarbeitete, jaulten vor dem Haus die Bremsen von Leonies altem Motorroller auf. Offenbar brauchte ihr Freund das Auto. Ein Umstand, der in letzter Zeit häufiger eintrat und meine Azubine nicht gerade frohlocken ließ. Quasi zeitgleich traf auch die Grande Lady ein. Trude war zwar in die Jahre gekommen, aber so unentbehrlich wie eh und je. Weil Sonntag war und die beiden trotzdem kamen, war ich in die Kaffeeküche geeilt, um ihre Lieblingsgetränke zuzubereiten. Für Leonie einen Latte-Macchiato und für Trude einen Kaffee.

„Was duftet hier denn schon so verführerisch“, hielt meine Putzsekretärin die Nase in den Wind. „Ich fürchte der Chef ist schon unten“, deutete Leonie auf die Tassen, die ich auf ihren Schreibtischen bereitgestellt hatte. „Na, das bedeutet sicher nichts Gutes“, unkte Trude griesgrämig dreinblickend. „Vielleicht wollte er uns zum Sonntag auch nur mal was Gutes tun?“, überlegte Leonie. „Nee, nee, glaub mir, da ist was im Busche. In all den Jahren, die ich hier beschäftigt bin, hat mir der Chef vielleicht zwei Mal einen Kaffee gekocht, und der hatte einen sehr bitteren Beigeschmack. Nee, nee, Nachtigall ik hör dir trapsen.“

Ich stand hinter der nur angelehnten Tür zu meinem Büro und hatte jedes Wort verstanden. War ich wirklich ein so entsetzlicher Chef? In meinem Hals bildete sich ein dicker Kloß, der sich einfach nicht hinunterschlucken ließ. Als meine Mädels in mein Büro stürmten, tat ich so, als hätte ich von alledem nichts mitbekommen und öffnete geräuschvoll die Tür. „Schnappt euch euren Kaffee und kommt zu mir ins Büro. Wir haben einen neuen Fall.“

„Guten Morgen Chef“, trippelte Trude als Erste in meine Denkerstube und setzte sich. „Moin“, tat es ihr Leonie nach. „Ist die Tochter von den Möllers immer noch nicht wieder aufgetaucht?“, erinnerte sich Trude an den Besuch unserer Klienten. „War ja echt ziemlich dreist, als die gestern Abend plötzlich in Ihrem Garten standen“, schüttelte Leonie den Kopf. „Bekomm du erst einmal eigene Kinder“, bremste ich meine Azubine. „Erst dann kannst du die Sorge der Möllers nachvollziehen.“ „Wir sind dran“, entgegnete sie vielsagend. Ich stutzte, ohne mir etwas anmerken zu lassen.

Sollte das kleine Luder am Ende doch schwanger sein? Zumindest würde dies ihren enormen Appetit erklären. „Wie auch immer, ich habe den Eltern versprochen, dass wir ihre Tochter finden.“ „Mir sagen Sie immer, man soll nichts versprechen“, beschwerte sich Leonie. „Das stimmt auch, aber es gibt Situationen, in denen man einfach nicht anders kann. Irgendwann wird es dir bestimmt ebenso ergehen.“

„Ehe Sie mich hier noch zu Tränen rühren, sollten Sie lieber die Aufgaben an uns verteilen“, meldete sich Trude mit ungewohnt weicher Stimme. „Das Prozedere dürfte ja bekannt sein“, kam ich auf den Punkt unseres kleinen Meetings. „Sie nehmen sich das Internet vor, Trude. Suchen Sie alles heraus, was Sie im Zusammenhang mit der Familie Möller und insbesondere zu Stefanie finden. Anstellungen, Lebensläufe, Schulbildung, Bekannte und Freunde sowie mögliche Vorstrafen. Ich will wissen, wer, wann, wo einen Strafzettel bekommen hat.“ Trude sah mich aus großen Augen fragend an. „Sie wissen schon…“

Womit ich mich meiner Azubine zuwandte. „Wir zwei gehen in den Außeneinsatz. Ich hoffe, du hast gut gefrühstückt, denn es wird ein langer Tag.“ Leonie stutzte. „Wohin fahren wir denn?“ „Sag du es mir“, erwiderte ich. „Zur Familie Möller?“, fragte sie zögerlich. „Treffer. Weshalb beginnen wir dort mit unseren Ermittlungen?“ „Weil wir so viel wie möglich über die Vermisste und ihre Eltern wissen müssen.“ „Genauso ist es“, bestätigte ich zufrieden mit dem Kopf nickend.

Kurz darauf befanden wir uns auf dem Weg nach Atzum, einem Ortsteil von Wolfenbüttel, der nicht mehr als einen Kilometer von der Ostfalia entfernt ist. „Wo genau müssen wir eigentlich hin, Chef?“ „Die Möllers wohnen am ‚Holzweg‘ 17“, las ich von dem kleinen Zettel ab, den ich mir eingesteckt hatte. „Wenn die mal mit ihrer Tochter nicht auch auf dem Holzweg sind“, tat Leonie kund. „Meine Güte, mit achtzehn war ich ständig auf Achse. Mitunter habe ich mich tagelang nicht bei meinen Eltern gemeldet.“ „Jetzt wird mir einiges klar“, schmunzelte ich. „Was wird Ihnen klar?“ Mir fielen die abgebrochenen Lehrstellen und das schlechte Verhältnis zu ihren Eltern ein. „Och, nichts.“

7

Wer meine Azubine kannte, wusste, dass sie dies den ganzen Tag lang beschäftigen würde. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht genau dies mit meiner Antwort bezweckt hatte. Selbstreflexion war ein wichtiger Bestandteil bei der Formung des Charakters und somit ein Teil ihrer Ausbildung.   

„Da ist die Nummer 17“, weckte ich sie aus ihren Gedanken. „Du übernimmst bitte den Schwerpunkt der Befragung“, instruierte ich sie. „Was ist denn heute los?“ „Es ist Zeit, dass ich dich aus deiner Komfortzone hole, damit du eigenverantwortlicher arbeitest. um schon bald in einem eigenen Fall zu ermitteln.“ Leonie sah mich erfreut an. „Ich darf allein in einem richtigen Mordfall ermitteln?“ „Ob es ein Verbrechen sein wird, stellt sich ja meistens erst während unserer Ermittlungen heraus, aber falls es sich ergeben sollte, wird es so sein.“ „Das ist echt krass, Chef“, freute sie sich. Ich sah zur Uhr. „Lass uns erst mal reingehen, wir wollen doch nicht verspäten.“

Wir hatten das Einfamilienhaus noch nicht erreicht, als uns wie von Geisterhand die Tür geöffnet wurde und uns Herr Möller seine Hand entgegenstreckte. „Guten Morgen, Herr Lessing“, begrüßte er mich. „Meine Assistentin, Frau Fischer“, stellte ich meine Begleitung vor. „Ich habe Sie zufällig vorfahren sehen“, begründete er seinen Empfang. „Ich gehe davon aus, dass Sie immer noch nichts von Ihrer Tochter gehört haben“, schlussfolgerte ich. „Nein, nichts“, seufzte er schwer. „Wie geht es Ihrer Frau? Ich hoffe, sie hat sich Inzwischen etwas beruhigt.“ „Leider nicht. Sie ist schon früh aus dem Haus. Um mit dem Rad die Feldwege nach Wolfenbüttel und in der Umgebung abzufahren. Meistens ist Stefanie von der ‚Ostfalia‘ kommend, durch den Waldgarten am ‚Exer‘ und über den ‚Holzweg‘ nach Hause gekommen“, erklärte Herr Möller.

„Dafür sind wir ab sofort zuständig“, erklärte ich. „Falls Ihre Frau bei ihrer Suche wichtige Spuren findet, könnte sie diese unabsichtlich vernichten“, gab Leonie zu bedenken. „Soll ich sie anrufen, damit sie nach Hause kommt?“, erkundigte er sich. „Besser wär´s, zumal wir auch noch einige Fragen an Ihre Frau haben“, erwiderte Leonie, nachdem ich ihr einen ermutigenden Blick zugeworfen hatte. Während Herr Möller mit seiner Frau telefonierte, bestärkte ich sie in ihrem Handeln.

„Sie ist in etwa zehn Minuten hier“, informierte uns der Hausherr. „Kann ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten?“ Ich dachte spontan an Leonies unbändigen Appetit und fürchtete das Schlimmste. Umso überraschter war ich, als sie Herrn Möller nach dem Zimmer seiner Tochter fragte. „Wir würden uns darin gern ein wenig umsehen“, schob sie die Erklärung nach. „Selbstverständlich.“

Die Tür zu Stefanies Reich war unverschlossen. Ich bemerkte, dass der Schlüssel von innen im Schloss steckte. Gegenseitiges Vertrauen schien also nicht das Problem zu sein. Mein forschender Blick offenbarte entweder eine ordnungsliebende junge Frau oder eine Mutter, die ihr ein aufgeräumtes und schönes Zuhause bieten wollte. Ein Blick in die Schreibtischschublade ließ letzteres vermuten, was wiederum ein Indiz für die mögliche Flucht aus der elterlichen Umklammerung sein konnte.

Das altbackene Mobiliar bestärkte den Eindruck. „Was meinst du?“, wandte ich mich Leonie zu, die inzwischen das Laptop der Vermissten aufgeklappt hatte. „Passwort geschützt“, entgegnete sie. „Das meine ich nicht“, entgegnete ich. „Ob ich mich hier wohlfühlen würde?“, erriet sie meine Gedanken. „Eher nicht“, bestätigte sie meinen Eindruck. „Ich vermisse hier vollkommen den Geschmack einer jungen Frau. Es sieht alles so furchtbar nett aus. Fast wie in einem Museum der frühen Neunziger.“ „Danke, besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.“

„Schau mal unter dem Laptop nach. Vielleicht findest du das Passwort dort“, gab ich eine meiner Erfahrungen weiter. „Nee, so einfach wars dann doch nicht“, tat Leonie einen Blick später kund. Ich hatte mittlerweile unter der Matratze nachgesehen. „Wir müssen das Laptop mitnehmen. In der Detektei habe ich ein Entschlüsselungsprogramm.“

„Ich hab’s“, lenkte ich die Aufmerksamkeit meiner Azubine auf ein Versteck, welches ich über dem Rahmen einer Verbindungstür zum Schlafzimmer fand. Das dünne Holzbrett zwischen Rahmen und Decke ließ sich zur Seite schieben. Dahinter fand ich einen nummerierten Schlüssel, wie er zu einem Spind passte und ein Kuvert mit über eintausend Euro. Leonie und ich sahen uns fragend an.

„Da stimmt doch was nicht“, sprach meine Azubine aus, was ich dachte. „Woher hat eine Studentin so viel Geld?“ „Ja, das ist eine Summe, die stutzig macht, aber uns zu keiner Fehlinterpretation verleiten sollte“, bremste ich ihre Folgerung. „Wir sollten die Eltern fragen. Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung dafür.“ „Na, da bin ich aber gespannt.“ „Hier ist übrigens noch ein Foto“, stieß ich eher zufällig darauf, als ich mir das Brett über dem Rahmen genauer ansah. „Ein junger Mann. Auf der Rückseite steht der Name Daniel. Gibt den doch mal in das Laptop ein“, schlug ich vor. Als ich mir das Foto genauer ansah, kam mir der junge Mann darauf irgendwoher bekannt vor.

Nachdem Leonie sämtliche Varianten des Namens eingegeben hatte, war klar, dass es sich nicht um das Passwort handelte. Dafür tat sich nun die Frage nach einer Person mit diesem Namen auf. Hatte Stefanie das Geld von ihm erhalten? Anstatt Antworten warf die Durchsuchung des Zimmers immer neue Fragen auf. Wer war der Mann auf dem Foto, wer war die Vermisste? Ich hoffte, dass uns ihre Eltern die Erklärungen dafür geben konnten.

„Wir wollten gerade wieder nach unten kommen“, überraschte ich Herrn Möller auf der Treppe nach oben. „Das passt, die Cappuccinos sind fertig und meine Frau ist auch schon da.“ Wir folgten ihm in die Küche. „Sie zieht sich nur rasch um“, erklärte er. „Was haben Sie denn da?“, erkundigte er sich, als er den Umschlag in Leonies Hand entdeckte. „Ich denke, wir sollten auf Ihre Frau warten“, schlug sie vor.

„Entschuldigen Sie, dass ich nicht wie vereinbart zu Hause war, aber ich konnte einfach nicht tatenlos hier herumsitzen.“ „Geschenkt“, reagierte Leonie ihrer Jugend geschuldet etwas unüberlegt. „Ich meinte, das kann ich nachvollziehen.“ „Ach so“, nickte die Klientin. Leonie rief auf ihrem Handy den Ort Atzum, das Haus unserer Klienten und schließlich den Holzweg auf. „Zeigen Sie mir doch bitte auf der Karte, auf welchem Weg Ihre Tochter gewöhnlich von der Ostfalia nach Hause kam.“ „Der Holzweg ist der schnellste und sicherste Weg. Wenn sie zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs war, nahm sie den eigentlich immer.“ „Und den sind Sie auch gerade abgefahren“, vergewisserte sich meine Azubine. Frau Möller nickte schnaufend. „Ich habe auch den ganzen Waldgarten am ‚Exer‘ abgesucht. Nichts!“

„Kennen Sie diesen Mann?“, hielt ihr Leonie das Foto entgegen. Die Klientin schüttelte den Kopf. „Du?“, fragte sie an ihren Mann gewandt. „Nein, nie gesehen.“ „Auf der Rückseite steht der Name Daniel“, fügte ich an. „Nie gehört. Wer soll das sein?“ „Möglicherweise ein Freund Ihrer Tochter“, ließ Leonie die Eltern aufhorchen. „Na ja, sie hatte mal einen Freund, aber das ist mindestens ein Jahr her und der sah anders aus und hieß Max. Aber das war noch nichts Richtiges, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Da, wo wir das Foto fanden, lag auch dieses Kuvert“, lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf das Geld. „Wir haben es gezählt, es sind 1250 Euro“, verdutzte ich sie. „Können Sie uns erklären, woher das Geld stammt? Sparte ihre Tochter vielleicht für einen Führerschein oder auf ein Auto?“ Wieder sahen sich die Eltern verblüfft an. „Stefanie hat ein Sparbuch, auf dem sie spart, aber so viel Geld ist da noch nicht drauf und weshalb sie es abgehoben haben sollte, können wir uns auch nicht erklären.“ Herr Möller sah seine Frau fragend an. „Oder weißt du mehr als ich?“   

Unsere Klientin reagierte nicht. Sie hatte den Kopf gesenkt und grübelte. „Marita?“, legte ihr Mann seine Hand auf die ihre. „Stefanie hatte sich in letzter Zeit verändert“, sinnierte sie. „Wie drückte sich diese Veränderung aus“, hakte Leonie nach. „Ich meine, sie war verliebt. Sie erschien mir plötzlich so …erwachsen zu sein. „Na ja, sie ist volljährig“, erinnerte sie ihr Mann. „Ich war froh, dass sie sich endlich etwas abzunabeln begann.“ „Das war es nicht“, widersprach Frau Möller.

„Das Laptop müssen wir mitnehmen“, erklärte ich. „Was ist mit diesem Schlüssel?“, erkundigte ich mich. „Könnte der zu einem Spind in der Ostfalia gehören?“ Wieder sahen sich die Eltern fragend an. Herr Möller zuckte mit den Achseln. „Ich nehme an, dass die Studenten dort einen Schrank haben. Demnach wird er wohl dafür sein.“

„Ihr Mann erzählte uns vorhin, dass sie die Strecke bis zum ‚Exer‘ mit dem Fahrrad abgefahren sind.“ „Ja, aber da war nichts.“ „Heute ist Sonntag, daher wird im Studentenwohnheim keiner der Studenten anzutreffen sein. Hinzu kommt, dass die Ostfalia geschlossen ist.“ „Ja aber, wollen Sie denn jetzt gar nichts machen?“, erregte sich Frau Möller. „Doch“, beruhigte ich sie. „Wir sollten zuallererst einen Unfall ausschließen, in dem wir den möglichen Heimweg Ihrer Tochter noch einmal genau unter die Lupe nehmen“, erklärte ich, ohne eine andere Möglichkeit zu erwähnen. Es ging mir auch darum, eventuell vorhandene Spuren einer Gewalttat zu sichern. „Wenn es ihnen recht ist, ziehe ich ein Man-Trailer-Team hinzu.“ Leonie starrte mich mit großen Augen fragend an. „Das ist ein speziell ausgebildeter Hund mit Hundeführer“, erklärte ich den Möllers. „Bitte tun Sie, was nötig ist.“

8

Zur Überraschung meiner Auftraggeber fuhr Axel eine halbe Stunde später samt Dogge Bea vor dem Haus am Holzweg vor. „Das hätte ich mir ja denken können“, rieb sich Leonie die Augen. „Ich wusste gar nicht, dass Bea noch so gut drauf ist. Die muss doch längst in Rente sein“, gab meine Assistentin zu bedenken „Ihr Einsatz in Apelnstedt ist noch nicht lange her und war von Erfolg gekrönt“, hielt ich dagegen.

Nachdem uns Frau Möller ein von ihrer Tochter getragenes Kleidungsstück in einem Plastikbeutel übergeben hatte, fuhren wir mit Bea zum ‚Exer‘, wo wir an der Städtischen Pflege-Berufsschule die Wagen zurückließen. Am Volleyballplatz ließ Axel sie schließlich an der Geruchsprobe schnuppern. Im nächsten Moment war die Dogge kaum mehr zu halten. Sie zog ihn über die von Bäumen gesäumte Straße, die sich nach links krümmte, direkt auf den vor einigen Jahren angelegten Waldgarten. Dann zog sie nach links auf einen schmalen Trampelpfad, der nach rechts von der Straße abging.

Bea folgte dem Weg unbeirrt weiter, bis zu einem Graben, der parallel neben einem Feldweg verlief. „Die Straße teilt sich ein Stück weiter, noch vor dem Hundeplatz“, erklärte Frau Möller. „Der Hund zieht eindeutig in diese Richtung“, bemerkte Axel. „Ich muss der Spur exakt folgen, sonst verliert sie die Fährte.“ „Dann teilen wir uns hier besser auf“, empfahl ich. „Du Leonie, folgst zusammen mit den Klienten der Straße. Wir wissen letztlich nicht, ob Stefanie mit einem Fahrrad unterwegs war. Falls dies der Fall ist, muss sie auf dem Weg geblieben sein.“ „Abgesehen davon könnte diese Spur auch schon älter sein“, gab Axel zu bedenken. „Wir überqueren hier den Graben und folgen der Spur.“ „Wir nehmen uns inzwischen auch das Wäldchen vor. Falls wir etwas finden, rufe ich Sie an, Chef“, bekundete Leonie. „Dito.“   

An Aufgaben wie dieser sieht man, wie alt man geworden ist. Axel hatte ganz schön zu kämpfen, um über den fast leeren Entwässerungsgraben zu kommen. Trotz meiner Hilfe, die mit einem nassen Fuß endete. Bea juckte das Ganze am wenigsten. Es hatte fast den Anschein, als genoss sie es, uns dabei zuzusehen, wie wir uns einen abbrachen. Nun denn, irgendwann waren wir mehr oder weniger unbeschadet auf dem Feldweg angekommen.

Da Bea sofort weiterzog und Axel ihr folgte, verwarf ich mein Vorhaben, den nassen Strumpf auszuwringen. Die Hündin zog, als gäbe es kein Morgen mehr, bis wir, etwa auf halber Strecke nach Atzum, zu einem Abzweig kamen. „Was ist los?“, fragte ich meinen Freund. „Ich habe das Gefühl, Bea weiß nicht, welchen Weg sie nehmen soll.“ „Hat sie die Fährte verloren?“ „Nein, das ist es nicht. Das Mädchen hat beide Wege genommen.“

„Das kann ja nur bedeuten, dass sie zunächst den Weg nahm und ihn dann wieder zurückging, um dem Weg nach Atzum zu folgen“, kombinierte ich. „Sieht ganz so aus“, pflichtete mir Axel bei. „Wohin geht es denn da?“ Ich kramte mein Handy heraus und rief Leonie an, um ihr die Situation zu schildern. „Der Weg führt zum Atzumer Teich und zum Brennplatz, wo jedes Jahr das Osterfeuer stattfindet“, gab ich die Beschreibung der Möllers wieder. „Okay, wir gehen jetzt zum Teich. Ich melde mich wieder.“

Gleichzeitig formte sich ein schrecklicher Gedanke in meinem Kopf. Ich weiß nicht, ob es Axel ähnlich ging. Zumindest liefen wir, bis wir den Teich erreichten, schweigend nebeneinanderher. Östlich vom Weg lag der erwähnte Brennplatz, westlich der Teich, versteckt hinter einigen Bäumen und dichtem Buschwerk.

„Sie zieht immer noch weiter“, rief mir Axel zu. Er war inzwischen ein gutes Stück weiter gegangen, ohne zu sehen, was ich gerade sah, als ich über den Teich bis ans westliche Ufer blickte. „Da hinten steht eine Hütte!“, rief ich Axel nach, während ich ihm bis an das offenbare Ende des Weges folgte. Zu unser beider Überraschung bog der Weg in einem scharfen Linksbogen ab und führte an der Nordseite des Teichs weiter. Fast am Ende, von hohen Bäumen und dichten Büschen verborgen, befand sich eine Hütte mit Bootsanleger.

„Das Mädchen muss hier gewesen sein“, war sich Axel sicher. Die dünnen Reifenspuren, die von Fahrrädern in den sandigen Boden des Weges gepresst wurden, bestätigten seine Folgerung. „Vielleicht ist sie es noch“, flüsterte ich ihm zu, während ich an ihm vorbei auf die Hütte zu schlich. „Warte hier, ich sehe nach.“ „Pass auf dich auf, Leo.“

Mit dem nächsten Atemzug erreichte ich die Tür. Lautlos drückte ich die Klinke herunter. Sie war verschlossen. Die Frage war, ob von außen oder von innen. Ich legte das Ohr gegen die Tür und lauschte. Nichts! Vorsichtig, auf jeden meiner Schritte bedacht, umrundete ich die Hütte. Endlich ein Fenster. Ich riskierte einen Blick durch die stark verschmutzten Scheiben und sah…, nichts als Dunkelheit. Ein weiteres Fenster auf der Seite zum Teich bot nur wenig mehr Einblick. Dennoch war ich mir sicher, dass die Hütte verlassen war.

„Ihr könnt kommen!“, rief ich Bea und Axel zu. Gleichzeitig suchte ich an der Tür nach einem Versteck, in dem möglicherweise der Schlüssel deponiert wurde. Unter einem Stein wurde ich letztlich fündig. „Nicht gerade einfallsreich“, sah mir Axel dabei zu, wie ich den Schlüssel zu Tage förderte. „Mir solls recht sein“, lächelte ich ihm zu. Nach allem, was ich bereits als Ermittler erlebt hatte, hoffte ich dennoch darauf, dass ich das Mädchen unversehrt finden würde.

Stefanie fanden wir nicht, dafür ein Liebesnest mit etlichen angebrannten Kerzen, die überall im Raum verteilt waren. Die sonst eher einfach eingerichtete Hütte verbarg hinter einer doppelten Schiebetür ein süßes Geheimnis. Ein solches Alkoven hatte ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Gut getarnt, versteckt vor dem Rest der Welt, ließ es sich in diesem Nischenbett sicherlich nicht nur gut schlafen.

„Hast du so was schon mal gesehen?“, fragte ich Axel, der einigermaßen verblüfft neben mir stand. „Lang, lang ist´s her“, schmunzelte er. „Glaubst du, dass sich das Mädel hier zu einem Stelldichein traf?“ Das Wort passte irgendwie zu dem alten Bett. „Gut möglich“, sinnierte ich. „Allerdings stellt sich für mich die Frage, weshalb hier und nicht daheim? Sie ist immerhin volljährig.“ „Du kennst die Eltern besser als ich“, entgegnete mein Freund. „Aber die Mutter schätze ich eher konservativ ein.“

Plötzlich kratzte Bea an einem alten Teppich, auf dem ein Tisch und zwei Stühle gruppiert waren. „Was hat sie denn?“, wurde ich aufmerksam. „Sie scheint irgendetwas zu wittern“, folgerte Axel. „Fass mal mit an“, forderte ich ihn auf, den Tisch mit mir zur Seite zu heben. Unter dem Teppich wurden mehrere Flecke in verschiedenen Größen sichtbar. Ich rieb den Finger daran. „Blut?“ „Die Flecke sind trocken“, stellte ich fest und roch an meinem Finger. „Es könnte Blut sein.“

Im Licht der Handyleuchte wurden bei genauerem Hinsehen im Abstand von etwa einem Meter, unmittelbar vor dem Fenster zum Teich, einige Kratzer im Dielenfußboden sichtbar. Ich nahm mir den ersten der beiden Stühle und setzte ihn dort ab, wo die Schrammen am intensivsten waren. Das Gleiche tat ich mit dem zweiten Stuhl. Dann folgte der Teppich, den ich zwischen die Stühle legte und zuletzt den Tisch.

„Kein Zweifel, Tisch und Stühle standen vor dem Fenster“, bemerkte Axel. „Wer auch immer hier umräumte, wollte nicht, dass die Flecke gesehen werden.“ Axel zog Beas Leine kürzer. „Was um Himmels Willen ist hier geschehen?“ „Wir werden es herausfinden“, entgegnete ich zuversichtlich, während ich Leonies Handynummer aufrief, um sie allein zur Hütte zu ordern.

„Komm aber bitte ohne die Eltern in die Hütte.“ Im selben Moment erblickte ich Herrn Möller in der offenstehenden Tür. „Was ist das hier?“ „Kennen Sie die Hütte nicht?“, sah ich ihn verwundert an. Immerhin war er ein gebürtiger Atzumer. „Doch natürlich, aber ich wusste nicht, dass sie wieder instandgesetzt wurde und offenbar genutzt wird.“ „Noch ist nicht klar, wann ihre Tochter zuletzt hier war, aber dass sie hier war, steht außer Frage“, erklärte ich. „Der Fährtenhund hat die Spur bis in die Hütte verfolgt, das steht fest.“ „Ja, aber was wollte sie denn hier?“

„Es ist besser, Sie warten draußen. Ich möchte nicht, dass mögliche Spuren kontaminiert werden“, schob ich den kräftigen Mann behutsam zur Tür. „Was für Spuren?“ „Das wissen wir noch nicht. Ich darf sie bitten?“ Nachdem sich auch Axel und Bea zu den Eltern gesellt hatten, ließ ich mir von Leonie mehrere Beweismittelsicherungstüten geben und kratze vorsichtig etwas von den vermeintlichen Blutflecken ab.

Leonie stand derweil vor dem Alkoven und staunte. „So was habe ich auch noch nicht gesehen.“ „Nicht gucken, sichern heißt die Devise.“ „Igitt, das mache ich nicht!“ Immerhin hatte sie kapiert, was ich von ihr wollte. „Wenn du glaubst, dass die Sicherung von Spermaresten nicht ins Berufsbild passt, muss ich dich enttäuschen.“ „Ja aber, das ist doch ekelig.“ „Was glaubst du wohl, wovon du schwanger geworden bist?“ Leonie verdrehte die Augen. „Verdammt noch mal, Chef, ich bin nicht schwanger!“, reagierte sie immer dünnhäutiger.

„So wie es aussieht, traf sich unsere Tochter hier offensichtlich mit einem Kerl“, empfing uns Frau Möller kurz darauf vor der Hütte. „Bislang wissen wir gar nichts“, entgegnete ich. „Wenn es in Ihrem Sinne ist, werde ich die gesicherten Spuren in einem Labor auswerten lassen.“ „Bitte veranlassen Sie alles, was nötig ist, Herr Lessing“, bevollmächtigte sie mich.

Angelockt durch unser Gespräch kehrte nun auch Herr Möller vom Teich kommend zu uns zurück. „Ich verstehe unsere Tochter nicht. Weshalb traf sie sich hier und nicht bei uns zu Hause mit einem Mann?“ „Sorry, aber wenn ich wüsste, dass meine Eltern alles hören, hätte ich mich auch außerhalb verabredet“, nahm Leonie die Vermisste in Schutz. „Ach was, wo ein Wille, da ein Weg!“, blockte Frau Möller ab.

„Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir nachhause gehen, Marita“, schlug Herr Möller vor. „Vielleicht ist sie ja längst wieder da.“ „Wo nimmst du nur deine Zuversicht her?“ „Ihr Mann hat recht, hier können sie ohnehin nichts mehr tun.“

Da die Eltern der Vermissten eher wenig über die letzten Monate im Leben ihrer Tochter wussten, mussten wir selbst mehr zu ihrem sozialen Umfeld herausfinden. Letztlich war es nur der Name ihrer besten Freundin, mit der sie uns weiterhelfen konnten. Genau wie Stefanie studierte Larissa Maurer Elektrotechnik. Vielleicht konnte sie uns mehr zum Verbleib ihrer Freundin sagen.

Nachdem wir alle relevanten Spuren gesichert und einige Fotos gemacht hatten, hinterließen wir die Hütte so, wie wir sie vorgefunden hatten. Letztlich verschloss ich die Tür und legte den Schlüssel unter den Stein. Niemand sollte wissen, dass wir in der Zwischenzeit hier gewesen waren.

Detektei Lessing

Band 59

schrecklich schöne Ausssicht

1

„Hast du mal in den Spiegel geschaut?“, erkundigte sich meine Liebste. Mir blieb das Stück Brötchen im Halse stecken. „Ich sehe jeden Morgen in den Spiegel“, entgegnete ich, nachdem ich wieder Luft bekam. „Wenn du den im Bad meinst, kannst du nicht wissen, was ich meine. Der zeigt nur den Bereich über deiner Brust an und der ist deinem Alter entsprechend noch recht passabel.“ Ich wusste nicht so recht, ob ich ihre Feststellung als Kompliment oder als Fingerzeig deuten sollte.

„Was ich meine, ist dein Waschbärbauch, den du ja in diesem Spiegel nicht sehen kannst.“ „Bitte?“ „Lauter schlechte Fette, die, gerade bei Männern, zu Schlaganfall und Infarkten führen.“ Ich legte den Rest vom Brötchen zur Seite, rutschte vom Hocker und sah an mir herab. „Das ist deine Schuld“, rechtfertigte ich mich. „Du kochst zu gut und dann ist da noch etwas, was in letzter Zeit zu kurz kam.“ Ich sah in ein Fragezeichen.

„Ein guter Hahn wird selten fett“, schob ich meine Erklärung nach. Miriam prustete vor Lachen. „Kann es sein, dass du dich da gerade etwas überschätzt?“ Ich zog den Bauch ein, schob die Brust vor und lächelte sie smart an. „Nee!“ Zur Bekräftigung deutete ich mit geschwellter Brust und erhobenen Kopf auf unsere Tochter. „Um beim Hahn zu bleiben“, griff sie meine Worte auf. „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Da sich Ramona nun zu uns gesellte, wechselten wir das Thema. So dachte ich zumindest, bis meine Liebste unsere Tochter in hinterhältigster Weise in ihre Intrige einspannte. „Der Papa fährt jetzt öfter mit uns Fahrrad“, ließ sie die Katze aus dem Sack. Okay, Miriam ist Staatsanwältin und als solche versteht sie es schon von Berufswegen sehr gut, sich die Angeklagten so zurecht zu legen, dass sie ihr blindlinks in die Falle taumeln, aber dass sie mir nicht klipp und klar sagte, was sie eigentlich wollte, nahm ich ihr übel.

Ramona sah mich mitleidig an. „Papa, bist du dir sicher, dass du dich auf einem Fahrrad halten kannst?“ „Du kannst mir ja deine Stützräder ausleihen“, lächelte ich verschmitzt. Meine Kleine hielt sich theatralisch die Hand an die Stirn. Womit sie Miriam immer ähnlicher wurde. „Weißt du denn nicht, dass Mama die schon längst verschenkt hat?“ Ein ungutes Gefühl keimte in mir auf.

Als guter Papa hätte ich das wohl wissen sollen. Auch wenn es in den vergangenen Monaten in meiner Detektei recht turbulent zuging, rechtfertigt dies nicht alles. Auch wenn mir die Art und Weise missfiel, in der mich Miriam zum Fahrradfahren nötigte, in der Sache, so musste ich mir objektiv eingestehen, hatte sie recht. Meine Kondition war längst nicht mehr so, wie sie sein sollte und einen Waschbärbauch hatte ich zugegeben auch.

„Ach Schatz“, sah mir meine Liebste meine innere Zerrissenheit an. „Wenn du aus der Übung bist, ist das gar kein Problem. Du kaufst dir einfach ein Pedelec, damit du mit uns Schritthalten kannst.“ Damit hatte sie mich an den … an der Ehre gepackt. „Na, so weit kommt´s noch!“, entgegnete ich mich um Kopf und Kragen redend. „So weit ist es noch lange nicht. Ich bin doch keine Lusche.“ „Schade, Ramona und ich haben auch eins. Aber wenn du meinst, dass es auch ohne Unterstützung geht…“

Früher kam man auch mit einem normalen Rad ans Ziel, überlegte ich. Da hatte man nicht mal eine Gangschaltung. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich bei Wind und Wetter mit meinem Drahtesel etliche Kilometer am Stück zurücklegte. Weshalb sollte dies heute nicht mehr möglich sein? Davon abgesehen waren Elektrofahrräder sündhaft teuer. Nein, für mich stand fest, dass ich auch ohne diesen Schnickschnack klarkam.

„Wenn ich mich quasi auf einer Sänfte durch die Gegend chauffieren lassen soll, kann ich mir das Ganze auch sparen. Kondition und Fitness gibt es nicht umsonst“, argumentierte ich. „Und meinen Bauchansatz bekomme ich ohne Hilfsmotor viel schneller weg.“ „Na, wenn du meinst…“, zuckte Miriam mit den Achseln, während sie Ramona den Kitarucksack auf den Rücken schnallte. Unsere Tochter kicherte leise vor sich hin. „Ich werde es euch schon beweisen“, setzte ich die Messlatte meiner Erwartungen viel zu hoch.

„Tschüss Papa“, verabschiedete sich Ramona wie gewohnt mit dem obligatorischen Nasereiben von mir. „Hab einen schönen Tag.“ „Denk dran, du holst sie heute ab“, erinnerte mich Miriam. „Das weiß ich doch.“ Nun gabs noch einen Kuss von meiner Liebsten und ich blieb allein mit den Resten des Frühstücks zurück. „Ich hab euch lieb!“, rief ich ihnen nach und widmete mich dem Geschirr. Als emanzipierter Mann von Welt ist es natürlich eine Selbstverständlichkeit für mich, Miriam bei der Hausarbeit zu unterstützen.

Ein neuer Wochentag ist ein neuer Arbeitstag, was bedeutet, dass ich nach getaner Arbeit in die im Souterrain gelegene Detektei wechselte. Als ich die Treppe hinunterging, dachte ich an die Jahre zurück, in denen ich als Hauptkommissar bei der Braunschweiger Kripo arbeitete.

„Guten Morgen, Chef“, empfing mich Trude in der Anmeldung. „Guten Morgen, Frau Berlitz“, nickte ich meiner Putzsekretärin freundlich lächelnd zu. „Schön, Sie zu sehen.“ Ach, was ging es mir doch gut, freute ich mich des Lebens. „Wir haben Post von der Secura. Die fordern eine Menge Geld von Ihnen.“ Plopp! Die rosa Wolke, auf der ich gerade noch in die Detektei schwebte, zerplatzte wie eine Luftblase und ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen.

„Wie kann das sein? Ist Ihnen bei der Abrechnung möglicherweise ein Fehler unterlaufen?“, hakte ich voller Sorge nach. „Eigentlich nicht, Chef.“ Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. „Vielleicht sollte ich alles noch mal durchrechnen“, bemerkte sie offenbar, wie sich mein Hahnenkamp aufstellte. Womit wir wieder beim Thema waren. „Das sollten Sie wohl besser tun.“ Trude nickte beflissentlich. „Wo ist Leonie eigentlich?“ Meine Putzsekretärin zuckte mit den Achseln.

Bevor der Tag endgültig im Eimer war, weil ich etwas Unüberlegtes von mir gab, verschwand ich in meinem Büro. Ausgerechnet jetzt passte mir eine unvorhergesehene Zahlung überhaupt nicht ins Budget. Strenggenommen passte es auch sonst nicht, denn momentan war die Auftragslage mal wieder bescheiden. Zusätzliche Freizeitaktivitäten scheiterten also nicht an zu viel Arbeit.

2

„Bitte deck schon mal die Tafel auf der Terrasse ein, Silvio. Bei dem Wetter wird nachher sicherlich einiges los sein.“ „Alle?“ „Der Anmeldung nach müssten zehn Tische reichen. Falls es dann doch mehr werden sollten, können wir immer noch dazustellen. “ „Geht klar, Chefin.“

Im Restaurant ‚Schöne Aussicht‘ herrschte an diesem Samstagvormittag, wie so oft, geschäftiges Treiben. Eine Geburtstagsgesellschaft, die aus mehreren Mitgliedern des angrenzenden Golfclubs und dessen Angehörigen und Freunden bestand, wurde erwartet. Trotz Stress herrschte zwischen dem Personal ein lockerer Umgangston. Die Leiterin des Restaurants galt als kompetent und sie war bei den Serviceangestellten beliebt.

Bevor Richard Coslowski, genannt Rico, hinter der Bar verschwand, half er Silvio dabei, die Tische zu einer Tafel aufzubauen. Nach getaner Arbeit klatschten sich die Männer ab. Silvio Stanza, der der Liebe wegen von Tirol nach Wolfenbüttel kam, holte sich die benötigte Tischwäsche und begann diese auf der Tafel auszubreiten, als er zwischen einigen Bäumen hindurch am Ende der 18. Bahn einen Golfer sah, der merkwürdig schwankte. Er konnte nicht sehen, wer dort spielte, aber um diese Zeit gab es nur wenige, die in Frage kamen. Als er weiterspielte, ging er weiter seiner Arbeit nach.

Gerade als er die Terrasse wieder verlassen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie die Person plötzlich umkippte. Silvio sah nun genauer hin, hoffte darauf, dass der Spieler nur gestolpert war und jeden Moment wieder aufstehen würde, doch wer immer es war, er blieb liegen. Der Tiroler starrte gebannt zur Baumgruppe, vor der er die Person zuletzt gesehen hatte. Das abschüssige und hügelige Gelände verhinderte, dass er ihn auf dem Boden liegen sehen konnte. Im selben Moment fasste er den Entschluss, der Person zur Hilfe zu eilen.

„Marina!“, rief er nach seiner Chefin, während er in die Küche stürmte. Die Restaurantleiterin und Lucas Stern waren mit Vorbereitungen beschäftigt. „Am Ende der 18. Bahn, direkt an der Baumreihe, ist gerade jemand zusammengebrochen.“ Silvio griff nach dem Erste-Hilfe-Kasten. „Nimm dein Handy mit“, erinnerte ihn Marina Hefter. „…und melde dich, falls du uns brauchst.“

Rico sah seinem Kollegen irritiert nach, als er ihm mit einer Getränkekiste in der Hand entgegenkam. „Was ist denn los?“ Am liebsten wäre Silvio stehen geblieben und hätte Rico alles erklärt, um nicht allein über den Golfplatz laufen zu müssen, doch er spürte, dass es um jede Sekunde ging. Also lief er weiter, nach links, über den kleinen Parkplatz vor dem Restaurant und weiter um das Gebäude herum.

Um keine Zeit zu verlieren, lief er zwischen den Bäumen hindurch, an einem Sandbunker vorbei, auf das gepflegte Grün der 18. Bahn. Immer wieder hielt er Ausschau nach dem Gestürzten, doch zwischen ihm und der Stelle, an der er ihn aus den Augen verlor, befand sich ein Hügel, der ihm nach wie vor die Sicht versperrte.

Endlich entdeckte er etwas am Boden liegend. Kein Zweifel, das musste die Person sein, die er stürzen sah. Silvio erinnerte sich an die beige Sommerjacke und den blauen Golf-Trolley, den die Person hinter sich herzog. Er wurde langsamer, sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er fragte sich, was ihn erwarten würde und er spürte, wie eine gewisse Unsicherheit in ihm aufkam. Der ‚Erste-Hilfe-Kurs‘ den er wegen des Führerscheins machen musste, lag bereits ein paar Jahre zurück.

Silvio erreichte den wie leblos daliegenden Körper eines Mannes. Die Person lag auf dem Bauch, sein Gesicht von ihm abgewandt. Silvio sprach ihn an, kniete sich neben den Mann. Er legte seine Hand auf dessen Rücken und er rüttelte ihn. Er sprach weiterhin mit ihm, stellte Fragen, auf die er keine Antwort erhielt und drehte ihn schließlich auf den Rücken. „Herr Ottesen“, erkannte Silvio in dem Mann einen der Clubmitglieder, die auf der Liste der Geburtstagsgäste vermerkt waren. Als er in die starren Augen des Mannes sah, schrak er zurück.

Eigentlich wusste er von diesem Moment an, dass der Mann tot war und doch funktionierte er nun wie ein Schweizer Uhrwerk. Als erstes rief er bei seiner Chefin an, schilderte, was er sah, und bat um ihre Unterstützung, dann überprüfte er die Atmung des vor ihm liegenden Mannes. Nachdem er weder Puls noch Atemaktivität feststellen konnte, drückte er seinen rechten Handballen in schneller Folge auf die Brust des vermeintlich Toten und drückte diese etwa dreißig Mal in schneller Folge etwa sechs Zentimeter ein. Genauso, wie er es gelernt hatte. Danach überdehnte er seinen Kopf nach hinten und gab ihm eine Atemspende.

Genau das wiederholte er, bis ihm schwindelig wurde und er für einen Moment absetzen musste. Er wollte gerade wieder mit den lebenserhaltenden Maßnahmen weitermachen, als er einen Mann und seinen Kollegen auf ihn zulaufen sah.

„Ich bin Doktor Hingsen!“, rief er ihm zu. „Machen Sie weiter!“ Und obwohl Silvio eigentlich am Ende seiner Kräfte war, setzte er die Herzdruckmassage fort. Während der Arzt seinen Koffer öffnete und eine Spritze aufzog, kniete sich Roco auf die andere Seite des Golfers und löste Silvio ab. „Marina hat den Notruf gewählt“, informierte Roco. „Stayin alive, stayin alive“, sang er, während er das Herz des Opfers animierte. „Das machen Sie wirklich gut“, lobte der Arzt, während er die Spritze setzte.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe der aus Wolfenbüttel kommende Rettungshubschrauber Christoph 30 auf der Bahn 18 landete. Trotz des wiederholten Einsatzes eines Defibrillators konnte der Notarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen. Da sich die Ärzte einig waren, stellte Doktor Hingsen an Ort und Stelle den Totenschein aus und wenig später holte ein Bestattungsinstitut den Leichnam ab.

Doktor Knut Hingsen sowie Silvio Stanza und Richard Coslowski wurden durch die bei solchen Anlässen hinzugerufenen Polizisten routinemäßig im Restaurant befragt. Die Gäste der geplanten Geburtstagsfeier zogen es nach ihrem Eintreffen aus nachvollziehbaren Gründen vor, wieder zu gehen. Der Tod des Unternehmers Markus Ottesen sorgte in den folgenden Tagen im Golfclub für allerhand Gesprächsstoff. Wie in solchen Fällen schon fast üblich, machten allerlei Spekulationen und die verrücktesten Verschwörungstheorien die Runde.

Nicht selten beruhen solche Hypothesen auf einem wahren Kern, den irgendjemand irgendwo zu irgendeiner Zeit aufschnappte und nun unter das gemeine Volk brachte. Im Grunde gab es keinen Zweifel an dem Herztod des Wolfenbütteler Unternehmers. Eine Obduktion wurde weder von behördlicher noch von privater Seite gewünscht, und so wurde der Leichnam von Markus Ottesen bereits vier Tage nach seinem Tod verbrannt und kurz darauf auf dem Wolfenbütteler Hauptfriedhof an der ‚Lindener Straße‘ unter großer Anteilnahme beigesetzt.

3

Auch zwei Monate nach meinem durch Miriam forcierten Bekenntnis zum Radsport und einer inzwischen zurückgelegten Fahrtstrecke von mindestens tausend Kilometern, hatte sich mein Bauchansatz immer noch nicht zurückgebildet. Die Qualen, die ich dabei, vor allem bergauf, erleiden musste, hatte meinen Neid auf alle Pedelec-Fahrer ins Unermessliche gesteigert. Aber das konnte und wollte ich natürlich nicht zugeben. Zumindest spürte ich, was meine Kondition anging, erste Fortschritte.

Was den Auftragseingang in meiner Detektei anging, herrschte mal wieder Ebbe. Zumindest hatte sich inzwischen eine Rückforderung der Secura-Versicherung als unbegründet erwiesen. Ein Fehler, den Trude bei der Überprüfung der Abrechnung entdeckte, entlarvte einen versuchten Betrug durch einen Secura-Mitarbeiter. Immerhin gab es dafür eine Entschuldigung und einen neuen Auftrag, der uns zumindest für die nächsten Tage über Wasser hielt.

„Haben wir noch Kapazitäten frei?“, krächzte Trudes Stimme unvermittelt aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage. Was bedeutete, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen neuen potentiellen Klienten gab. „Eigentlich nicht, es sei denn, es handelt sich um eine dringende Sache“, antwortete ich in der üblichen Weise. Ein mit Trude vor langer Zeit abgesprochenes Prozedere, was die Detektei in einem guten Licht erscheinen lassen sollte. „Am besten schicke ich Ihnen Frau Ottesen rein, damit Sie sich Ihr eigenes Bild machen können, Chef.“ „Das wird dann wohl das Beste sein“, gab ich grünes Licht und erhob mich, um die Frau mit der gebotenen Höflichkeit zu empfangen.

„Frau Ottesten“, kündigte Trude die mögliche Klientin an, während sie ihr die Tür zu meinem Büro öffnete. „Leopold Lessing“, empfing ich die etwa Fünfundzwanzigjährige. „Sonja Ottesen“, reichte sie mir die Hand. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Was führt Sie zu mir?“ Die junge Frau sah mich aus traurigen Augen hilfesuchend an. „Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“ „Am besten am Anfang“, lächelte ich ihr aufmunternd zu.

„Es geht um meinen Vater“, begann sie. „Er erlitt vor zwei Wochen beim Golfen einen tödlichen Herzinfarkt.“ „Mein herzliches Beileid.“ „Danke.“ „Aber sagen Sie, Ihr Vater war nicht zufällig der Unternehmer Ottesen?“ Sie horchte auf. „Sie kannten meinen Vater?“ „Ich habe bereits vor einigen Jahren in seinem Auftrag ermittelt.“ „Ach, davon wusste ich gar nichts.“ Ich winkte ab. „Es handelte sich um keine große Sache.“

„Umso schlimmer ist der Grund, weshalb ich heute Ihre Hilfe benötige“, ließ mich Sonja Ottesen aufhorchen. „Ich glaube nicht an einen natürlichen Tod. Mein Vater war kerngesund. Er war ein großer Verfechter der Frühdiagnostik. Gesundheitschecks, Impfungen und Krebsvorsorge waren ihm schon wegen der Erkrankung meiner Mutter sehr wichtig. Er sagte immer, dass es irrsinnig wäre, seine Gesundheit zu vernachlässigen, aber seinen Wagen regelmäßig zur Inspektion zu geben.“ „Da kann ich Ihrem Vater nur beipflichten.“

„Ich habe mit unserem Familienarzt gesprochen. Doktor Schneider attestierte meinem Vater die beste Gesundheit. Leider weilte er zum Zeitpunkt des Infarkts auf einer Studienreise in New York.“ Ich sah Sonja Ottesen nachdenklich an. „Wenn es Zweifel an einem natürlichen Tod gab, verstehe ich nicht, weshalb dem nicht nachgegangen wurde.“ Die junge Frau vor meinem Schreibtisch mokierte sich. „Weil es meine Stiefmutter ablehnte.“ Meine Stirn krauste sich. „Ihr Vater hat also nach dem Tod seiner ersten Frau zu Ihrem Missfallen wieder geheiratet“, resümierte ich. „Meine Mutter ist nicht tot. Sie trennte sich von meinem Vater.“

Ich stutzte. „Nachdem sie an Krebs erkrankt war, hielt sie die Zuwendung meines Vaters schlichtweg nicht mehr aus und ließ sich von ihm scheiden.“ Es fiel mir ziemlich schwer, eine solche Entscheidung nachzuvollziehen, obwohl ich mir vorzustellen vermochte, dass Fürsorge auch erdrückend sein konnte. „Sie sind nicht der Erste, der meine Mutter nicht verstehen kann, aber sie war schon immer eine sehr selbstständige und starke Frau.“ „Wenn das der Weg Ihrer Mutter war, dann musste sie ihn gehen“, zollte ich der Entscheidung Respekt.

„Zunächst fiel mein Vater daraufhin in ein tiefes Loch. Zu den Selbstzweifeln kamen Depressionen und schließlich die Flucht in den Alkohol. Deshalb waren Rolf und ich ja froh, als er jemanden fand, aber dann…“ „Sie waren mit der Auswahl Ihres Vaters nicht gerade glücklich“, schlussfolgerte ich. „Nachdem sich für meinen Bruder und mich immer mehr herauskristallisierte, worum es Constanze wirklich ging, war es mit ihrer Freundlichkeit uns gegenüber natürlich vorbei.“ „Was sagte denn Ihr Vater dazu?“ Sie winkte ab. „Der war so sehr verliebt, dass er gar nicht mitbekam, wie sie ihn immer mehr für sich vereinnahmte. Jedes Wort gegen Sie interpretierte er als einen Angriff auf sich.“ „Wer die Notlage eines Menschen für seine Zwecke ausnutzt, um sich selbst zu bereichern, ist gewiss kein guter Mensch, aber ich bräuchte schon ein paar Anhaltspunkte, um ermitteln zu können.“

Während wir miteinander sprachen, machte ich mir einige Notizen, die ich für relevant hielt. „Wie alt ist Ihre Stiefmutter und wo lernte Ihr Vater sie kennen?“ „Constanze ist sechzehn Jahre jünger und sie war in der Firma die rechte Hand meines Vaters. Von daher hatte sie also die besten Einblicke in die Vermögensstruktur des Unternehmens.“ Das alles hörte sich für mich wie ein klassischer Fall von Erbschleicherei an. Mit einem ähnlich gelagerten Fall von Heiratsschwindel hatte ich es ein Jahr zuvor in Salzgitter Lebenstedt zu tun.1 Damals bezahlte der Betrüger mit seinem Leben.

„Darf ich fragen, womit Sie und Ihr Bruder ihr Geld verdienen?“ Die junge Frau zuckte mit den Achseln. „Warum nicht? Mein Bruder betreibt eine Tauchschule auf Menorca und ich arbeite im ersten Jahr als Laborantin in der Firma meines Vaters.“ Ich horchte auf. „Kann es sein, dass Ihr Bruder mit seiner Berufswahl nicht gerade die Erwartungen Ihres Vaters erfüllte?“ „Claudius kommt wohl eher nach unserer Mutter. Natürlich hatte mein Vater andere Pläne mit ihm, aber letztlich war er mit mir als seine mögliche Nachfolgerin ebenso zufrieden. Wahrscheinlich komme ich dann wohl eher nach meinem Vater.“ „Es muss für Sie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, als Ihr Vater seiner zweiten Frau immer mehr Kompetenzen einräumte.“

Ich lehnte mich zurück, um die Reaktion meiner Klientin zu beobachten. Meine Frage zielte nicht ohne Grund auf die Psyche der jungen Frau. Es ging mir darum, ob das Verhältnis von Sonja und Constanze Ottesen durch Neid und Missgunst oder durch ein mögliches Verbrechen an ihrem Vater vergiftet war.

„Wahrscheinlich hätte ich die Anweisungen meiner Stiefmutter meinem Vater zuliebe auch weiterhin ertragen, aber nachdem uns Doktor Brettschneider gestern den letzten Willen meines Vaters quasi um die Ohren schlug, stand für Claudius und mich fest, dass sie ihn manipuliert haben musste.“ Immerhin hatte es einige Zeit gebraucht, ehe sie die Katze aus dem Sack gelassen hatte. Es ging also um das Erbe. „Ihr Vater wird seinen letzten Willen sicherlich wohl überlegt und nicht erst kurz vor seinem Tod abgefasst haben“, sinnierte ich.

„Doktor Brettschneider ist seit vielen Jahren als Rechtsanwalt und Notar für unsere Familie tätig. Er hatte das ursprüngliche Testament zusammen mit meinem Vater ausgearbeitet.“ Ich hakte ein. „Es gab also eine neue letztwillige Verfügung?“ Sonja Ottesen nickte mir zu. „Sie wurde der Kanzlei von Doktor Brettschneider erst einen Tag nach dem Tod meines Vaters per Einschreiben zugestellt“, sorgte meine Klientin für einen inneren Aufschrei bei mir. „Da stimmt was nicht“, schüttelte ich den Kopf.

„Die Frage ist nur, wie kann ich das beweisen?“, sprach Sonja Ottesen aus, was ich dachte. „Sie sagten, dass Ihr Vater verbrannt wurde“, erinnerte ich mich. „Falls er durch Gift oder Medikamente getötet wurde, lässt sich dies nicht mehr durch eine Obduktion beweisen. Wissen Sie, ob er diese Art der Bestattung schon immer befürwortete?“ „Ich kannte sein Testament“, entgegnete Sonja Ottesen. „Deshalb und weil wir darüber sprachen, weiß ich, dass er immer ganz klassisch beigesetzt werden wollte. Als uns Doktor Brettschneider den letzten Willen meines Vaters vorlas, hatte ich das Gefühl, es ginge gar nicht um meinen Vater.“

Das alles klang ziemlich eindeutig. Allein die Frage, wie die Schwarze Witwe überführt werden konnte, bewegte fortan meine Gedanken. „Wollen Sie mir sagen, wie sich die Vermögenswerte verteilen?“, erkundigte ich mich, das Ergebnis meiner Frage längst erahnend. Claudius und ich erhalten lediglich den Pflichtteil. Dabei blieb die Firma in der Erbmasse unberücksichtigt, weil es sich um eine GmbH und Co.KG handelt.“

Ich kannte mich nicht mit dem Unternehmensrecht aus, konnte somit nichts dazu sagen, aber trotzdem stank das Ganze meiner Meinung nach zum Himmel. „Der Pflichtteil würde Claudius und mir im Grunde ausreichen, aber hier geht es um den letzten Willen unseres Vaters und nicht darum, dieser Frau tatenlos dabei zuzusehen, wie sie das Lebenswerk unseres Vaters durch Betrug an sich reißt. Das können und das wollen mein Bruder und ich so nicht hinnehmen“, bekräftigte die Frau vor meinem Schreibtisch voller Nachdruck.

„Letztlich geht es doch wohl vor allem darum, ein mögliches Verbrechen aufzudecken“, appellierte ich an ihren Gerechtigkeitssinn. „Ja natürlich, das vor allem anderen.“ „Okay, wenn ich für Sie und Ihren Bruder arbeiten soll, brauche ich alles, was Sie mir an Informationen zur Verfügung stellen können. Dies können Infos sein, die in Ihren Augen nichtig und banal erscheinen mögen, von mir als außenstehende Person jedoch ganz anders bewertet werden.“

„Ich weiß nicht sonderlich viel über Constanze. Sie trat irgendwann während meines Studiums in die Firma ein und arbeitete sich ziemlich schnell hoch. Als rechte Hand meines Vaters kam er schon bald nicht mehr ohne sie aus.“ Sie zeigte mir auf ihrem Handy ein Foto, welches ihren Vater und seine zweite Frau in einer vertrauten Pose zeigte. „Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber könnte es sein, dass die Frau schon damals ihre Reize einsetzte, um in diese Vertrauensstellung zu gelangen?“ „Davon können Sie ausgehen, Herr Lessing.“ Womit der Krebsbefund ihrer Mutter sicherlich nur der äußere Anlass für die Scheidung war, überlegte ich.

Was mein Honorar und die Nebenkosten anging, waren wir uns schnell einig. Nachdem Trude den erforderlichen Ermittlungsauftrag zur Unterschrift vorgelegt hatte, überwies Sonja Ottesen noch in meinem Büro via Handy den obligatorischen Drei-Tage-Vorschuss und wir machten uns an die Arbeit.

Um eine umfassende und zeitnahe Recherche auf allen nur erdenklichen Ebenen durchführen zu können, bedarf es zunächst Grundinformationen über die Firmengründung, Gesellschafterverträge, Verbindlichkeiten und Infos zum Firmenvorstand. Hinzu kamen private Auskünfte zur Familie und soweit bekannt die Namen von Freunden und guten Bekannten. Gerade hier können Kleinigkeiten von großer Bedeutung sein.

Vor allem sind sämtliche Angaben zum Tod des Markus Ottesen von größter Relevanz. Dabei sind der Auffindeort des Verstorbenen, der Zeitpunkt sowie die Namen sämtlicher Zeugen und deren Aussagen von enormer Wichtigkeit. Zu Beginn unseres Gesprächs hatte mir meine Klientin bereits erzählt, dass ihr Vater beim Golf verstarb. Da mir in der Nähe lediglich ein Golfplatz bekannt war, setzte ich voraus, dass es sich um den Golfclub des Ritterguts Hedwigsburg bei Kissenbrück handelte. Folglich wunderte es mich auch nicht, als mir meine Klientin den Namen und die Anschrift des Arztes nannte, der als erstes bei ihrem Vater eintraf.

4

Nachdem ich Trude mit den Recherchen zu der Zeit beauftragt hatte, in der Constanze Ottesen noch Lieberknecht hieß, machte ich mich gemeinsam mit Leonie auf den Weg nach Kissenbrück. Meine Klientin hatte mir den Namen eines Ersthelfers genannt, der in dem an den Golfplatz angrenzenden Restaurant ‚Schöne Aussicht‘ als Servicekraft beschäftigt ist.

„Meine Güte, von so vielen Parkplätzen können die Geschäftsleute in der City von Wolfenbüttel nur träumen“, bemerkte Leonie, während wir an einer ganzen Reihe unbesetzter Stellplätze vorbeifuhren. „Ist ja fast wie am Heidepark. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es hier so viele Golfer gibt.“ „Golf ist nicht mehr allein der oberen Schicht vorbehalten und abgesehen davon werden einige Plätze sicherlich auch von Gästen des Restaurants genutzt“, mutmaßte ich.

Als wir das wunderschön gelegene Lokal betraten, waren wir beide überrascht. Vor uns öffnete sich ein sonnendurchflutetes zwölfeckiges Restaurant mit ansprechendem Ambiente. Über die Fläche waren etwa ein Dutzend Tische großzügig verteilt. Auf einer kleinen Empore befanden sich einige Tische, die in gemütlichen Nischen verbaut waren. Am meisten aber lockte die Terrasse.

Es bedurfte lediglich eines Blickes zwischen uns, um durch die offene Tür nach draußen zu gehen. Die milden Temperaturen und der laue Wind, der von Südwesten her über die Baumreihen des leicht abfallenden Golfplatzes strich, hüllten uns in eine ganz wundersame Stimmung. Wir nahmen an einem der wenigen noch freien Tische, direkt an der durchsichtigen Terrassenumfriedung Platz und sahen einige Spielern dabei zu, wie sie die Bälle über das Grün trieben.

Während wir ihnen gespannt nachsahen, begrüßte uns einer der Servicekräfte. „Willkommen in der ‚Schönen Aussicht‘.“ Er legte uns die Speisekarten vor und erkundigte sich, ob wir einen Wunsch haben. Leonie strahlte ihn aus leuchtenden Augen versonnen an. „Wir würden gern mit Herrn Silvio Stanza sprechen“, überraschte ich ihn. „Er steht vor Ihnen“, überraschte er uns ebenso. „Wir sind Privatermittler. Unseren Informationen nach sind Sie der Ersthelfer, der Herrn Ottesen versorgte.“

Der junge Mann sah zu den benachbarten Tischen hinüber. „Wie Sie sehen, ist es gerade ungünstig. Wenn Sie in etwa zwei Stunden noch mal kommen könnten, dann ist weniger zu tun.“ „Ja natürlich“, nickte ich ihm zu. „Sie müssen Herrn Ottesten von hier aus gesehen haben“, resümierte ich. „Können Sie mir die Stelle zeigen?“ Er deutete mit dem ausgestreckten Arm auf eine Baumreihe, die sich in etwa 70 Metern Entfernung befand. „Sehen sie die Lücke zwischen den Bäumen dort?“ „Ja klar“, lächelte ihm Leonie zu. „Dahinter beginnt Bahn 18 und vor der nächsten Baumreihe, fast am Loch, sah ich, wie er zusammenbrach.“ „Dann war es mehr Zufall, dass Sie überhaupt darauf aufmerksam wurden“, stellte ich fest. „Wenn Sie so wollen. Aber nun muss ich wirklich weiterarbeiten.“ „Okay, dann bis nachher.“

„Ich dachte, Sie wollten jetzt zu der Stelle latschen, an der Herr Ottesen den Löffel abgab“, wunderte sich meine Azubine, als ich die Richtung zum Wagen einschlug. „Nachher, und ganz nebenbei könntest du wirklich etwas respektvoller über den verstorbenen Vater unserer Klientin sprechen.“ „Sorry, aber das liegt an meinem leeren Magen. Sie wissen doch, wenn ich Kohldampf schieben muss, werde ich zur Diva.“ „Du kannst dich gern bedienen, im Handschuhfach liegen noch…“ „Ich weiß, Frischeiwaffeln!“, fiel sie mir mit rollenden Augen ins Wort.

„Wenn du die nicht magst, hast du auch keinen Hunger“, entgegnete ich verärgert. „Wo fahren wir denn jetzt hin? Gibt es da wenigstens einen Laden oder muss ich weiter hungern?“ „Auf dem Weg zu Doktor Hingsen kommen wir an einer Fleischerei vorbei. Vielleicht kannst du ja da deine Bedürfnisse stillen?“ „Na dann treten Sie das Pedal besser bis zur Bodenwanne durch, sonst machen die zu, bevor wir dort sind.“ „Ich werde hier ganz sicher kein Knöllchen für zu schnelles Fahren riskieren“, stellte ich klar. „Stimmt, hier auf dem Land steht ja auch an jeder Ecke ein Blitzer.“

Einen Blitzer gab es nicht, aber kaum dass ich am Ortseingang in die ‚Allee‘ einbog, hatte ich einen Trecker mit zwei Anhängern vor der Nase. Vor der Kurve konnte ich natürlich nicht überholen und danach hatte ich ständig Gegenverkehr. „Verdammt noch mal, da bin ich ja zu Fuß schneller!“, zerbiss die Diva neben mir einen Fluch nach dem anderen zwischen den Zähnen, während sie ständig auf ihre Armbanduhr starrte.

Endlich auf dem Parkplatz vor der Fleischerei angekommen, sprang Leonie aus dem Wagen und rannte zum Eingang, wo in diesem Moment das Licht ausging. In ihrer Verzweiflung klopfte sie immer energischer an die Tür. Ich überlegte, ob ich besser das Weite suchen sollte, als sich im Laden jemand erbarmte und die Tür wieder öffnete. Ich stutzte, als ich sah, dass Leonie der Frau um den Hals fiel. Der Hunger meiner Azubine musste größer sein, als ich es für möglich hielt. Die Ausmaße des Pakets, welches sie beim Verlassen der Fleischerei in den Händen trug, toppte meine schlimmsten Befürchtungen. Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie nicht schwanger war, dann…

„Stellen Sie sich vor, Chef“, riss sie enthusiastisch die Beifahrertür auf. „Weil Feierabend ist, habe ich das Fresspaket völlig umsonst bekommen.“ Ich schüttelte fassungslos den Kopf. „Hast du die Frau deswegen so geherzt?“ „Nein, nein, das war Jutta, eine Schulfreundin aus längst vergangenen Zeiten. Wir gingen zusammen in die Grundschule.“ „Aber du kommst doch aus Springe“, überlegte ich. „Das ist es ja. Wir hatten uns völlig aus den Augen verloren. Sie hat in der Zwischenzeit geheiratet und ist hierhergezogen. Die Fleischerei gehört ihrem Mann.“ „Ja, die Welt ist klein und deswegen sollten wir jetzt zur Praxis von Doktor Hingsen fahren.“

Während ich weiter über die ‚Hauptstraße‘ und vor der Apotheke rechts in die ‚Alte Dorfstraße‘ fuhr, knisterte Leonie ungeniert mit dem Papier ihres Fresspaketes. „Wollen Sie auch eine Wurst?“, erkundigte sie sich mampfend zwischen zwei Bissen. „Nee danke, mir wird schon vom Zusehen schlecht.“ „Verstehe ich nicht, die sind echt lecker.“ „Glaub ich, aber vier Stück nacheinander sind selbst für mich zu viel.“ „Wieso, ich hätte Ihnen doch nur eine gegeben.“

Ungeachtet dessen lenkte ich meinen ‚T-Cross‘ auf den letzten freien Parkplatz vor der Praxis. „Willst du mit deinem Fresspaket lieber draußen warten?“ „Also Chef, Arbeit geht ja wohl vor.“ „Na dann sollten wir dich hier gleich mal auf einen Bandwurm untersuchen lassen.“ „Wie jetzt?“, sah mich meine Azubine entsetzt an. „Also normal ist das mit deiner Fresserei ja wohl nicht.“ „Okay, dann gehen Sie da mal schön alleine rein.“ „War ein Witz, Leonie“, amüsierte ich mich. „Wenn Sie da drinnen irgendetwas…“ „Na hör mal“, beruhigte ich sie. „Noch bestimmt in diesem Land jeder selbst über die Unversehrtheit seines Körpers.“

„Guten Tag, mein Name ist Lessing. Ich würde gern den Herrn Doktor sprechen.“ „Sind Sie angemeldet?“, erkundigte sich die resolute Dame hinter dem Tresen der Anmeldung. „Nein, ich…“ „Dann müssen Sie morgen früh ab 8 Uhr wieder kommen“, fiel sie mir ins Wort. „Sie haben mich missverstanden, junge Frau“, versuchte ich die Situation aufzuklären. „Verarschen kann ich mich alleine“, reagierte sie erbost. Ich war mir keiner Schuld bewusst. „So meinte ich das ja gar nicht“, ruderte ich zurück. „Sie denken also, ich wäre eine alte Schachtel. „Äh nein, natürlich nicht“, war ich nun völlig verunsichert.

„Wir sind Privatermittler“, grätsche Leonie in das Gespräch. „Es geht um den verstorbenen Golfer.“ „Weshalb sagen Sie das nicht gleich“, erwiderte die Sprechstundenhilfe kopfschüttelnd. „Mal sehen, ob der Doktor Zeit für Sie hat. Warten Sie hier.“ Kurz darauf kehrte sie mit mürrischem Gesichtsausdruck zu uns zurück. „Der Doktor erwartet Sie.“

„Guten Tag, nehmen Sie bitte Platz“, lud uns der weiß gekleidete Mann hinter dem Schreibtisch mit einer großzügigen Handbewegung ein. „Meine Sprechstundenhilfe sagte, Sie wären Detektive, die mich wegen des tragischen Todes von Herrn Ottesen sprechen wollen.“ „So ist es“, bestätigte ich. „Wir ermitteln im Auftrag der Tochter des Verstorbenen und würden Sie gern zu den Umständen befragen“, erklärte ich. „Können Sie sich ausweisen?“ Ich reichte ihm den von Sonja Ottesen unterschriebenen Ermittlungsauftrag und meinen Personalausweis.

„Scheint alles in Ordnung zu sein“, befand er nach eingehender Prüfung. „Sie werden verstehen, dass ich mich absichern muss.“ „Selbstverständlich.“ „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“ „Sie haben den Totenschein ausgestellt“, begann ich mit dem Wesentlichen. „Das ist richtig. Doktor Specht und ich kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass es sich um einen Myokardinfarkt handelte.“ „Er starb also Ihrer fachärztlichen Überzeugung entsprechend ohne Fremdeinwirken“, brachte es Leonie auf den Punkt. „Sie gehen der Möglichkeit nach, dass dem nicht so sein könnte?“, verstand der Mediziner sehr schnell, worauf wir hinauswollten. „Da muss ich Sie enttäuschen. Der Befund von Doktor Specht und mir war eindeutig. Daran gibt es keinen Zweifel.“ Doktor Hingsen schien sich seiner Sache sicher.

„Wir wollten Ihre Expertise nicht in Frage stellen“, korrigierte ich seinen Eindruck. „Weshalb drängte sich mir dann gerade genau dieser Eindruck auf?“ „Nein, nein, das haben Sie missverstanden. Es geht uns um Kleinigkeiten, die Ihnen möglicherweise auffielen.“ Seine Stirn runzelte sich. „Ich fürchte, ich kann Ihnen immer noch nicht so recht folgen.“ „Wollte er noch etwas sagen oder durch eine Bewegung andeuten?“

„Ich muss da wohl etwas klarstellen“, holte der Mediziner aus. „Herr Ottesen war bei meinem Eintreffen schon nicht mehr bei Bewusstsein. Einer der Kellner aus dem Restaurant führte bereits die Herzdruckmassage durch. Ich habe daraufhin einen Ambubeutel[1] gesetzt und eine erste Insulinspritze verabreicht. Kurz darauf trafen der Notarzt und der RTW ein.“ „Weshalb waren Sie eigentlich noch vor dem Rettungswagen am Ort des Geschehens?“, hakte Leonie nach. „Frau Hefter rief in der Praxis an. Die Erfahrung zeigt, dass ich schneller vor Ort sein kann als der Heli aus Wolfenbüttel. Bei einem Infarkt zählt wirklich jede Sekunde. Abgesehen davon war der Heli in diesem Fall erst später verfügbar.“

„Dann gab es also keinerlei Hinweise auf einen Medikamentenmissbrauch oder eine Vergiftung“, resümierte ich. „Glauben Sie mir, Herr Lessing, wenn ich auch nur den geringsten Zweifel an einem natürlichen Tod gehabt hätte, wäre der Leichnam zur Obduktion in das Rechtsmedizinischer Institut nach Braunschweig gebracht und ganz gewiss kein Totenschein ausgestellt worden.“

„Vielen Dank für Ihre Offenheit und für Ihre Zeit, Doktor Hingsen“, beendete ich seine Befragung und reichte ihm die Hand, während ich mich erhob. „Je eher sich Ihre Klientin mit dem Verlust ihres Vaters abfindet, umso weniger wird sie darunter leiden.“ „Vielen Dank für Ihr Mitgefühl, ich werde Frau Ottesen über Ihre Aufführungen bezüglich des Todeshergangs in Kenntnis setzen.“

„Das klang alles ziemlich plausibel, Chef“, wog meine Azubine nachdenklich den Kopf. „Werden Sie unserer Auftraggeberin wirklich alles so wiedergeben?“ „Natürlich“, entgegnete ich wie selbstverständlich. „Na, dann hat sich unser neuer Fall sicher erledigt, bevor wir mit den Ermittlungen richtig angefangen haben.“ „Keine Angst, ich habe ja nicht gesagt, wann ich ihr davon berichte, und außerdem werden wir jetzt erst noch Silvio Stanze befragen.“ „Aber die zwei Stunden sind doch noch gar nicht rum.“ „Stimmt, deshalb sehen wir uns zunächst auch noch die 18. Bahn und den Ort an, an dem Herr Ottesen zusammenbrach.“ „Sind Sie sicher, dass Sie eine solche Entfernung ohne Auto bewältigen können?“ Mir fehlten die Worte.

5

Zurück am Golfplatz zeigte ich Leonie, was noch in mir steckte. Nachdem ich den Platzwart letztlich von der Notwendigkeit der Inaugenscheinnahme des Unglücksortes überzeugt hatte, begleitete uns der Mann zu einem Club-Car, um uns die Stelle zu zeigen. „Diese kleinen Elektrowagen sind flinker, als ich dachte“, bemerkte ich erstaunt, während wir über das Grün der 18. Bahn huschten. „Unseren kleinen Sprinter hatten wir schon, als an Tesla noch gar nicht zu denken war“, erklärte Herr Major.

„So, hier also verstarb unser langjähriges Mitglied und ein guter Freund“, deutete er ergriffen auf ein kleines Holzkreuz, welches Markus Ottesen zu Ehren vom Clubvorstand aufgestellt worden war. Auf dem Platz selbst zeugten noch die Spuren des Rettungswagens von dem Unglück. „Die Tage vor dem schrecklichen Ereignis hatte es viel geregnet. Daher war der Boden noch recht weich“, erklärte der Platzwart. „Es wird eine Weile dauern, bis die Wunden verheilt sind.“ „Ich sehe mich da hinten mal ein bisschen um“, deutete Leonie zwischen die Bäume auf die benachbarte Bahn. 

„Bei der Rettung eines Menschenlebens kann man auf die Unversehrtheit eines Golfplatzes natürlich keine Rücksicht nehmen“, entgegnete ich, während ich mich bückte, um die Schutzkappe einer Spritze aufzuheben. „Natürlich“, entgegnete er gedehnt. Als ich mich in meiner gebückten Position nach dem Restaurant umdrehte, stellte ich fest, dass mir ein Hügel die Sicht darauf versperrte. Erst nachdem ich mich wieder aufgerichtet hatte, konnte ich, zwischen einer Baumgruppe hindurch, die Terrasse erkennen. Silvio Stanza musste folglich über eine ausgezeichnete Sehkraft verfügen, um an dieser Stelle überhaupt etwas erblicken zu können.

„Ist Constanze Ottesen eigentlich auch Mitglied im Club?“, wandte ich mich an Herrn Major. „Sie begleitete ihren Mann gelegentlich ins Restaurant, wo sie ihm von der Terrasse aus beim Spiel zusah oder auf Club-Veranstaltungen, die in der ‚Schöne Aussicht‘ stattfanden, aber für das Golfen konnte sie Herr Ottesen wohl nicht begeistern. Mit ihren High-Heels wäre dies allerdings ohnehin nicht möglich gewesen“, vernahm ich eine gut dosierte Portion Zynismus in seinen Worten.

„Damit hätte die Lady sicherlich Ihren schönen Platz zerstochen“, kehrte Leonie mit einem Tuch in der Hand zu uns zurück. „Ich fand es zwischen den Bäumen.“ „Wissen Sie, ob jemand das Halstuch vermisst?“, wandte sie sich an den Platzwart. „Nicht, dass ich wüsste.“ Sie roch daran und tütete es letztlich ein. „Man weiß ja nie.“ „Besonders beliebt war Frau Ottesen nicht“, fuhr Herr Major fort. „Das heißt, bei den Damen nicht, wenn Sie verstehen“, lächelte er vornehm zurückhaltend. „Ein Blickfang ist sie ja schon, aber eben auch eine Konkurrentin.“ „Frau Ottesen geizte also nicht mit ihren Reizen“, fasste ich seine Worte zusammen. „Von mir haben Sie das nicht“, übte er sich abrupt in Verschwiegenheit. „Für wen ermitteln Sie eigentlich?“ In diese Richtung hatte sich der Wind also gedreht. „Keine Angst, nicht für die Witwe.“

Nachdem uns Herr Major wieder zum Startpunkt unserer kleinen Exkursion zurückgefahren hatte, bedankte ich mich bei ihm für seine offenen Worte. „Falls Sie interessiert sind, wir suchen immer nach engagierten Mitgliedern.“ „Na, das wäre doch was für Sie, Chef“, redete mir meine Azubine grinsend zu. „So weit sind Sie ja noch gut zu Fuß und das mit dem Abschlag kann man lernen.“ Ich kam mir vor wie im tiefsten Rentenalter. „Vielen Dank, ich überlege es mir“, lächelte ich dem Platzwart wohlwollend zu, während ich darüber nachdachte, wie ich mich bei dem kleinen Luder angemessen revanchieren konnte.     

Es waren inzwischen mehr als zwei Stunden vergangen, als wir erneut das Restaurant betraten. Der erste Ansturm schien vorbei und auf der Terrasse waren wieder einige Tische frei. Silvio Stanza sah uns hereinkommen. „Ist hier immer so viel los?“, erkundigte sich Leonie, während wir nach draußen gingen. „Wir sind sehr vom Wetter abhängig, aber wenn die Sonne lacht, können wir uns nicht über einen Mangel an Arbeit beklagen.“ „Kein Job für dich, Leonie“, feuerte ich meine Retourkutsche ab. Zum ersten Mal sah ich meine Azubine sprachlos. Sie blickte mir entsetzt in die Augen und im selben Moment tat sie mir schon wieder leid. „Das war natürlich nur Spaß, ich kann mich auf meine Mitarbeiterin absolut verlassen.“ 

„Meine Chefin weiß Bescheid. Sie wird gleich zu uns stoßen. Darf ich Ihnen inzwischen etwas servieren?“ Ich sah Leonie fragend an. „Für mich nichts“, entgegnete sie eingeschüchtert. „Eine Cola und einen Cappuccino“, entgegnete ich. „Das war nicht so gemeint“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Alles gut, Chef. Wer austeilt, muss auch einstecken können.“

„Frau Hefter bringt Ihre Bestellung gleich mit“, kehrte der junge Mann an unseren Tisch zurück und setzte sich. „Von hier aus hat man wirklich eine schöne Aussicht, aber den Unglücksort konnten Sie ja eigentlich gar nicht sehen.“ „Stimmt. Ich hatte Herrn Ottesen auf dem Weg über die 18. Bahn hin und wieder gesehen. Das heißt, eigentlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht erkennen, wer dort spielte. Je mehr sich die Person dabei dem Loch näherte, umso mehr verschwand sie hinter dem Hügel. Letztlich sah ich nur noch etwas mehr als den Kopf.“ „Und dieses Tuch?“, erkundigte sich Leonie. „Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Ich schob anerkennend die Unterlippe vor. „Auf die Entfernung wäre das auch mehr als beachtlich.“ „Ich war gerade damit beschäftigt, die Tafel für eine kleine Geburtstagsfeier herzurichten, als ich sah, wie plötzlich auch der Rest von ihm verschwand.“ Er hob beschwörend die Hände. „Keine Ahnung, aber irgendwie wusste ich sofort, dass er sich nicht einfach nur bückte, sondern gestürzt war. Als er nicht wieder aufstand, war mir klar, dass irgendwas Schlimmes passiert war.“

„Da läuft es einem direkt kalt über den Rücken“, bemerkte Leonie mitfühlend. „Was glaubst du, wie es mir ging?“, stimmte ihr Silvio zu. „Er kam sofort zu mir in die Küche und schnappte sich den Erste-Hilfe-Kasten“, erzählte uns die Restaurantleiterin, während sie die Getränke servierte. „Ich wusste gar nicht, was los war, aber da ich Silvio sonst nicht so aufgeregt kenne, war sofort klar, dass etwas im Argen lag.“ Ich schilderte kurz, was geschehen war, schnappte mir mein Handy und rannte los.“

Frau Hefter hatte sich inzwischen zu uns gesetzt. „Silvio sagte, Sie wären Privatdetektive. Darf ich fragen, für wen Sie ermitteln?“ „Nicht für die Witwe, falls Sie darauf hinauswollen“, umging ich die Preisgabe meiner Klientin. Frau Hefter lachte kurz auf. „Das dachte ich mir.“ „Sie kamen also an den Ort des Geschehens“, nahm ich den Faden wieder auf. „Wie fanden Sie Herrn Ottesen vor?“

Silvio holte tief Luft. Selbst einige Tage nach den Vorkommnissen stand er emotional noch immer unter dem Eindruck des Geschehenen. „Er lag auf dem Bauch. Ich sprach ihn an, erhielt aber keine Antwort. Als ich ihn zu mir auf den Rücken rollte, erkannte ich Herrn Ottesen. Er atmete nicht, war ohne Bewusstsein. Ich rief meine Chefin an und begann mit der Herzdruckmassage.“ „Und ich rief daraufhin sofort in der Praxis von Doktor Hingsen an“, ergänzte seine Chefin.

„Sagen Sie, Frau Hefter, weshalb wählten Sie nicht zuerst den Notruf?“ „Ich bin Marina“, bot uns die Restaurantleiterin das Du an. „Der Rettungswagen braucht länger. Die Erfahrung zeigt, dass selbst der Hubschrauber nicht so schnell hier ist wie unser Dorfarzt.“ „Ich sprach übrigens inzwischen mit Doktor Hingsen. Er erzählte mir, dass sich der Heli noch in einem anderen Einsatz befand und somit erst später verfügbar war. Sie haben also genau das Richtige gemacht.“ „Ich war heilfroh, als Roco und der Arzt dazukamen, um mich zu unterstützten“, erklärte Silvio. „Sie glauben nicht, wie anstrengend zehn Minuten Herzdruckmassage sind.“

„Oh doch, ich war bereits in einer solchen Situation und kann daher nachempfinden, wie schrecklich es ist, wenn all die Bemühungen am Ende vergebens waren.“ „Das war eigentlich das Schlimmste“, pflichtete mir Silvio bei. „…und Herr Ottesen kam bis zuletzt nicht mehr zur Besinnung?“, hakte ich noch einmal nach. „Dann hätte ihn Roco ja nicht mehr beatmen brauchen“, begründete Silvio. „Er hatte ihm ja so einen Beatmungsbeutel über Mund und Nase gehalten.“

Alles, was er sagte, deckte sich mit dem, was ich bereits von Doktor Hingsen wusste. „Fiel euch irgendetwas an Herrn Ottesen auf? Kam euch etwas merkwürdig vor?“ Silvio hielt einen Moment lang inne, bevor er den Kopf schüttelte. „Abgesehen davon, dass mir hinterher speiübel war, eigentlich nicht.“ „Das kam sicherlich von der Anstrengung und deiner Emotionen“, schlussfolgerte Marina. „Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, habe ich ihn nach Hause geschickt.“

Silvio zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, was es war. Auf jeden Fall war mir für den Rest des Tages so schlecht, dass ich nicht einen einzigen Bissen mehr herunterbekam.“ „Na dann muss dir aber wirklich übel gewesen sein“, lächelte Marina. Ich musste Leonie unwillkürlich ansehen. „Aber dafür hatte ich Brand wie ne Bergziege“, erinnerte sich der Ersthelfer. „Vergessen Sie nicht, dass Sie sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befanden“, erklärte ich. „Menschen reagieren auf Belastung sehr unterschiedlich.“ Silvio nickte mir zu. „Ja sicher, was sollte es auch sonst gewesen sein?“

6

„Was fällt dir eigentlich ein, mir einen Schnüffler auf den Hals zu hetzen?“, fuhr Constanze meine Klientin erbost an. „Wieso dir? Wir haben die Detektei nur mit Nachforschungen beauftragt, die im Hinblick auf den Tod meines Vaters Licht ins Dunkel bringen sollen. Falls du dich diesbezüglich angesprochen fühlst, wirst du wohl deine Gründe dafür haben“, ließ sich meine Auftraggeberin nicht einschüchtern. „Was fällt dir ein, du kleines undankbares Miststück? Du kannst froh sein, dass ich dich noch nicht aus der Firma geworfen habe!“

„Mach dich nicht besser als du bist“, entgegnete Sonja Ottesen selbstbewusst. „Du weißt genau, dass du dafür einen triftigen Grund brauchst.“ Die Witwe warf ihr einen eisigen Blick zu. „Wenn´s weiter nichts ist, da fallen mir spontan mehrere Gründe ein.“ „Mach dich nicht lächerlich. Ich bin mir sicher, dass du in irgendeiner Weise am Tod meines Vaters Schuld bist.“ „Pass auf, was du sagst! Für solch schwerwiegende Anschuldigungen sollte man besser Beweise haben.“ „Na, dann zieh dich schon mal warm an, denn die werden wir ganz sicher beschaffen.“ Constanze lächelte ihr giftig zu. „Vielleicht solltest du dich besser warm anziehen, meine Liebe. Unter der Brücke soll ein eisiger Wind wehen, denn hier in meinem Haus ist kein Platz mehr für dich.“

Sonja schluckte trocken, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Wurde sie tatsächlich gerade von diesem Biest aus dem Haus ihres Vaters geworfen? „Das trifft sich gut, ich habe bereits meine Sachen gepackt. Es widert mich an, dieselbe Luft mit dir zu atmen. Für den Moment weiche ich, aber ich komme wieder und dann hole ich mir zurück, was du meiner Familie gestohlen hast!“ „Übernimm dich nur nicht und achte dabei besser gut auf deine Gesundheit.“

Sonja hatte verstanden. Wenn sie bis zu diesem Zeitpunkt noch Zweifel hatte, waren diese nun von Constanze selbst ausgeräumt worden. Als sie ihre kleine Wohnung unter dem Dach der Villa räumte, war ihr schwer ums Herz, musste sie doch all ihre Erinnerungen an ihr Elternhaus zurücklassen. Ihre wichtigsten Habseligkeiten in ein paar Koffern verstaut, trat sie nun den schweren Gang über die breite Holztreppe an.

„In die Firma brauchst du gar nicht mehr kommen“, wurde sie bereits von Constanze im Foyer erwartet. „Du bist ab sofort freigestellt. Natürlich bei vollen Bezügen. Schließlich kann ich nicht ausschließen, dass du sensible Daten und Betriebsgeheimnisse an dich bringst.“ „Das ist ja wohl das Letzte!“, schrie Sonja sie erbost an. „Nicht ganz, das Letzte wird die alte Bretterbude in Suderode sein, in der deine Mutter derzeit haust. Die und euer Pflichtteil werde ich euch auch noch nehmen.“   

Wenig später saß mir Sonja Ottesen in meinem Büro gegenüber und schilderte mir, was in der Villa vorgefallen war. „Im Grunde hatte ich ja damit gerechnet, aber als es dann tatsächlich geschah, war es dennoch so, als würde mir die Frau den Boden unter den Füßen wegziehen.“ „Nun, es handelt sich um Ihr Elternhaus“, seufzte ich mitfühlend. „Es ist nur allzu verständlich, dass Sie sich angeschlagen fühlen.“

„Offenbar war Constanze bereits bestens über Ihre Recherchen am Golfplatz informiert“, überraschte sie mich. „Offenbar ist sie doch nicht so unbeliebt, wie es mir der Platzwart weismachen wollte.“ „Brachten uns Ihre Ermittlungen denn wenigstens ein Stück weiter?“, erkundigte sich meine Klientin. Ich betätigte die Ruftaste der Gegensprechanlage. „Ja bitte?“, krächzte Trudes signifikante Stimme aus dem Lautsprecher. „Bringen Sie uns doch bitte das Tuch“, wies ich meine Putzsekretärin an.

Sekunden später stürmte Leonie, natürlich ohne vorheriges Anklopfen, in mein Büro. Ich nahm den Asservaten-Beutel seufzend entgegen. „Meine Assistentin fand dieses Tuch unweit der Stelle, an der Ihr Vater zusammenbrach“, erklärte ich, während Leonie zufrieden mein Büro verließ. Ich reichte ihr den Beutel. „Das ist ein Halstuch meines Vaters“, erkannte sie es wieder. „Lassen Sie es bitte im Beutel“, bat ich, als sie diesen öffnen wollte.

„Wenn Sie sich sicher sind, werde ich das Tuch in einem Labor auf Fremd-DNA untersuchen lassen. Allerdings benötige ich eine Präferenz-DNA Ihres Vaters dafür.“ „Was soll das bringen?“ „Bestenfalls ergibt sich daraus ein Anhaltspunkt, der weitere Ermittlungen rechtfertigt“, erklärte ich. „Verstehe. Eventuell gibt es unter seinen persönlichen Sachen aus dem Golfclub noch einen Kamm.“ „Ich habe heute Nachmittag einen Termin mit dem Hausarzt Ihres Vaters. Es wäre gut, wenn Sie mich dorthin begleiten könnten.“

Nachdem mir meine Klientin eine Vergleichsprobe ihres Vaters gebracht hatte, suchte ich Jogi im Polizeipräsidium in der ‚Münzstraße‘ auf, um ihn zu bitten, die Untersuchung des Halstuchs bei der KTU[1] in Auftrag zu geben. Mein ehemaliger Kollege musste sich weit aus dem Fenster lehnen, um diese auf Staatskosten durchführen zu lassen. Wie immer bei solchen Gefälligkeiten versprach ich ihm im Gegenzug ein opulentes Abendessen in einem Restaurant.

[1] Kriminal technische Untersuchung

„Gut, dass Sie es einrichten konnten“, empfing ich meine Klientin vor der Praxis von Doktor Mauser in der Bahnhofstraße. „Der Ermittlungsauftrag, den Sie mir unterschrieben, reicht bei solch speziellen Nachforschungen meist nicht aus. Ärzte tun sich bei der Pflicht zur Verschwiegenheit oft schwer.“

„Guten Tag Frau Ottesen“, trat uns der Mediziner mit ausgestreckter Hand entgegen. „Ich nehme an, Sie sind Herr Lessing“, begrüßte er mich ebenfalls. „Wir hatten telefoniert“, nickte ich ihm zu. „Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig die Zeit nehmen.“ „Mein Herzliches Beileid, Frau Ottesen.“ „Bleiben Sie doch bitte bei Sonja. Sie kennen mich mein ganzes Leben schon.“ „Sehr gern. Was kann ich für Sie tun?“, bot uns Doktor Mauser einen Platz vor seinem Schreibtisch an.

„Ich wüsste gern, wie es um die Gesundheit meines Vaters bestellt war. Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass er an einem Herzinfarkt starb.“ Der Mann hinter dem Schreibtisch rieb sich die Nase. „Ich kann deine Zweifel durchaus nachvollziehen. Dein Vater war immer stets auf seine Gesundheit bedacht.“ „Eben! Er ließ sich ja in regelmäßigen Abständen bei Ihnen durchchecken.“ „Nachdem wir telefonierten, bin ich seine Akte noch mal durchgegangen und ich muss sagen, dass mir ein Infarkt im Grunde unerklärlich erscheint.“

Der Mediziner drehte uns den Monitor seines Computers zu. „Seht selbst, die Röntgenaufnahme und die erst kurz vor seinem Tod erfolgte Ultraschalluntersuchung waren ohne negativen Befund. Für sein Alter war Markus äußerst vital. „Genau deshalb vermute ich, dass mit seinem Tod nicht alles mit rechten Dingen zuging“, brachte es meine Klientin auf den Punkt. „Nun ja, ich weiß um die Veränderungen im Leben deines Vaters und ich muss dir leider sagen, dass er glücklich war. Da ich seine zweite Frau nie persönlich kennenlernte, steht mir auch kein Urteil zu. Ich möchte allerdings zu bedenken geben, dass unentdeckte Blutgerinnsel einen Infarkt auslösen können.“

„Die Eile, mit der Herr Ottesen verbrannt und dann unter die Erde gebracht wurde, lässt schon einen anderen Gedanken aufkommen“, brachte ich eine Tatsache ins Spiel, von der Doktor Mauser bislang nichts wusste. „Das wundert mich jetzt doch“, reagierte er überrascht. „Bei seinem letzten Besuch sprach dein Vater von einer neuartigen Möglichkeit der Bestattung, die mir bislang fremd war. Da er sehr davon angetan war, habe ich mich noch am selben Abend kundig gemacht. Es ging um eine Reerdigung.“

Meine Klientin und ich hingen dem Mediziner an den Lippen. „Es handelt sich dabei um eine Alkalische Hydrolyse Kompostierung.“ Darunter konnte ich mir nun gar nichts vorstellen. „Es geht darum, den Leichnam in einer speziellen Box über einen Zeitraum von sechs Wochen unter Beigabe von Erde und Blumenschmucks zu kompostieren. Der so entstandene Humus wird dann zur Anzucht einer beliebigen Pflanze verwendet, die dann im heimischen Garten beigesetzt werden kann.“

„Das ist ja toll“, schien sich meine Klientin ebenso zu begeistern wie ihr Vater. „Allerdings ist dies in Niedersachsen derzeit wohl noch nicht möglich“, erklärte der Doktor. „Wenn Ihr Vater diese Form der Bestattung wollte, liegt es eigentlich nahe, dass er dies in seinem Testament oder in einem Beiblatt als Teil seines letzten Willens kundtat“, bemerkte ich, während ich meine Klientin nachdenklich ansah. „Davon war bei der Testamentseröffnung keine Rede. Wenn er diese Absicht erst bei seiner letzten Untersuchung äußerte, kann es natürlich sein, dass er dies in seinem Testament noch gar nicht änderte.“ „Ich hatte ihm eine ausgezeichnete Konstitution attestiert. Vielleicht erschien Ihrem Vater diese Änderung daher auch noch nicht für so dringlich“, sinnierte Doktor Mauser. „Allerdings wollte er garantiert nie verbrannt werden, das weiß ich genau.“

„Allmählich wächst in mir die Erkenntnis, dass Sie mit Ihrem Verdacht richtig liegen könnten“, schlussfolgerte ich. „Zum einen erfreute sich Herr Ottesen offensichtlich bester Gesundheit. Zum anderen steht zu befürchten, dass seinem Wunsch nach einer Reerdigung oder einer traditionellen Erdbeisetzung nicht entsprochen wurde und er stattdessen in Windeseile verbrannt und in einer Urne beigesetzt wurde. Folglich sollte man sich doch nach dem Grund für diese Eile fragen.“ „Die wollten was vertuschen“, folgerte meine Klientin.

7

Wer, wenn nicht Doktor Schnippler, war versierter, mir eine Antwort auf meine Frage nach der Asche eines verbrannten Leichnams zu geben? Also rief ich den Rechtsmediziner in seiner Wirkungsstätte im Pathologischen Institut an der ‚Celler Straße‘ an.

„Hallo Doktor Schnippler, wie geht es Ihnen? Seit dem Leichenfund in der Asse hatten wir nicht das Vergnügen.“ „Na, Herr Lessing, es ist schön von Ihnen zu hören, zumal ich das Wort Vergnügen im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit eher selten zu hören bekomme. Nu ja, wie geht’s mir? In Zeiten wie diesen habe ich zumindest keine Langeweile. Was kann ich denn für Sie tun?“ „Es geht die Asche eines Verstorbenen. Ist es möglich, darin noch eine Vergiftung des Toten nachzuweisen?“

Ich lauschte angespannt in das Telefon, doch außer einem leisen Rauschen war nichts mehr zu hören. „Hallo, Herr Doktor, sind Sie noch dran?“ „Nu.“ Abermals Stille. „Die meisten Gifte können durch ein forensisch-toxikologisches Gutachten im Blut, in Körperflüssigkeiten, in der Leber und im Gehirn nachgewiesen werden. In der Asche hingegen lassen sich dagegen nur sehr wenige Substanzen eindeutig identifizieren.“ „Aber möglich wäre es schon…“, schöpfte ich Hoffnung.

„Nu, eine derart aufwendige Analyse hat allerdings einen Haken“, zerschlug er meine Zuversicht schon mit dem nächsten Satz. „Sie ist äußerst teuer.“ „Ach so, wenn´s weiter nichts ist… Ich denke, dass kriege ich hin. „Na, das ist ja einwandfrei“, freute sich der Pathologe über eine Abwechslung in seinem sonst eher blutigen Arbeitsleben. „Dann fehlt nun nur noch ein Grund für die Exhumierung der Urne“, grübelte ich.

„Denken Sie aber auch daran, dass sich nicht jedes Gift nachweisen lässt“, gab der Mediziner zu bedenken. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. „Es wäre natürlich blöd, wenn meine Klientin eine Menge Geld investiert und am Ende nichts dabei herauskommt.“ „Nu, das Risiko will gut überdacht sein.“ „Gibt es denn da keine andere Möglichkeit? Vielleicht nach Feierabend?“ „Herr Lessing, wir kennen uns doch wohl schon lange genug. Was nutzt Ihnen ein Gutachten, wenn es nicht offiziell ist?“

Der Mediziner hatte zweifellos Recht, aber noch wusste ich nicht, ob meine Klientin bereit war, ein solches Risiko einzugehen. Doch das weitaus größere Problem bestand darin, die nötigen Beweise zur Rechtfertigung einer Exhumierung beisammen zu bringen. Ich bedankte mich bei Doktor Schnippler und versprach, mich schon bald wieder bei ihm zu melden.  

Der Recherchemotor in meiner Detektei lief auf Hochtouren. Während sich Trude der ersten Witwe und der Kinder des Opfers angenommen hatte, ermittelte meine Auszubildende im Vorleben von Constanze Ottesen, geborene Lieberknecht. Was mich betraf, richtete ich mein persönliches Augenmerk auf das Unternehmen, welches nach dem Tod von Karten Ottesen auf seine zweite Frau übergegangen war. Wo sonst, wenn nicht in der Firma selbst, konnte ich Informationen sammeln, die normalerweise nicht an die Öffentlichkeit gelangten?

Die gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der betrieblichen Brandschutzeinrichtungen nach ASR A2.2 erforderte eine stimmige Verkleidung. Ich wählte eine Jacke mit passender Arbeitshose samt dem Aufdruck einer bundesweit agierenden Firma und stiefelte samt Sackkarre, auf der ich einiges an Equipment montiert hatte, in die Anmeldung.

„Die Firma Minimax, mein Name ist Retter. Ich bin zur Überprüfung und Wartung der Feuerlöscher sowie der Brandmeldeanlage angekündigt.“ Die adrette Dame hinter dem Tresen der Anmeldung sah auf den Monitor ihres Rechners. „Sind Sie sicher, dass Sie für heute angekündigt wurden? Ich habe hier nichts vermerkt.“ „Mir ist das egal, gute Frau. Ich bekomme mein Geld und Ihre Firma muss so oder so bezahlen.“ „Ich halte Rücksprache.“

Zu 99 Prozent folgt auf den Dialog mit einem Weisungsberechtigten stets grünes Licht, weil im Allgemeinen schlichtweg davon ausgegangen wird, dass irgendjemand den Termin verschlampt hat. Bei ‚Medical-Pro‘ war es nicht anders. Selbst die geringe Möglichkeit, dass nach meiner Abweisung ein Brandereignis auftreten könnte und die Versicherung wegen des nicht eingehaltenen Wartungsvertrags nicht zahlt, ist einfach zu groß.

Aufgrund meiner Erfahrung als Hauptkommissar bei der Braunschweiger Kripo und gemeinsamen Übungen mit der Berufsfeuerwehr weiß ich, dass sich die Einsatzpläne und alle Aufzeichnungen zur Brandbekämpfung in einem Feuerwehrleitkasten in der Nähe einer BMA[2] befinden. Ausgestattet mit diesem Wissen war es ein Leichtes, die Standorte der Feuerlöscher zu finden. Da sich diese unter anderem dort befanden, wo sich die Angestellten zur Ergänzung des Flurfunks trafen, konnte ich lauschen, ohne Verdacht zu erregen.

[2] Brandmeldeanlage

Es liegt nahe, dass bei diesen Gelegenheiten auch viel Banalitäten ausgetauscht wurden. Die Kunst eines Ermittlers besteht darin, den Tratsch schon während der Lauschaktion zu filtern und relevante Informationen in den Synapsen zu speichern. Hier zeigt sich, was Erfahrung wert ist und einen guten Ermittler letztlich ausmacht.

Während Constanze Ottesen das Erbe lediglich geneidet wurde, galt der Geschäftspartner des Verstorbenen als arrogant und impulsiv. Hinter vorgehaltener Hand wurde Oliver Brunn bereits als möglicher Liebhaber der Chefin gehandelt. Auch wenn eine gewisse Brisanz in der Luft lag, schien sich zu diesem Thema niemand detaillierter äußern zu wollen. Die Angst vor einem möglichen Verlust des Arbeitsplatzes war allgegenwärtig. Offenbar wurde die Führung des Unternehmens weder ihm noch Constanze Ottesen wirklich zugetraut. Viel mehr hing das Gerücht über dessen Verkauf wie ein Damoklesschwert über allem.

Es war spät geworden und so verabschiedeten sich die Mitarbeiter nach und nach in den Feierabend. So waren irgendwann kaum noch Leute da, die ich belauschen konnte. Somit war es auch für mich an der Zeit, die Sachen zu packen, um unerkannt zu verschwinden. Ich hatte meine Sackkarre gerade bepackt, als ich Zeuge eines heftigen Streits wurde.

„Mein Mann ist gerade unter der Erde. Wie sieht es wohl aus, wenn unsere Beziehung jetzt publik wird?“, vernahm ich die Stimme einer Frau. Da die Tür zum Lager nicht weit genug geöffnet war, hatte ich keine Chance, die Gesichter der Streitenden zu sehen. Da jedoch lautstrak gestritten wurde, konnte ich die Auseinandersetzung zumindest verbal recht gut verfolgen.

„Was zum Teufel willst du denn jetzt noch geheim halten? Glaubst du wirklich, deine Angestellten würden nichts von uns ahnen?“ „Genau, vielleicht ahnen sie etwas, aber sie wissen es bislang nicht und so wird es vorerst auch noch bleiben“, sprach die Frau, die ich dem Gespräch nach als Constanze Ottesen identifizierte, ein Machtwort.

„So kannst du mit mir nicht umgehen!“, setzte sich der Mann zur Wehr. „Wenn ich merke, dass du mich nur verarscht hast, damit ich dir den Weg freimache und mich jetzt am ausgestreckten Arm verhungern lassen willst, werde ich dafür sorgen, dass deine Rechnung nicht aufgeht.“ „Sag mal, spinnst du jetzt komplett?“, reagierte Constanze wütend. „Ich halte mich an unsere Absprache. Du erinnerst dich, dass wir uns während der ersten Zeit nicht sehen wollten? Aber wenn du mir jetzt drohst, können wir unsere Beziehung auch hier und jetzt beenden.“

„So war´s doch gar nicht gemeint“, ruderte ihr Gesprächspartner zurück. „Ich bin einfach mit den Nerven runter. Was, wenn dieser Schnüffler etwas findet und am Ende alles auffliegt?“ Die Sache wurde zunehmend interessanter. „Beruhige dich, ich habe dafür gesorgt, dass Sonja erst einmal mit sich selbst zu tun hat.“ „Was hast du gemacht?“ „Ich habe sie von der Arbeit freigestellt und aus dem Haus geworfen“, erklärte die Witwe.

Was für ein durchtriebenes Luder, dachte ich mir, während ich weiterhin lauschte. „Damit hast du sie doch nur noch mehr gereizt.“ „Sie wird die Füße stillhalten, weil ich ihr klar gemacht habe, dass ich ihrer Mutter ansonsten das Haus in Osterwieck wegnehme.“ „Kannst du das denn einfach so?“ „Du willst gar nicht wissen, zu was ich fähig sein kann, wenn sich mir jemand in den Weg stellt.“ Dieser Frau war buchstäblich alles zuzutrauen.

„Was wolltest du hier eigentlich?“, erkundigte sich ihr Gesprächspartner wohl eher aus Verlegenheit. „Putzalkohol, Paraffin, Benzin und etwas Kleber“, entgegnete sie knapp. „Was zum Teufel hast du denn damit vor?“ Mir schwante da etwas. „Ich sagte doch, ich werde ihr, wenn nötig das Haus wegnehmen.“ „Sorry, aber ich verstehe kein Wort.“ Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. „Mit so einem Molotow-Cocktail lässt sich ein warmer Abriss unproblematisch und recht einfach in die Tat umsetzen.“

Die Frau musste wahnsinnig sein. Plötzlich hörte ich sie amüsiert lachen. „Nun schau nicht so, du Dummerchen. Glaubst du wirklich, ich würde die Trulla aus ihrer Hütte bomben?“ „Für einen Moment dachte ich…“ „Quatsch, ich werde mir an so etwas doch nicht die Hände verbrennen, das machst du.“ „Weshalb weiß ich bei dir nie, ob du ernst meinst, was du sagst.“ „Weil du unfrei bist.“

Ich fragte mich, was sie damit sagen wollte, ohne den Sinn hinter ihren Worten wirklich zu verstehen. War es ihre Unverfrorenheit oder ihr merkwürdiger Humor, mit dem sie Markus Ottesen fesselte? Ging es in dem Gespräch um eine Absprache zwischen ihr und dem Mann, der mit ihr im Lager stritt, oder hatte all dies nichts mit dem Tod des Unternehmers zu tun? Auch wenn ihr Gespräch darauf deuten könnte, war nichts davon eindeutig.

Eindeutig hingegen waren die Geräusche, die ich nun vernahm. Wer auch immer der Mann im Lager war, er wurde zu ihrem Spielball. Kurz bevor das Match so richtig begann, ließ sie ihn abblitzen wie eine Gottesanbeterin. Irgendwann würde sie ihn fressen, da war ich mir sicher. Die Frage war nur, wann. Wahrscheinlich dann, wenn er ihr nicht mehr von Nutzen war.

Die Geräusche im Lager überschlugen sich. „Da war etwas“, unterbrach sie seine Bemühungen. „Ich habe nichts gehört.“ „Doch, ich bin mir ganz sicher“, beharrte sie. „Es ist besser, du gehst jetzt.“ Der arme Tropf folgte ihr wie ein Schoßhund. „Wir telefonieren“, versprach sie. Ich sah mich nach einem Schlupfloch um. Gerade noch rechtzeitig tauchte ich im Lichtschatten unter einer Treppe ab. Was ich sah, war keine Überraschung. Oliver Brunn, der Geschäftspartner von Markus Ottesen, bediente das Klischee vom Pakt mit dem Teufel.

 

Band

58

Enkeltrick

1

Weihnachten und Silvester lagen hinter uns. Das neue Jahr begann ebenso unspektakulär wie das alte zu Ende gegangen war. Das heißt, nicht ganz, denn in der Werkzeugecke in unserer Garage befand sich nun auch eine Kreissäge. Miriam hatte sie mir zu Weihnachten geschenkt, weil sie sich schon seit längerem eine Überdachung unserer Terrasse wünschte. Als Staatsanwältin war sie es zwar gewohnt, zielführend zu denken, aber ein persönliches Geschenk war das ganz sicher nicht. Man stelle sich vor, ich würde ihr einen Kochtopf schenken, Nicht auszudenken, was ich von meiner Liebsten zu hören bekäme.

So war ich an diesem Morgen also hinsichtlich Materialbeschaffung mit dem Wagen unterwegs. Da sich im Baumarkt ‚Am Rehmanger‘ nicht das richtige Material fand, musste ich bei Eisesglätte an der Feuerwehr vorbei, quer durch die Stadt gurken, um zur ‚Schweigerstraße‘ zu gelangen. Der Hype nach einem Cappuccino ließ mich allerdings am ‚Grüner Platz‘ einen Abstecher in die Innenstadt machen. Um nicht über den ‚Holzmarkt‘ fahren zu müssen, bog ich gegenüber der Volksbank in die ‚Neue Straße‘ ab.

Keine glückliche Entscheidung, wie mir bereits im nächsten Moment bewusst wurde, als ich in Höhe Seichter, einem ehemaligen Handwerkergeschäft, eine Vollbremsung hinlegen musste. Eine ältere Frau eilte ohne auch nur einen einzigen Blick für den Verkehr übrig zu haben, über die Straße. Der Wagen rutschte auf dem angefrorenen Asphalt unkontrolliert zur Seite und drehte sich dabei. Als sie bemerkte, wie mein Wagen auf sie zukam, blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte dem sich unausweichlich nähernden Ungetüm entgegen. In ihren Augen lag so viel Traurigkeit, wie ich sie selten zuvor bei jemandem gesehen hatte.

Wenige Zentimeter vor ihr blieb der T-Cross zum Glück stehen. Ich fiel in den Sitz zurück und atmete erleichtert auf. Nachdem ich ausgestiegen war, stand die Frau noch immer regungslos da. „Habe ich Sie touchiert?“, erkundigte ich mich besorgt. Sie drehte langsam den Kopf und sah mich aus weit aufgerissenen Augen fragend an. „Sind Sie verletzt, tut Ihnen etwas weh?“ Sie wandte sich von mir ab und setzte ihren Weg, ohne auf meine Fragen zu reagieren, einfach fort.

Ich setzte ihr nach. „Warten Sie! So können Sie nicht weitergehen.“ Sie sah mich kurz an, lächelte irgendwie merkwürdig und ging ungeachtet meiner Worte weiter. Lautes Hupen lenkte meine Aufmerksamkeit für einen Moment auf meinen Wagen, der noch immer mit weit geöffneter Tür mitten auf der ‚Neue Straße‘ stand. Ich bedeutete dem Fahrer des hinter meinem Wagen blockierten Autos die Ruhe zu bewahren. Die alte Frau war inzwischen weitergegangen.

Ich lief ihr nach. „Sie stehen unter Schock. Ich rufe einen Rettungswagen.“ „Es ist nichts passiert“, entgegnete sie fahrig. „Dann lassen Sie sich von mir zu einem Arzt fahren.“ „Wie Sie sehen, geht es mir gut“, erwiderte sie bestimmt. Der Typ im Auto hämmerte abermals auf der Hupe herum. „Also gut, aber dann nehmen Sie für den Fall der Fälle wenigstens meine Visitenkarte.“ Sie nahm sie, steckte sie ein und ging weiter. Ich sah ihr noch einen Moment nach, ehe ich durch das energische Hupen des unsensiblen Zeitgenossen aufgefordert wurde, meinen Weg fortzusetzen.

Da sie in die ‚Okerstraße‘ abgebogen war und ich in Richtung altes Gericht weiterfuhr, verlor ich sie schon an der Kreuzung aus den Augen. Zumindest fand ich an der Rückseite des Parkhauses gleich einen Parkplatz. Nur wenige Minuten später betrat ich vom ‚Herzogtor‘ kommend die Fußgängerzone.

Neun Millionen hatte die Sanierung der alten Gas- und Wasserrohre sowie die Umgestaltung der Wolfenbütteler Flaniermeile gekostet. Die Läden, die diese Durststrecke überstanden hatten, hofften nun darauf, dass sich ihre Umsätze wieder bessern und alles so wie früher würde. Was wären wir ohne unsere Träume?

Vor dem Café Klatsch standen drei Tische und einige Stühle, auf denen angesichts des kalten und ungemütlichen Winterwetters niemand saß. Bevor ich im Café verschwand, lies ich meinen Blick die Fußgängerzone hinuntergleiten und dachte an die Schneemassen, die sich zu meiner Jugendzeit im Januar vor den Geschäften auftürmten. Heute fiel nur noch selten Schnee, der dann auch noch liegen blieb. Meistens zeigte sich der Winter von seiner schmuddeligen Seite. Kein Wunder, dass kaum jemand das Haus verließ, um shoppen zu gehen. Da ist es im Internet bequemer, aber auch einsam.

„Hallo Leo“, begrüßte mich Gregor. Seit Anne in ihren wohlverdienten Ruhestand gegangen war, fehlte die Caféhausmutti hier an allen Ecken. Auch wenn die Qualität von Speisen und Getränken dem gewohnten Standard entsprach, fehlten mir unsere Gespräche und ihre Herzlichkeit. „Hallo Gregor, machst du mir bitte einen Cappuccino?“ „Schon in Arbeit.“ Ich griff mir die Zeitung und setzte mich an den letzten freien Tisch am Fenster.

Als ich hinaussah, musste ich unwillkürlich an die Vorweihnachtszeit zurückdenken, als ich Anne nach einer Idee für ein Geschenk für Miriam fragte. „So, dein Cappuccino“, riss mich Gregor aus den Gedanken. Ich bedankte mich, schlug die Zeitung auf und las von nichts anderem als von Krieg, Not und Elend. Gleichzeitig dachte ich an einen Satz, mit dem mich Ramona kürzlich aufhorchen ließ: „Wir machen die Welt kaputt.“ Wenn das, was gerade geschieht, selbst von einem fünfjährigen Kind registriert wird, frage ich mich, wie weit es noch kommen muss, bis die Mächtigen dieser Welt endlich zur Vernunft kommen.

Ich starrte in die Zeitung und hatte dennoch die Frau wieder vor Augen, die mir vor den Wagen gelaufen war. Auch wenn gottlob nichts passiert war, fragte ich mich, weshalb sie so von der Rolle gewesen war. Letztlich hatte sie beim Überqueren der Straße nicht auf den Verkehr geachtet. Zudem ging mir die Traurigkeit in ihren Augen nicht aus dem Sinn. Wahrscheinlich hatte sie kurz zuvor einen Schicksalsschlag erlitten.

Ich trank noch einen Cappuccino, las die Zeitung und dachte nicht weiter über mein morgendliches Erlebnis nach. Am späten Vormittag kehrte ich dann mit einem Wagen voller Balken und anderem Baumaterial nach Hause zurück. Leonie freute sich sehr, dass sie mir beim Ausladen helfen durfte.

„Sie wissen schon, dass solche Sträflingsarbeiten nicht zu einer klassischen Ausbildung zählen?“ Erstens bist du keine klassische Auszubildende und zweitens trainiert das Tragen von Balken deine Konstitution und deine Sinne“, erwiderte ich schulmeisterlich. „Meine Sinne stehen mir aber eigentlich nach etwas ganz anderem, Chef.“ „Lass mich raten, du hast Kohldampf.“ „Woher…?“ Ich schüttelte den Kopf. „Die Schlepperei macht halt hungrig. Nur gut, dass gleich Mittagspause ist.“

„Ich koche gleich Spaghetti mit Tomatensauce. Wenn du willst, kannst du gerne mitessen. Ramona isst in der Vorschule.“ „Na, da hat sie ja noch mal Glück gehabt.“ Ich sah Leonie beleidigt an. „Was soll das heißen? Bislang hat mein Essen noch jedem geschmeckt.“ „Ich sag´s mal so, wie es ist, Chef. Sie sind ein netter Mann, da möchte Ihnen niemand weh tun. Wenn Sie Trude und mir etwas Gutes tun wollen, dann laden Sie uns besser nach Mc Donald´s ein.“ Jetzt kapierte ich, aus welcher Richtung der Wind wehte.

„Die momentan etwas dürftige Auftragslage zwingt mich zum Sparen.“ Meine Azubine runzelte die Stirn, während ihr Blick das Baumaterial ins Visier nahm. „Verstehe…“ „Das ist eine Investition in die Zukunft“, erklärte ich. „Mein leibliches Wohl ebenfalls“, entgegnete sie zungenfertig. Ich stutzte, schüttelte den Kopf und ging Spaghetti kochen.   

2

Der Nachmittag verlief wie so oft dieser Tage ohne nennenswerte Ereignisse. Meine Azubine und ich waren im Auftrag einer Versicherungsgesellschaft bei einem Außeneinsatz damit beschäftigt, eine dubiose Schadensmeldung zu überprüften. Trude war mit Buchführung und einigen Recherchen in einem Fall von angeblicher Entmietung beschäftigt und Axel war, wie so oft, mit der Stiftung in der Twelkenmühle eingebunden. Auch wenn es dieser Tage keine größeren Fälle zu bearbeiten gab, hielten wir uns zumindest über Wasser.

Obwohl erst später Nachmittag, war es fast dunkel, als ich mit Leonie im Schlepptau in die Detektei zurückkehrte. Zu meiner Überraschung war Trude nicht allein in der Anmeldung. „Hallo Tim“, begrüßte ich den Kriminalhauptkommissar. „Was führt dich in die Detektei? Brauchst du etwa einen kompetenten Ermittler?“ „Wer weiß?“, zuckte er mit den Achseln. „Kann ich dich kurz sprechen?“ An seinem Gesichtsausdruck war zu sehen, dass er in einer ernsten Angelegenheit gekommen war.

„Macht Feierabend Mädels, morgen ist auch noch ein Tag“, ließ ich die verbleibenden zehn Minuten bis zum regulären Arbeitsende großzügig unter den Tisch fallen. „Gehen wir in mein Büro“, schlug ich vor. „Willst du einen Kaffee?“ Tim schüttelte den Kopf.

„Was kann ich für dich tun?“ Er legte eine meiner Visitenkarten auf den Schreibtisch. Ich sah ihn fragend an. „Ja und?“ „Vor etwa zwei Stunden wurden wir in den Seeliger-Park gerufen, weil ein Spaziergänger dort eine ältere Frau tot auf einer Bank sitzend aufgefunden hat.“ Ich stutzte. „Ein natürlicher Tod?“, fragte ich nach. „Wir wissen es noch nicht. Die erste Leichenschau ergab nichts Außergewöhnliches. Deine Frau und ich haben uns dennoch zu einer Obduktion entschlossen.“

„Das ist alles sehr tragisch, aber was kann ich in dieser Sache für dich tun?“, erkundigte ich mich verwundert. „Die Frau hatte keinerlei Papiere bei sich. Einzig diese Visitenkarte.“ „Jetzt verstehe ich. Du hoffst, dass ich dir bei ihrer Identifizierung weiterhelfen kann.“ „Wie du da nur so schnell draufkommen konntest“, feixte Tim. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief ein Foto der Toten auf.

Ich erstarrte, als ich die Frau erkannte. „Ach du dicker Vater. Die habe ich heute Morgen fast über den Haufen gefahren.“ Der Hauptkommissar sah mich fragend an. „Bei der Identität der Frau kann ich dir leider nicht weiterhelfen“, musste ich die Hoffnung des Hauptkommissars zerschlagen. „Ich habe sie heute Morgen zum ersten Mal gesehen. Sie erschien mir verwirrt und irgendwie abwesend. Und dann waren da noch diese traurigen Augen.“

Tim sah mich irritiert an. „Was meinst du?“ „Ich weiß gar nicht, wie ich es dir erklären soll, aber die waren so voller Trauer, als wenn sie gerade einen geliebten Menschen verloren hatte oder einen anderen schlimmen Schicksalsschlag hinnehmen musste.“ „Du sagtest, du hättest sie fast über den Haufen gefahren“, griff Tim meine Worte auf. „Ja, sie trat einfach so, ohne sich um den Verkehr zu kümmern, auf die Straße. Der Wagen kam auf der glatten Straße nur wenige Zentimeter vor ihr zum Stehen. Da sie keinen Krankenwagen wollte und es ihr so weit gut zu gehen schien, gab ich ihr meine Visitenkarte und machte die Straße frei.“

Tim kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. „Hast du nach ihrem Namen gefragt?“ „Die ganze Situation war so absonderlich, weil sie ständig weitergehen wollte, dass ich froh war, als sie die Karte einsteckte und nicht gleich wegwarf.“ „Für dich gab es dennoch keinerlei Anzeichen auf einen bevorstehenden Suizid?“, stellte Tim eine Frage, die mich auch in den folgenden Wochen nicht loslassen sollte. „Jetzt, im Nachhinein, mache ich mir natürlich Vorwürfe, weil ich nicht doch einen Rettungswagen gerufen habe, aber in der Situation war ich mir einer solchen Entwicklung nicht bewusst.“ „Ich will dir um Himmels Willen kein schlechtes Gewissen einreden, aber egal, was auch immer die Frau dazu trieb, sich das Leben zu nehmen, sie hatte offensichtlich niemanden.“

In den nächsten Tagen war ich froh, dass keine neuen Fälle hereinkamen. Obwohl mir diese, aus heutiger Sicht, zumindest Abwechslung verschafft hätten. Es gelang Tim Sinner die Identität der Frau durch einen Öffentlichkeitsaufruf zu klären. Meine Schuldgefühle minderte dies allerdings nicht. Auch wenn ich versuchte, mir gegenüber meiner Familie nichts anmerken zu lassen, lies Miriam nicht locker, bis ich ihr alles erzählt hatte.

Ich wusste, dass sie mich nur auf andere Gedanken bringen wollte, als sie mir immer wieder mit der Terrassenüberdachung auf die Pelle rückte, aber das war ehrlich gesagt das Letzte, wonach mir in diesen Tagen der Sinn stand. Meine Ausrede, dass sich solche Handwerksarbeiten besser im Frühjahr bewerkstelligen ließen, schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Erst als ich mit spitzem Bleistift, Millimeterpapier und allerlei Linealen die Planung in Angriff nahm, beruhigte sich das Ganze etwas.

Allmählich wurden auch meine Anrufe bei Tim seltener und letztlich erfuhr ich, dass sich die alte Frau mit einem Medikamentencocktail das Leben genommen hatte. Keiner ihrer Angehörigen konnte sich die Tat erklären und so beruhigte sich mein schlechtes Gewissen allmählich wieder und ich war gerade wieder bereit für einen neuen Fall, als eine ältere Dame die Detektei betrat.

„Guten Tag, mein Name ist Sophie Schreiner“, stellte sie sich Trude vor. „Ich würde gern die Hintergründe des Selbstmords meiner Freundin aufklären lassen.“ Meine Putzsekretärin reagierte zwiegespalten. Hatte sie auf der einen Seite mitbekommen, wie mir der Suizid der alten Frau zugesetzt hatte, war ihr auf der anderen Seite bewusst, wie wichtig ein neuer Fall für die Detektei war. „Darf ich fragen, um wen es sich handelt?“, hatte Trude eine Vorahnung. „Es geht um Irmela Wacholder.“

Meine Mitarbeiterin schluckte trocken. „Wir haben momentan viel zu tun, aber ich werde den Chef fragen, ob wir noch einen weiteren Fall annehmen können.“ „Ach bitte, ich kenne nur diese eine Detektei.“ Trude erhob sich. „Wenn Sie bitte einen Moment hier warten würden?“ Die potentielle Klientin nickte ihr zu, während Trude an meine Bürotür klopfte.

„Sorry, aber in der Anmeldung sitzt eine gute Freundin von Frau Wacholder.“ Schlagartig waren die Bilder, die traurigen Augen und alles andere wieder da. Nichts von alledem war vergessen oder verarbeitet, alles war wieder so präsent, als wäre es gerade erst geschehen. Ich starrte Trude an, ohne ein einziges Wort zu sagen. „Sie möchte erfahren, was ihre Freundin in den Tod trieb und ehrlich gesagt, würde ich das auch gern wissen.“

Während ich über eine Antwort nachdachte, fragte ich mich, was eigentlich mit mir los war. In all den Jahren bei der Braunschweiger Kriminalpolizei und auch als Detektiv hatte ich so manche Situation erlebt, in der ich mich selbst hinterfragen musste. Hatte Begegnungen mit Menschen, denen ich nicht helfen konnte und im Grunde war es mit jener alten Frau nicht anders. Sie wollte sich nicht von mir helfen lassen. Ich kannte sie nicht, war kein Vertrauter und so stand es mir nicht zu, sie wegen ihrer Traurigkeit zu befragen.

„Es ist wohl besser, wenn ich der Frau absage“, schlussfolgerte Trude aus meinem Schweigen. „Das werden Sie nicht machen“, erhob ich mich, als wäre ich gerade von einer Tarantel gestochen. „Wir nehmen den Fall an. Bitten Sie die Dame herein.“ „Gut, dann verschiebe ich Ihre Termine um eine halbe Stunde“, schauspielerte Trude, während sie die Tür zu meinem Büro öffnete und meiner Bitte nachkam. „Herr Lessing nimmt sich Zeit für Sie“, erklärte sie und bedeutete ihr mit einer einladenden Handbewegung, dass ich in meinem Büro auf sie warte. „Vielen Dank.“

„Guten Tag. Lessing“, begrüßte ich die Frau und bot ihr einen Platz vor meinem Schreibtisch an. „Einen Kaffee?“ „Gern, bitte schwarz.“ „Bevor ich die Tür zu meinem Büro schloss, vergewisserte ich mich, ob Trude ihren Wunsch mitbekommen hatte.

„Mein Name ist Schreiner“, stellte sie sich mir vor. Ich war die Freundin von Irmela Wacholder, der Frau, die man Anfang letzter Woche tot auf einer Bank im Seeliger-Park aufgefunden hat.“ „Ich bin im Bilde“, entgegnete ich. „Der Selbstmord meiner Bekannten geht mir einfach nicht aus dem Kopf.“ „Das kann ich wirklich gut verstehen“, nickte ich ihr anteilnehmend zu. „Ich habe Ihre Freundin am Morgen vor ihrem Suizid in der Stadt gesehen. Um genau zu sein, lief sie mir vors Auto.“

Sie reagierte überrascht. „Was soll das heißen?“ „Ich konnte einen Unfall vermeiden. Ihre Freundin wirkte irgendwie abwesend auf mich und sie schien mir unglücklich zu sein.“ „Das verstehe ich nicht“, schüttelte Frau Schreiner ungläubig den Kopf. „Irmela war eigentlich eine Frohnatur. Sie hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und immer einen Spruch parat.“ „Dann muss kurz vor ihrer Tat etwas Schlimmes geschehen sein“, sinnierte ich.

Die alte Dame nahm ihre Brille ab und tupfte sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen aus den Augen. „Soweit ich weiß, gab es keinen solchen Grund. Und wenn, dann hätte sie mich sofort angerufen und mir davon erzählt.“ „Sie waren offenbar sehr vertraut miteinander“, folgerte ich. Sie zuckte mit den Achseln. „Wie gesagt, wir waren Freundinnen.“ „Dann kennen Sie doch sicherlich auch die Familie der Verstorbenen.“

Trude unterbrach das Gespräch, als sie den Kaffee hereintrug. „Ich hoffe, er schmeckt Ihnen“, setzte sie die Tasse vor Frau Schreiner ab und verließ wieder das Büro. „Ihr Sohn Klaus wohnt mit Marie und ihrem Enkel Jakub in Ahlum. Soviel ich weiß, arbeitet er hier in Wolfenbüttel als Mechaniker bei Alpert und Maschke. Irmela wohnte bei mir um die Ecke in der ‚Bahnhofstraße‘. Die Nummer weiß ich nicht.“ „Bei Ihnen um die Ecke?“ „Ich lebe in der Seniorenresidenz am Schulwall.“

Durch einen meiner letzten Fälle kannte ich dieses Heim. Es war eher kleiner, aber es gehörte nicht nur durch seine Lage zu den besseren Häusern in der Stadt. Dafür galt es allerdings als nicht so günstig. Meine potentielle Klientin musste also über einen gewissen Wohlstand verfügen.

„War Frau Wacholder eigentlich verheiratet?“ „Ihr Mann Johannes verstarb vor etwa zwei Jahren an einem Herzinfarkt.“ „Sie lebte also seitdem allein“, schlussfolgerte ich. „Eigentlich war die Wohnung viel zu groß für sie, aber sie war lange Zeit nicht bereit, den letzten Schritt zu gehen. Erst vor ein paar Wochen entschloss sie sich, zu mir in die Residenz zu ziehen. Leider gibt es eine Wartezeit.“ „Gab es weitere Freunde und Bekannte?“, hakte ich nach. „Seit dem Tod ihres Mannes lebte Irmela sehr zurückgezogen“, seufzte die Frau vor meinem Schreibtisch, während sie die Kaffeetasse ansetzte.

„Nehmen Sie den Fall an?“ „Mein Tagessatz beläuft sich auf fünfhundert Euro plus Spesen und dreihundert Euro für meine Mitarbeiterinnen.“ Sie sah mich durchdringend an. „Hauptsache, Sie sind es wert.“ „Gut, dann darf ich Sie bitten, mir diese Vollmacht zu unterschreiben, in der Sie mir bestätigen, dass ich in Ihrem Namen ermitteln darf.“ Ich legte ihr das Formular vor und sah ihr dabei zu, wie sie jede einzelne Zeile aufmerksam durchlas. „Wann können Sie mit Ihrer Arbeit beginnen?“ Ich sah zur Uhr. „Ich habe jetzt noch zwei Außentermine, aber danach könnte ich direkt loslegen.“ „Dann berechnen Sie für heute aber nur einen halben Tag, oder?“ Ich nickte ihr amüsiert zu.

„Einen Schlüssel zur Wohnung Ihrer Freundin haben Sie wohl nicht zufällig?“ „Den hatte ich quasi für den Notfall, aber inzwischen habe ich den ihrem Sohn zurückgegeben. Klaus begann am Wochenende die Wohnung zu räumen. Es muss ja alles irgendwie weitergehen.“ „Was sagt denn die Familie zu dem Suizid?“ „Ihren Enkel Jakub hat der Tod seiner Oma natürlich sehr mitgenommen“, erklärte Frau Schreiner. „Klaus ist eher, wie sein Vater war. Er versucht sich nichts anmerken zu lassen und Marie hat viel damit zu tun, ihre Männer zu trösten.“ „Sie kennen sich gut in der Familie aus“, stellte ich fest. „Irmela und ich kennen uns seit der Schulzeit und haben uns nie aus den Augen verloren. Da bekommt man einiges mit.“

„Nun gut, Ich werde heute noch Kontakt zu Herrn Wacholder aufnehmen. Darf er wissen, dass Sie meine Auftraggeberin sind?“ „Ich habe ihm gesagt, dass ich einen Detektiv beauftragen werde.“ Ich war überrascht. „Wie hat er darauf reagiert?“ „Er sagte, ich solle mir das Geld sparen und das niemand den Grund für den Suizid herausfinden wird.“ „Na, dann hoffe ich mal, dass ich ihn eines Besseren belehren kann.“

3

Nachdem meine Mitarbeiterinnen die Adresse, die Telefonnummer und einige Informationen zu Klaus und Marie Wacholder recherchiert hatten, rief ich den Sohn der Verstorbenen persönlich an, um einen Termin für den Nachmittag mit ihm auszumachen. Während Trude mehr über das Leben der Toten in Erfahrung bringen sollte, fuhren Leonie und ich nach Ahlum, wo wir ‚In den Ackern‘ nach dem Haus mit der Nummer 42 suchten.

Als wir vor dem Einfamilienhaus ankamen, war der Sohn der Verstorbenen gerade damit beschäftigt, den Gehsteig vom frisch gefallenen Schnee zu befreien. „Herr Wacholder?“ „So ist es“, bestätigte er. „Herr Lessing, nehme ich an.“ „Frau Fischer, meine Mitarbeiterin“, stellte ich Leonie vor. „Am besten gehen wir rein“, schlug er vor und stellte den Schneeschieber zur Seite.

„Sie wohnen sehr ruhig hier draußen“, stellte ich fest, während wir ihm ins Haus folgten. „Ja, das stimmt. Vor allem abgelegen und doch nicht einsam. Hier passen die Leute noch aufeinander auf.“ „Das ist gerade in der heutigen Zeit effektiver als die beste Alarmanlage“, pflichtete ich ihm bei.

„Das ist meine Frau, Maria“, stellte er seine Frau vor. „Mögen Sie einen Cappuccino?“ „Das wäre ein Träumchen“, entgegnete ich erfreut. Leonie grinste sich eins. „Und Sie?“ „Ich würde auch einen nehmen.“ Damit verschwand die recht ansehnliche Frau in der Küche.

„Sie ermitteln also für Frau Schreiner“, brachte es der Sohn der Verstorbenen auf den Punkt. „Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, aber wenn es Sophie hilft, mit dem Suizid meiner Mutter klarzukommen, soll es mir recht sein.“ „So einen Schritt zu gehen ist ja schon ungewöhnlich, aber ihn quasi aus heiterem Himmel zu gehen, ohne dass sich eine solche Tat in irgendeiner Weise vorher angekündigt hätte, wirft natürlich die Frage nach dem Warum auf.“

„Wem sagen Sie das? Meine Frau und ich standen erst einmal unter Schock, als uns der Kommissar die Nachricht überbrachte.“ „Das kann ich mir vorstellen“, zeigte Leonie Verständnis. „Gab es im Leben Ihrer Mutter Hinweise auf Lebensmüdigkeit oder Depressionen?“, fragte Leonie geradeheraus. „Mein Vater starb vor etwa zwei Jahren. Damals verfiel sie zwar in eine tiefe Trauer, aber nach über dreißig Jahren Ehe ist das wohl nachvollziehbar. Eigentlich erholte sie sich dann recht schnell und fasste neuen Lebensmut. Sophie unterstützte sie damals sehr.“

„Haben Sie in der Wohnung Ihrer Mutter etwas, was Ihnen merkwürdig vorkam?“, suchte ich nach einem Anhaltspunkt, der mich auf eine Spur bringen konnte. „Was meinen Sie?“ „Unterlagen, Briefe, Dokumente, die Ihnen fremd waren. Ich denke beispielsweise an einen unseriösen Vertrag, den man ihr vielleicht über das Internet oder an der Haustür aufgedrängt hat.“ Herr Wacholder sah mich aus großen Augen alarmiert an. „An eine solche Möglichkeit hatte ich bislang noch gar nicht gedacht.“

Seine Frau trug ein Tablett mit Cappuccinos herein. „Sag mal Marie, ist dir in Mutters Unterlagen irgendetwas spanisch vorgekommen?“ Sie verteilte die Tassen und sah ihren Mann nachdenklich an. „Nee, aber wenn, dann hätte ich es dir doch sofort gesagt.“ „Hatte Ihre Mutter die Möglichkeit, ins Internet zu gehen?“, hakte Leonie nach. „Ja sicher, Sie bestellte sich ab und an etwas. Ich hatte ihr ein PayPal-Konto eingerichtet.“ „Es wäre gut, wenn Sie mir die Zugangsdaten geben würden. Ebenso ihre Mail-Adresse und die Telefonnummer.“ „Gut.“

Klaus Wacholder sah mich durchdringend an. So als würde er darüber nachdenken, ob er mir trauen konnte. Unsere gemeinsame Vorliebe für guten Cappuccino sorgte für eine Brücke des Vertrauens. Als ich ihm dann auch noch erzählte, dass ich vor einigen Jahren bei seinem Arbeitgeber einen Wagen gekauft hatte, war das Eis gebrochen.

„Am Mittwoch ist Testamentseröffnung. Vielleicht erfahre ich dabei etwas, was uns weiterbringt“, ließ er mich aufhorchen. „Meine Eltern waren zwar nicht reich, aber auch nicht mittellos“, beschrieb er die finanzielle Situation seiner Mutter eher vage. „Hatte sie nicht vor, zu Frau Schreiner in die Seniorenresidenz zu ziehen?“ Die Eheleute sahen sich verblüfft an. „Davon wissen wir gar nichts“, entgegnete die Schwiegertochter. „Wahrscheinlich wollte sie erst dann darüber reden, wenn es so weit war“, relativierte ich, um die Situation zu retten.

„Gut möglich, die beiden verzapften ja öfter mal irgendeinen Blödsinn“, reagierte Frau Wacholder mit einem Lächeln. Ich nahm mir vor, meine Klientin bei Gelegenheit danach zu fragen. Die Frage, die ich mir selbst stellte, lautete, ob in der Familie tatsächlich alles so tutti war. Immerhin versprach mir Klaus Wacholder mich hinsichtlich der Testamentseröffnung auf dem Laufenden zu halten und uns die gewünschten Informationen zuzusenden.

„Sagen Sie mal Chef, weshalb haben Sie ihn nicht nach dem Wohnungsschlüssel gefragt?“ „Was willst du in einer leeren Wohnung? Das, was für uns von Interesse sein könnte, haben die beiden doch schon mitgenommen.“ „Sie haben mal gesagt, das, was man nicht auf den ersten Blick sieht, ist oft das wirklich Interessante.“ „Merkst du wie viel Weisheit in diesen Worten steckt?“, konnte ich kaum glauben, dass dieser Satz von mir stammte. „Du hast recht, wir werden Herrn Wacholder bei Gelegenheit nach dem Schlüssel fragen.“

Leonie sah zur Uhr. „Eigentlich könnten wir doch schon Feierabend machen, oder?“ „Bislang haben wir nichts vorzuweisen“, entgegnete ich. „Was soll ich unserer Klientin sagen, wenn sie fragt? Nee, nee, ein Stündchen müssen wir noch.“ Ein Stöhnen erfüllte den Wagen. „Mir knurrt der Magen.“ „Das ist nichts Neues, meine Liebe. Wir werden jetzt die Nachbarschaft von Frau Wacholder befragen. Du wirst sehen, wie schnell die Zeit dabei vergeht und dein Hungergefühl wird auch verschwinden.“

Bei meiner letzteren Prognose war ich wohl etwas zu optimistisch. Der nervöse Magen meiner Azubine weckte einige irritierte Blicke während der Befragung. „Falls Sie ins Bad müssen, dann tun Sie sich keinen Zwang an“, bemerkte Kasper Hutz, nachdem wir auf seinem Rokoko-Sofa Platz genommen hatten. „Oh danke, es geht schon.“

Die merkwürdigen Geräusche, die Leonie abgab, brachten mich immer wieder völlig aus dem Konzept. Es war höchste Zeit, dass ich mit Christoph darüber sprach. Ihr schier unersättlicher Appetit bereitete mir allmählich Sorge. „Es ist nur, weil ich schon lange nichts mehr gegessen habe.“ „Ja warum sagen Sie das denn nicht gleich, junges Fräulein“, erkundigte sich Kasper Hutz besorgt. Bevor ich meine nächste Frage stellen konnte, erhob er sich, ging an ein Büfett und kehrte mit einer runden Keksdose zurück. „Ich liebe diese Dänischen Kekse.“ „Oh ja, ich ebenfalls.“ „Soll ich uns einen Kakao dazu machen?“ Ich versuchte auf die Befragung zurückzukommen. „Bitte machen Sie sich keine Umst…“ „Au ja!“ Unser informelles Gespräch war zur Nebensache geworden.

Während Kasper Hutz in seiner Küche werkelte, machte ich Leonie klar, dass wir ganz sicher nicht mit einer Stunde auskommen würden, wenn wir bei der Befragung der anderen Hausbewohner in der gleichen Weise vorgingen. „Kein Problem, Chef, wenn es bei den anderen Leuten auch was Leckeres zu essen gibt.“ Mir klappte die Kinnlade herunter, Was sollte ich darauf antworten?

Bei Dresdener Kakao und Dänischen Keksen erzählte unser Gastgeber von einer zurückgezogen lebenden alten Dame, die ihre Wohnung nach dem Tod ihres Mannes nur selten verließ. Wenn man sich im Treppenhaus begegnete, habe man stets freundlich gegrüßt und auch schon mal zwei Worte miteinander gewechselt, aber es sei nie zu mehr als nur Smalltalk gekommen.

„Wenn Sie Langeweile haben, können Sie jederzeit gern bei mir vorbeikommen“, reichte Kasper Hutz meiner Auszubildenden seine Visitenkarte. „Wenn Sie dann wieder Kakao kochen und die Kekse da haben…“ „Aber gewiss doch, junges Fräulein. Ich freue mich schon, wieder mit Ihnen zu plaudern.“ Leonie nickte dem schmächtigen Mann lächelnd zu, während er die Tür hinter uns schloss. „Ich hatte das Gefühl, ich wäre gar nicht anwesend gewesen“, stellte ich fest. „Stimmt, ging mir genauso, Chef.“

Ignoranz ist die Stärke der Egoisten oder die Schwäche der Unsichtbaren. Während wir die übrigen Hausbewohner befragten, achtete ich darauf, nicht farblos zu bleiben. Die Infos, die wir bekamen, hielten sich dennoch in Grenzen. Allein der ältere Herr, der die Wohnung neben der von Irmela Wacholder bewohnte, hatte eine interessante Aussage zu machen.

„Ich weiß noch genau, es war der Nachmittag, bevor sie tot im Seeliger-Park aufgefunden wurde. Mein Enkel hatte nämlich an diesem Tag Geburtstag und ich war gerade vom gemeinsamen Mittagessen nach Hause gekommen, als ich vor meiner Wohnungstür stand und sie aufgeregt sprechen hörte. Ich glaube, sie telefonierte mit jemanden.“ „Wie kommen Sie darauf?“, hakte ich nach. „Sehen Sie selbst“, deutete er auf seinen Telefonanschluss im Flur. „Wie Sie sehen, besitze ich ein Mobilgerät, kann also in jedem Zimmer telefonieren. Das ist bei Irmela anders. Sie hat ein stationäres Gerät und das befindet sich eben da, wo der Anschluss ist.“

„Konnten Sie denn irgendetwas von dem Gespräch verstehen?“ „Leider nicht, mein Gehör ist nicht mehr das Beste. In bekam nur mit, dass Irmela sehr aufgeregt war.“ „Verstehe.“ „Ich bin ja dann auch in meine Wohnung gegangen.“ „Können Sie sich noch an die Uhrzeit erinnern?“ „Aber ja, das muss so gegen 15 Uhr gewesen sein.“ „Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen.“

„Wieso hat er uns geholfen?“, erkundigte sich Leonie, nachdem der Zeuge die Tür geschlossen hatte. „Mir ist da gerade ein Gedanke gekommen, den wir überprüfen sollten.“ Meine Azubine sah mich fragend an. „Herr Wacholder gab uns die Zugangsdaten für die Fritz Box seiner Mutter. Sowie ich in der Detektei bin, werde ich einfach die Telefonverbindungen in der betreffenden Zeit heraussuchen und die entsprechenden Nummern abtelefonieren.“ „Sie? Computer? Nee! Wenn Sie etwas Essbares organisieren, mache ich das.“     

Ich staunte einmal mehr, wie schnell das bei den jungen Leuten heutzutage geht. Auch wenn ich nun wirklich kein absoluter Dulli am Computer war, aber so sicher und selbstverständlich, wie Leonie mit der Technik umging, konnte ich es mir nur erträumen. „Sehen Sie selbst, Chef. Es gab in der fraglichen Zeit nur einen einzigen Anruf bei Frau Wacholder.“ Leonie kopierte die Nummer und gab sie in ein Rückwärtssuchprogramm ein. Nach wenigen Sekunden war klar, dass sie zu einem Server nach Ungarn führte.

„Endstation“, seufzte meine Azubine. „Ab hier lässt sich die Nummer nicht weiterverfolgen.“ Es war klar, dass ein Nachverfolgungsantrag in diesem Land nahezu aussichtslos war. Auch als ein Mitglied der EU sträubte sich dieses Land gegen jede Art der Kontrolle. Das Geld aus Brüssel kam ja dennoch. Manchmal habe ich den Schmusekurs mit einigen dieser Länder einfach nur satt.

„Ein privater Anschluss steckt bestimmt nicht dahinter“, mutmaßte Leonie. „Ganz sicher nicht“, pflichtete ich ihr bei. „Ich fürchte Frau Wacholder wurde das Opfer eines Enkeltricks“, sprach ich meine Vermutung aus. „Das wäre eine Erklärung für die Aufregung, die uns ihr Nachbar beschrieb.“ „Und wenn die Gauner Erfolg hatten, dann erklärt sich auch ihre Traurigkeit am nächsten Morgen“, fügte ich an. Plötzlich machte alles einen Sinn.

4

Noch gab es keinen Beweis für meine Theorie und so hielt ich mit dieser Information zunächst noch hinter dem Berg. Bevor ich meiner Klientin davon Bericht erstattete, wollte ich Beweise sammeln. Der Besuch von Herrn Wacholder und seiner Frau in der Detektei stellte jedoch meine Zurückhaltung auf den Kopf.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich überrascht. „Wir kommen gerade von der Bank. Die Konten meiner Mutter sind leer“, erzählte er aufgeregt. „Bitte beruhigen Sie sich bitte erstmal. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten.“ „Heute Morgen war Testamentseröffnung“, fuhr er hitzig fort. „Meine Mutter hat mich als Alleinerben eingesetzt, aber am Tag vor ihrem Tod hat sie ihr gesamtes Ersparte von der Bank geholt.“ „Um welche Summe reden wir?“ „Auf ihrem Sparbuch waren über dreißigtausend Euro.“

„Ich fürchte, Ihre Mutter wurde das Opfer von Telefonbetrügern.“ Die Eheleute starrten mich entsetzt an. „Wir wissen inzwischen, dass Ihre Mutter am Tag vor ihrem Tod einen Anruf bekam, auf den sie wahrscheinlich panisch reagierte. Wir stießen im Protokoll der Fritz-Box auf eine Telefonnummer, die zu einem Server nach Ungarn führt. An dieser Stelle kommen wir leider nicht weiter.“ „Sie sollten Anzeige erstatten“, riet ich.

Wenn man als Detektiv mit den eigenen Mitteln nicht weiterkommt, sollte man dies eingestehen und andere Wege empfehlen. So, hatte ich es immer gehalten und nur so bleibt man seriös. „Ich gebe Ihnen den Ausdruck des Protokolls aus der Fritz-Box mit, damit Sie den bei der Polizei vorlegen können. Soviel ich weiß, gibt es in Wolfenbüttel noch keine Abteilung gegen Cyber Kriminalität. Da werden Sie wohl nach Braunschweig müssen.“ „Dann hat sich meine Mutter deswegen das Leben genommen“, liefen ihm die Tränen.

Zumindest war es mir gelungen, hinsichtlich ihres finanziellen Verlustes einen Hauch von Hoffnung in die Gesichter der Eheleute zu bringen, wenngleich ich weniger an einen Erfolg glaubte. „Haben Sie herzlichen Dank, Herr Lessing. Falls wir mal ein Problem haben, kommen wir ganz bestimmt auf Sie zurück“, erklärte Herr Wacholder, während ich ihn in der Anmeldung verabschiedete.

Trude, die mal wieder über die Gegensprechanlage alles mitgehört hatte, schüttelte mürrisch den Kopf. „Wieso haben Sie die Leute denn an die Polizei verwiesen?“ „Weil wir ihnen nicht weiterhelfen konnten.“ „Dann wird sich Frau Schreiner gewiss auch zurückziehen“, seufzte Leonie. „Der Grund für den Suizid ihrer Freundin dürfte somit klar sein. Ich fürchte, es gibt somit keinen Grund mehr, uns weiterhin zu engagieren.“   

Ich rief also unsere Klientin an und verabredete mich mit ihr in der Seniorenresidenz. Wie so oft, wenn ich mit dem Wagen in die Stadt fahre, sind Parkplätze Mangelware. Mir blieb also nichts anderes übrig, als ins Parkhaus zu fahren. Frau Schreiner erwartete mich auf ihrem Zimmer im ersten Obergeschoss.

Ich war überrascht, als ich ihr geschmackvoll eingerichtetes Refugium betrat. „Alle Achtung, Sie haben es sich wirklich gemütlich gemacht.“ „Ich war dreimal verheiratet. Etwas Gutes musste der ganze Ärger, den das mit sich brachte, ja haben.“ „Da haben Sie natürlich recht“, schmunzelte ich.  „Aber nun spannen Sie mich bitte nicht länger auf die Folter, was gibt es für Neuigkeiten?“

Ich beschrieb mit wenigen Worten, was wir herausgefunden hatte und räumte ein, dass ich mit meinen Möglichkeiten am Ende war. „Das sehe ich anders, Herr Lessing. „Im Grunde geht es doch jetzt erst los und ich werde Sie dabei unterstützen.“ Ich sah meine Klientin nachdenklich an und begriff letztlich, worauf sie hinauswollte. „Sie wollen den Betrügern eine Falle stellen.“ „Sie sind also doch das pfiffige Kerlchen, für das ich Sie gehalten habe“, freute sich die couragierte Dame.

„Die Idee hat was“, sinnierte ich. „Es stellt sich allerdings die Frage, wie wir dafür sorgen können, dass die Betrüger ausgerechnet bei uns anrufen?“ „Für etwas kreativer hätte ich Sie schon gehalten. Ist es nicht so, dass sich diese Leute ihre Opfer über das Telefonbuch heraussuchen?“ Ich stimmte ihr zu, ohne zu wissen, worauf sie hinauswollte. „Und suchen die sich nicht immer ältere Leute heraus, indem sich diese Verbrecher an betagt klingende Namen orientieren?“ „Wir können doch nicht alle in Frage kommenden Personen in der Stadt anrufen und vor einem solchen Anruf warnen“, sah ich eine Menge Arbeit auf uns zukommen.

„Allein hier in der Residenz gibt es eine ganze Reihe Mitbewohner, die sich zu Tode langweilen. Für eine so gute Sache sind die ganz bestimmt zu haben.“ „Gut, gehen wir mal davon aus, wir liegen mit unserer Idee richtig, dann wissen wir immer noch nicht, wovor wir die Menschen warnen sollen. Es gibt mehrere Varianten des Enkeltricks“, gab ich zu bedenken. „Es geht doch aber immer um das Geld der Opfer. Wir könnten den Leuten sagen, dass sie sich dann sofort bei uns melden sollen, wenn der Anrufer verlangt, dass sie bei ihrer Bank Geld holen sollen.“

Ich musste zugeben, dass die Idee der alten Dame nicht die schlechteste war, aber ich wusste auch, dass die Betrüger sie meistens so lange am Telefon hielten, bis sie in die Bank gingen. „Na schön, aber dann müssen wir den Leuten auf jeden Fall sagen, dass sie kein Online Banking machen.“

5

Nicht nur meine Mädels knieten sich in den kommenden Tagen voll rein. Auch die Senioren waren mit großem Eifer bei der Sache. In einer Stadt von der Größe Wolfenbüttels, die obendrein einen überprozentualen Anteil an Rentnern hat, gab es hunderte Telefonate zu führen. Handynummern wurden dabei noch nicht einmal berücksichtigt, denn die wurden selten von Betrügern angerufen.

Nach knapp einer Woche waren alle in Frage kommenden, potentiellen Opfer informiert. Nun hieß es warten. Für Klaus Wacholder schien das Warten auf die erlösende Nachricht von der Polizei ein Geduldspiel zu sein, dem er nicht gewachsen war. Als er von meiner Klientin erfuhr, dass wir einen anderen Ansatz verfolgten, kam er in die Detektei.

„Ich habe von Frau Schreiner gehört, wie sie den Tätern auf die Spur kommen wollen“, berichtete er. „So, wie Sie die Sache verfolgen, scheint es mir erfolgversprechender zu sein. Die Polizei hat den Server, von dem aus der Anruf zu meiner Mutter ausging, in Ungarn bestätigt und bei den dortigen Behörden ein Amtshilfeersuchen gestellt. Ihrer Erfahrung nach kann es Wochen dauern, ehe sich die betreffende Stelle meldet. Meistens führen die eigentlichen Ermittlungen vor Ort dann ins Leere.“

„Ich habe Ihnen von Anfang an wenig Hoffnung gemacht“, entgegnete ich seufzend. „Es ist mir ein Graus, wenn solche hinterhältigen Betrüger ungeschoren davonkommen“, schimpfte der Sohn der Verstorbenen. „Es ist traurig, aber so lange die Politik im Dornröschenschlaf verharrt, wird sich daran nichts ändern“, tat ich meine Meinung dazu kund. „Die Verbrecher wissen nur zu gut, wie sie die Schwachstellen der Justiz ausnutzen können.“

„Wäre es für Sie vorstellbar, dass ich mich an Ihren Ermittlungen beteilige?“, erkundigte sich der Mann vor meinem Schreibtisch. „Wenn Sie sich an den Kosten für mein Honorar beteiligen wollen, sollten Sie das mit Frau Schreiner besprechen.“ „Ich dachte eher an eine persönliche Unterstützung“, erwiderte Herr Wacholder. Ein solches Angebot hatte ich auch noch nicht bekommen. „Da muss ich Sie enttäuschen, dass geht schon aus rechtlichen Gründen nicht. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich Sie informiere, sobald ich etwas Genaueres weiß.“

„Mein Sohn hatte eine ganz besondere Verbindung zu meiner Mutter. Er leidet seht unter ihrem Tod. Es wäre gut für ihn, wenn die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden.“ „Ich kann nichts versprechen, aber wir tun unser möglichstes und darüber hinaus“, versprach ich. „Wenn ich ehrlich bin, dachte ich nicht, dass Sie überhaupt etwas herausfinden würden.“ „Auch das ist möglich.“

„Jakub fährt leidenschaftlich gern Motorrad“, erzählte Herr Wacholder. „Da er immer noch in der Ausbildung ist, hat ihm meine Mutter ab und an ein wenig finanziell unterstützt. Sie ahnten beide nicht, dass ich es wusste.“ „Sie haben sich offensichtlich Gedanken gemacht“, erkannte ich die Überlegung, die hinter seiner Geschichte steckte. „Ich müsste ohnehin mit Ihrem Sohn sprechen.“ „Er könnte heute Nachmittag in der Detektei vorbeikommen.“ „Das wäre gut.“

„Wie konnte meine Mutter diesen Gaunern nur auf den Leim gehen? Ich habe sie etliche Male davor gewarnt.“ „Glauben Sie mir, Herr Wacholder, diese Leute sind äußerst geschickt, wenn es darum geht, während des Telefonats mit ihren Opfern Namen und Verwandtschaftsverhältnisse herauszufinden. Es ist also gut möglich, dass es sich auch um einen sogenannten Schockanruf handelte“, zeigte ich eine weitere Möglichkeit auf.

Er holte tief Luft. „Worin besteht der Unterschied?“ „Oftmals werden die Opfer von einem angeblichen Staatsanwalt oder von einem falschen Kommissar angerufen, der dann von einem Unfall erzählt, den eines der Kinder oder Enkel verursacht hat. Sie versetzen ihre Opfer dabei bewusst in Angst und Schrecken, um ihnen dann zu eröffnen, dass es dem Angehörigen körperlich gut geht. Erst in der nächsten Stufe erklären sie, dass nur dann auf eine Untersuchungshaft verzichtet werden kann, und nun wird der Ausnahmezustand, in dem sich das Opfer nach wie vor befindet, schamlos ausgenutzt, wenn der Angerufene eine Kaution in erheblicher Höhe bezahlt.“

Von einer solchen Vorgehensweise hatten mir damaligen Kollegen vom Betrugsdezernat erzählt. Solche Schockanrufe waren also keine neue Masche, sondern wurden schon seit vielen Jahren immer wieder erfolgreich praktiziert. Dabei gilt in der Regel, je älter das Opfer, umso leichter das Spiel.

Als ich Herrn Wacholder zur Tür brachte, bat ich ihn um Geduld. „Wir können nur hoffen, dass sich schon bald eines der vermeintlichen Opfer bei uns meldet.“ „Aber wie geht es dann weiter?“ „Seien Sie versichert, dass wir gut darauf vorbereitet sind“, entgegnete ich ausweichend. „Es geht uns um die Hintermänner, nicht um den kleinen Fisch, der die Beute abholt.“ „Wenn Sie das hinkriegen, zahle ich Ihnen einen Bonus“, stellte der Sohn der Verstorbenen in Aussicht und verabschiedete sich. Ob er die Wiederbeschaffung des Geldes damit verband, weiß ich nicht. Für mich ging es in erster Linie um die Zerschlagung dieser Tätergruppe, damit dieses Schicksal hunderten anderer Opfer erspart blieb. Manchmal fühle ich mich im Kampf gegen das Verbrechen wie Don Quichote.

6

„Wie weit seit ihr mit den Geldpäckchen?“, wandte ich mich meinen Mitarbeiterinnen zu. „Wir haben jetzt vier Bündel zu je fünftausend Euro fertig“, freute sich Trude. „Die werden im Leben nicht darauf kommen, dass es sich lediglich um kopierte Hunderter handelt. Wenn Sie mich fragen, können Sie sich die vier echten Scheine obenauf sparen.“ „Nee, nee, wir müssen das Risiko zu klein wie möglich halten“, blieb ich bei meiner Anweisung. „Wir haben nur die eine Chance und die wollen wir doch nutzen.“

„Übrigens konnte ich inzwischen den Besitzer der Handynummer ermitteln, den Frau Wacholder nach dem Anruf und am Morgen ihres Todes mehrfach anrief.“ „Und?“ „Es handelt sich um den Enkel der Verstobenen.“ Womit sich meine Vermutung also bestätigte. Ich sah zur Uhr. „Sein Vater wollte ihn heute Nachmittag bei uns vorbeischicken.“ „Falls er keinen Bock auf uns hat, haben wir ja jetzt seine Handynummer“, schmunzelte Leonie.

Ich war kaum in meinem Büro verschwunden, wo ich mit Christoph über den Bandwurm seiner Nichte sprechen wollte, als Jakub Wacholder die Detektei betrat. „Tach, mein Vater meint, ich soll hier ne Aussage machen.“ Trude sah auf ihr Telefon und sah den jungen Mann über den Rand ihrer Lesebrille musternd an. „Herr Lessing telefoniert gerade. Setzen Sie sich doch bitte einen Moment.“ Jungchen verdrehte die Augen. „Ich hab nich viel Zeit.“ „Mein Chef auch nicht. Wollen Sie in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken?“ „Habt ihr auch Cola?“ „Damit kann ich leider nicht dienen.“

„Ist Jakub Wacholder inzwischen da?“, erkundigte ich mich über die Gegensprechanlage. „Sitzt hier vorn und wartet ungeduldig“, entgegnete Trude. „Schicken Sie ihn rein.“ Womit sich die gute Seele dem Enkel der Verstorbenen zuwandte und auf die Tür zu meinem Büro deutete. „Sie haben es gehört. Sie können hineingehen.“

„Guten Tag, Herr Wacholder“, begrüßte ich den jungen Mann. „Schön, dass es so schnell mit Ihrem Besuch klappte. „Sie können mich Jakub nennen.“ Der hoch aufgeschossene Typ mit den breiten Schultern steckte in einer Motorradkluft. Er ließ sich auf einem der Besucherstühle nieder und legte seinen Helm neben sich. „Weshalb bin ich hier?“, kam er gleich zur Sache. „Sie waren der Letzte, mit dem Ihre Großmutter am Morgen Ihres Todes telefonierte“, eierte ich daher nicht lange herum. Ich bemerkte seine angespannte Mimik. „Worum ging es in dem Gespräch?“ „Keine Ahnung, Mann. Manchmal war meine Oma etwas neben der Spur. Hatte wohl mit dem Alter zu tun.“

Ich sah ihn durchdringend an. „Bitte überlegen Sie, Jakub. Der Anruf hatte sicherlich einen Grund.“ „Ich war voll genervt, weil sie mich auch schon am Vorabend andauernd angerufen hat.“ „Weshalb sind Sie nicht drangegangen?“ „Hören Sie, ich hatte ein erstes Date mit einem Mädchen. Da kommt es nicht so gut, wenn andauernd das Handy nervt.“ „Aber irgendwann gab es doch sicher eine Möglichkeit, zumindest die Mailbox abzuhören?“

Er holte tief Luft. „Heute weiß ich auch, dass meine Oma noch leben könnte, wenn ich die scheiß Mailbox abgehört hätte, aber als sie mich dann am Morgen erreichte, brauchte ich das ja nicht mehr.“ „Okay“, verkniff ich mir jeglichen Kommentar und befragte ihn weiter. „Was sagte sie zu Ihnen?“ „Das war alles nur so merkwürdiges Zeug. Ich dachte, sie hätte einfach nur schlecht geträumt.“ Ich wurde allmählich ungeduldig. „Was erzählte sie Ihnen?“ „Ob mich der Kommissar noch am Abend gehen ließ oder ob ich bis zum Morgen in der Zelle bleiben musste.“

Nach dieser Aussage musste ich mich mehr als zusammenreißen. Ich fragte mich, ob er überhaupt zugehört hatte. Eigentlich hätten alle Alarmsignale bei ihm klingeln müssen. Im Nachhinein musste ihm die Tragweite dieses Gesprächs bewusst sein, weshalb ich jeglichen Kommentar für mich behielt und ihn weiter befragte.

„Was haben Sie ihr geantwortet?“ Er zuckte die Achseln. „Na, dass ich keine Ahnung von dem hatte, was sie da sagte und dass ich mit einem Mädchen aus war. Ich konnte ja nicht ahnen, was hinter alledem steckte.“ „Nein, das konnten Sie wirklich nicht“, beruhigte ich ihn. „Haben Sie Ihren Eltern von dem Telefonat erzählt?“ Er sah mich aus großen Augen fragend an. „Sie sollten ihnen schon deshalb davon erzählen, weil Sie die Last einer Mitschuld nicht allein tragen können.“ „Aber die werden mich doch sowas von hinhängen“, seufzte er schuldbewusst. „Werden Sie es ihnen sagen?“ Nur falls es nötig sein sollte.“ Er atmete erleichtert auf. Womit mir klar war, dass er es für sich behalten wollte.

„Mein Vater sprach von Trickbetrügern, die meiner Oma ihr gesamtes Ersparte abgegaunert haben.“ „Das ist richtig“, bestätigte ich. „Hat sie sich deswegen umgebracht?“ Wie so oft in ähnlicher Situation, suchte ich nach den passenden Worten. „Ich bin kein Psychologe, aber ich vermute eher, dass sie sich geschämt hat, weil sie auf den Betrug hereinfiel. Ihr Vater hat seine Mutter immer wieder vor solchen Situationen gewarnt und trotzdem hatte sie all ihr Geld verloren. Wir können nur erahnen, was dieses Versagen in Ihrer Oma auslöste.“ „Aber sie konnte doch gar nichts dafür“, widersprach Jakub. „Sicher nicht, aber wer sich in einer solchen Ausnahmesituation befindet, sieht das anders.“

7

Es war an einem Dienstag um kurz nach sechzehn Uhr, als der erhoffte Anruf die Detektei erreichte. Ich war mit Frau Schreiner in der Seniorenresidenz am Schulwall verabredet, um mit der Klientin unser weiteres Vorgehen zu besprechen.

„Allmählich bekomme ich Zweifel an unserer Idee, Herr Lessing. Nicht, dass Sie mich missverstehen, es geht mir nicht um Ihr Honorar, aber diese Betrüger sind offensichtlich klug genug, um es nicht schon wieder in unserer Stadt zu versuchen.“ „Ich kann Ihre Ungeduld nachvollziehen, aber irgendwann werden sie es erneut versuchen“, versprühte ich Hoffnung. Im selben Moment klingelte mein Handy.

„Entschuldigen Sie, Frau Schreiner, aber da muss ich drangehen.“ „Machen Sie nur“, erhob sich die Klientin und verließ den Raum. „Ich hoffe, es ist etwas Wichtiges, Trude.“ „Es geht los, Chef!“, vernahm ich die aufgeregte Stimme meiner Putzsekretärin. „Eine Frau Spock rief gerade an. Ich habe Ihnen ihre Handynummer zugesandt. Sie erwartet Ihren Rückruf.“ „Gut.“

Nun musste alles nach Plan ablaufen. Zunächst musste ich Frau Spock instruieren. Während ich die entsprechende Nummer wählte, kehrte meine Klientin zu mir zurück. „Oh, ich dachte Sie hätten das Telefonat bereits beendet.“ „Es ist so weit“, erklärte ich, während der Anruf angenommen wurde.

„Guten Tag, mein Name ist Lessing. Ich bin der Detektiv, der Sie bei Ihrem weiteren Vorgehen unterstützt.“ „Irmtraut Spock. Dem Himmel sei Dank. Wenn Sie mich nicht vorgewarnt hätten, hätte ich dem Kerl alles geglaubt. Der Mann kannte sogar den Namen von meiner Enkelin und dann weinte Clair auch noch ins Telefon. Alles klang so realistisch.“ „Was hat der Kerl von Ihnen verlangt“, dämmte ich ihren Redefluss ein wenig. „Er will von mir zwanzigtausend Euro Kaution, damit Clair nicht ins Gefängnis muss.“ „Bis wann haben Sie Zeit, um das Geld zu besorgen?“, hakte ich nach. „Ein Kollege von dem Kommissar holt das Geld um 18 Uhr an meiner Haustür ab.“

Ich sah auf meine Armbanduhr. „Es ist jetzt 16:10 Uhr, ich nehme an, dass Sie nicht so viel Geld im Haus haben.“ „Das habe ich dem Mann auch gesagt und dass ich es erst von der Bank holen muss.“ „Wo genau wohnen Sie?“ „Enge Straße 28, gegenüber der St.-Trinitatis-Kirche.“ „Fühlen Sie sich in der Lage, zum Schein auf die Forderungen der Betrüger einzugehen?“, fragte ich, um sicher zu gehen, dass die Frau nicht psychisch überfordert war. „Da machen Sie sich mal keine Sorgen, diesen Verbrechern muss man das Handwerk legen!“

„Also gut, dann packen wir es an. Wo befindet sich Ihre Bank?“ „An der Ecke zum ‚Ziegenmarkt‘.“ „Also die Volksbank.“ „Ja genau“, bestätigte die couragierte Frau. „Es ist möglich, dass Ihr Haus beobachtet wird. Die Betrüger wollen sicher gehen, dass Sie nicht die Polizei einschalten. Falls es so ist, werden die ihnen bis zur Bank folgen. Lassen Sie sich nichts anmerken und nehmen Sie eine Tasche mit, in die Sie das verlangte Geld verstauen können.“

„Soll ich das Geld wirklich von meinem Sparbuch abheben?“, klang ihre Stimme besorgt. „Natürlich nicht. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie bis in die Bank verfolgt werden, daher warte ich in der Bank auf Sie. Sie erkennen mich an einem Cowboyhut.“ „Das ist ja wie in einem Krimi“, schien Frau Spock fasziniert. „Ich werde Ihnen dann eine Tüte mit dem Geld übergeben.“ „Ach so.“ „Wann werden Sie in der Bank sein können?“ „Bis 5 Uhr müsste ich es schaffen.“ „Gut, bis dann also.“

Ich beendete das Gespräch und sah zur Uhr. „Es ist jetzt 16:18 Uhr. Genug Zeit, um in die Detektei zu fahren und das präparierte Geld zu holen.“ „Ich bin so aufgeregt, Herr Lessing.“ „Wenn alles nach Plan läuft, werden wir schon bald wissen, wer Ihrer Freundin das angetan hat.“ „Wann schalten Sie die Polizei ein?“ „Wenn wir wissen, wohin der Bote das Geld bringt. Drücken Sie mir die Daumen.“

„Seid ihr dann so weit?“, erkundigte ich mich kurz darauf bei meinen Mitarbeiterinnen. „Wir haben den GPS-Sender, genau, wie sie es wollten, in einem der Geldbündel verbaut.“ „Hauptsache er fällt nicht raus, falls der Bote das Geld umpackt“, wurde ich allmählich etwas nervös. „Keine Angst, Chef, das klappt schon.“ „Also gut“, drückte ich aufs Tempo. „Wir müssen los. Wer weiß, ob wir vor der Bank einen Parkplatz bekommen.“

Das Schicksal meinte es einigermaßen gut mit uns. Der Abstellplatz neben der Bank war zwar kein regulärer Parkplatz, aber besser als gar keiner. „Du bleibst bitte im Wagen, wir verbinden jetzt unsere Handys und du informierst mich, falls sich hier draußen etwas tut.“ „Aber ich weiß doch nicht, wie die Frau aussieht“, bemängelte Leonie. „Ich auch nicht. Du wirst sie schon erkennen und falls hier draußen ein Typ herumlungert, wirst du es schon merken.“ „Soll ich ein Foto machen?“ Ich verzog nachdenklich das Gesicht. „Nur, wenn du sicher bist, dass er es nicht bemerkt.“

Nachdem die Verbindung stand, stopfte ich mir einen kleinen Mann ins Ohr, griff meinen Stetson und stieg aus, um exakt um 16:52 Uhr in der Bank zu verschwinden. Ich steuerte auf einen der beiden Stehpulte zu, an denen man Formulare ausfüllen oder sonstigen Papierkram erledigen konnte, und wartete geduldig.

Es war 16:58 Uhr, als sich Leonie bei mir meldete. „Chef, ich glaube, Ihre Verabredung betritt gerade die Bank.“ Im nächsten Moment sah ich sie. Eine ältere Frau mit kurzem gewälltem Haar betrat auf einen Stock gestützt den Schalterraum. Ein Mann von etwa dreißig Jahren folgte ihr.  Sie sah sich um und kam auf mich zu. Ich nahm den Stetson ab und bedeutete ihr in einigem Abstand zu warten. Sie begriff mein Zeichen und ging an mir vorbei, um sich am Tresen der Information anzustellen.

Als ich bemerkte, wie sich der Mann an einem der Schalter anstellte, folgte ich ihr und stellte mich wie sie an der Information an. „Frau Spock?“ „Ja“, flüsterte sie. „Fehlalarm, es ist alles gut. Folgen Sie mir bitte.“ „Fühlen Sie sich der Sache noch gewachsen?“, erkundigte ich mich in einer ruhigen Ecke. „Mir geht’s prima“, beruhigte sie mich. „Sicher?“ Sie nickte. „Wie geht es weiter?“ „Ich übergebe Ihnen jetzt das Geld, Sie gehen nach Hause und warten, bis es durch den Boten abgeholt wird. Meine Mitarbeiterin wird Sie auf dem Heimweg nicht aus den Augen lassen.“ „Gut“, reagierte sie erleichtert.

Ich beobachtete nebenbei, wie der Mann am Schalter von einer Mitarbeiterin der Bank bedient wurde. Wahrscheinlich war er nicht der Mann, der Frau Spock beobachtete. „Gibt es in Ihrem Haus noch weitere Wohnungen?“, fuhr ich mit meiner Befragung fort. „Ja, ich wohne im Parterre.“ „Dann wird niemand Verdacht schöpfen, wenn meine Mitarbeiterin kurz darauf ebenfalls das Haus betritt. Ist die Haustür unverschlossen?“ „Nein, die Tür fällt ins Schloss.“ „Sie wird also klingeln. Lassen sie Frau Fischer dann zu Ihrem Schutz in Ihre Wohnung. Sie wird Ihnen dann alles Weitere erklären. Sie machen das übrigens großartig.“ Frau Spock lächelte verhalten.

„Neben dem Imbiss steht ein etwa dreißigjähriger Mann und beobachtet den Eingang der Bank“, vernahm ich Leonies Stimme. Wenn es sich dabei um den Boten handelte, war dies ein weiteres Indiz für eine unbeteiligte Person am Schalter. Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass es für Frau Spock nun Zeit war, die Bank wieder zu verlassen. Gleichzeitig bemerkte ich, wie der Mann vom Schalter durch die Schalterhalle ging und dem Ausgang zustrebte.

Eine Minute später, um exakt 17:08 Uhr verließ auch Frau Spock die Bank. Ich folgte ihr in einigem Abstand. Natürlich war ihr eine gewisse Nervosität anzumerken, was nur um so glaubwürdiger wirkte. Vor der Bank suchte ich zunächst nach dem Mann am Imbiss. „Der Typ folgt ihr auf der anderen Straßenseite in Richtung Gefängnis“, hielt mich Leonie auf dem Laufenden. Als ich den Wagen erreichte, sah ich das Unheil bereits auf mich zukommen.

„Sie schon wieder, Herr Lessing“, verdrehte die Politesse ihre hübschen Augen. „Frau Knöllchen“, seufzte ich genervt, während Leonie aus dem Wagen stieg und Frau Spock ebenfalls folgte. „Bei jeder anderen Gelegenheit würde ich mich über ein Treffen mit Ihnen freuen.“ Ich sah Leonie nach, bis sie hinter der Kurve am Gefängnis verschwunden war. „Du musst bei Frau Spock klingeln“, gab ich ihr eine Info weiter. „Meinen Sie mich?“ „Nee.“  

„Haben Sie das Parkverbotsschild nicht gesehen?“, sah sie mich streng an. „Was soll ich sagen?“, konzentrierte ich mich wieder auf die Frau in der verhassten Uniform. „Wie wäre es mit der Wahrheit?“ „Immer“, schmunzelte ich. „Natürlich habe ich das Schild gesehen, aber es besteht ja kein Halteverbot und weil ich keine drei Minuten weg war und zudem meine Mitarbeiterin im Wagen saß, dachte ich, dass es in Ordnung sei, wenn ich für einen Moment halte.“ „Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?“ Ich schürzte meine Lippen. „Das müssen Sie entscheiden.“

Der Ordnungswidrigkeitsmitteilungsdrucker sank. Gleichzeitig griente sie mich verschmitzt an. „Ich glaube Ihnen kein einziges Wort, aber es war so nett vorgetragen, dass ich heute mal Gnade vor Recht ergehen lasse.“ „Bekommt man nicht einen Rabatt, wenn man ein Dutzend Strafzettel beisammenhat?“ „Noch ein Wort und ich überleg es mir nochmal.“

Okay, es gibt angenehmere Möglichkeiten eine Wartezeit totzuschlagen, aber erstens war meine Intervention amüsant und zweitens erfolgreich. Es war genau 17:45 Uhr, als ich meinen Wagen auf einem freien Parkplatz in der ‚Kreuzstraße‘ an der Ecke zur ‚Enge Straße‘ abstellte. Da ich rückwärts eingeparkt hatte, konnte ich bis zur Trinitatiskirche sehen.

8

„Bis hierhin hat es doch prima geklappt, Frau Spock“, freute sich Leonie mit der Rentnerin. „Der Rest ist ein Kinderspiel.“ „Haben Sie den Mann gesehen, der mir folgte?“ „Natürlich“, beruhigte sie die alte Dame. „Wir nehmen an, dass es sich um einen der Betrüger handelt. Es könnte gut sein, dass der gleich das Geld hier abholt.“ „Oh je.“ „Sein Sie wie immer und lassen Sie ihn nicht in die Wohnung kommen.“ „Was, wenn er das Geld nachzählen will?“, erkundigte sich Frau Spock. „Keine Angst, der wird nur einen kurzen Blick darauf werfen und gleich wieder verschwinden.“

Die Rentnerin sah meine Azubine ängstlich an. „Na hoffentlich geht das gut.“ „Ich werde direkt hinter der Tür stehen und auf Sie aufpassen. Sollte er Sie zur Seite drücken und die Wohnung dennoch betreten, werde ich ihm zeigen, wo der Hammer hängt. Ich bin für solche Fälle ausgebildet“, nahm sie Frau Spock die Angst.

Mit dem nächsten Atemzug klingelte es. „Pünktlich ist er ja“, lächelte sie gequält. „Nehmen Sie den Beutel mit dem Geld und öffnen Sie ihm“, flüsterte Leonie ihr zu. Etwas wackelig auf den Beinen trat sie an die Gegensprechanlage und erkundigte sich, wer vor dem Haus stand. „Der Bote“, entgegnete dieser. Sie betätigte den Türöffner und der Mann, der sie verfolgt hatte, betrat das Treppenhaus.

Als sie ihn durch den Türspion erkannte, drehte sie sich zu meiner Azubine. „Er ist es“, flüsterte sie. Leonie nickte ihr aufmunternd zu. Frau Spock öffnete zögerlich die Tür. „Haben Sie das Geld?“ „Zeigen Sie mir erst Ihren Ausweis“, entgegnete sie unerschrocken. Leonie trat der Schweiß auf die Stirn. „Natürlich“, entgegnete der Bote und zeigte ihr die gewünschte Legimitation. „Kommt meine Enkelin nun frei?“ „Wenn es Ihnen der Kommissar versprochen hat, dann wird es auch so geschehen.“ Damit nahm er den Beutel entgegen, sah kurz hinein und verschwand.

Entgegen meiner Annahme verließ er das Haus in Richtung Kirche, wo er dann am Schuster vorbei den ‚Landeshuter Platz‘ betrat. Er bemerkte nicht, wie ihm Leonie in einigem Abstand folgte. Was mich betraf, musste ich mich sputen. Auch wenn das GPS wie erhofft auf dem Monitor blinkte, wollte ich Sichtkontakt halten, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

Eine eben solche Überraschung näherte sich bereits von der ‚Breite Herzogstraße‘ kommend in der Gestalt einer Politesse. Frau Knöllchen war erneut im Anmarsch und ich hatte mal wieder vergessen, den Parkomaten zu füttern. Mein T-Cross schoss quasi wie von allein aus der Parkbucht. Als ich an ihr vorbeibrauste, grüßte ich ihr kurz zu und bog in Richtung ‚Holzmarkt‘ ab. Ich nutzte die Grünphase und fuhr vor dem Kino in die ‚Kannengießer‘ und dann in die ‚Karlstraße‘ um schließlich ebenfalls zum ‚Landeshuter Platz‘ zu gelangen.

Während sich das GPS nun schneller bewegte, sah ich, wie mir meine Azubine zuwinkte. Ich stoppte kurz und ließ sie zusteigen. „Der Bote ist gerade mit einem braunen Mazda in Richtung ‚Wallstraße‘ losgefahren.“ „Konntest du erkennen, ob er allein im Wagen saß?“ „Er betätigte den Türöffner und stieg auf der Fahrerseite ein“, erstattete sie Bericht. „Ich denke, er saß allein im Wagen.“ „Das hast du gut gemacht“, lobte ich.

„Er fährt jetzt über die Oker auf den ‚Juliusmarkt‘ zu“, informierte sie mich nun über die jeweilige Position des Geldes. „Wie hat sich Frau Spock geschlagen?“, erkundigte ich mich, während ich dem GPS folgte. „Stellen Sie sich vor, sie hat den Boten nach dessen Dienstausweis gefragt.“ „Das hat sie tatsächlich gemacht?“ „Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht.“ „Das glaube ich.“

Vom ‚Juliusmarkt‘ ging die Fahrt weiter über die ‚Lindener Straße‘, die ‚Halberstädter‘ vorbei an der Lindenhalle und dem TÜV nach SZ-Lebenstedt. Hinter dem geschlossenen Tor eines Schrotthandles endete die Fahrt für uns im Augenblick. Bevor ich Hauptkommissar Winter informierte, der ein guter Freund aus alten Zeiten war und inzwischen bei der Kripo in Salzgitter auf Verbrecherjagt ging, musste ich sicher sein, dass sich hinter dem Tor die Drahtzieher der Enkeltrick-Anrufe befanden.

„Sie wollen da aber jetzt nicht rein, Chef“, hielt es meine Azubine nicht für eine gute Idee, als ich im Schließfach unter dem Fahrersitz nach meiner Waffe griff. „Solange wir nicht wissen, ob wir hier am Ziel sind, haben wir nichts gewonnen“, erklärte ich. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich die Betrüger das Geld genauer ansehen und feststellen, dass es sich um Blüten handelt und sie natürlich auch auf den GPS-Sender stoßen. Ich darf nicht zulassen, dass die sich unerkannt aus dem Staub machen.“ „Ja schon, aber wie wollen Sie das allein verhindern?“, fragte Leonie besorgt. „Ich habe da so eine Idee.“

Bevor ich meine Azubine im Wagen zurückließ, versteckte ich ihn hinter einem Aufsatzcontainer. „Falls ich in einer halben Stunde nicht wieder zurück bin, informierst du Mike Winter und sagst ihm, was Sache ist. Seine Telefonnummer sende ich dir gleich aufs Handy.“ Damit stieg ich aus und ging an den Kofferraum, wo ich meine Kevlarweste anlegte, zusätzliche Munition und etwa Equipment einpackte. Nun musste sich zeigen, ob ich mit den Jahren eingerostet war.

 

Band 57

Dezemberblues

Einleitung

 

Wie immer, wenn einer dieser Anfälle vorbei war, tauchte vor seinem geistigen Auge das Bild einer Frau auf, die in einem kaltweißen Zimmer mit Lederriemen an ein Bett geschnallt war. Es war keine Vision, keine Fantasterei. Die Frau war seine Mutter. Nachdem ihre Krankheit so schlimm geworden war, dass sie anderen gefährlich wurde, hatte sie Jahre in diesem Zimmer zugebracht. Bis sie darin gestorben war.

Jahre, in denen er sie versorgte, - so gut es ging. Sie mit einer angemischten Tinktur verschiedenster Kräuter ruhigstellte und nicht nur wegen ihrer guten Rente am Leben hielt. Viele Stunden hatte er an ihrem Krankenbett gewacht und ihr immer wieder Märchen vorgelesen. Sie war seine einzige Bezugsperson, und so war er dazu verdammt, sie am Leben zu halten.

Seine Anfälle begannen kurz nach dem Tod seiner Mutter. Als sei das, was sie in den Tod getrieben hatte, nicht mit ihr gestorben. Aber sie hatte ihm noch etwas anderes hinterlassen – eine Aufgabe, wenn man so wollte. Und dieses Vermächtnis wollte Toni erfüllen – er musste es einfach!

1.

Schon seit einigen Wochen flutschte es in meiner Detektei geradezu. Trude, Axel, Leonie und ich kamen mit der Arbeit kaum hinterher. Woran es lag, keine Ahnung. Vielleicht hatte sich die Qualität unserer Ermittlungen endlich herumgesprochen. Wie auch immer, es war ein gutes Gefühl, auch mal einen Bonus für gute Arbeit zahlen zu können. Wie sehr ich meine Mitarbeiter damit überraschte, weil ich ja eigentlich als knickerig galt, war nicht zu übersehen.

„Was ist bloß los mit Ihnen, Chef?“, erkundigte sich Leonie, als ich ihr einen opulenten Fresskorb für das Handschuhfach ihres neuen Wagens spendierte. „Damit du dich bei künftigen Observationen nicht mit Frischeiwaffeln und Zwieback über Wasser halten musst“, erklärte ich. „Das ist so lieb von Ihnen, Chef. Schade, dass mein Wagen kein größeres Handschuhfach hat, vielleicht wäre der Fresskorb dann auch größer ausgefallen.“

So ist das im Leben, da kannst du dich mühen, wie du willst und kannst es doch niemandem recht machen. Nun gut, wir alle sind eben so, wie wir eben sind. Wichtig ist, dass man sich auf einander verlassen kann und das können wir. Axel und meine Mädels sind so loyal, wie ich sie mir gar nicht wünschen kann. Wir hatten schon so manche Schlacht zusammen gewonnen und wir waren dabei durch dick und dünn gegangen.

Es war einer dieser Montage, an denen irgendwie nichts zu klappen schien. Zunächst brach ich den Haustürschlüssel in der Wohnungstür ab und dann hörte ich Trude in ihrer unnachahmlichen Weise aus der Kaffeeküche fluchen.

„Was ist los, ist der Kaffee alle?“, erkundigte ich mich in gebührendem Abstand. „Jetzt hat die alte Maschine wohl endgültig den Geist aufgegeben“, seufzte sie. „Ausgerechnet heute.“ „Wieso, ist es nicht egal, wann das Ding seinen Geist aufgibt?“ „Eben nicht“, hielt Trude dagegen. „Das Reparier-Café in der Dr.-Heinrich-Jasper-Straße öffnet erst am Freitag wieder.“ „Unsere alte Kaffeemaschine bekommen die da bestimmt auch nicht mehr hin“, befürchtete ich. „Immerhin hat das gute Stück nach der letzten Reparatur fast zwei Jahre ohne Murren durchgehalten.“ Ich sah Trude erstaunt an. „Wie, die Maschine war schon mal dort?“ „Ach Chef, Sie wissen so manches nicht.“

In mir reifte die Erkenntnis, dass es an der Zeit für eine neue Maschine war, als sich die Tür zu meiner Detektei öffnete und eine ältere Dame die Anmeldung betrat. „Okay, ich bin dann mal weg“, rief ich meiner Putzsekretärin zu und stiefelte über die Treppe in die über der Detektei gelegene Wohnung. Das Haustürschloss hatte Priorität. Meine Liebste sollte am besten nichts von dem abgebrochenen Schlüssel mitbekommen.

Bereits nach zwei Minuten stellte sich die Frage, wie ich den abgebrochenen Bart aus dem Schloss der verschlossenen Haustür herausbekommen sollte. Mit den Jahren als Detektiv hatte ich zwar schon einige Zylinder ausgetauscht, aber diesmal war selbst ich überfordert. Der Schraubendreher in meiner Hand brachte mich zumindest nicht weiter. Ich rieb mir gerade nachdenklich den Nacken, als mich Trude über mein Handy zurück in die Detektei beorderte.

„Gut, dass Sie noch da waren, Chef“, empfing sie mich händeringend. „Das ist Frau Sölltig“, stellte sie mir die ältere Dame vor, die ich noch aus den Augenwinkeln sah, als sie die Detektei betrat. „Sie müssen mir unbedingt ganz schnell helfen“, flehte sie. „Wo brennt es denn?“, fragte ich fürsorglich nach. „Ich leite die Kleiderstube in Schöppenstedt. Das angeschlossene Klön-Café ist ein sozialer Treffpunkt für viele ältere Mitbürger.“

Ich unterbrach Frau Sölltig, um sie in mein Büro zu bitten. „Machen Sie uns bitte einen Kaffee, Frau Berlitz.“ „Womit denn?“, entgegnete die gute Seele. Ich griff mir an den Kopf. „Ach ja, ich vergaß.“ „Na gut, ich lasse mir etwas einfallen“, versprach sie und verschwand in der Küche.

„Unsere Maschine ist heute Morgen leider kaputt gegangen“, erklärte ich der potentiellen Klientin, während ich ihr einen Sitz vor meinem Schreibtisch anbot. „Was genau führt Sie denn zu mir?“, hoffte ich auf einen lukrativen Fall. „Es geht um Renate Coburg. Eine alleinstehende Schöppenstedterin, die seit vielen Jahren an jedem Dienstag und auch an jedem Donnerstag in die Kleiderstube kommt. Mit der Zeit haben wir uns angefreundet und daher sehe ich es als meine Pflicht an, mich ein wenig um sie zu kümmern.“ „Das ehrt Sie.“

„Nachdem sie am Dienstag zum ersten Mal seit Jahren nicht kam, dachte ich, sie sei erkrankt.“ „So etwas kommt ja schon mal vor“, reagierte ich gelassen. „Ja sicher, aber als sie am Donnerstag wieder nicht kam, bin ich zu ihr gefahren, um nach dem Rechten zu sehen.“ „Und?“ „Sie war nicht da. Zumindest hat sie nicht aufgemacht“, sorgte sich Frau Sölltig. „Ich sah durch die Fenster ins Haus, konnte aber nichts erkennen. Der Gedanke, sie liegt irgendwo hilflos im Haus, lässt mich nicht zur Ruhe kommen.“

Eine solche Situation ist beunruhigend, was das betraf, konnte ich die Frau vor meinem Schreibtisch gut verstehen, andererseits fragte ich mich, was sie in dieser Angelegenheit von mir erwartete. „Waren Sie schon bei der Polizei?“, erkundigte ich mich daher. „Ja natürlich, das war mein zweiter Gang.“ Ich war gespannt, ob die Beamten etwas unternommen hatten.

„Als klar war, dass Frau Coburg keine Angehörigen hat, sind wir gemeinsam zu ihrem Haus gefahren. Nachdem auch der Polizei nicht geöffnet wurde, sahen sich die Beamten auf dem Grundstück um. Da ihnen nichts ungewöhnlich vorkam und die Gardinen an den Fenstern diesmal weit genug aufgezogen waren, um hineinschauen zu können, bestand für die Polizei kein ausreichender Grund, um die Tür aufzubrechen.“

Ich sah Frau Sölltig durchdringend an. „Was bitte erwarten Sie jetzt von mir?“ „Sie haben doch bestimmt so einen Dietrich, um die Tür auch so aufzubekommen.“ Die Frau hatte mich auf eine Idee bezüglich meines abgebrochenen Schlüssels gebracht. „Ich fürchte, Sie lesen zu viele Krimis“, raubte ich ihr eine weit verbreitete Illusion. „Auch ich kann nicht einfach in ein fremdes Haus einbrechen.“ „Na ja, so ganz fremd ist es ja nicht“, argumentierte sie mit einem Zwinkern. „Was, wenn sie da doch irgendwo hilflos herumliegt?“

 

2

Ein Blick in die Vergangenheit.

„Dein Vater hatte ganz recht, als er mich wegen dir verließ“, schimpfte Maria mit ihrem Sohn. „Du bist ein Nichtsnutz und ein Versager. Man kann dich noch nicht mal einkaufen schicken.“ „Aber ich kann doch nichts dafür, wenn in der Hosentasche ein Loch ist“, rechtfertigte sich der Zehnjährige. „Du gehst jetzt und suchst das Geld, bis du es gefunden hast!“, schrie seine Mutter ihn an. „Und wage es nicht, ohne den Einkauf zurückzukehren.“

Toni wandte sich wortlos ab. Tränen liefen über sein trauriges Gesicht. War er wirklich zu blöd, um einen einfachen Wunsch seiner Mutter zu erfüllen? Seit sein Vater die kleine Familie verlassen hatte, war alles anders. In der Schule wurde er deswegen gehänselt und niemand wollte noch etwas mit ihm zu tun haben. Seine Noten waren immer schlechter geworden und unter seinem Zeugnis stand, dass die Versetzung gefährdet sei. Am schlimmsten aber war, dass seine Mutter seitdem viel zu viel Alkohol trank. Vielleicht war sie deshalb auch schon seit einigen Wochen nicht mehr zur Arbeit gegangen. Toni wusste es nicht und im Grunde wäre es ihm auch egal gewesen, wenn sie ihre Wut nicht immer an ihm ausließe, wenn sie getrunken hatte. Immer dann behauptete sie, dass sein Vater seinetwegen gegangen war, und er die Schuld an allem trug.

Während er den Weg zum Einkaufsladen nach dem Geld absuchte, wurde die Last, die ihm auf der Brust lag, immer schwerer und der Kloß in seinem Hals immer größer. Je näher er dem Geschäft kam, umso mehr schwand seine Hoffnung, das Geld wiederzufinden und ein Gefühl von Panik keimte in ihm auf. Als er den Parkplatz und kurz darauf den Eingang des Ladens erreicht hatte, geschah alles Weitere, als wenn er ferngesteuert würde.

Er ging hinein, griff nach den Dingen, die er für seine Mutter besorgen sollte, schob sie unter seinen Pullover und stellte sich in die Reihe der Wartenden vor die Kasse. Als die Kundin vor ihm den Weg freimachte, lief er los, rannte auf die Schiebetüren zu, um das Geschäft ohne zu bezahlen zu verlassen. Mit Entsetzten musste er feststellen, dass sich die Glastüren nicht wie gewohnt öffneten und er in der Falle saß. In seiner Panik trat er dagegen. Die Türen schwankten bedrohlich. Die gestohlenen Sachen rutschten unter dem Pullover hervor und fielen zu Boden.

Vor dem Eingang sammelten sich immer mehr Leute. Sie waren wütend und schimpften auf ihn. Sie machten ihm Angst. Als er die Ausweglosigkeit erkannte, setzte er sich einfach auf den Boden und weinte. Als er wieder aufsah, beugte sich eine Verkäuferin zu ihm herab. „Ich bin die Sahra und du?“, fragte sie. „Toni.“ „Na dann komm mal mit.“

Kurz darauf saß er in einem Büro und erzählte Sahra von dem verlorenen Geld. „Tja Toni, da kann ich dir leider nicht helfen. Die Polizei wird gleich hier sein, aber wenn du den Beamten erzählst, weshalb du gestohlen hast, wird es bestimmt nicht so schlimm.“

Schlimm wurde es erst, als ihn die Polizisten im Streifenwagen nach Hause brachten. Sie waren kaum weg, als er von seiner Mutter mit dem Riemen geschlagen wurde. Von nun an hatte er die Hölle auf Erden. So vergingen die Jahre, ohne dass er es ihr jemals wieder recht machen konnte. Seine Kindheit verging, ohne dass er Freunde hatte, ohne dass er ein Mädchen kennenlernte und ohne dass er eine Ausbildung begann.

Als er sechzehn war, erkrankte seine Mutter schwer, und Toni pflegte sie, ohne dass sie ihm dankbar gewesen wäre. Im Gegenteil, als der Tee einmal zu heiß war, kippte sie ihn Toni ins Gesicht. Das Wasser verbrannte seine Haut. Es bildeten sich Narben, die fürchterlich schmerzten und ihn entstellten. Als er sich im Spiegel sah, fasste er den Entschluss, sich vor ihr zu schützen.

In der darauffolgenden Nacht schlich er sich in ihr Schlafzimmer. Sie schnarchte. In seiner Hand hielt er eine Taschenlampe, die kaum mehr als einen matten Lichtschein an die Wand hinter ihrem Bett warf. Er wagte es nicht, sie direkt anzuleuchten, tastete sich vorsichtig durch den Raum, bis er ihr Bett erreichte. Vorsichtig führte er ein Ende des mitgebrachten Seils um den linken Bettpfosten und das andere Ende um ihr Handgelenk. Behutsam zog er es an. Sie schnaufte, hustete und schlief weiter. Zwischenzeitlich hinter dem Bett abgetaucht, nahm er sich nun der rechten Seite des Bettes an. Auch hier ging er in der gleichen Weise vor.

Sie schnaufte erneut, diesmal heftiger. Sie keuchte, schreckte aus dem Schlaf und wollte sich drehen. Toni zog das Seil mit aller Kraft straff an. Als sie merkte, dass sie an beiden Händen gefesselt war und sich kaum noch rühren konnte, war es zu spät. Während sie ihn anschrie und beleidigte, schnürte er trotz ihrer Tritte und obwohl sie sich immer wieder aufbäumte, auch ihre Beine zusammen. Letztlich klebte er ihr, obwohl es eigentlich nicht notwendig war, ein breites Klebeband über den Mund. Schließlich ließ er sie tobend zurück und legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen erwachte er in einem anderen Leben. Von nun an konnte sie ihn nicht mehr schlagen und immer dann, wenn sie ihn beleidigte oder anschrie, klebte er ihr das Klebeband über den Mund. Nun war es Toni, der über sein eigenes Leben und über das seiner Mutter bestimmte. Trotz allem liebte er sie und deshalb versorgte er sie, so gut er konnte.

 

3

Natürlich hatte ich mich von der Leiterin der Schöppenstedter Kleiderstube überzeugen lassen, wenigstens zur Adresse von Renate Coburg in der Südstraße zu fahren. Erst wenn sich dort etwas ergab, was den Anschein einer Straftat erwecken würde, hatte ich ihr meine Unterstützung zugesagt. So ist das manchmal, herrschte vor kurzem noch Ebbe in meiner Detektei, konnte ich mich nun der Flut von Aufträgen kaum mehr erwehren.

Da war es durchaus von Vorteil, dass nicht nur Axel mittlerweile einen neuen Wagen fuhr, sondern auch Leonie ein eigenes Auto hatte. Dabei hatte mir Christoph einige Male wegen der vielen teuren Ersatzteile, die der Freund meiner Azubine in dem Wagen verbaute, sein Leid geklagt. Ein kleiner Gebrauchtwagen wäre ihm sicherlich günstiger gekommen.

Nun, in dieser Angelegenheit fuhren Leonie und ich gemeinsam in meinem Volkswagen nach Schöppenstedt. Vielleicht halte ich nur deshalb an meinem Benziner fest, weil ich mich allem Neuen gegenüber zunächst skeptisch zeige, vielleicht aber auch, weil ich für meinen Beruf ein Fahrzeug brauche, welches ich auch in der Pampa mittels Reservekanister ruckzuck nachtanken kann. Wie auch immer, vielleicht liebe ich auch nur den Sound eines Verbrennungsmotors.

„Wieso haben Sie eigentlich das Navi am Start?“, erkundigte sich Leonie, nachdem wir an der Kläranlage vorbei in Schöppenstedt einfuhren. Bevor ich ihr antworten konnte, schickte mich das Navi in die kurz hinter dem Ortseingang rechts abgehende ‚Südstraße‘. „Deswegen, oder hättest du gewusst, wo sich die Adresse unserer Zielperson befindet?“ „Okay Chef, Sie haben mich überzeugt und wer Recht hat gibt einen aus.“

Ich sah meine Auszubildende irritiert an. „Aber sonst geht’s…“ „Sie haben Ihr Ziel auf der rechten Seite erreicht“, fiel mir die Stimme im Navi ins Wort. „Da wäre ich garantiert vorbeigefahren“, räumte ich ein“, als ich den mit allerlei Gestrüpp überwucherten Zaun sah. „Stimmt, man sieht kaum das Haus dahinter“, bemühte sich Leonie um einen ersten Blick auf das Grundstück. „Siehst du irgendwo eine Zaunpforte?“

Ich ließ meine Mitarbeiterin aussteigen und parkte den Wagen möglichst dicht am Zaun, um den Verkehr nicht zu beeinträchtigen. „Ich habe den Eingang gefunden!“, rief mir Leonie zu, während ich ausstieg. Der mannshohe Drahtzaun war bereits an etlichen Stellen durchgerostet. Das Tor einer Einfahrt war dermaßen überwuchert, dass man es kaum noch erkennen konnte. Auf der rechten Seite war es durch eine Eisenkette umwickelt, die mit einem Vorhängeschloss gesichert war.

Gleich rechts daneben befand sich eine ebenso hohe Pforte, deren Schlossriegel in einen der alten Pfosten griff. „Abgeschlossen“, stellte Leonie fest. „Einen Klingeldrücker gibt es nicht.“ „Brauchen wir auch nicht“, entgegnete ich, den Pfosten so weit zur Seite drückend, bis der Riegel daran vorbeilief. „Na das war ja jetzt einfach“, bemerkte sie verblüfft. „Was, wenn die Frau zu Hause ist?“ „Dann war die Pforte eben nur angelehnt. Letztlich kommen wir in guter Absicht.“ „Na dann…“

Wenige Schritte hinter dem Zaun befand sich ein kleines Gebäude, welches lediglich aus Parterre und einem Spitzdach bestand. Ein kleines Vordach mit einem seitlichen Windfang sollte die Haustür vor Wind und Wetter schützen. Eine Klingel gab es auch hier nicht und so klopfte ich an eine der schmalen Glaseinlagen zwischen den Holzstegen der Tür. Da diese aus bronzefarbenem Rauchglas gearbeitet waren, war es uns nicht möglich, in den Flur zu sehen.      

Als niemand öffnete, versuchten wir einen Blick durch die zum Teil aufgezogenen Gardinen in das Innere des Hauses zu werfen. Während Leonie das Gebäude im Uhrzeigersinn umrundete und ich in die entgegengesetzte Richtung, trafen wir uns auf der Rückseite. Ein paar Bäume grenzten das hinter dem Haus gelegene Feld ab. Dahinter befanden sich weitere Bäume, die den Ortsrand markierten.

„Es scheint niemand im Haus zu sein“, stellten wir übereinstimmend fest. „Wie alt ist diese Frau Coburg eigentlich?“, fragte Leonie, während wir das Grundstück nach irgendeinem Anhaltspunkt absuchten. „Ups, ich habe gar nicht gefragt, aber ich denke sie wird ungefähr im selben Alter wie unsere mögliche Klientin sein.“ „Dafür ist der Garten eigentlich noch recht gut in Schuss“, lobte Leonie. „Auch wenn die Zwergenparade vor dem Haus eigentlich nicht meins ist.“

Wieder vor dem Hauseingang angelangt, warf ich einen Blick auf die kleinen Zipfelmützenträger. Bei der Gelegenheit fiel mir dank der Sonne eine Reflexion in der Krone des Schneewittchens auf. Wenn es das war, für das ich es hielt, konnte es sinnvoll sein, den Zwergen zunächst keine weitere Beachtung zu schenken und einige Meter zur Seite zu gehen.

„Okay, hier scheint alles in Ordnung zu sein. Die Frau ist bestimmt auf Reisen und wird schon bald gut erholt und braun gebrannt wieder zurück sein“, erklärte ich meiner Auszubildenden. Ich deutete in die dem Haus abgewandte Richtung des Gartens. „Wir können ja noch mal dort hinten nachsehen.“ Leonie sah mich verwundert an und folgte mir. Als wir außerhalb des Erfassungsbereichs einer eventuell vorhandenen Kamera waren, setzte ich sie ins Bild.

„Sind Sie sicher, Chef?“ „Eben nicht, aber wenn ich recht habe, stimmt hier etwas nicht.“ „Aber wie sollen wir herausfinden, ob in dem Schneewittchen tatsächlich eine Kamera verbaut ist? Vielleicht ist es ja auch nur so eine solarbetriebene Beleuchtung, wie sie jetzt immer mehr in den Gärten auftauchen. Onkel Christoph hat das halbe Grundstück mit den Dingern vollgepflastert.“ „Das ist allerdings eine gute Frage“, gestand ich nachdenklich ein.

„Wenn da eine Kamera drin ist, nutzt sie ja nur etwas, wenn sie live Bilder liefern kann“, sinnierte ich. „Ein Kabel habe ich nicht gesehen“, überlegte ich weiter. „Also müsste das Gerät über ein Wlan-Netz mit einem Empfänger verbunden sein“, schlussfolgerte ich. „…und das könnte ich mit meinem Smartphone einfach überprüfen“, zückte Leonie ihr Handy.

Während meine Azubine die Wlan-Suchfunktion aktivierte, schlichen wir uns auf Umwegen außerhalb eines möglichen Erfassungsbereichs der Kamera an. Bereits in fünf Metern Entfernung zeigte ihr Handy ein entsprechendes Netz an. Ich legte den Zeigefinger über meine Lippen und bedeutete ihr den Rückzug an. Kurz darauf verließen wir das Grundstück auf demselben Weg, wie wir es zuvor betreten hatten. Ich bog den Pfosten wieder über die Schließe des Schlosses und wir fuhren ab.

„Hast du dir den Namen des Wlan-Netzes gemerkt?“, fragte ich vorsichtshalber nach. „Ich hab’s gespeichert“, beruhigte mich Leonie. „Gut gemacht“, lobte ich. „Damit dürfte klar sein, dass da etwas nicht stimmt“, schlussfolgerte sie. „So einfach ist es leider nicht“, bremste ich. „Wer sagt denn, dass sich die Vermisste die Kamera nicht selber installieren ließ?“ Leonie stutzte. „Das glauben Sie doch selber nicht, Chef.“ „Nein, aber ausschließen können wir es auch nicht. „Wir müssen mehr zu dem Wlan herausfinden. Am besten sehe ich mich heute Nacht im Haus um.“

„Das passt gut, mein Freund ist auch auf Achse“, hatte mich Leonie offenbar missverstanden. „Es ehrt dich, wenn du dabei sein möchtest, aber das, was ich vorhabe, ist ungesetzlich und somit für dich tabu.“ „Ach Chef, immer wenn es spannend wird, bin ich außen vor. Wie soll ich denn jemals etwas lernen, was nicht so ganz astrein ist, wenn Sie mich nicht mitnehmen?“ „Kurze Antwort, nie.“ Leonie schüttelte verständnislos den Kopf. „Aber…“ „Nie!“

Zurück in der Detektei widmete sich Leonie der IP-Adresse. Hierbei führen verschiedene Wege zum Ziel. Zunächst gab sie die auf ihrem Handy gespeicherten Daten aus der Schneewittchen-Kamera in die Suchmaske eines Whois-Dienstes ein. Heraus kam ein Server, der in Lettland stand.

„Wir haben es keinesfalls mit einem Anfänger zu tun, Chef“, ließ mich meine Azubine nach weiteren erfolglosen Feststellungsrunden aufhorchen. „Wer auch immer die Verbindung zur Kamera anlegte, weiß genau, was er tun muss, um die eigene IP und somit die Identität des Empfängers zu verschleiern. Da war eindeutig ein Profi am Werk.“ „Ich frag mich, wer so einen Aufwand betreibt, um eine alte Dame die offensichtlich so wenig begütert ist, dass sie in die Kleiderstube gehen muss, zu überwachen und möglicherweise zu entführen.“

„Möglicherweise geht es ja auch gar nicht darum, die alte Frau auszuspionieren, sondern das, was vor dem Haus geschieht, zu sondieren“, warf Trude einen neuen Gedanken auf, nachdem sie unserem Gespräch eine Weile beigewohnt hatte. „Was bleibt, ist die Frage nach dem Warum?“, sinnierte ich. „Sie durchleuchten bitte die Vergangenheit von Frau Coburg“, beauftragte ich Trude. „Ich will wissen, wer diese Frau war, womit sie ihr Geld verdiente, ob es Angehörige und Freunde gibt oder gab.“

„Dann haben wir also einen weiteren Fall in der Pipeline?“, stellte Leonie eine gute Frage. „Das entscheidet sich erst, wenn ich mit Frau Sölltig telefoniert habe“, entgegnete ich. „Schließlich können wir nicht ‚pro Bono‘ übernehmen.“ „Was machen wir mit Frau Reuter“, erinnerte mich meine Azubine. „Stimmt, der Gang steht mir ja auch noch bevor. Ich weiß gar nicht, wie ich der Frau beibringen soll, dass sie von ihrem Ehemann betrogen wird.“ Leonie zuckte mit den Achseln. „Sie brauchen ihr doch einfach nur die Fotos geben. Der Rest erklärt sich doch von allein.“

Ich sah meine Auszubildende verkniffen an. „Wie würdest du es finden, wenn man dir eine solche Nachricht in einer so emotionslosen Weise überbringen würde?“ „Na, ich wäre stinksauer auf meinen Kerl. Wahrscheinlich würde ich dem einen Liter Rizinusöl in seinen Fitnessdrink mischen.“ „Eine angemessene Reaktion“, pflichtete ihr Trude bei. „Hauptsache, dein Max weiß, was ihn im Ernstfall erwartet“, versuchte ich mir die Folgen auszumalen.

„Also gut, dann telefoniere ich zunächst mit Frau Sölltig, überbringe dann Freu Reuter das Ergebnis der Überwachung ihres Mannes und fahre dann, wahrscheinlich noch einmal nach Schöppenstedt, um mir das Häuschen von Frau Coburg genauer anzusehen.“ „Bleibt noch Axel“, erinnerte mich Trude. Ich griff mir an den Kopf. „Mist, der mimt ja immer noch den Hausmeister in der Musik-Akademie. Tja Leonie, da wirst du ihn wohl oder übel erst einmal ablösen müssen, bis dort die letzte Messe gesungen ist.“ Meine Azubine starrte mich irritiert an. „Aber ich dachte, ich könnte Sie…“

Es war klar, worauf sie hinauswollte, aber als Auszubildende durfte ich sie auf keinen Fall in strafbare Aktivitäten miteinbeziehen. „Nein, nein, ich habe dir doch erklärt, dass du bei der Inspektion des Hauses nicht dabei sein kannst.“ „Inspektion?“, hakte Trude nach. „Einbruch trifft es wohl eher“, brachte es Leonie auf den Punkt. „Um Himmels Willen, es reicht doch wohl, wenn der Chef deswegen im Knast sitzt.“ Ich verdrehte die Augen und verschwand in meinem Büro.       

Das Telefonat mit Frau Sölltig verlief wie erwartet. Auch wenn sich die Leiterin der Schöppenstedter Kleiderstube mit Frau Coburg angefreundet hatte, war sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht bereit, viel Geld für eine Detektei auszugeben. Immerhin einigten wir uns darauf, dass ich mit dem üblichen Satz zunächst zwei Tage weiterermitteln würde und mich dann mit dem Ergebnis meiner Recherchen an die Polizei wenden sollte. Im Falle eines ausreichenden Anfangsverdachts würde die dann übernehmen.

Natürlich hatte ich Frau Sölltig nichts von meiner bevorstehenden Inspektion erzählt. Abgesehen von der Strafbarkeit bestand die Möglichkeit, dass ich dabei Frau Coburg in ihrem Haus finden würde. Nach mindestens vier Tagen musste ich bei diesem Szenario das Schlimmste befürchtet werden. So gesehen bestand also auch Gefahr im Verzug.

 

4

Nachdem sie ihre Augen zögerlich geöffnet hatte, versuchte sie sich zunächst zu orientieren. Was allerdings an der sie umgebenden Dunkelheit scheiterte. Ein moderiger Geruch stieg ihr in die Nase, kitzelte ihre Schleimhäute und brachte sie zum Nießen. Als sie sich reflexartig die Hand vor den Mund halten wollte, spürte sie den Druck um ihre Handgelenke. Panisch riss sie an den Fesseln, bäumte sich auf und fiel kraftlos zurück. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich auch ihre Beine nicht bewegen ließen.

Einzig ihr Mund ließ sich öffnen, ihre Lippen sich zu einem Schrei formen. Ein Schrei, der aus der Tiefe ihres Körpers entsprang und all das Entsetzen über das, was ihr angetan wurde, in die Dunkelheit hinauskatapultierte.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sich die Zimmertür öffnete und grelles Licht den Raum flutete. „Was ist?“, fragte eine Stimme, die ihr nicht unbekannt war. „Ich habe Durst, fiel ihr in diesem Moment nichts Besseres ein. Wahrscheinlich weil ihr Mund wie ausgetrocknet wirkte und sie Schwierigkeiten beim Schlucken hatte. „Moment, ich hole dir was zu trinken“, entgegnete die Stimme freundlich und vollkommen ruhig, bevor der Mann das Zimmer verließ, ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Sie hatte ihn nur schemenhaft wahrgenommen. Noch immer blendete das Licht vom Flur. Ihre alten Augen konnten sich nur schwer daran gewöhnen und dann war da ja auch noch die Brille. Wo war die eigentlich? Sie wandte den Kopf zur Seite, sah auf den Nachtschrank neben dem Bett. Wer auch immer der Mann mit der ihr bekannten Stimme war, er würde sie ihr bestimmt nicht geben. Sie vernahm seine Schritte, hörte, wie er wieder langsam näherkam. Wo war sie hier nur? Wie kam sie an diesen Ort? Was war geschehen?

„So, hier ist dein Wasser“, sagte er, als er den Raum betrat und sich dem Bett näherte. Als er sich über sie beugte, seine Hand unter ihren Kopf schob und ihr behutsam das Glas an die Lippen setzte, um ihr Schluck um Schluck zu trinken gab, erkannte sie in ihm den Paketboten. „Ich kenne Sie“, sagte Renate, ohne dabei über mögliche Folgen nachzudenken. „Ja natürlich“, entgegnete er, als wären sie seit Jahren miteinander vertraut.

„Ich erinnere mich. Sie haben mir ein schweres Paket ins Haus getragen. Sie wollten auf die Toilette, dann ist alles wie weg. „Haben Sie mich geschlagen?“ „Was redest du da nur, Mutter?“, reagierte Toni weiterhin gelassen. „Das muss von deinem Sturz kommen. Du hast dir dabei sicherlich den Kopf angeschlagen.“ „Weshalb haben Sie mich an dieses Bett gefesselt?“, ging die alte Frau nicht auf seine Erklärungen ein. „Wir können es nicht riskieren, dass du erneut stürzt. Du weißt doch, wie schnell dir schwindelig wird, wenn du das Bett verlässt. Es ist zu deinem Besten, Mutter.“

„Bitte, lösen Sie mir wenigstens die Handfesseln. Die Riemen tun mir so weh“, bat Renate. „So lange du noch so verwirrt bist, muss ich darauf bestehen. Wie gesagt, es dient deiner Sicherheit.“ Damit verließ er den Raum.

All das konnte doch nur ein schlechter Traum sein. Und doch, ihre Fesseln waren ebenso real wie der Wahnsinnige, der ihr all das antat. Sie überlegte, wie sie sich aus ihrer Lage befreien konnte, wie lange es dauern würde, bis jemand sie vermisst und nach ihr sucht. Ernüchtert stellte sie schließlich fest, dass es niemanden gab, der sie vermissen würde und aus diesem Grund auch niemanden, der nach ihr suchen würde.

Aus lauter Verzweiflung begann sie zu schreien, so laut es ihr möglich war. Immer wieder und immer leiser, weil ihr die Kraft schwand und der Mund immer trockener wurde. Obwohl sie kein besonders gläubiger Mensch war, betete sie zu Gott, flehte ihn an, dass ihr Martyrium ein baldiges Ende fand und alles wieder normal war, wenn sie aufwachte. Irgendwann schlief sie trotz der Angst, trotz der Schmerzen an Fuß und Handgelenken darüber ein.

Mitten in der Nacht schreckte sie plötzlich auf. Zunächst schien es keinen Grund dafür zu geben, doch dann nahm sie neben ihrem eigenen Atem das Atmen einer weiteren Person wahr. Sie hielt die Luft an, horchte für die Dauer einiger Atemzüge in die Dunkelheit. Sie spürte, wie jemand an ihrem Bett saß. Sie roch seinen Schweiß und den Geruch, den er beim Atmen ausstieß. Ein penetranter Geruch nach Knoblauch, oder war es Bärlauch?

Vampire meiden Knoblauch, schoss es ihr durch den Kopf. Sie wollte um Hilfe rufen, doch selbst der leiseste Laut erstarb in ihrer Kehle. Sie riss an ihren Fesseln, ohne dass die um eine Winzigkeit nachgaben. „Ganz ruhig, Mutter“, vernahm sie seine Stimme. „Du hattest einen bösen Traum.“ „Weshalb tun Sie mir das an?“, begann sie zu weinen. „Von was sprichst du?“ „Sie irren sich, ich bin nicht Ihre Mutter!“, schrie sie ihn an. Er zündete eine Kerze auf dem Nachtschränkchen neben ihrem Bett an, hob ihren Kopf und gab ihr erneut zu trinken. Dabei lächelte er sie sanftmütig an. „Aber das weiß ich doch, Mutter.“ 

Bitte hören Sie auf damit, ich hatte nie einen Sohn. Während sie es aussprach, dachte sie an das Kind, was sie nie zur Welt gebracht hatte, weil sie es im vierten Monat verlor und Tränen rannen über ihr Gesicht. „Bitte, lassen Sie mich wenigstens mal zur Toilette. Ich laufe Ihnen schon nicht davon“, verzog sie ihr Gesicht zu einem verkrampften Lächeln. „Na siehst du, so langsam scheinst du dich ja wieder zu beruhigen“, erwiderte er ihre Reaktion und löste zunächst die Gurte an den Beinen. Renate schloss für die Dauer eines Atemzugs ihre Augen um innezuhalten. Sie wusste, dass sie gegen den kräftigen Mann keine Chance hatte. Es musste einen anderen Weg geben, um sich diesem Irrsinn zu entziehen. Vielleicht konnte sie sein Vertrauen gewinnen?

Nachdem er auch ihr linkes Handgelenk befreit hatte, schob er die Bettdecke zur Seite und half ihr dabei, sich aufzurichten. Zum ersten Mal sah sie, wenn auch nur im flackernden Kerzenschein, was sie am Körper trug und ihr wurde bewusst, dass er sie fast nackt gesehen haben musste, als er ihr ein fremdes Nachthemd angezogen hatte. Sie folgerte, dass es sich um die Nachtwäsche seiner wirklichen Mutter handeln musste. Ein böser Verdacht drängte sich in ihre Gedanken. Was, wenn sie nicht die erste Frau war, die er auf ähnliche Weise und aus demselben Grund hierher verschleppt hatte? Wie wahnsinnig war dieser Kerl wirklich und was war aus den anderen möglichen Opfern geworden?

Als er sie an der Hand auf die Beine zog, war ihr für einen Moment schwindelig. Sie hielt sich kurz an einem der Bettpfosten fest. Er löste sich von ihr, ging zur Tür und schaltete das Licht ein. Es blendete in ihren Augen. Zaghaft setzte sie ein Schritt vor den anderen. Sie fühlte sich unsicher, hätte sich am liebsten an irgendetwas festgehalten, doch da war nichts, weder ein Stuhl noch ein Schrank. In diesem Raum befand sich nichts außer dem Bett, auf dem sie gelegen hatte.

„Geht es dir wieder besser?“, erkundigte sich der Paketbote. Hatte er ihre kleine Schwindelattacke bemerkt? „Bitte, wo ist die Toilette?“, entgegnete sie, ihre Schwäche nicht eingestehen wollend.“ Toni sah sie merkwürdig verwundert an. „Du wirst ja wohl wissen, wo das Klo ist.“ „Ja natürlich, ich bin von dem Traum nur noch so durcheinander“, entschloss sie sich aus der Not, sein Spiel nun mitzuspielen. „Bringst du mich hin, mir ist noch so wackelig auf den Beinen.“

„Falls es dir wieder schlechter geht, bleibe ich solange vor der Tür stehen“, bemühte er sich, als sie im Badezimmer verschwand. Renate antwortete nicht. Ein Blick auf die Kloschüssel trieb ihr den Ekel ins Gesicht. Obwohl sie nach wie vor mit ihrem Kreislauf zu kämpfen hatte, vermied sie es, sich zu setzen. Als sie sich in dem pekigen Waschbecken die Hände wusch, bemerkte sie einige Dosen und Tuben mit Creme, eine Bürste, die mit grauen Haaren überladen war. An der Seite, neben der versifften Badewanne, ein Berg mit Wäsche, der vor einer Waschmaschine lag.

„Alles in Ordnung?“, vernahm sie Tonis Stimme. „Ja.“ Durch das winzige Fenster wehte ein wenig frische Luft herein. Es war viel zu klein, dass sie hindurch gepasst hätte. Sie sah hinaus. Im ersten Licht der aufgehenden Sonne erkannte sie einen Hügel, an dessen seicht abfallendem Hang sich ein Feld mit Zuckerrüben schmiegte. Nur noch wenige Wochen, bis der Bauer sie ernten würde“, sinnierte sie. Wurde sie auf einem Bauernhof festgehalten? Alles was sie sah, war dieser Hügel und einige Häuser in weiter Ferne. Nichts, woraus sie schließen konnte, wo sie sich befand.

Sie verließ das Bad, welches nicht mehr als eine Kloake war. Noch einmal würde sie die Toilette nicht benutzen, da war sie sich sicher. Eher wollte sie hinter das Haus gehen und sich zwischen den Zuckerrüben erleichtern. „Ich habe Durst“, forderte sie den Paketboten auf, für Abhilfe zu sorgen. „Erst gehst du wieder ins Bett“, bestimmte er. „Du hast doch bemerkt, wie wackelig du noch auf den Beinen bist.“ Womit er die alte Frau auch schon in die Richtung schob.

Renate lag kaum wieder im Bett, als er sie wieder anschnallen wollte. „Das musst du nicht tun, ich werde ab jetzt ganz brav sein und das machen, was du verlangst“, gab sie ihm zu verstehen. Seine Stirn krauste sich. Sein stechender Blick durchbohrte ihre Seele. „Also gut, aber du bleibst im Bett.“

 

5

Trotz der gut gemeinten Warnungen meiner Mädels machte ich mich auf den Weg zu Frau Reuter. Kein einfacher Weg, wenn ich an die eindeutigen Fotos denke, die ich von den Freizeitaktivitäten ihres Mannes geschossen hatte. Eigentlich übernehme ich diese Art von Aufträgen nur sehr ungern, aber Frauke war eine gute Bekannte von Miriam und deshalb blieb mir keine Wahl. Nachdem meine Liebste die Fotos gesehen hatte, wollte sie ihr das Ergebnis meiner Recherchen natürlich nicht selber überbringen.

Als ich mit dem Kuvert vor ihrer Haustür stand, öffnete sie mir mit einem Lächeln auf den Lippen. „Mein Mann hat mir alles gebeichtet“, erklärte sie. „Ich benötige Ihre Dienste nicht mehr“, überraschte sie mich. Ich reichte ihr den Umschlag. „Machen Sie damit, was Sie wollen, ich will die Fotos gar nicht mehr sehen.“ „Aber…“ „Wir starten einen Neuanfang. Bitte schicken Sie mir Ihre Rechnung, Herr Lessing“, fertigte sie mich vor der Haustür ab. „Wie Sie wollen“, zuckte ich mit den Achseln. „…und vielen Dank. Grüßen Sie Miriam.“

„Wer war das denn, Schatz?“, vernahm ich die Stimme ihres reumütigen Ehemannes durch die inzwischen geschlossene Tür. „Ein Vertreter für Fotovoltaikanlagen. Ich habe ihn in die Wüste geschickt.“

Ich steckte das Kuvert in die Seitenablage meines Wagens. Wegwerfen konnte ich die Fotos immer noch. Man weiß ja nie. Während ich mich auf den Weg nach Schöppenstedt machte, fragte ich mich, wie es sowohl Männer als auch Frauen immer wieder schaffen, ihren Lebensgefährten auf eine so schamlose Weise zu betrügen und dann auch noch frech ins Gesicht zu lügen. Klar hatte ich das bei irgendwelchen Nebensächlichkeiten auch schon versucht, war aber jedes Mal kläglich gescheitert. Ich bin eben zu gut für diese Welt.

Nicht zu schade fühlte ich mich hingegen, um notfalls auch in das Haus von Renate Coburg einzubrechen. Letztlich ging es um nicht weniger, als ihr plötzliches Verschwinden zu überprüfen. Manchmal heiligt der Zweck eben die Mittel, redete ich mir ein, als ich zunächst am Grundstück der Zielperson vorbeifuhr, um meinen Wagen ein Stück weiter vor dem Gebäudekomplex einer dort ansässigen Firma zu parken.

Das nötige Equipment hatte ich bereits in der Detektei zusammengepackt. Im spärlichen Licht der wenigen Straßenlaternen schnappte ich mir den Rucksack, warf ihn mir auf den Rücken und nahm Kurs auf das etwa fünfzig Meter zurückliegende Objekt meiner Begierde. Obwohl es eigentlich noch nicht spät war, nutzten nur wenige Autos die an den Bahngleisen entlangführende Nebenstraße.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass im Haus kein Licht brannte, überstieg ich den Zaun auf der dem Feld zugewandten Seite des Grundstücks. Ich hatte am Nachmittag festgestellt, dass es hier keine Überwachungskameras gab und der Zaun niedriger als an der Straße war. Im Licht einer direkt vor dem Grundstück stehenden Laterne konnte ich mich ohne Taschenlampe durch den Garten auf die rückwärtige Seite des Hauses zubewegen.

Alles war so wie bei meinem ersten Besuch. Keine Gardine war bewegt worden und kein Gegenstand verschoben. Die alten, einfachverglasten Fenster boten nur wenig Widerstand und so ließ sich der Holzrahmen in der Küche problemlos öffnen. Bevor ich einstieg, zog ich das Rollo hoch und räumte einige Schalen und Töpfe, die auf dem Tropfblech der Spüle abgestellt waren.

Ein Blick in den Kühlschrank verriet, dass die Vermisste für den nächsten Tag vorgekocht hatte. Es war folglich keine Reise geplant. Nachdem ich die Küche sorgfältig nach weiteren Indizien, die auf eine Straftat schließen ließen, abgesucht hatte, schaltete ich meine Taschenlampe wieder aus und öffnete die bis dahin geschlossene Tür zum Flur. Falls sich dort eine weitere Kamera befinden sollte, wollte ich verhindern, dass mein Einbruch bemerkt wurde.

Mit äußerster Vorsicht und auf Zehenspitzen tastete ich mich durch den Korridor. Dabei behielt ich den Detektor zum Auffinden von Kameras und Wanzen stehts im Blick. Erst als ich sicher sein konnte, dass sich im Flur kein Gerät befand, sah ich mich im Licht meiner Taschenlampe genauer um. Natürlich kannte ich nicht die Verhältnisse, in denen Renate Coburg lebte, und so konnte ich weder sagen, ob sie einen Schirm mitnahm oder eine Jacke trug, als sie das Haus verließ, aber ihren Gehstock hätte sie im Normalfall bestimmt mitgenommen.

Nun, auch davon könnte sie mehrere besitzen. Ich nahm mir vor, Frau Sölltig bei Gelegenheit danach zu befragen und machte ein Foto. Mir fiel auf, dass in dem kleinen Kästchen neben der Haustür kein Schlüssel hing. Es ist logisch, den Haustürschlüssel beim Verlassen der Wohnung mitzunehmen, aber schleppt man auch den für den Briefkasten und den für den Schuppen mit? Bereits am Nachmittag war mir das Vorhängeschloss daran aufgefallen.

Bevor ich die nächste Tür öffnete, schaltete ich wieder die Lampe ab und konzentrierte mich auf den Detektor. Schließlich betrat ich das Bad. Es wäre schon äußerst perfide, wenn sich hierin eine Überwachungskamera befände, aber nichts ist so schäbig, dass man eine solche Perversion nicht auch ins Kalkül ziehen müsste. Ich atmete auf, als sich mein Verdacht nicht bestätigte.

In Küche, Flur, Bad und Schlafzimmer waren also keine Kameras angebracht. Allmählich fragte ich mich, wer das Schneewittchen präpariert hatte und vor allem, aus welchem Grund. Trudes Recherchen bezüglich eines Vermögens der Vermissten waren bislang ergebnislos geblieben. Abgesehen von dem Grundstück und dem alten Gebäude, in dem ich gerade nach Anhaltspunkten für ihr Verschwinden suchte, gab es nichts, was einen Entführer reizen konnte.

Ich fragte mich, ob Frau Coburg ein Geheimnis mit sich trug. Welchen logischen Grund sollte es sonst geben? Zurück im Korridor öffnete ich vorsichtig die Tür zum Wohnzimmer. Ich sah in den einzigen Raum, der wegen der zugezogenen Gardinen von außen nicht einsehbar war. Ich hielt den Detektor in der ausgestreckten Hand und betrat langsam den Raum. Der Zeiger schlug aus. Ich bewegte das Gerät in die Richtung, aus der das Signal am intensivsten kam. Dabei schob ich mich immer weiter in den Raum.

Plötzlich spürte ich, wie eine der alten Dielen unter meinem Fuß nachgab. Ein metallisches Klicken war zu hören. Im selben Moment durchschoss ein absurder Gedanke meinen Verstand. Hatte ich gerade einen Druckschalter aktiviert? Das Herz pochte mir bis zum Hals. War es denkbar, dass der Entführer sein perfides Spiel mit mir trieb?

Weshalb sollte sich jemand solche Mühe mit einer Sprengfalle machen? Ich fragte mich, ob ich nicht gerade überreagierte, doch dann wurde mir klar, dass bei diesem Fall nichts normal schien. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich etwa, dass ich Angst gehabt hätte, aber Mulmig war mir schon. Wer nicht selber in vergleichbarer Situation auf einer möglichen Bombe gestanden hat, kann wohl nur sehr schwer nachvollziehen, was es mit einem macht, wenn man das für und wider miteinander abwägen muss.

Ich sah mich um. Alles, was sich in Reichweite zu mir befand, konnte mir jetzt das Leben retten. Es musste nur schwer genug sein. Wenn es mir gelang, die etwas weiter als einen Meter von mir entfernt stehende Kommode behutsam auf die Diele zu schieben, während ich gleichzeitig langsam meinen Fuß entlastete und schließlich hinunternahm, war ich gerettet.

Vorsichtig drehte ich meinen Fuß so, dass ich mich zur Seite neigen konnte um mit den Händen an den Schrank zu gelangen. Während ich an die Kannte der dicken Eichenplatte griff, um das schwere Möbel in meine Richtung zu ziehen, musste ich einiges an Kraft aufwenden, was zur Folge hatte, dass ich mein Gewicht verlagerte. Im letzten Moment spürte ich, wie die Spannung der Diele unter meinem leichter werdenden Fuß nachgab.

Ich erstarb in meiner Bewegung, hielt den Atem an und hörte, wie mein Herz immer lauter schlug. Im Nachhinein frage ich mich, was ich in diesem Moment eigentlich hören wollte. Der Knall, der von einer Stange Dynamit ausgelöst wird, konnte es doch wohl nicht sein. Ich versuchte mich zu beruhigen.

Da stand ich nun und hatte ein Problem. Allein kam ich aus der Nummer nicht wieder raus, also musste Hilfe her. Die Frage, was ich in einem fremden Haus machte und wie ich hineingekommen war, erschien mir in diesem Moment eher zweitrangig. Wie gut, dass ich mein Handy einstecken hatte. Der Griff danach ging allerdings ins Leere. Ein weiterer und ein dritter ebenso. Aber ich hatte es doch eingesteckt?

Der Zaun, schoss es mir durch den Kopf. Es musste mir beim Übersteigen des Zaunes aus der Tasche gefallen sein. Es gibt Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre. Letztlich nutzt es nichts, mit seinem Schicksal zu hadern oder in einer solchen Situation herum zu lamentieren. Ich war gerade dabei, mich auf einen Sprint einzustellen, als ich ein Scheppern in der Küche vernahm. Mein erster Gedanke galt einer Katze. Mein zweiter Gedanke galt dem Fenster, welches ich nach meinem Einstieg wieder sorgsam geschlossen hatte. Kurz darauf hörte ich, wie sich die Küchentür öffnete.

 

6

Während Renate angespannt darüber nachdachte, wie sie fliehen konnte, vernahm sie undefinierbare Geräusche. Sie fragte sich, was der Wahnsinnige trieb und was er hatte ertragen müssen, um den Verstand zu verlieren. Sie war sich sicher, dass er nicht immer verrückt gewesen war. Die Tochter eines Bekannten war schizophren, erinnerte sie sich, doch die benahm sich vollkommen anders.

Irgendetwas stieß hart gegen die Tür. Im nächsten Augenblick öffnete sie sich und der Paketbote stand mit einem Tablett vor dem Bett. „Ich habe dir Frühstück gemacht, Mutter“, sagte er mit einem breiten Grinsen und obwohl es eigentlich noch Nacht war. Es war eine Situation, wie sie nicht grotesker hätte sein können und doch bestätigten sich gerade die Gedanken der alten Frau im Bett. Sie führten dazu, dass sie seine Vorstellung von den Gegebenheiten nicht länger widersprach und seine Realität akzeptierte. Wenn dies der Weg war, auf dem sie am Leben blieb, wollte sie ihn gehen.

Er trat neben das Bett und setzte das Tablet auf dem Nachtschränkchen ab, dann nahm er ein Kissen und legte es Renate in den Rücken. „Sitzt du bequem?“, erkundigte er sich fürsorglich. „Ja, ja danke“, reagierte sie unsicher. „Ich habe dir Müsli gemacht, dass magst du doch so gern.“ „Oh ja, vielen Dank. Da hast du dir aber Mühe gemacht“, lobte sie.

Toni verzog das Gesicht. Hinter seiner Stirn war mächtig Bewegung. Renate spürte, wie angespannt er reagierte. Es schien, als müsse er sein eigenes Spiel überdenken. Hatte sie mit ihren Worten überzogen? Sie zweifelte. Wenn er sich nun von ihr veralbert fühlte, hatte sie seine Lunte entfacht und es kam unweigerlich zur Explosion. „Es ist gut, wenn du dich wohlfühlst, Mutter.“

Während sie sich einen Löffel Müsli nach dem anderen in den Mund schob, überlegte sie, wie sie ihre Worte angemessen dosieren sollte. Wagte sie zu wenig, würde er ungeduldig werden. War sie zu forsch, konnte sie sein Vertrauen verspielen und ihr Leben womöglich verlieren.

„Sehr lecker“, schwärmte sie von dem Müsli. „Hast du auch Kaffee gekocht?“ Toni starrte sie an. „Seit wann trinkst du Kaffee?“ Schon wieder ein Fehler, schoss es ihr durch den Kopf. „Mit dem Alter verändert sich der Geschmack“, versuchte sie sich herauszureden. „Magst du jetzt keinen Tee mehr?“ „Doch, natürlich“, entgegnete sie beschwichtigend. „Soll ich dir eine Tasse einschenken?“ „Gern.“

Renate atmete erleichtert auf Ihr war klar, dass sie vorsichtiger sein musste und so beschloss sie, in Zukunft lieber auf das zu reagieren, was er ihr vorgab und sich so viel wie möglich von dem, was er sagte, zu merken. Sie wusste, dass sein Vertrauen der Weg zurück in ihr Leben war.

7

Was für eine bescheidene Situation? Weder wusste ich, wer jeden Moment aus der Küche in den Flur treten würde, noch konnte ich etwas an meiner Position verändern. Zaghaft drehte ich mich so, dass ich zumindest sehen konnte, was auf mich zukam. Der Detektor hatte im Wohnzimmer eine Kamera angezeigt, aber noch hatte ich sie nicht entdeckt. Ich überlegte, ob sie mich bereits erfasst und an den Entführer übermittelt hatte. Würde ich ihm mit dem nächsten Atemzug gegenüberstehen? Ich suchte mit meinen Händen tastend nach einem Gegenstand, mit dem ich mich verteidigen konnte.

Ich rührte mich nicht, atmete flach, um selbst das kleinste Geräusch zu vermeiden. Ich lauschte in die Dunkelheit und hörte, wie er nun den Flur betrat. Ein Lichtstrahl fiel durch die offenstehende Tür zum Wohnzimmer und zerhackte die Finsternis. Der Unbekannte näherte sich. Noch hatte er mich nicht gesehen. Meine Hände griffen nach einer Vase. Ich machte mich für was auch immer bereit.

Er betrat den Raum. Ich hob die Vase. Meine Muskeln spannten sich an. Der Adrenalinspiegel schoss in die Höhe. Ich richtete die Taschenlampe auf die Stelle, an der ich den Unbekannten erwartete, und schaltete sie an. Mit der anderen Hand holte ich aus, bereit, die Keramik auf den mutmaßlichen Angreifer abzufeuern.

„Leonie!“, rief ich erleichtert und gleichzeitig verwundert. „Was um Himmels Willen machst du hier?“ „Schätze, dass selbe wie Sie.“ „Während ich mich nur langsam beruhigte, spürte ich, wie es in meinem Bein kribbelte und sich eine Art Taubheit darin ausbreitete. „Was ist los, Chef? Sie stehen da wie anwurzelt.“ „Das triffts recht gut. Ich stehe hier auf einer Fußbodendiele, die durch mein Gewicht möglicherweise einen Mechanismus ausgelöst hat, der wahrscheinlich, sobald ich den Fuß hebe, eine darunter befindliche Bombe zur Expulsion bringen würde.“

Meine Azubine starrte mich ungläubig an. „Sie wollen mir einen Bären aufbinden, Chef. Ich weiß, wann Sie mich verarschen wollen.“ „Diesmal irrst du dich“, erwiderte ich äußerlich gelassen. „Aber dann müssen wir doch einen Bombenentschärfer allarmieren“, begriff Leonie den Ernst der Lage. „Genau das machen wir auch, sobald wir wissen, ob das da unter mir tatsächlich eine Bombe ist.“ „Wie sollen wir das denn herausfinden?“ Ich sah die Panik in ihren Augen. „Wir müssen jetzt ganz ruhig bleiben. Hektik hilft uns jetzt nicht weiter“, versuchte ich sie zu beruhigen.

„Du gehst jetzt an den Kofferraum meines Wagens und holst den grauen Plastikkoffer und die kleine Lampe.“ „Was haben Sie vor?“ „Mach bitte, um was ich dich gebeten habe!“, verlieh ich meiner Stimme Nachdruck. Auch wenn das kleine Luder meiner Anordnung nicht zum ersten Mal zu wieder gehandelt hatte, war ich heilfroh, dass sie da war. Gerade weil sie oftmals nicht das tat, was alle von ihr erwarteten, war ich mir sicher, dass sie irgendwann eine richtig gute Ermittlerin werden würde.

„Und jetzt?“, kehrte sie mit dem Koffer und der Lampe zurück. „…öffnest du bitte den Koffer, nimmst den Akkubohrer heraus und spannst einen fünfzehn Millimeter Holzbohrer ein. Kriegst du das hin?“ „Ich bin ja nicht aus Dummsdorf.“ Bevor sie das Gerät startklar machte, stellte sie die Lampe auf und schaltete sie an. „Weshalb sollte ich eigentlich nicht das normale Licht einschalten? Der Raum liegt doch nach hinten raus?“ „Ich traue dem Frieden nicht. Wer eine Bombe im Fußboden platziert, könnte ebenso einen Lichtschalter zweckentfremden.“

Leonie reichte mir die Maschine und sah mich erwartungsvoll an. „Gut, und nun gibst du mir bitte noch die Endoskop-Kamera und dann machst du dich hier vom Acker.“ „Ich soll Sie hier allein zurücklassen?“, rebellierte sie. „Das können Sie vergessen, Chef!“ „Jetzt hau schon ab!“, forderte ich sie mit Nachdruck auf. „Wenn wir beide dabei draufgehen, ist niemandem geholfen.“ „Das ist das schlechteste Argument überhaupt“, erwiderte sie. „Wie wollen Sie denn allein das Loch in die Diele bohren und dann gebückt die Kamera bedienen, ohne dabei die Diele zu bewegen? Nichts da, ich bleibe!“

„Na schön, aber dann sollten wir alles daransetzen, dass wir hier keinen Supergau hinlegen.“ „Was soll ich machen?“ Als erstes bohrst du etwa zwanzig Zentimeter von meinem Fuß entfernt vorsichtig ein Loch in die Diele.“ „Okay.“ „Du musst ohne jeden Druck bohren und den Bohrer sofort zurückziehen, wenn du das Holz durchgebohrt hast.“ „Zu blöd, dass die Maschine keinen Tiefenanschlag hat“, begann sie nun auch noch zu fachsimpeln. „Du hast echt eine Meise.“ 

Gesagt, getan! Das Loch war in Null Komma nix gebohrt. „Jetzt leuchtest du in das Loch und sagst mir, was du siehst.“ „Außer Mäusekacke sehe ich nichts. Unter der Diele befindet sich ein etwas acht Zentimeter tiefer Hohlraum“, beschrieb mir meine Azubine, was sie sah. „Das ist gut“, atmete ich auf. „Nun schaltest du den Monitor und die Kamera an, biegst den Schwanenhals so, dass das Objektiv in meine Richtung zeigt. Dann führst du ihn ganz langsam in das Loch ein.“

Während Leonie meine Anweisungen in die Tat umsetzte, leitete ich sie weiterhin an. „Das machst du wirklich gut“, lobte ich sie zwischen durch. „Wir haben eine Menge Zeit.“ Von dem Krampf, den ich inzwischen in meinem Bein hatte, erzählte ich ihr nichts. Es hätte sie nur beunruhigt und nach ein paar Minuten war der auch wieder weg. Es ist erstaunlich, was man alles aushalten kann, wenn einem nichts anderes übrigbleibt.

„Was siehst du?“, fragte ich immer wieder nach. „Da sind Drähte und jetzt sehe ich einen kleinen Kasten“, trieb mir ihre Beobachtung weiteren Schweiß auf die Stirn. „Führen die Drähte in die Kiste?“, erkundigte ich mich. „Sorry, ich muss mich korrigieren. Die Drähte sind ein Bügel und die Kiste ist eine Geldkassette, glaube ich.“ „Wie jetzt? Bist du dir sicher?“ Leonie sah zu mir auf. „Na ja, ich denke schon. Sehen Sie selbst.“ Das Übertragungskabel von der Kamera zum Monitor war zu kurz, um das, was sie zu sehen glaubte, zu überprüfen.

„Okay, ich schätze du hast recht“, nickte ich ihr schließlich zu. „Falls wir uns doch irren, verlässt du jetzt bitte das Haus. Und diesmal dulde ich keinen Widerspruch! Diesen Weg muss ich alleine gehen.“ Leonie zog die Kamera aus dem Loch, sah mir wortlos in die Augen und verschwand in der Küchentür. Ich wartete noch ein paar Minuten, ehe ich allen Mut zusammennahm und ruhig den Fuß hob. Als nichts geschah, verließ ich ebenfalls das Haus, um tief durchzuatmen. Diese Aktion hatte mir mindestens zehn Jahre meines Lebens gekostet.

 

8

Kaum dass sie die Tasse Tee geleert hatte, fielen ihr auch schon die Augen zu. Toni nahm sie ihr aus der Hand, stellte sie zurück auf das Tablett und verließ den Raum. Seine Tinktur wirkte auch bei Renate in der üblichen Weise. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er war mit sich zufrieden, weil alles so verlaufen war, wie er es geplant hatte. Der Auftrag schien sich zu erfüllen. Bevor er sich noch ein wenig in den Sessel setzte, um sich, so wie sie es immer getan hatte, noch etwas auszuruhen, verließ er das Haus durch den Kellerausgang.

Im trüben Licht des Mondes trat er an ihr Grab. Ein einfaches Beet, aus dem das Unkraut geradezu emporzuschießen schien. „Selbst hier bringst du nichts Gutes hervor“, warf er ihr sarkastisch vor. „Sie ist besser als du und sie wird eine gute Mutter sein.“ Dann spuckte er auf das Beet, trat mit dem Schuh darauf und ging wieder zurück ins Haus. Endlich hatte er sich auch emotional von ihr befreit. So zumindest glaubte er.

Bevor er ins Wohnzimmer ging, öffnete er die Tür zum Schlafzimmer. Die Frau im Bett schlief tief und fest. Trotzdem musste er sichergehen, dass sie nicht, falls sie eher aufwachte, als er zu Hause war, die Gelegenheit zur Flucht nutzte. Sie schlief so fest, dass sie nicht merkte, wie er ihr die Gurte an den Füßen und den Handgelenken anlegte.

Nachdem er das Wohnzimmer betreten hatte, fiel sein Blick auf das Laptop. Das Livebild zeigte den Garten vor dem Haus von Renate Coburg. Der Restlichtverstärker in der kleinen Kamera leistete gute Arbeit. Er sah die hellen Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos und er sah, dass sich vor dem Haus nichts tat. Er drückte auf die Taste F12 der Tastatur und das Bild vom Wohnzimmer wurde sichtbar. Er stutzte, für die Dauer einer Sekunde erhellte ein Lichtblitz den Raum. Er bildete sich ein, darin eine Gestalt gesehen zu haben. Er starrte gebannt auf den Monitor. Nichts.

Toni schüttelte den Kopf. So, als wolle er seine Gedanken wieder in die richtige Ordnung bringen. Bevor er den Wecker stellte, warf er einen weiteren Blick auf das Laptop, dann nahm er sich eine Decke und ließ sich in dem Ohrensessel seiner Mutter nieder. Zwei Stunden noch, dann musste er zur Arbeit. Kaum dass er seine Augen geschlossen hatte, waren sie wieder da, die Bilder seiner Kindheit, die Bilder von früher. Die Bilder, die seine Mutter zeigten, wie sie ihn wütend anschrie und die Mutter, die ihn mit dem Gehstock schlug. Als nächstes sah er sich in einem dunklen Kellerloch sitzen. Tagelang stoisch gegen die Wand starrend. Sie gab ihm die Schuld daran, dass sein Vater die Familie verlassen hatte. Er war einfach gegangen und nie zu ihnen zurückgekehrt. Immer wieder hatte sie ihn dafür büßen lassen.

9

Als das Haus der Vermissten auch zehn Minuten, nach dem wir es vorsichtshalber verlassen hatten, nicht in die Luft geflogen war, kehrte ich noch einmal zurück. Ich suchte nach Antworten auf all die Fragen, die ich inzwischen hatte. Handelte es sich wirklich um ein Versteck, in dem die alte Dame ihre Habseligkeiten versteckte? Hatte mich die Kamera im Wohnzimmer aufgenommen und die Bilder an den vermuteten Entführer gesendet? Noch hatte ich nicht alle Räume durchsucht. Die Vermisste konnte sich also noch immer in ihrem Haus und in einer hilflosen Lage befinden.

Es liegt auf der Hand, dass ich dies zunächst alleine tat. Auch wenn es sich bei der vermeintlichen Bombe nur um eine Geldkassette handelte, war ich Leonie unendlich dankbar, dass sie mir heimlich in das Haus gefolgt war. Ohne sie wäre ich sicherlich den mehrfachen Heldentod gestorben. Nachdem klar war, dass sich Frau Coburg auch nicht in dem letzten verbliebenen Raum befand und auch sonst alles save war, ging ich an das Küchenfenster und machte den Ruf eines Käuzchens nach. Obwohl sich meine Eule eher wie eine Katze anhörte, hatte Leonie das zuvor abgesprochenen Zeichen richtig gedeutet und kam kurz darauf auf dem Weg über das Feld ins Haus. In ihrer Hand hielt sie lächelnd mein Handy hoch. „Es lag gleich hinter dem Zaun.“

„Also heute hast du wirklich einen ganz besonders guten Tag“, lobte ich sie, während ich ihr durch das Küchenfenster half. „Wollen Sie auch eins?“, hielt sie mir im nächsten Moment die längste Praline der Welt vor die Nase. Sie wissen schon, von welchem Schokoriegel hier die Rede ist. Auch wenn ich nicht verstand, wie man in einer solchen Situation ans Naschen denken konnte, nahm ich den Riegel. „Nervennahrung“, erklärte sie. Ich zuckte mit den Achseln und nickte ihr dankbar zu.

„Suchen wir nach was bestimmten, Chef?“ „Zunächst würde mich die Kamera interessieren, die mir der Detektor vorhin anzeigte. Die Tatsache, dass bis jetzt niemand hier ist, werte ich als ein gutes Zeichen.“ „Sie meinen, dass Ihre kleine Standeinlage nicht von dem Entführer bemerkt wurde?“ „Vielleicht war er nicht am Empfänger, vielleicht erfasst die Kamera einen anderen Bereich des Wohnzimmers oder aber das Licht war unzureichend. Was weiß denn ich?“ „Essen Sie mal Ihren Schokoriegel“, forderte mich das kleine Luder auf. „Ich hätte auch noch einen weiteren für Sie.“ Ich winkte ab und ging ins Wohnzimmer.

Der Detektor lotste mich zu einer alten Standuhr, die in einer der Zimmerecken stand. Die Kamera war in der Verschlussöse unter dem Uhrendeckel des Zifferblatts versteckt. Sie war nur zu sehen, wenn man direkt und sehr genau hinsah. Der Eingangsbereich des Wohnzimmers, also der Bereich, in dem ich auf die vermeintliche Bombe getreten war, konnte wegen eines Sessels, der den Erfassungsbereich der Kamera einschränkte, nicht eingesehen werden. So zumindest hatte es für mich den Anschein. Es versteht sich von selbst, dass ich in diesem Augenblick und beim Aufspüren der Kamera darauf geachtet hatte, dass ich nicht von dieser erfasst wurde. Stutzig machte mich, dass sich trotz des Lichts aus unseren Lampen nichts tat. Vielleicht wurden wir längst beobachtet.

Während sich Leonie im Haus umsah, widmete ich mich der vermeintlichen Bombe unter der Diele. Ich klappte mein Taschenmesser auf und steckte es in die Längsfuge über der Kassette. Als ich genau hinsah, bemerkte ich an dieser Stelle bereits Schleifspuren im Holz. Offensichtlich war das Versteck immer wieder auf dieselbe Weise geöffnet worden. Daher ließ sich die Diele problemlos anheben und zur Seite kippen.

Wir hatten den Gegenstand auf dem Monitor der Endoskop-Kamera glücklicherweise korrekt als Geldkassette identifiziert. Es war eine von diesen blauen Blechkisten, wie es sie gefühlt seit hundert Jahren überall zu kaufen gibt. Ich fragte mich, was das Klicken verursacht hatte, was mich mit dem Absinken der Diele dazu veranlasste, an eine Bombe zu glauben. Als ich die Kassette am Bügel aus dem Versteck hochnehmen wollte, war klar, dass dieser das Geräusch ausgelöst hatte. Offenbar war er nach oben gerichtet, als ich nun mit meinem Gewicht auf die Diele trat. So wirkte mehr Druck als sonst darauf, sie bog sich stärker und bewirkte, dass der Bügel mit eben dem besagten Klicken auf die Metallkassette schlug.

Mit dieser Erklärung gab ich mich insofern zufrieden, weil ich nun wusste, dass ich nicht überreagiert hatte. Meine Reaktion war also für mich selbst nachvollziehbar. Wieder mit mir im Reinen, sah ich mir nun die kleine Kassette genauer an. Sie war verschlossen. Ich leuchtete das Versteck aus und wurde unter der angrenzenden Diele fündig. Ich barg eine Streichholzschachtel in der, oh, wie überraschend, der Schlüssel versteckt war.

In der Kassette lag ein wenig Bargeld, einige handschriftlich verfasste Briefe eines verflossenen Liebhabers, ein längst abgelaufener Reisepass und die Geburtsurkunde von Renate Coburg. Da es bislang nicht den geringsten Anhaltspunkt für das Verschwinden der alten Dame gab, nahm ich die Schreiben an mich. Auch wenn es mir Unbehagen bereitet, in fremden Briefen zu lesen, erschien es mir unabdingbar, wenn ich mehr über das Leben der Zielperson herausfinden wollte. Natürlich stellte ich die Kassette in ihr Versteck zurück und auch sonst stellte ich den alten Zustand wieder her.

Somit wandte ich mich nun dem nächsten Problem zu. Es gab mindestens zwei Kameras, die über einen Router mit einem Empfänger verbunden waren. Router? Besaß Renate Coburg tatsächlich einen Internetanschluss oder verfügte der Entführer über andere Möglichkeiten, um die Livemitschnitte der Kameras zu verfolgen? Ich ging in die Küche, wo Leonie in den Schubladen nach Papieren suchte, auf eine mögliche Entführung hindeuteten.

„Wir suchen nach einem Router und nach einem vorhandenen Laptop oder etwas Vergleichbarem.“ „Stimmt, ich habe mich auch schon gefragt, wie das WLAN-Netz betrieben wird.“ „Weshalb seit ihr bei der Überprüfung von Renate Coburg nicht auf einen Internetanschluss gestoßen?“, hakte ich nach. „Sorry, Chef, mein Fehler.“ „Vielleicht finden wir ja Unterlagen des Providers“, betrat ich den Pfad der Hoffnung und den, der mich ins Schlafzimmer führte. Durch das nach Osten gelegene Fenster sah ich, wie die Sonne langsam aufging.

„Wir sollten uns sputen“, trieb ich Leonie zur Eile an. „Es wird bald hell.“ Wir zogen jede Schublade auf, sahen in jeden Schrank und durchkämmten alle Unterlagen. Sofern wir das Gefühl hatten, dass wir auf ein Dokument gestoßen waren, welches uns weiterbringen konnte, fotografieren wir es. Da wir nicht absehen konnten, welches von Relevanz war, kamen einige Fotos zusammen.

„Ich hab’s“, hielt Leonie unvermittelt einen Brief in die Höhe. „Sie hat Telefon und Internet seit etlichen Jahren bei der Telekom“, flüsterte sie. „Das wundert mich nicht“, entgegnete ich. „Vor allem ältere Menschen wechseln nicht, bleiben der alten Post treu.“ „Blöd, dass wir nur den Bereich des Wohnzimmers durchsuchen konnten, der nicht von der Kamera erfasst wurde“, seufzte ich. „Auf jeden Fall müssen wir alles so zurücklassen, dass der Entführer unseren Besuch nicht bemerkt.“

Meine Auszubildende sah mich nachdenklich an. „Sie glauben, der kommt nochmal hierher?“ „Was glaubst du, weshalb er die Kameras installierte? Er will wissen, ob das Verschwinden von Renate Coburg bemerkt wurde. Dass es sich hier um keine normale Entführung handelt, dürfte klar sein. Es wird keine Lösegeldforderung geben“, sinnierte ich flüsternd. „An wen auch?“, stimmte mir Leonie zu.

„Bevor wir hier verschwinden, lasse ich ebenfalls einen kleinen Spion hier.“ „Wollen Sie den auch über das bestehende WLAN-Netz betreiben?“ „Nein, das wäre zu riskant. Wir kommen in ein paar Tagen wieder her und lesen ihn aus.“ Leonie reckte den Daumen. „Ich bin gespannt.“ Ich integrierte das winzige Gerät in die Klingelkastenabdeckung auf dem Flur. Falls sich meine These bestätigte, würden wir bereits in wenigen Tagen wissen, wie die Person aussah.

Ende der Leseprobe

Einleitung

 

Dieser in Teilen authentische Roman aus der Detektei Lessing-Serie entstand mit Unterstützung der Apelnstedter Bürgerschaft. Der tragische Tod eines Mannes, der aus ihrer Mitte gerissen wurde als er mitten unter ihnen erfror, wurde von der Polizei als bedauerlicher Unglücksfall gewertet. Jahrzehnte vergingen und immer dann, wenn ein eisiger Wind durch das Dorf weht, sprechen die Alten vom ‚Klobenwind‘.

So mussten annähernd acht Jahrzehnte vergehen, bis bei Renovierungsarbeiten ein Brief der Witwe auftauchte und das Unglück in Frage stelle. Um das Andenken ihres Urgroßvaters und den Namen ihrer Familie nicht zu beschmutzen, kann seine Enkelin nicht zur Polizei gehen. Um den Tod des Mannes, den sie nie kennenlernte dennoch aufzuklären, aber auch weil sie sein Geheimnis für sich selbst nutzen möchte, beschließt sie sich an die Detektei Lessing zu wenden.

 

Detektei Lessing

 

Band 56

 

Cold Case in Apelnstedt

1

Die Sonne hatte sich längst aufgemacht, um den neuen Tag mit einem strahlenden Lächeln zu begrüßen. Einige Vögel saßen im Kirschbaum und glotzten ungeniert in unser Schlafzimmer. Dabei veranstalteten sie einen Lärm, der selbst Tote genervt hätte. Meine Hand tastete sich in erotischen Schlangenlinien auf die linke Seite unseres Bettes, um im nächsten Moment ein Signal des Entsetzens an meinen zugegeben noch etwas desorientierten Verstand zu senden. Ich war allein!

Es folgte der fragende Blick zum Wecker und mein Gehirn erhielt den nächsten Stromschlag. Ich hatte verschlafen! Wer nun davon ausgeht, dass ich wie ein Jungspund aus den Federn hüpfte, muss von mir enttäuscht sein. Verpennt hatte ich eh und überdies steckte mir noch unser gestriger Betriebsausflug in den Heidepark in den Knochen. Auch wenn es ein rundherum gelungener Tag war, blieb festzuhalten, dass ich keine zwanzig mehr war.

Wo ich mich der einen oder anderen Fahrattraktion verweigerte, ließen sich Trude und Leonie kaum zurückhalten. Während es sich der Rest der Truppe auf dem Raddampfer gemächlich machte, war den beiden keine Bahn zu hoch oder zu schnell. Einzig im Mountain Rafting, in dem wir alle miteinander an tobendenden Wasserfällen entlang, von wilden Fluten mitgerissen wurden, ließ sich der von Miriam beschworene gemeinsame Geist meiner Detektei beleben.

Nach stundenlangen Märschen von einer Ecke des Freizeitparks zur nächsten und einer schier endlos erscheinenden Heimfahrt, fiel ich irgendwann total erledigt in mein Bett. Es ist also kein Wunder, dass ich weder den Wecker noch meine Liebste hörte, wie sie das Bett verließ.

Nachdem ich mich schließlich doch aus den Federn gewalzt hatte, fand ich einen liebevoll gedeckten Frühstückstisch und einen Zettel vor, auf dem mir Miriam einen schönen Tag wünschte. Ein roter Kussmund ließ auf einen schönen Abend hoffen. Als ich gut gestärkt über die breite Marmortreppe nach unten in die Detektei stiefelte, kam ich zu dem Schluss, meinen Mädels an diesem Montag nicht allzu viel abzuverlangen. Umso erstaunter war ich, dass Trude und Leonie bereits bei der Arbeit waren. Ja, war ich denn der Einzige, der auf den Felgen lief?

„Guten Morgen, Chef“, begrüßten mich die beiden mit einem verschmitzten Lächeln. „Auch schon ausgeschlafen?“, erkundigte sich Leonie. „Das sollten wir unbedingt bald wiederholen, Chef.“ Ich nickte Trude mit zerknirschter Mimik zu. „Sicher.“ „Bis zur Mittagspause sollten wir mit der Buchführung durch sein“, erklärte Leonie. „Wenn Sie keinen neuen Fall am Start haben, bringen wir dann den Garten vor der Detektei auf Vordermann“, stellte Trude zu Leonies Entsetzen klar. „Na ja, ganz so weit ist es ja noch nicht“, versprühte ich Hoffnung. „Machen Sie mir doch mal eine Verbindung mit der Rechtsanwaltskanzlei Börner“, forderte ich Trude auf.

„Guten Morgen, Christoph“, begrüßte ich meinen langjährigen Freund und Leonies Onkel. „Hallo Leopold, was kann ich für dich tun?“ „Ich frage es grad heraus, hast du was für uns zu tun?“ „Das tut mir leid, aber die Leute sind wohl so kriegsmüde, dass sie sich nicht mal mehr streiten. Bei mir ist es derzeit auch mau. Am besten schließt du den Laden ab und machst Urlaub.“ „Wer hat, der kann“, seufzte ich. „Apropos, euer Betriebsausflug in den Heidepark war wohl ein voller Erfolg. Leonie war mehr als begeistert. Die hat Detlef und mir den ganzen Abend davon vorgeschwärmt.“ „Oh ja, aber beim nächsten Mal ziehe ich ganz sicher bequeme Schuhe an. Du glaubst ja nicht, wie viele Blasen ich an den Füßen habe.“ „Da musst du jetzt durch.“

Mein letzter Trumpf hatte also nicht gestochen. Ich fühlte mich an die Anfänge meiner Detektei erinnert. Damals lief Axel mit einem Werbeschild durch die Fußgängerzone. Eine Maßnahme, die ich eigentlich niemals wieder ins Leben zurückrufen wollte. In schwierigen Zeiten sollte man nicht herumlamentieren, sondern sich auf das besinnen, was einst unsere Tugenden waren. Die Ärmel hochkrempeln und anpacken, auch wenn es der Garten vor der Detektei war, der hergerichtet werden musste.

Doch so weit sollte es nicht kommen. Durch die einen Spalt breit geöffnete Tür zu meinem Büro bemerkte ich, wie jemand die Detektei betrat. Kurz darauf plärrte es in der üblichen Weise aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage auf meinem Schreibtisch.

„Ich weiß, Chef“, hörte ich Trudes Stimme. „Sie haben eigentlich einen wichtigen Termin, aber hier vorn steht eine junge Frau, der unbedingt schnell geholfen werden sollte.“ „Also gut, dann schicken Sie die Klientin herein“, entgegnete ich großherzig. „Kümmern Sie sich bitte um den Termin, damit Herr Schwarzjanik nicht vergebens wartet.“ „Geht klar.“ Mittlerweile zelebrierten Trude und ich diese Art der Konversation geradezu. Es schien uns sogar Spaß zu machen, aber das nur am Rande und nur, damit es einen geschäftigen Eindruck macht.

„Nehmen Sie bitte Platz“, bot ich der jungen Frau einen Stuhl vor meinem Schreibtisch an. „Was führt Sie zu mir?“ „Mein Name ist Charlotte Kolbe und ich bin hier, weil Sie den Mord an meinem Urgroßvater aufklären sollen.“ Ich stutzte. „Wann soll das denn gewesen sein?“ „Ich weiß, was Sie jetzt denken, aber hören Sie mich bitte zunächst an und bilden Sie sich dann erst eine Meinung.“ Was solls, dachte ich. Zu tun hatte ich eh nichts und letztlich war ich gespannt auf ihre Geschichte. „Na dann lassen Sie mal hören.“

„In der Nacht vom 2. auf den 3.Januar 1948 war es bitterkalt und es wehte ein stürmischer Wind durch die Straßen von Apelnstedt“, begann die Frau vor meinem Schreibtisch mit ihrer Erzählung. „Mein Urgroßvater, Friedrich Kolbe, hatte das Haus spät am Abend verlassen, um noch etwas Wichtiges zu erledigen. Er war ein Eigenbrötler und so hatte er seiner Frau nicht gesagt, wohin er wollte. Er trank auch gern mal einen über den Durst und so wurde es spät. So spät, dass meine Urgroßmutter sich schlafen legte, ehe er zu Hause war“, schilderte sie.

„Er wurde erst am Morgen des 3. Januars auf der Straße tot aufgefunden. Das Merkwürdige war, dass der Nachtwächter, den es zu dieser Zeit gab, niemanden gesehen haben wollte.“ Ich spitzte die Ohren. Es wurde interessanter. „Der Mann wurde wegen Verletzung seiner Aufsichtspflicht wenig später entlassen. Bei stürmischem Wetter sprechen die Apelnstedter noch heute vom ‚Kolbenwind‘.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Na ja, wie auch immer. Der Tod meines Urgroßvaters wurde von der Polizei untersucht und die kam letztlich zu dem Schluss, dass er betrunken war, stürzte und sich dabei den Kopf anschlug, benommen liegenblieb und erfror.“

„Also ein Unfall“, schlussfolgerte ich. „So steht es zumindest in der Dorfchronik“, bestätigte sie. „Es dürfte fast unmöglich sein, die Wahrheit heute noch ans Licht zu bringen“, bekundete ich seufzend. „Selbst wenn Ihr Urgroßvater noch exhumiert werden könnte, ist es nahezu ausgeschlossen, an seinen sterblichen Überresten die Todesursache feststellen zu können“, erklärte ich der jungen Frau schweren Herzens.

Sie zog eine Folienhülle aus der Tasche. „Das ist ein Schreiben von meiner Urgroßmutter, das sie an ihre Tochter, also meine Oma gerichtet hatte“, erklärte Charlotte Kolbe. „Ich konnte ihn nur mittels KI[1] einigermaßen aus dem Sütterlin übersetzen.“ Womit sie mir eine Abschrift des Briefes reichte. „Lesen Sie selbst und wenn Sie dann immer noch der Meinung sind, dass mein Urgroßvater einem Unfall zum Opfer fiel, werde ich nicht länger Ihre Zeit in Anspruch nehmen.“

„Lieber Michael“, las ich. „Der Brief war an Ihren Enkel, also meinen Vater gerichtet“, erklärte meine mögliche Klientin. Ich nickte ihr zu. „Ich schreibe dir diesen Brief im Gottvertrauen, dass du ihn eines Tages finden mögest. Als ich deinem Vater von dem Unrecht, welches deinem Opa widerfuhr erzählte, tat er es als Hirngespinst ab. Der Himmel weiß, was einmal aus diesem alten Gemäuer werden soll, was dein Opa und ich einst durch unsere Hände Arbeit schufen.“

„Mein Opa baute damals auf dem Grundstück seiner Eltern ein weiteres Haus“, unterbrach mich Charlotte Kolbe. „Nach dem Tod meiner Uroma blieb das alte Haus unbewohnt. Erst als Jörn, das ist mein Partner, und ich uns entschlossen, es wieder herzurichten, kehrte wieder Leben darin zurück“, fügte sie erklärend an. „Das Haus stand also fünfzig Jahre leer?“, fragte ich kritisch nach. „Sie glauben gar nicht, wie gut es diese Zeit überdauert hat“, erahnte die junge Frau, worauf ich hinauswollte.

„Du konntest deinen Opa nie kennenlernen“, las ich weiter. „Er wurde mir vor vielen Jahren von einem bösen Menschen genommen. Es ging um ein wertvolles Bild, welches dein Opa während des Krieges bei einem guten Freund vor den Alliierten in Sicherheit brachte. Auch wenn er mir nie sagte, bei wem er den ‚van Gogh‘ versteckt hatte, muss es wohl sein Kriegskamerad gewesen sein.“

Ich sah die Frau vor meinem Schreibtisch skeptisch an. „Mein Urgroßvater kämpfte bei Kriegsbeginn in Frankreich, wo er dann auch verwundet wurde“, erzählte sie. „Ich könnte mir vorstellen, dass es sich um Beutekunst handelte“, schob sie ihre Erklärung gleich nach. „Gut möglich“, räumte ich ein und widmete mich wieder dem Brief. „Sie sind sich sicher, dass der Brief richtig übersetzt ist?“ „Ja!“

„Einmal sah ich das Bild und Friedrich nannte den Namen, ‚Herbstlandschaft bei Saint-Rémy‘. Es war ein ganz wundervolles Gemälde, wie man es nur einmal im Leben zu sehen bekommt.“ Ich sah Charlotte Kolbe erneut in die Augen. So recht wusste ich nicht, was ich ihr sagen sollte, denn ein solcher Fall war mir bislang nicht untergekommen. „Es ist über fünfzig Millionen wert“, bemühte sich meine potentielle Klientin darum, mein Interesse zu wecken. „Worum geht es denn nun eigentlich?“, erkundigte ich mich bei ihr. „Wollen Sie, dass ich den Tod Ihres Urgroßvaters aufkläre oder geht es Ihnen um die Wiederbeschaffung des Bildes?“

„Eigentlich geht es um beides“, räumte sie ehrlich ein. „Dann sollte Ihnen bewusst sein, dass es sich höchstwahrscheinlich um Beutekunst handelt und Sie allenfalls eine Art Finderlohn bekämen.“ Sie sah mich durchdringend an. „Selbst wenn, wäre der dann immer noch hoch genug, um Sie zu bezahlen. Also, nehmen Sie den Fall an?“

Da saß ich nun und wusste nicht, was ich antworten sollte. Eines war klar, wenn ich gerade in einem anderen Fall ermitteln würde, wäre die Sache klar, doch die Realität war eine andere und so sagte ich schließlich zu. „Ich bekomme 500 Euro zuzüglich Spesen und für drei Tage im Voraus“, reichte ich ihr schließlich meine Hand zum Einschlagen. Sie tat es mit einem schliefen Lächeln. „Die Abschrift des Briefes würde ich gern in Kopie hierbehalten und dann benötige ich so schnell wie möglich einen Stammbaum Ihrer Familie, in dem Sie mir bitte alle wichtigen Details zum Leben jedes Einzelnen und zur Geschichte Ihres Hauses verzeichnen.“ „Geht klar.“ „Am besten arbeiten Sie den gleich mit einer meiner Mitarbeiterinnen zusammen aus.“ „Wie, jetzt und hier?“ „Keine Zeit?“ „Doch, aber das mache ich lieber zuhause, wo ich die Unterlagen habe.“ „Wie Sie wollen, aber lassen Sie sich nicht allzu viel Zeit damit.“ Womit ich ihr eine Vollmacht zur Unterschrift vorlegte.

Die Detektei Lessing hatte also einen neuen Fall zu bearbeiten. Ehrlich gesagt hatte ich nicht den leisesten Schimmer von dem, was mich erwarten würde und auch nicht die geringste Idee, wie ich in der Sache zu Werke gehen wollte. Fakt war nur, dass es ein Bild gegeben hatte, was offenbar wertvoll war und was auf geheimnisvolle Weise abhandengekommen war. Ob es dabei zu einem Verbrechen kam, musste geklärt werden.

2

In all den Jahren als Detektiv hatte ich nie zuvor einen Fall, der so lange zurücklag. Nur wenn es sich bei dem Tod von Friedrich Kolbe tatsächlich um einen Mord handelte und es mir gelang, dies nachzuweisen, konnte der Täter theoretisch zur Rechenschaft gezogen werden. Theoretisch, weil der mutmaßliche Mord bereits 77 Jahre zurücklag und der Täter wahrscheinlich längst nicht mehr lebte. Dennoch versprühte dieser Fall seinen ganz individuellen Charme, denn falls es mir gelang, den Täter zu ermitteln, waren seine Nachkommen in der Pflicht, den Verbleib des Bildes aufzuklären.

Zunächst studierte ich die Dorfchronik. Diese war im Hinblick auf das Auffinden des Friedrich Kolbe nicht sonderlich erschöpfend. Demnach war der Urgroßvater meiner Auftraggeberin am Morgen des 03.01.1948 auf der Straße liegend aufgefunden worden. Nachdem die Ermittlungen durch die Polizei kein Fremdverschulden ergaben und die Beamten zu dem Schluss kamen, dass Friedrich Kolbe im betrunkenen Zustand stürzte, sich den Kopf auf dem Bürgersteig anschlug und letztlich besinnungslos erfror, wurde dem verantwortlichen Nachtwächter wegen der Verletzung seiner Aufsichtspflicht vom Rat der Gemeinde die Kündigung ausgesprochen.

Ich fragte mich, ob es zu den Untersuchungen der Polizei noch irgendwo Unterlagen geben konnte, verwarf diesen Gedanken jedoch sehr schnell wieder, als ich an die Zeitspanne dachte. Die Frage, ob der Fundort des Leichnams auch der Tatort war, ließ sich somit nicht mehr klären. Das Einzige, was mir weiterhelfen konnte, waren Zeitzeugen, sofern es diese überhaupt noch gab. In dem Brief war von einem Kriegskameraden die Rede. Mit ihm war Friedrich Kolbe offenbar in Frankreich stationiert gewesen. Ich war mir sicher, dass sich dieser noch ermitteln ließ.

Also betraute ich Trude mit den Recherchen dazu. Sie verfügte über die nötigen Verbindungen in die jeweiligen Ämter. „Für dich habe ich einen Spezialauftrag, Leonie.“ „Ich bin ganz Ohr, Chef.“ „Du suchst bitte alles heraus, was du über ein Bild mit dem Namen, 'Herbstlandschaft bei Saint-Rémy' von dem Maler Vincent van Gogh findest. Vor allem interessiert mich, wo es sich jetzt befindet.“ „Da geht es wohl um eine Menge Geld“, sinnierte meine Auszubildende. „Mal sehen, was du zu dem Bild herausfindest.“

Nachdem ich die Arbeit verteilt hatte und mich telefonisch beim Niedersächsischen Landessarchiv angemeldet hatte, machte ich mich auf den Weg. Zum Glück befindet sich dieses ganz in der Nähe des Wolfenbütteler Krankenhauses am Forstweg. Falls es noch etwas zum Tod von Friedrich Kolbe gab, dann wurde es wahrscheinlich an diesem Ort aufbewahrt. Gegen eine kleine Gebühr kann dort jedermann und jede Frau Einsicht zum vordigitalen Zeitgeschehen nehmen. Ein großer Teil der dort lagernden Unterlagen wurde nie digitalisiert. Ich wurde bereits von einer jungen Frau in der Pförtnerloge erwartet. 

„Mein Name ist Lessing“, stellte ich mich vor. „Ihr Wagen ist bereits gepackt“, entgegnete sie den Türöffner betätigend. „Kommen Sie bitte herein.“ Ich kam ihrer Aufforderung nach und drückte gegen die Glastür. Auf dem Gang dahinter erwartete mich ein Bücherwagen, wie man ihn aus deutschen Ämtern kennt. „Den Gang hinunter finden Sie den Lesesaal. Sie dürfen fotografieren und sich Notizen auf Ihren mitgebrachten Papieren machen, aber weder die Unterlagen beschreiben, beschädigen oder mitnehmen“, erklärte sie. „Das ist doch selbstverständlich“, bestätigte ich nickend. „Das sagen Sie“, erwiderte sie kopfschüttelnd. „Sie glauben gar nicht, was ich hier schon alles erlebt habe.“ Meine Stirn krauste sich.

„Wenn Sie fertig sind, packen Sie bitte alles auf den Wagen und schieben ihn wieder hierher zurück.“ „Sie können sich darauf verlassen“, versprach ich und schob ab. „Es war nicht das erste Mal, dass ich von dieser Möglichkeit der Recherche Gebrauch machte, allerdings lag mein letzter Besuch mindestens zehn Jahre zurück. Damals ging es um einen Wolfenbütteler Bauunternehmer und eine Villa in Mascherode.

Das Material, was mir die freundliche Mitarbeiterin des Archivs herausgesucht hatte, beinhaltete die detaillierte Dorfchronik von Apelnstedt, die Flur Liegenschaften-Karte, sowie eine Übersichtskarte der Gemarkung. Überdies hatte ich um Pläne zur Einberufung in die Wehrmacht für die Jahrgänge ab 1908 gebeten. Da Kolbe und sein vermeintlicher Kamerad, der wie er ebenfalls aus Apelnstedt oder Umgebung stammen sollte, zur gleichen Zeit in Frankreich stationiert war, mussten beide Namen in einer Liste vermerkt sein.

Dieser Hinweis war bislang das einzige Indiz, was ich im Hinblick auf das verschollene Gemälde und einen möglichen Täter hatte. Noch stand in den Sternen, ob die Zeilen, die Erna Kolbe ihrem Enkel Michael hinterlassen hatte, wirklich den Tatsachen entsprachen. Ich musste damit rechnen, dass es sich tatsächlich um ein Unglück handelte bei dem der Urgroßvater meiner Auftraggeberin tatsächlich in jener Nacht ohne Fremdverschulden erfror.

Es war bereits Nachmittag, als ich alle Unterlagen, Zeitungsartikel und Akten gesichtet hatte. Die Stunden waren wie in Zeitraffer dahingeschmolzen und die Namensliste war immer länger geworden. Längst war ich von einem beklemmenden Gefühl ergriffen, das Mitgefühl mit all denjenigen, die in diesem irrsinnigen Krieg verwundet wurden oder erst Jahre später als von Entbehrung und Leid gezeichnete Kriegsgefangene zurückkehrten.

Leider erschien mir die Unterlagen der Wehrmacht, welche mir zur Durchsicht zur Verfügung gestellt wurden, eher unvollständig. Ich stieß darin weder auf den Namen Friedrich Kolbe noch auf andere Männer aus Apelnstedt, die in der fraglichen Zeit einberufen wurden. Was blieb, war die Hoffnung, dass Trude bei ihren Recherchen mehr Glück hatte.

Überdies beschäftigte mich die Frage, ob Friedrich Kolbe tatsächlich das besagte Bild als Raubkunst heimgebrachte? Ich sah kurzerhand über Google nach dessen Größe und staunte angesichts der Maße von 59/72 cm. War es überhaupt möglich, ein so großes Gemälde durch all die Kriegswirren unbeschadet von der Front nach Hause zu bringen? Sicher hatte er es eingerollt, aber mit einer Länge von über einem halben Meter war es immer noch ziemlich auffällig. Es sei denn, er hatte die Rolle irgendwie in seiner Ausrüstung verstecken können.

Ich musste herausfinden, welchen Rang Friedrich Kolbe bei der Wehrmacht innehatte und am besten auch, wo genau er stationiert war. Doch wer konnte mir diesbezüglich weiterhelfen? Ich erinnerte mich an einen alten Freund, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Ich wusste nur, dass Eddi inzwischen Hauptmann der Reserve war. Vielleicht konnte er mir in dieser ganz speziellen Sache weiterhelfen? Erst kürzlich war mir zu Ohren gekommen, dass er und eine gute Freundin aus alten Zeiten zueinandergefunden hatten. Es ist das Schicksal, welches immer wieder Überraschungen für uns bereithält.

Nachdem ich das Landesarchiv nur um einige Details klüger verlassen hatte, rief ich zunächst in der Detektei an, um mich bei meinen Mädels nach dem Stand ihrer Ermittlungen zu erkundigen. Was die Recherchen zur Wehrmacht betrafen, konnte Trude nicht mehr als ich herausfinden. Somit blieb nur noch mein Freund Eddi. Auch wenn er zunächst recht erstaunt über meinen Anruf war und ich mit dem Grund dafür nicht hinter dem Berg hielt, bemerkte ich, wie er sich dennoch darüber freute. Wir verabredeten uns auf ein sofortiges Treffen.

3

Obwohl Wolfenbüttel ganz sicher keine Kleinstadt ist, kennt man sich wie in einem großen Dorf. Die Ehefrau eines inzwischen verstorbenen Freundes betrieb in der ‚Leipziger Straße‘ eine kleine private Ferienpension. Irgendwann war Eddi dann wie ein helles Licht in ihr Leben getreten, um es wieder aufzuhellen. Nun erwarteten mich beide, um mir bei meinem Fall weiterzuhelfen.

Bereits die schmale Toreifahrt erforderte meine volle Aufmerksamkeit. Da ich nicht wusste, wo ich meinen Wagen abstellen sollte, parkte ich direkt vor dem Fachwerkhaus. Als ich ausstieg, entdeckte ich inmitten des gepflegten Gartens einen großen Pool und dahinter eine gemütliche Sitzecke. Als Feriengast musste man sich hier wohlfühlen. Noch bevor ich die Klingel betätigen konnte, öffnete sich die Tür und meine Jugendfreundin stand vor mir.

„Mensch Leopold, schön dich mal wiederzusehen. Wie lange ist das jetzt her? Bis auf den Bauch hast du dich ja kaum verändert“, sah sie an mir herab. „Mindestens zehn Jahre und du scheinst ja gar nicht älter zu werden“, entgegnete ich, obwohl uns klar war, dass wir uns nur geschmeichelt hatten. „Wenn ihr dann mit dem Austausch von Höflichkeiten so weit seid, würde ich gern mit dem Tablett an euch vorbei in den Garten gehen“, machte Eddi auf sich aufmerksam.

Kurz darauf hatten Eddi und ich uns ebenfalls begrüßt. „Eine schöne Idee, den Kaffee hier draußen zu trinken“, lobte ich und fühlte mich auf Anhieb in ihrer Mitte wohl. „Eigentlich eine Schande, sich so lange Zeit nicht zu besuchen“, räumte ich ein. „Wir haben alle unser eigenes Leben“, entgegnete Eddi. „…und wenn man gerade nicht am Arbeiten ist, dann ist man froh, wenn man die Füße mal hochlegen kann.“ „Vielleicht sehen wir Deutsche das viel zu verbissen“, seufzte ich. „In südlichen Ländern geht es doch auch und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Menschen dort glücklicher sind.“

„Apropos glücklich, du sagtest am Telefon, dass du gerade an einem Fall arbeitest, bei dem du Eddis Hilfe brauchen würdest“, unterbrach Sabine unsere philosophischen Gedanken. „In der Tat, vielleicht kannst du mir ja wirklich weiterhelfen“, nahm ich den Faden auf. „Um was geht es denn?“, fragte Eddi nach. „Wie hoch wäre denn eigentlich Eddis Anteil, wenn du den Fall aufgrund seiner Expertise lösen würdest?“, erkundigte sich Sabine mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich wusste nicht, wie ich in diesem Moment reagieren sollte, bis sie herzlich lachte. „Du verstehst es immer noch mich zu schocken“, gestand ich ein. „Ich weiß nie, wann du einen Scherz machst oder wenn es ernst ist.“ „Ist es nicht immer ernst?“, konterte sie in ihrer typischen Art.

„Gibt es eine Möglichkeit, wie sich in Erfahrung bringen lässt, welchen Rang Friedrich Kolbe bei der Wehrmacht innehatte und wo genau er 1940 in Frankreich stationiert war?“ Eddi stieß einen Pfiff aus. Ich hatte ihn offensichtlich überrascht. „Na ja, es gibt da sicherlich einen Weg, wie ich an diese Info gelangen kann, aber einfach wird das nicht.“ „Gut, wenn du dann schon mal dabei bist, wäre es gut zu erfahren, ob mit ihm ein weiterer Kamerad aus Apelnstedt oder den umliegenden Gemeinden in derselben Einheit stationiert war.

„Also da muss nun aber wirklich ein leckeres Abendessen bei rumkommen“, preschte Sabine ein weiteres Mal an Eddi vorbei. „Also das versteht sich ja wohl von selbst“, entgegnete ich spendabel. „Offensichtlich bist du nicht mehr so geizig wie früher“, setzte sie noch einen drauf. Ich lachte sie herzlich an, weil ich einen ihrer schrägen Witze vermutete. Sie sah mich todernst an und ich war erneut verunsichert.

„Bis wann brauchst du die Info?“, lenkte Eddi meine Aufmerksamkeit auf sich. „Am besten bis gestern.“ „Na schön, ich will sehen, was ich für dich herausfinde, aber versprechen kann ich nichts. Es gibt Verschlussdokumente, die selbst heute noch nur von autorisierten Leuten einsehbar sind.“ Ich regte den Daumen in die Höhe. „Du machst das schon.“ Sabine sah mich durchdringend an. „Um was geht es eigentlich?“ „Möglicherweise um Mord, aber der wird sich nach all den Jahren nicht mehr nachweisen lassen“, erwiderte ich, ohne zu viel zu verraten. „Es war schön, euch mal wieder zu sehen und ich denke, wir sollte auf jeden Fall im Kontakt bleiben.“ „Das finde ich auch, die Frage ist nur, ob es bei einer Absichtsbekundung bleibt“, brachte es Sabine mal wieder auf den Punkt.

Zurück in der Detektei hatte ich zumindest das Gefühl, bereits am ersten Tag einiges auf den Weg gebracht zu haben. „Ich habe da einige interessante Infos“, überraschte mich Leonie. „Das Gemälde, von dem im Brief der Urgroßmutter unserer Auftraggeberin die Rede ist, hängt im Louvre.“ Der Traum von einer fetten Bonuszahlung für die Wiederbeschaffung eines bedeutenden Kunstwerks zerplatzte wie eine Seifenblase. „Es hat einen Wert von über fünfzig Millionen Euro“, sorgte sie für einen noch größeren Schmerz. „Es gab allerdings einen Zwilling“, ließ mich Leonie aufhorchen.

„Was für einen Zwilling?“, stutzte ich. „So nennt man in der Fachwelt die zweite Hälfte dieses Panoramabildes“, erklärte meine Azubine. „Beide Bilder hingen nebeneinander im Louvre, bis der Krieg ausbrach und die deutsche Wehrmacht nach wenigen Tagen bereits vor den Türen von Paris stand“, fuhr Leonie fort. „Aufzeichnungen belegen, dass die Kunstwerke in Windeseile und ohne die üblichen Sicherheitsvorkehrungen aus dem Louvre in Sicherheit gebracht werden mussten. Wenn die Aussagen der Zeitzeugen stimmen, wurden die Zwillingsbilder dabei getrennt transportiert. Einer der Lastwagen fiel dabei den Nazis in die Hände. Darin befand sich einer Liste nach die eine Hälfte des Gemäldes. Dieser Teil des Bildes, gilt bis heute als verschwunden.“

„Dann verschwanden mit dem Zwilling also noch weitere Kunstwerke“, schlussfolgerte ich. „Davon ist auszugehen“, stimmte mir Leonie zu. Trude hatte sich inzwischen zu uns gesellt. „Mein Vater erzählte mir als Kind, dass damals in Frankreich etliche Kunstwerke verschwanden.“ „Nicht nur aus unseren Nachbarländern“, bestätigte ich. „Die von den Nazis verschleppte Beutekunst wurde mit den Jahren allerdings großteiles zurückgegeben.“

„Leider bekam ich nicht heraus, ob Friedrich Kolbe damals auf Paris zumarschierte“, räumte Trude ein. „Ich hatte Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass selbst heute noch ein Geheimnis vom Feldzug in Frankreich gemacht wird“, seufzte die gute Seele. „Grämen Sie sich nicht. Wenn das Verschlusssache ist, kommen da nur hochrangige Mitglieder des Verteidigungsausschusses ran.“ Während ich Trude tröstete, kam mir der Gedanke, dass Eddi sicherlich die gleichen Schwierigkeiten bekommen würde.

Die Frage war, ob ich allein einer Hypothese folgen wollte und trotz des Mangels an Beweisen etwas herausbekommen würde. „Machen Sie für heute Feierabend, Trude“, entschied ich nach einem Blick zur Uhr. „Wir beide fahren nach Apelnstedt“, beschloss ich, Leonie ins Visier nehmend. Ich vernahm ein unterschwelliges Seufzen. „Könen wir auf dem Weg dorthin irgendwo vorbeifahren, wo es etwas zu knabbern gibt?“, erkundigte sich meine Azubine. „Mir hängt der Magen in den Kniekehlen. Wahrscheinlich dehydriere ich, wenn ich nichts zu essen bekomme.“ „Quatsch, das passiert nur, wenn man nichts zu trinken bekommt.“

4

Um nicht quer durch die ganze Stadt fahren zu müssen, bog ich an der Kreuzung ‚Kaltes Tal‘ nach rechts in die ‚Halchtersche‘ ab und dann am TÜV links, wo ich meinen Wagen an der ‚Lindenhalle‘ vorbei immer geradeaus aus der Stadt lenkte. „Na jetzt kommen wir doch bestimmt an keinem Imbiss mehr vorbei“, maulte Leonie. „Hab Vertrauen“, schürte ich Hoffnung, während ich einen Zipfel von Wendessen abschnitt und an den Schrebergärten vorbei durch den Kreisel nach Ahlum weiterfuhr.

Da, wo es vor hundert Jahren eine Tankstelle gab, hatte ein griechischer Imbiss eröffnet. Nachdem ich bereits häufig daran vorbeigefahren war, stoppte ich den Wagen diesmal auf dem Parkplatz. „Der hat ja zu“, stellte Leonie frustriert fest. „Da stehen doch Stühle und Tische. Fass mal auf die Klinke“, machte ich ihr Mut. „Da drinnen ist doch niemand und außerdem brennt kein Licht.“ „Also ich hab’s versucht“, wusch ich meine Hände in Unschuld.

„Das überlebe ich nicht“, jammerte sie. „Öffne mal das Handschuhfach“, wies ich sie an. „Jetzt fangen Sie aber bitte nicht mit Ihrer eisernen Reserve für schlechte Zeiten an, Chef“, erwiderte Leonie. „Die gepuderten Frischeiwaffeln kenne ich noch von unserer Observation aus Lebenstedt.“ „Nein, nein, die habe ich schon längst entsorgt.“ Ich öffnete das Fach und reichte ihr eine Packung Zwieback.

Die junge Frau auf dem Beifahrersitz sah mich irgendwie merkwürdig an. „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, Chef.“ „Ja wieso das denn nicht?“, fragte ich verwundert nach. „Zwieback hält sich lange, ist sehr nahrhaft und macht schnell satt“, erklärte ich. „Davon bekommt man ja eine Staublunge. Da waren die Frischeiwaffeln ja noch besser.“ „Also ehrlich, Leonie, du musst dich schon mal für eins entscheiden.“

Von Ahlum bis Apelnstedt war es nicht mehr weit. An einem Imbiss kamen wir natürlich auch nicht mehr vorbei. Die Diva neben mir schien sauer zu sein, jedenfalls wechselten wir kein einziges Wort mehr, bis wir das Grundstück unserer Klientin in der ‚Lohenstraße‘ erreicht hatten. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du seist schwanger“, versuchte ich ihr Verhalten ins Lächerliche zu ziehen. „Wer weiß“, entgegnete sie vielsagend. In meinem Hals bildete sich ein Kloß.

Unsere Ankunft war auch Charlotte Kolbe nicht verborgen geblieben. Als wir ausstiegen, stand sie unvermittelt vor uns. „Ich dachte schon, Sie würden nicht mehr kommen“, bemerkte sie wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit. „Ich war den ganzen Tag über in Ihrer Sache unterwegs“, klärte ich sie auf. „Meine Mitarbeiterin konnte bereits einiges über die Herkunft des Bildes in Erfahrung bringen und derzeit bemühen wir uns mehr über den Ort zu erfahren, an dem Ihr Urgroßvater stationiert war.“ „Ui, da waren Sie ja wirklich schon fleißig“, lobte uns unsere Auftraggeberin.

„Aber nun kommen Sie doch bitte herein. Ich habe meinen Großeltern natürlich erzählt, dass ich Sie mit den Ermittlungen beauftragt habe.“ Meine Stirn krauste sich. „Lassen Sie mich raten, sie sind nicht sonderlich begeistert.“ Sie seufzte verlegen. „Wenn die beiden etwas von einem Detektiv hören, denken die an Magnum.“ „Dann hätte ich wohl mit einem Hubschrauber kommen sollen?“, feixte ich. „Vielleicht gar keine schlechte Idee.“ „Okay, beim nächsten Mal.“

„Sie sind also der Detektiv, von dem uns unsere Enkelin erzählte“, empfing uns Reinhard Kolbe. „So ist es“, bestätigte ich. „Die junge Frau an meiner Seite ist meine Mitarbeiterin, Frau Fischer“, stellte ich Leonie vor. „Na, dann kommen Sie mal rein.“ „Lassen Sie sich von meinem Opa bloß keine Löcher in den Bauch fragen“, warnte unsere Klientin. „Eigentlich sollte es anders herum sein“, entgegnete ich amüsiert.

Wenig später saßen wir uns in einem gemütlichen Wintergarten gegenüber und tranken Kaffee zu selbstgebackenem Frankfurter Kranz. „Also der Kuchen ist ein Gedicht“, mampfte Leonie, wieder mit besserer Laune. „Ich will ehrlich zu Ihnen sein, Herr Detektiv…“ „Lessing“, ergänzte ich. „Ich riet Charlotte davon ab, sie zu engagieren. Das kostet nur eine Unsumme an Geld und unterm Strich wird nichts dabei rauskommen.“ „Was macht Sie da so sicher?“, hakte ich nach.

Emmi Kolbe versuchte ihren Mann zu bremsen. „Charlotte weiß schon, was sie tut.“ „Eben nicht!“, wurde Reinhard Kolbe energisch. „Der Brief von meiner Mutter sagt doch im Prinzip schon alles. Als mein Vater erfroren auf der Straße gefunden wurde, war sie achtunddreißig Jahre alt. Als sie starb, war sie vierundsechzig. Sie hat nie wieder geheiratet, blieb ihm all die Jahre treu, da ist es doch kein Wunder, dass sie in dieser Zeit merkwürdig wurde. Als sie damals davon sprach, dass mein Vater wegen eines Kunstgemäldes ermordet wurde, war dies nicht mehr als eines ihrer Hirngespinste.“

„Und wenn nicht?“, hielt seine Enkelin dagegen. „Die Polizei untersuchte damals den Tod meines Vaters genau. Es gab keinen Zweifel daran, dass er stürzte, sich den Kopf anschlug und bewusstlos liegen blieb. In dieser Nacht war es bitterkalt und ziemlich windig. Ich habe dir doch erzählt, wie die Leute seither dazu sagen, wenn ein so heftiger kalter Wind durch die Straßen weht. Sie nennen ihn bis heute den Kolbenwind.“ „Sie waren vierzehn, als ihr Vater starb“, griff ich seine Aussage auf. „Dann wissen Sie sicherlich noch, wann er aus dem Krieg zurückkehrte.“ „Er war verwundet.“

Das wusste ich bereits von meiner Klientin. „Seine linke Hand war fast steif“, fuhr er nachdenklich fort. „Ich weiß noch, dass er sie kaum gebrauchen konnte. Das muss im Sommer 43 gewesen sein.“ „Können sie sich erinnern, wer von den Männern aus Apelnstedt mit ihrem Vater bei der Wehrmacht war?“ „Da gab es einige, aber die kamen, wenn überhaupt, erst nach Kriegsende zurück.“ „Wer von diesen Männern mit Ihrem Vater in Frankreich stationiert war, können Sie dann wohl auch nicht sagen“, schlussfolgerte ich. „Nein, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.“

„Können Sie sich möglicherweise an Briefe Ihres Vaters erinnern, die Ihre Mutter möglicherweise aufgehoben hat“, erkundigte sich Leonie zu meiner Überraschung. „Ich weiß noch, wie sehnsüchtig sie immer auf Post von der Front gewartet hat“, nickte uns der alte Herr zu. „Ja, ich weiß, dass es solche Briefe gab, aber wo sie diese aufbewahrte und ob sie noch existieren, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen.“

„Deine Mutter hatte sie in einer Hutschachtel auf dem Kleiderschrank in ihrem Schlafzimmer“, fiel Emmi Kolbe ein. „Ich weiß nicht, was damals damit geschah.“ „Nach unserer Hochzeit zogen wir in die obere Etage des Hauses und meine Mutter nach unten. Mit ihr auch das alte Schlafzimmer“, erklärte Reinhard Kolbe.“

Die alte Dame legte Leonie ein weiteres Stück von dem Frankfurter Kranz nach. „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“ „Eine alte Hutschachtel wäre mir bestimmt beim Renovieren aufgefallen“, dachte unsere Klientin angespannt nach. „Wieso gaben Sie das Haus eigentlich auf?“, erkundigte ich mich bei Reinhard Kolbe. „Weil meine Frau einfach nicht schwanger wurde, beschlossen wir auf dem großen Grundstück ein zweites Haus zu bauen.“ „Ja, ja“, amüsierte sich die alte Dame. „Wir waren kaum eingezogen, da schnackelte es auch schon.“

„Haben Sie den Stammbaum eigentlich schon fertig?“, wandte ich mich unserer Auftraggeberin zu. „Oma und Opa haben mir geholfen“, reichte sie mir ein Schriftstück. „Wofür benötigen Sie den Stammbaum eigentlich?“, fragte Herr Kolbe nach. „Es geht darum, den Überblick nicht zu verlieren. Ihre Familie ist recht umfangreich.“

„Ihr Vater Friedrich verstarb in der Nacht vom zweiten auf den dritten Januar 1948 im Alter von vierzig Jahren“, las ich. „Ihre Mutter Erna 1974 mit vierundsechzig.“ „Das ist richtig“, bestätigte der alte Herr. „Sie sind 1934 geboren, waren also vierzehn, als Ihr Vater starb und heirateten 1960.“ Ich stutzte. „Dann sind Sie ja schon über neunzig.“ „Und ich fast“, bemerkte Emmi Kolbe. „Alle Achtung. „Und schon seit 65 Jahren verheiratet.“ „Und sogar miteinander“, lächelte der alte Herr.

„Ihr Sohn Michael Kolbe kam 1970 zur Welt“, las ich weiter. „Ich war damals schon achtunddreißig“, bekräftigte sie. „Wir hätten das Haus eher bauen sollen“, schmunzelte der Opa meiner Klientin. „Sie sind eine geborene Wagenführer und stammen aus Dettum“, entnahm ich dem Stammbaum. „So ist es.“ „Der Michael wollte das Haus meiner Mutter auch nicht“, erinnerte sich der alte Herr. „Er sagte immer, es laste ein Fluch darauf. Jedenfalls baute er zusammen mit seiner Frau im Neubaugebiet ‚hinter dem Dorngarten‘.“ „Wo es noch im selben Jahr schnackelte“, hielt Emmi Kolbe fest.

„Gisela Kolbe ist eine geborene Rothemund“, fuhr ich fort. „Sie ist fünf Jahre älter als unser Michael“, bemerkte die Oma. „Als ich zur Welt kam, war meine Mutter auch schon dreißig“, erklärte unsere Klientin. „Warum entschlossen Sie sich dazu, das alte Haus wieder herzurichten?“, fragte ich sie. „Ich spielte als Kind immer gern bei meinen Großeltern im Garten und somit auch in dem leerstehenden Haus. Als ich mit meinem Freund zusammenziehen wollte, bestand eigentlich nie ein Zweifel daran, es zu sanieren und unser Glück dort zu suchen.“

Das war so etwas wie ein Stichwort für mich. „Sie sollten vor allem das Haus genau durchsuchen. Vielleicht gibt es ja irgendwo noch die Briefe von Friedrich Kolbe, aus denen sich möglicherweise schließen lässt, bei wem er das Bild versteckte oder wer sonst noch davon wusste.“ „Gab es denn nie eine Kneipe in Apelnstedt, in der man sich traf und über vieles sprach?“, warf Leonie einen weiteren Gedanken auf. „Es gab sogar drei Wirthäuser“, besann sich der alte Herr. 

„Eine davon war die Gastwirtschaft ‚Alte Post‘ an der Ecke zum Mühlenweg. Im Gastraum befand sich ein runder Tisch mit einer 2 bis 3 cm dicken Tischplatte. Daran saß eine Stammtischrunde, an der auch der Hausschlachter Kurt Wild teilnahm. Zur vorgerückten Stunde wurde diskutiert, ob man mit einem Bolzenschussgerät die Tischplatte durchschießen könnte. Darauf ging Kurt Wild nach Hause und holte sein Bolzenschussgerät. Zum Erstaunen aller schoss er nach seiner Rückkehr durch die Tischplatte. Die Reparatur kostete ihm 32 Mark. Später wurde auf dem Tisch eine Plakette angebrachte, auf der stand: Hier hat der Schlachter K. Wild am 13.02.1953 mit seinem Schweinetöter die Tischplatte durchschossen.“

Es war bemerkenswert, wie gut sich der alte Herr noch an diese Geschichte erinnern konnte, weshalb ich ihn auch nicht unterbrach. Leider brachte mich seine Erzählung bei meinen Ermittlungen nicht voran. „Seien Sie uns nicht böse, aber wir müssen leider jetzt los“, sah ich demonstrativ zur Uhr. „Der Kuchen war echt lecker“, lobte ich. „Ich packe Ihnen gern noch etwas davon ein“, bemühte sich die Oma meiner Klientin. „Vielen Dank, aber das ist nicht nötig“, entgegnete ich dankbar. „Also ich nehme gern noch etwas mit“, konnte sich Leonie mal wieder nicht zurückhalten. Ich verdrehte die Augen.

„Wie geht es denn nun weiter?“, erkundigte sich unsere Auftraggeberin, während sie uns zum Auto begleitete. „Wie gesagt, ich hoffe, dass ich in den nächsten Tagen Informationen zur Stationierung Ihres Urgroßvaters bekomme. Ob mir mein Informant etwas zu weiteren Soldaten sagen kann, die hier aus der Gegend oder sogar aus Apelnstedt stammen, muss abgewartet werden.“ „Gut, mein Freund und ich stöbern noch mal das Haus durch. Vielleicht finden wir ja doch noch weitere Briefe.“

„Wenn sich unsere These bezüglich des Bildes bestätigen sollte, könnte sich der Verdacht Ihrer Urgroßmutter tatsächlich bewahrheiten und der Tod ihres Mannes war alles andere als ein Unfall.“ „Sie muss ihn sehr geliebt haben“, seufzte meine Auftraggeberin. „Sonst wäre sie ihm gewiss nicht bis in den Tod treu geblieben“, gab ihr Leonie recht. „Sowie ich mehr weiß, melde ich mich bei Ihnen“, versprach ich und wir verabschiedeten uns mit einem nachdenklichen Gefühl. „Selbst wenn wir herausfinden, wer den Mann erschlug, werden wir ihm die Tat wahrscheinlich nicht nachweisen können“, ächzte ich nachdenklich.

 

5

Der nächste Tag verlief ereignisarm. Weder die Infos, die ich im Landesarchiv abfotografiert hatte, noch die Erzählungen der Großeltern unserer Klientin brachten uns weiter. Leonies Recherchen bezüglich des Gemäldes verliefen ebenso im Sande wie die Nachforschungen über einen unerwarteten Reichtum eines der Einwohner der Gemeinde. Es deutete absolut nichts daraufhin, dass es das Bild jemals in Apelnstedt gegeben hätte. Ich war fast soweit anzunehmen, dass alles nur eine Verkettung von Mutmaßungen und Ereignissen war, die von allen Beteiligten fehlinterpretiert waren. Doch dann stand Eddi unangemeldet in der Detektei.

„Hallo, mein Freund“, begrüßte ich ihn geradezu überschwänglich. „Warst du wirklich erfolgreich?“ „Können wir irgendwo ungestört reden?“, tat er sehr geheimnisvoll. „Ja natürlich, am besten gehen wir in mein Büro.“ Während ich ihn durch die weit geöffnete Tür in mein Allerheiliges schob, bat ich Leonie, uns einen Kaffee zu bringen.

„Das war alles andere als einfach“, bekräftigte er. „Wenn ich nicht in deiner Schuld gestanden hätte, dann…“ Bereits in dem Moment, als ich die Idee hatte, Eddi mit der Recherche bei der Bundeswehr zu beauftragen, wusste ich, dass er eigentlich zu anständig für solche Aufgaben war. Umso mehr freute ich mich, dass er offenbar Erfolg hatte.

„So ein Scheiß machst du nicht noch mal mit mir. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, als ich wie ein Spion Seite um Seite in den Dokumenten heimlich abfotografierte.“ Er reichte mir die erhofften Unterlagen. „Oh, du hast die Fotos ja schon ausgedruckt“, staunte ich. „Ich bin gespannt, ob das, was du suchst, dabei ist. Aber wie auch immer, so etwas mache ich nicht noch einmal für dich.“ „Na, dann bin ich ja mal gespannt, was du da zusammengetragen hast“, bekundete ich ein Blatt nach dem anderen nebeneinander auf meinem Schreibtisch ausbreitend.

„Es sieht so aus, als hättest du die richtige Auswahl getroffen“, überflog ich die Aufzeichnungen. „Hier steht, dass Erich Beere und Karl Augstadt aus Apelnstedt zusammen mit Friedrich Kolbe in einem Vorort von Paris bei Montreuil stationiert waren.“ Ich sah Eddi zufrieden an. „Genau darauf hatte ich gehofft.“ „Was den Rang von Friedrich Kolbe betrifft, wurde er bis zu seiner Verwundung und dem dadurch bedingten Ausscheiden im Juli 43 als Feldwebel geführt.“ „Gibt es so etwas wie einen ärztlichen Befund?“, hakte ich nach.

Eddi überflog die einzelnen Seiten. „Da war doch irgendwo… Ah ja, hier ist verzeichnet, dass der Soldat Friedrich Kolbe das Verwundetenabzeichen in schwarz erhielt“, zitierte Eddi. „Demnach wurde er nicht gleich aus der Armee entlassen.“ „War das üblich?“ „Offenbar wurde er in Genesungsurlaub nach Hause geschickt. Wahrscheinlich verbesserte sich seine Erkrankung bis Kriegende nicht und so schied er irgendwann aus dem aktiven Dienst aus.“ „Er hatte also schlichtweg Glück“, sinnierte ich, während ich nach weiteren für den Fall relevante Informationen Ausschau hielt.

„Nach was suchst du?“, bemerkte Eddi. „Da stand, dass die drei einer Einheit in Montreuil angehörten. Ich frage mich, welche Aufgaben diese Brigade hatte oder um was es sich sonst handelte.“ „Dort war eine Infanterie-Division stationiert“, klärte mich mein Freund auf. „Also eine taktische Einheit des Heeres.“ „Könnte eine solche Division auch dazu eingesetzt worden sein, um Beutekunst nach Deutschland zu bringen?“ Eddi merkte auf. „Sag mal, in welche Richtung geht das Ganze hier eigentlich?“ Ich schüttelte den Kopf. „Wenn ich das nur selber wüsste.“

Eddi hatte mich ein gutes Stück vorangebracht. Als ich ihn zur Tür brachte, bedankte ich mich daher für seinen heroischen Einsatz und ließ Sabine ausrichten, dass Miriam und ich uns schon bald melden würden und die beiden schon bald zu einem opulenten Essen einladen würden. So zumindest hatte ich es gesagt und im Grunde meinte ich es auch so. Die Frage war nur, wann wir die Zeit dafür finden würden.

Nachdem ich die neuen Infos geordnet und auf mehreren Zetteln notiert an der Ermittlungswand in meinem Büro angebracht hatte, beauftragte ich meine Mädels, alles, was es im Netz über das Leben, die Familie und den Tod von Erich Beere und Karl Augstadt herauszufinden. Bereits wenige Minuten darauf war klar, dass ihre Nachkommen immer noch in Apelnstedt ansässig waren.

„Ich habe es mir anders überlegt“, änderte ich meinen Plan. „Wir beiden Hübschen werden Erich Beere schon mal einen Besuch abstatten“, wandte ich mich Leonie zu. „Sie versorgen uns bitte in der Zwischenzeit mit Einzelheiten zu dem Bauern“, bat ich Trude. „Auf geht’s, wollen wir doch mal sehen, ob wir vor Ort weitere Details erfahren.“ „Moment, Chef, wenn Sie sofort loswollen, muss ich mir erst noch etwas für unterwegs einpacken.“ Als ich sah, was sich meine Azubine da einpackte, nahm ich mir vor, bei Gelegenheit mit ihrem Onkel zu sprechen.

Während der Fahrt nach Apelnstedt informierte uns Trude, dass sich der Hof von Erich Beere in der Mitte der ‚Dettumer Straße‘ befand. Ein großes Anwesen, welches wir nicht verfehlen konnten. Als wir aus Richtung Ahlum das Ortsschild passierten und vom Mühlenweg in die Dettumer Straße einbogen, war klar, von welchem Hof die Rede war. Bevor wir mit der Tür ins Haus fielen, parkte ich den Wagen ein Stück weiter ab und sah mir im Internet einen Übersichtsplan der Gemeinde an.

Der tote Friedrich Kolbe war am Anfang der ‚Lohenstraße‘, vor dem Haus mit der Nummer 1 gefunden worden. Seine Familie lebte jedoch am Ende der ‚Lohenstraße‘. Demnach befand sich der Fundort nicht auf dem direkten Weg zwischen dem Hof und seinem Haus. Auch wenn dies nichts bedeuten musste, sprach es allerdings auch nicht für die These, dass er sich auf dem Heimweg von Erich Beere befand.

„Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, wie wir nach so langer Zeit herausfinden wollen, was damals wirklich geschah“, seufzte Leonie. „Wenn wir das Bild finden würden, hätten wir ein Druckmittel, aber so…“ „Falls du wissen willst, ob ich einen Plan habe muss ich dich enttäuschen“, gestand ich ein. „Sehen wir also, was uns erwartet und reagieren darauf.“ Ich startete den Motor, um direkt auf dem Hof vorzufahren.

[1] KI:  künstliche Intelligenz

Fortsetzung vom 12.07.25

6

„Guten Tag, zu wem wollen Sie denn?“, empfing uns ein etwa vierzigjähriger Mann, kaum, dass wir aus dem Wagen gestiegen waren. „Wenn das der Hof Deere ist, dann würden wir gern mit Herrn Deere sprechen“, erklärte ich mit Nachdruck. Er setzte die Schubkarre ab und kam einige Schritte auf uns zu. „Was wollen Sie denn von meinem Vater?“ „Wir sind private Ermittler und würden ihn gern zu einem viele Jahre zurückliegenden Fall befragen“, führte ich weiter aus.

Der Mann in der Latzhose und den vollgekackten Gummistiefeln verkürzte den Abstand zu uns so weit, dass ein herber Duft frischer Landluft nicht unbemerkt blieb. „Er wird Ihnen nicht weiterhelfen können, mein Vater ist dement.“ „Oh, das tut mir leid“, reagierte ich betroffen. „Vielleicht kann uns ja Ihre Mutter weiterhelfen?“, kam es Leonie in den Sinn. „Um was für einen alten Fall geht es denn eigentlich?“, wich der Bauer ihrer Frage aus. „Zu Beginn des Jahres 1948 wurde Friedrich Kolbe nicht weit von hier erfroren aufgefunden“, machte ich kein Geheimnis aus dem Grund meiner Recherche.

„Der Kolbenwind!“, lachte er kurz. „Sie kennen die Geschichte?“ „Die kennt hier jedes Kind“, winkte er ab. „Das ist also der Fall, in dem Sie ermitteln?“ „Weshalb erscheint Ihnen das so ungewöhnlich?“, erkundigte sich meine Azubine. „Das kann nicht Ihr Ernst sein“, reagierte er mit Unverständnis. „Wer um alles in der Welt hat Sie denn mit den Ermittlungen in diesem Cold Case beauftragt?“ „Dazu möchte ich Ihnen nichts sagen“, wahrte ich den Grundsatz der Verschwiegenheit. „Die Klärung des Falles könnte auch für Sie von Interesse sein.“

Er lachte ein weiteres Mal kurz auf. „Na, ich kann mir auch so denken auf wessen Mist das Ganze gewachsen ist. Ich frage mich nur, was der Michael damit bezwecken will. Es weiß doch jeder, dass der Kolbe damals gesoffen hat. Auf dem Heimweg von der Kneipe muss er sich den Kopf angeschlagen haben als er auf der vereisten Straße ausrutschte.“ „Ich kenne die Version der Polizei“, entgegnete ich. „Nur blöd, dass er gar nicht aus der Kneipe kam“, überraschte ich ihn. „Woher wollen Sie das denn wissen?“ Nun lächelte ich ihn an.

Ich hatte seine Neugier geweckt. Auch wenn meine Behauptung zu diesem Zeitpunkt aus der Luft gegriffen war, hatte sie ihre Wirkung nicht verfehlt. „Schauen Sie, Herr Deere, ich verlasse mich nie auf eine Aussage allein und aus genau diesem Grund spreche ich gern mit allen möglichen Zeugen. Auch wenn diese ihr Wissen nur aus Erzählungen haben“, bemühte ich ihm, mein Interesse nach einem Gespräch mit seiner Mutter plausibel zu machen.

„Ihr Urgroßvater war mit Friedrich Kolbe im Krieg an der Front, nahe Paris stationiert. Ich bin auf der Suche nach Briefen, die von Erich Deere in die Heimat geschickt wurden.“ Womit wir in einen Bereich kamen, der für meinen Gesprächspartner zunehmend persönlicher wurde. Ich merkte ihm an, wie er sich damit immer unwohler fühlte. „Also gut“, lenkte er schließlich ein. „Ich nehme an, Sie möchten am besten sofort mit meiner Mutter sprechen.“ Ich nickte ihm zu. „Warten Sie bitte einen Moment an Ihrem Wagen, ich will sehen, ob sie zu einem Gespräch mit Ihnen bereit ist.“

Wir sahen ihm nach, wie er im Haus verschwand. „Ein Bauernhof von dieser Größe stellt sicherlich einen nicht unerheblichen Wert da“, sinnierte meine Auszubildende, während sie sich umsah. „Wie viele Angestellte der wohl beschäftigt?“ „So viel Personal wird in einem landwirtschaftlichen Betrieb heutzutage gar nicht mehr benötigt. So ein Hof könnte nicht effizient arbeiten, wenn er nicht in allen nur möglichen Bereichen automatisiert wäre“, erklärte ich. „Mehr als zwei Beschäftigte werden hier bestimmt nicht im Lohn stehen.“

„Herr Lessing!“, rief uns der Mann zu, der seine Gummistiefel inzwischen gegen Straßenschuhe getauscht hatte. Er stand oberhalb einer breiten Steintreppe, die vor einer imposanten Eingangstür endete.

„Meine Eltern erwarten Sie“, überraschte er mich, ehrlich gesagt. „Das ist sehr freundlich.“ „Ich gehe am besten vorweg.“ „Wie lange ist der Hof schon im Besitz Ihrer Familie?“, erkundigte ich mich, auf dem Weg durch den langen Flur. Zu beiden Seiten gingen mehrere Türen ab. Schwere Türen mit Eichenkassetten, die in verzierten Rahmen saßen. Ihre Holzmaserungen waren weiß gebeizt. In der Art, wie ich sie auch in den Fachwerkhäusern der Altstadt von Wolfenbüttel gesehen hatte. Ich liebe es, wenn altes mit neuem harmoniert.

Wir folgten ihm auf eine Terrasse, die sich einem Durchgang am Ende des Flures anschloss. Der Bauer und seine Frau saßen in einer gemütlichen Sitzecke aus Rattan-Möbel. Eine breite Markise spendete ausreichend Schatten. Ein Springbrunnen, der auf einer Säule platziert war, plätscherte ruhig vor sich hin.

„Guten Tag“, begrüßte uns Vera Deere, indem sie sich erhob und mit ausgestreckter Hand auf uns zukam. Ich spürte eine raue Hand, die von harter Arbeit gezeichnet war. „Mein Mann hält gerade sein Nickerchen. Ich hoffe, es stört sie nicht.“ „Aber nein“, entgegnete ich, zugegeben etwas irritiert. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Trinken Sie einen Tee mit uns?“ „Gern.“ „Bist du so lieb und holst noch zwei Tassen?“, wandte sie sich ihrem Sohn zu. Er verschwand wortlos im Haus.

„Unser Sohn erzählte uns von Ihren Ermittlungen“, kam sie schnell zur Sache. „Sie interessieren sich für den Tod von dem alten Kolbe?“ „Das stimmt“, bestätigte ich. „Mein Mann und ich stammen zwar aus Apelnstedt, aber als er starb, waren Reinhard und ich noch nicht geboren.“

Ihr Sohn kehrte mit den Tassen zurück, baute sie vor Leonie und mir auf und schenkte uns Tee ein. Dabei bemerkte ich, dass er keinen Ring an den Händen trug. Also offenbar noch ohne Partnerin war. „Bevorzugen Sie Zucker oder Kandis?“, fragte er nach. „Oh, gerne Kandis.“ Im Gesicht meiner Azubine zeichnete sich ein Fragezeichen ab. Skepsis lag in ihren Augen. Sie verfolgte, wie ich mich bediente, und tat es mir gleich.

„Das hatte ich nicht anders erwartet, aber vielleicht hat Ihr Mann einmal etwas erwähnt oder Ihnen sind alte Briefe von der Front, die Erich Deere an seine Frau schrieb, in die Hände gefallen.“ So hoffte ich zumindest. „Der Kolbe starb doch erst nach dem Krieg. In den Briefen kann somit gar nichts darüber geschrieben stehen“, überlegte sie. „Das ist richtig, aber daraus könnte hervorgehen, ob er mit Friedrich Kolbe in Frankreich stationiert war und welche Aufgaben sie dort hatten.“ „Wozu sollte das gut sein?“, erkundigte sich ihr Sohn. „Ich denke der Schwiegervater Ihrer Mutter und Friedrich Kolbe waren nicht nur Kriegskammeraden.“

„Das kann ich Ihnen auch so bestätigen“, bemerkte die Bäuerin. „Mein Vater und Erich Deere waren schon als Kinder mit Friedrich Kolbe befreundet. Sie wurden gemeinsam einberufen und kämpften auch zusammen in Frankreich.“ Ich horchte auf. „Dann war Karl Augstadt also Ihr Vater?“ „So ist es, meine Eltern betrieben die Schankwirtschaft am ‚Mühlenweg‘.“ „Mein Vater und Karl Augstadt kehrten erst zum Kriegsende nach Hause zurück“, lenkte Bernhardt Deere unsere Aufmerksamkeit unvermittelt auf sich.

„Du bist ja wach, Bernhardt“, bemerkte seine Frau. „Kunststück, bei dem Lärm bekommt doch kein Mensch ein Auge zu“, beschwerte sich der Bauer. „Wer sind die Leute?“ „Das sind Herr Lessing und seine Mitarbeiterin“, stellte uns seine Frau vor. „Und was machen die hier?“ „Es geht um Friedrich Kolbe“, erklärte sein Sohn. „Und was machst du hier, Norbert? Gibt es im Stall nichts zu tun?“ Als der kräftige Mann in der Latzhose daraufhin wortlos aufstand, seinen Tee austrank und die Terrasse verließ, war klar, wer auf diesem Hof das Sagen hatte.

Ich hielt mir den Ortsplan von Apelnstedt im Gedanken vor Augen und überlegte, ob Friedrich Kolbe nicht, wie bislang von mir angenommen, auf dem Hof von Erich Deere, sondern in der Gastwirtschaft von Karl Augstadt mit seinen Kriegskameraden über das Gemälde gesprochen hatte. Dies würde den Ort erklären, an dem Kolbe gefunden wurde, denn dieser lag genau auf seinem Heimweg von der Wirtschaft zum Ende der ‚Lohenstraße‘. Zufall?

Falls es während des Treffens zum Streit wegen des Bildes kam und der Urgroßvater meiner Klientin, auf welche Weise auch immer, in der Kneipe am Hinterkopf verletzt wurde, möglicherweise sogar tödlich, könnte er von seinen Kameraden an den späteren Fundort gelegt worden sein, um die Tat zu vertuschen. Die Aufgabe, die sich mir nun stellte, schien unlösbar. Wie sollte ich einen solchen mutmaßlichen Tathergang nachweisen?

„Ich glaube, dass ich die ehemalige Gaststätte im Mühlenweg auf der Fahrt zu Ihnen gesehen habe“, erklärte ich, während ich die Tasse wieder absetzte. „Das stimmt“, bestätigte die Bäuerin. „Nachdem mein Vater starb, wurde die Wirtschaft geschlossen und mein Bruder erbte alles. Der wollte dann eine Bar daraus machen, aber das klappte natürlich nicht.“ „Da hat er sicherlich viel umgebaut und renoviert?“, fragte ich nicht ohne Grund.

„Weshalb fragen Sie das alles?“, mischte sich nun auch Bernhardt Deere wieder in das Gespräch ein. „Der Herr ist Detektiv“, erinnerte ihn seine Frau. „Ja und? Ich habe den Mann nicht eingeladen. Der soll gehen!“ „Es tut mir leid, Herr Lessing, aber es geht meinem Mann heute nicht so gut. Es ist besser, wenn Sie ein anderes Mal wiederkommen.“ Ich nickte ihr verständnisvoll zu und erhob mich. „Ja natürlich.“ „Ich begleite Sie hinaus.“ Bernhardt Deere verweigerte uns die Hand.

„Bitte entschuldigen Sie das Verhalten meines Mannes, er war nicht immer so“, bemühte sich die Bäuerin, während sie uns nach draußen begleitete, ihren Mann in ein besseres Licht zu rücken. Seit wann leidet er unter Demenz?“, erkundigte ich mich. „Es erwischte ihn mit sechzig. Er hat es von seinem Vater geerbt. Der bekam es noch früher als Bernhardt.“ „Das ist echt übel“, formulierte es Leonie treffend. „Es gibt Augenblicke, da ist er ganz klar, so als wäre er gar nicht krank, aber diese Momente werden immer seltener.“

Wir standen bereits vor dem Eingang, oberhalb der breiten Steintreppe, die auf den Hof hinunterführt, als ich meine letzte Frage stellte. „Haben Sie jemals etwas von einem wertvollen Bild gehört, welches von Ihrem Vater und seinen Kameraden vor Ende des Krieges aus Frankreich mit nach Hause gebracht wurde?“ Es schien, als wäre die Bäuerin für einen winzigen Augenblick wie vom Blitz getroffen. „Davon ist mir nichts bekannt, Herr Lessing“, reagierte sie mit dem nächsten Atemzug sehr besonnen. Meine Erfahrung sagte mir jedoch etwas anderes.

 

7

„Und nun?“, fragte Leonie, kaum dass wir im Auto saßen. „Hat uns das irgendwie vorangebracht?“ „Fassen wir doch einfach mal alles zusammen“, entgegnete ich, während der Wagen die Hofeinfahrt passierte. „Die Frau von Bernhardt Deere ist eine geborene Augstadt. Ihr Vater war mit Karl Augstadt und Friedrich Kolbe befreundet und zusammen im Krieg.“ „Na ja, aber sagt das etwas über den Tod des Mannes aus?“, zuckte Leonie ungeduldig mit den Achseln. „Immerhin wissen wir jetzt, wo sich die Schankwirtschaft von Karl Augstadt befand und dass Friedrich Kolbe vor seinem Tod dort gewesen sein könnte“, bekundete ich zufrieden. „Das vermuten wir“, bremste mich meine Azubine. „Stimmt, und aus genau diesem Grund sollten wir überprüfen, ob sich unsere Vermutung beweisen lässt“, erwiderte ich kämpferisch.

„Wie sollen wir das denn machen?“, blieb Leonie skeptisch. „Ich habe da so eine Idee, aber bevor ich diese in die Tat umsetze, muss ich zunächst mit Jens Räuber von der KTU sprechen.“ „Das klingt ja sehr geheimnisvoll, Chef.“ „Ist es nicht, aber über ungelegte Eier soll man nicht reden.“ Wir fuhren gerade durch Ahlum, als es fürchterlich donnerte. „Merkwürdig, es ist kein Wölkchen zu sehen und doch scheint ein Gewitter aufzuziehen.“ „Das ist kein Gewitter, Chef, das ist mein Magen.“

Auf dem Weg in die Detektei setzte ich Leonie bei ihrem Freund ab. „Meinst du, ihr kriegt den Wagen wieder zum Laufen?“, erkundigte ich mich nach dem Stand der Reparaturarbeiten. „Der Max macht das schon. Onkel Christoph versprach uns, die Kosten für sämtliche Ersatzteile zu übernehmen“, kicherte das kleine Luder. „So wird´s ihm sicherlich teurer kommen, als wenn er mir gleich einen guten Gebrauchtwagen finanziert hätte.“ Womit sie sicherlich richtig lag.

Als ich die Detektei betrat, wurde ich bereits von Trude erwartet. „Hatte ich Ihnen nicht gesagt, dass Sie, sowie Sie fertig, sind Feierabend machen können?“, fragte ich irritiert nach. „Ich war ja noch nicht fertig“, berief sie sich auf meine Worte. „Was ich fand, dürfte Sie interessieren. In Apelnstedt ging es keineswegs langweilig zu.“ „Na, dann lassen Sie mal hören.“

„Im März 1946 tauchten auf dem Schwarzmarkt im Braunschweig große Mengen eines Stoffes auf. Der Verkäufer war Friedrich Kolbe. Er wurde von der englischen Militärpolizei verhört. Da man seinen Worten nicht glaubte und man wusste, dass er aus Apelnstedt stammte, wurde kurzerhand das ganze Dorf umstellt und durchsucht. Dabei wurden einige Schwarzschlachtereien und Schwarzbrennereien entdeckt, was dazu führte, dass alles, was man fand, durch die Besatzer konfisziert wurde.“

„Der Urgroßvater unserer Auftraggeberin war also alles andere als beliebt im Dorf“, resümierte ich. „Einen schweren Stand hatte er bestimmt“, gab mir Trude recht. „Dieses Desaster wurde letztendlich Friedrich Kolbe angekreidet.“ „Was, wenn diese Durchsuchungen der Anlass dazu waren, dass er das Bild einem seiner Freunde übergab, um es vor den Engländern in Sicherheit zu bringen?“ „Ihre Idee ist gar nicht so weit hergeholt“, lobte ich meine Putzsekretärin.

Trude hatte mich auf einen Gedanken gebracht. Sprach die Frau von Bernhardt Deere nicht von der früh einsetzenden Demenz ihres Schwiegervaters? Was, wenn Friedrich Kolbe das Bild gut genug versteckt hatte, dass es die Engländer nicht fanden, er aber Angst davor hatte, dass sie es bei einer weiteren Durchsuchung entdecken würden und es deshalb Erich Deere gab? Der verfügte auf seinem Hof über wesentlich bessere Verstecke. Konnte es sein, dass er sich schon wenig später nicht mehr daran erinnerte und es deshalb im Januar 48 zum Streit kam?

„Vielleicht haben Sie tatsächlich das fehlende Teilchen zu unserem Puzzle gefunden.“ Um diese Möglichkeit zu untermauern, musste ich nochmals mit Vera Deere sprechen. Ich hoffte, dass sie sich daran erinnern konnte, wann die Demenz bei ihrem Schwiegervater einsetzte. Abgesehen davon wollte ich bei Doktor Schnippler nachfragen, ab welchem Alter eine Demenz einsetzen kann.

„Nun haben Sie wieder Überstunden gemacht, Trude“, seufzte ich, der guten Seele lächelnd in die Augen sehend. „Sie wollten doch eigentlich kürzertreten.“ „Da wusste ich ja auch noch nicht, wie langweilig es ist, wenn ich nur daheim herumsitze. Der Axel ist so extrem in der Twelken-Mühle eingebunden, dass er selten zum Abendbrot da ist. Man kann ja nicht jeden Nachmittag einkaufen gehen oder in irgendeinem Café herumsitzen. Mal ganz abgesehen davon, dass es schnell langweilig wird, kann ich mir das bei meinem kümmerlichen Gehalt nicht leisten.“

„Na wenigstens haben Sie Ihren Humor nicht verloren“, entgegnete ich, ihre kleine Stichelei ignorierend. „Das war kein Witz!“ „Na wie auch immer“, versuchte ich der Situation etwas Positives zu entlocken. „Sie können Ihre Freizeit natürlich gern in den Dienst der Detektei stellen, nur leider kann ich Ihnen das nicht mit dem üblichen Stundenlohn bezahlen.“ „Keine Sorge, Chef, ich werde Ihr kapitalistisches System schon nicht durcheinanderbringen.“

Das Handy meiner Teilzeitputzsekretärin läutete genau im richtigen Moment. Sie warf einen Blick darauf, setzte sich mitsamt ihrer Handtasche in Bewegung und verließ mit einem letzten Gruß die Detektei. Wo waren die letzten fünfundzwanzig Jahre nur geblieben? Ich sah es in diesem Moment vor mir, als wäre es gestern gewesen, wie sie durch die Tür meiner ersten Detektei an der Ecke ‚Alter Weg‘ mit ihrer Handtasche über der Schulter in den Feierabend verschwand. Nun, nicht nur der sah man das Alter an.

Als auch ich wenig später meine Detektei verließ und in die darüber gelegene Wohnung stieg, merkte ich, wie auch an mir der Zahn der Zeit nagte. Manchmal fallen mir bei solchen Gelegenheiten die merkwürdigsten Dinge ein. In diesem Moment war es ein Song von Udo Jürgens. Nein, nicht der mit der Sahne, der mit den 66 Jahren. Also, wenn mein Leben dann erst beginnen sollte, fragte ich mich, ob ich nicht schon zu viele Körner verschossen hatte.

Wie auch immer, ich schob den Gedanken beiseite und stiefelte erwartungsfroh in die Küche. Was bei Leonie schon Stunden zuvor der Fall war, setzte nun auch bei mir ein, mein Magen knurrte. „Hallo, wo seid ihr?“, stellte ich nach und nach fest, dass ich allein zu Haus war. Beim zweiten Gang durch die Küche fiel mir ein Zettel auf, der neben der Spüle lag. „Hallo Schatz, Ramona und ich sind beim Training, dein Essen steht in der Mikrowelle. Mach dir einen schönen Abend.“

Im ersten Augenblick war mir nicht klar, ob ich mal wieder etwas vergessen hatte. Mit dem zweiten Atemzug wusste ich, dass da weder etwas geplant noch abgesprochen war. Die Frage, um was für ein Training es sich handelte und wie ich darauf reagieren sollte, erübrigte sich, als sich mit dem dritten Atemzug das Telefon bemerkbar machte. Mein Freund Jogi rettete den Abend mit einer Einladung zum Billard. Manchmal fügen sich die Dinge so, wie man sie sich wünscht, aber das ist sicherlich die Ausnahme.

Nach einem feuchtfröhlichen Abend, bei dem ich mehr als nur ein Billardspiel verlor, und mit dem Taxi heimfahren musste, weil ich die zulässige Höchstmenge an Alkohol leicht überschritten hatte, erwartete mich meine Liebste mit stechendem Blick und aufgerichteten Nackenhaaren.

„Ach, mein Göttergatte gibt sich ja doch noch die Ehre“, bemerkte sie bissig. „Hallo Schnuckelchen, wie war´s beim Training?“ Ramona hatte viel Spaß daran und seit einer Minute überlege ich, ob ich mich nicht auch beim Ju-Jutsu anmelden sollte.“ „Mach doch, da kannste mich raushaun, wenn ich mal in Schwierigkeiten stecke.“ Miriam schüttelte den Kopf. „Dafür hast du doch deine Leonie.“ Ich spitzte die Lippen und schlug den Weg in die Küche ein. „Stimmt auch wieder.“ Dort angekommen drehte ich den Wasserhahn auf und trank.

Detektei Lessing

 

Band 55

 

„schamlose Angst“

1

Erst wenige Wochen zuvor hatte die Strandbar an der Braunschweiger Oker eröffnet und doch war sie vor allem bei jungen Leuten bereits so beliebt, dass sie auch an diesem herrlichen Samstagabend aus allen Nähten zu platzen drohte.

„Mensch Saskia, es war echt eine tolle Idee von dir hierherzukommen“, freute sich Martina über die ausgelassene Stimmung in der Bar und unter den Sonnenschirmen am Strand. Sie bemerkten nicht, dass sich eine Gruppe junger Männer für sie interessierte. Irgendwann kam einer von ihnen zu Saskia und Martina an den Tisch. „Ich bin der Paul, habt ihr Lust zu uns rüberzukommen?“ „Wir kennen euch doch gar nicht“, entgegnete Saskia. „Wir euch doch auch nicht“, erwiderte Paul mit einem schelmischen Grinsen. „Warum nicht?“, war Martina sofort Feuer und Flamme. „Sorry, aber da bin ich raus“, widersprach Saskia energisch.

„Wir wollen euch nichts Böses“, beschwichtigte der gutaussehende Mitzwanziger. „Wir feiern den Junggesellenabschied unseres Sportsfreundes und wollen einfach nur ein wenig Spaß.“ „Da hörst du es, Saskia“, versuchte Martina ihre Freundin zu überzeugen. „Die Jungs sind okay.“ „Ich bin dir nicht böse, wenn du dich zu ihnen setzt, aber ich muss morgen schon früh aus den Federn“, ließ sich Saskia auf nichts ein. „Klingel einfach, wenn du heimkommst.“

„Falls es später wird, begleite dich nach Hause“, versprach Paul, womit er Martina endgültig überzeugte. „Wenn du wirklich nicht sauer bist, dann machen wir es so.“ „Nee, alles gut, schließlich hast du noch Urlaub. Amüsiere dich gut.“ Damit umarmten sich die Freundinnen, um sich voneinander zu verabschieden.

Während Saskia über die ‚Bandungsbrücke‘ und durch den Bürgerpark in die Autostraße nach Hause ging, floss der Alkohol am Junggesellentisch in Strömen und die Stimmung wurde mit jeder Runde ausgelassener. Martina merkte nicht, wie ihr einer der Männer KO-Tropfen ins Glas tat und sie spürte ebenso wenig, wie sie mehr und mehr die Kontrolle über ihren Körper verlor. Irgendwann wurde sie rechts und links untergehakt und aus der Strandbar geführt. Für Beobachter musste es so aussehen, als wenn Martina viel zu viel getrunken hatte.

Unterdessen hatte Saskia längst ihr Zuhause erreicht. Wie so oft waren ihre Eltern auf einer Geschäftsreise und sie hatte das große Haus für sich allein. Saskia war es gewohnt und doch war sie froh, dass Martina, obwohl sie selbst in die Uni musste, die letzten Tage ihres Urlaubs bei ihr verbrachte. Die Mädchen waren schon seit der Grundschule befreundet und obwohl beide unterschiedliche Wege gingen, hatten sie sich nie aus den Augen verloren.

Saskia nutzte die Zeit, um ihr Referat an einigen Stellen zu überarbeiten, hatte noch etwas gelesen, sich geduscht und sich letztlich ins Bett gelegt. Immer wieder sah sie zur Uhr und mit jedem Blick darauf vergrößerte sich die Unruhe in ihr. Zweifel an ihrer Entscheidung, Saskia allein gelassen zu haben, kamen auf, verfolgten sie mit jedem Gedanken. Aus der Unruhe erwuchs Angst. Die Befürchtung, dass Martina etwas zugestoßen sein konnte, drängte sich immer vehementer in ihr Bewusstsein.

Gegen zwei Uhr hielt es sie nicht länger im Bett. Sie zog sich wieder an und begann nach Martina zu suchen. Sie durchquerte den Bürgerpark mit einem mehr als mulmigen Gefühl. Pfefferspray in der einen Hand, ihr Handy in der anderen. Immer wieder vernahm sie beunruhigende Geräusche von Obdachlosen oder Betrunkenen, die sich in den Büschen direkt neben dem Weg herumtrieben.

Es war eine laue Sommernacht und so kamen ihr auf dem schmalen Weg immer wieder kleine Gruppen grölender Betrunkener entgegen. Wann immer es möglich war, versteckte sie sich, bevor sie von ihnen bemerkt wurde. So dauerte es länger als eine halbe Stunde, ehe sie die Strandbar erreicht hatte. Zu spät, denn hier waren längst alle Läden geschlossen, die Schirme verzurrt und das Mobiliar mit dicken Ketten gesichert.

Sie sah sich angespannt um, ohne Martina jedoch zu entdecken. War sie womöglich mit den Typen weitergezogen? Sie griff zum Handy und wählte erneut ihre Nummer, doch auch diesmal meldete sich lediglich die Mailbox. Verzweifelt setzte sie sich auf die Treppenstufen der Bar und malte sich alle nur möglichen Szenarien aus. Plötzlich kam ihr eine weitere Möglichkeit in den Sinn. Vielleicht stand Martina längst vor ihrer Haustür und kam nicht hinein. Getragen von Hoffnung entschied sich Saskia, die Suche abzubrechen und nach Hause zurückzukehren.

Irgendwo in der Ferne hörte sie, wie die Turmuhr einer Kirche drei Uhr schlug. Wenigstens waren inzwischen längst nicht mehr so viele Menschen im Park unterwegs. Nur noch gelegentlich vernahm sie Rufe oder Lachen der letzten Nachtschwärmer in ihrer Nähe. Sie war kurz vor dem Portikusteich, in Höhe der ‚Lieblingsschaukel‘, als sie ganz in der Nähe ein leises Wimmern wahrnahm.

Sie kannte Martina lange genug, um sofort zu wissen, dass dieses Schluchzen von ihrer Freundin kam. Vorsichtig folgte sie dem Geräusch, schlich sich im Schutz der Dunkelheit immer näher an, bis sie sicher sein konnte, dass ihr niemand auflauern würde. Im spärlichen Licht des Mondes erkannte sie schließlich in dem Häufchen Elend, welches da vor ihr auf dem Boden lag, ihre Freundin wieder.

„Um Himmels Willen, Martina. Was haben sie dir angetan?“ „Wir müssen hier weg“, stammelte sie. „…schnell weg“, keuchte sie panisch. Saskia hatte ihre Freundin kaum verstanden und doch spürte sie die unsägliche Angst, die sie dazu antrieb, sich trotz größter Schmerzen aufzurichten. Sie half ihr dabei so gut es ging und legte Martinas Arm über ihre Schultern. Ihr verklärter Blick und die Tatsache, dass Martina immer wieder zusammensackte, ließ darauf schließen, dass man sie unter Drogen gesetzt hatte.

„Ich rufe die Polizei und einen Rettungswagen“, sagte Saskia, als wäre es die einzig logische Konsequenz dessen, was Martina widerfahren war. „Nein, keine Polizei“, erwiderte sie nachdrücklich. „Ich kann nicht“, ließ sie mit letzter Kraft folgen. Obwohl Saskia wusste, dass sie das Falsche tat, kam sie der Bitte ihrer Freundin nach. „Also gut, wenn du es so willst, bring ich dich jetzt zu mir nach Hause.“ Quasi im selben Moment sackte Martina erneut zusammen.

„Ich hätte dich nicht mit den Typen allein lassen dürfen“, gab sich Saskia die Schuld an dem, was ihrer Freundin zugestoßen war, doch die war nicht in der Lage darauf zu antworten. Wahrscheinlich hatte Martina ihre Worte gar nicht wahrgenommen, geschweige denn ihre Bedeutung verstanden und doch hatte Saskia ihr versprochen, die Polizei aus der Sache herauszuhalten. Sie wusste nicht, was wirklich geschehen war und so hielt sie sich an ihr Wort und schleppte sie aus dem Gebüsch auf den Weg und weiter am Fledermaus-Treffpunkt vorbei. Inzwischen war weit und breit kein Mensch mehr zu sehen. Nur aus der Ferne waren Autos zu hören, die über die ‚Wolfenbütteler Straße‘ in die Stadt oder in die entgegengesetzte Richtung unterwegs waren.

Als sie die Okerbrücke überquerten, hatte sich Martinas Zustand so weit gebessert, dass sie wieder einigermaßen kontrolliert gehen konnte und ihre Worte wieder einen Sinn ergaben. Von nun an ließ die Wirkung der Droge merklich nach und Martina erzählte ihrer Freundin von dem, woran sie sich schemenhaft erinnern konnte. Offenbar hatte sie ihr Martyrium nur wie durch einen dichten Nebel wahrgenommen. All ihre Bewegungen schienen in Zeitlupe zu geschehen. Sie erzählte Saskia, wie sie immer wieder schreien wollte, wie sie um Hilfe rufen und wie sie sich wehren wollte, ohne dass sie auch nur einen einzigen Ton herausbekommen hätte oder mit ihren Händen schlagen konnte.

„Du musst zur Polizei und denjenigen anzeigen, der dir das angetan hat“, startete Saskia einen erneuten Versuch, ihre Freundin zu überzeugen. Die Tram ratterte gerade über die ‚Wolfenbütteler Straße‘ in Richtung Heidberg an ihnen vorbei. „Was soll ich denen denn sagen? Ich weiß ja nicht mal, ob es die Typen waren, mit denen ich in der Bar feierte. Es ist irgendwie alles weg, wie ausgelöscht“, erklärte Martina ihrer Freundin. „Kapierst du denn nicht, dass ich jetzt einfach nur noch unter die Dusche will, um den ganzen Dreck wegzuschrubben?“ „Doch natürlich, verzeih mir bitte.“

2

Mit dem Abbau der Droge in ihrem Körper konnte sich Martina zumindest ein wenig an das erinnern, was in der Strandbar abgegangen war. Sie hatte getrunken, viel zu viel und viel zu schnell. Sie sah die Gesichter der Jungs auch jetzt nur wie durch einen Schleier. Jede ihrer Gesten wirkte total überzogen auf sie, geradezu unwirklich und grotesk. Ihre Stimmen hallten in ihren Ohren, wie ein nie verstummendes Echo. War dies immer noch der Einfluss von Alkohol und einer Droge, die sie ihr möglicherweise in das Getränk getan hatten oder verlor sie allmählich den Verstand?“ 

Martina wusste nicht, wie lange sie schon das heiße Wasser über ihren Körper laufen ließ, wie oft sie sich eingeseift und wieder abgeschrubbt hatte. Ihre Haut war inzwischen aufgescheuert und entzündet, doch der Schmutz haftete nach wie vor wie Pech an ihr. Würde er je wieder abgehen? Würde sie jemals wieder Spaß haben können, jemals wieder in ihr Leben zurückfinden? Tränen der Verzweiflung, der Demütigung und der Hoffnungslosigkeit rannen mit dem Wasser über ihr geschundenes Gesicht, bahnten sich ihren Weg zum Abfluss ohne auch nur einen kleinen Teil von dem mit sich zunehmen, was ihr während der letzten Stunden widerfahren war.

In sich zusammengekauert hockte sie auf dem Boden der Dusche und sah stoisch dem Lauf des Wassers nach. Ihre Gedanken suchten nach der Wahrheit, nach den Stunden, die ihr nach wie vor in ihrer Erinnerung fehlten. Nicht zu wissen, was während dieser Zeit geschehen war, lastete wie eine tonnenschwere Last auf ihrer Seele. Sie erschrak. Das Wasser zwischen ihren Beinen färbte sich plötzlich rosa. Erschrocken rief sie nach ihrer Freundin. Als Saskia sah, wo Martina blutete, ließ sie sich nicht mehr von ihrer Freundin bremsen und rief einen Rettungswagen.

„Sie haben die Leitstelle darüber informiert, dass heute Morgen eine junge Frau eingeliefert wurde, bei der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Vergewaltigungsopfer handelt“, beschrieb der Kriminalbeamte den Grund für sein Kommen. „Das ist richtig“, entgegnete Frau Doktor Kobold. „Die junge Frau muss Schreckliches erlebt haben. Sie hat starke Erinnerungslücken, was darauf schließen lässt, dass man ihr eine Droge gab. Ich tippe auf Grund der geschilderten Symptome auf KO-Tropfen.“ „Was die Vergewaltigung angeht, sind Sie sich sicher?“, hakte der Kommissar nach. „Die Verletzungen im Vaginalbereich rühren ganz sicher nicht von einvernehmlichem Sex her. Es ist sogar zu befürchten, dass sie von mehreren Männern missbraucht wurde.“

Kommissar Wegscheider sah die Ärztin fragend an. „Konnten Sie Spuren sichern?“ „Ich nehme an, Sie sprechen von Sperma?“ Der Ermittler nickte ihr verlegen zu. „Sie duschte nach der Tat leider sehr ausgiebig.“ „Das ist schlecht“, verzog er besinnlich das Gesicht. „Dann trug sie sicherlich auch nicht die Kleidung, die sie bei der Tat anhatte“, schlussfolgerte er. Die Ärztin sah ihn befremdlich an. „Würden Sie…?“ „Sie haben Recht, eine dumme Frage“, räumte Wegscheider selbstkritisch ein.

„Kann ich sie schon befragen?“ Frau Doktor Kobold schüttelte den Kopf. „Der Eingriff war nicht unerheblich. Sie braucht jetzt erst einmal Ruhe. Abgesehen davon halte ich es für keine gute Idee, wenn Frau Voss von Ihnen befragt würde.“ Wegscheiders Stirn krauste sich. „Was soll das heißen?“ „Es dürfte doch wohl nachvollziehbar sein, dass sich das Opfer schon aufgrund der Tat eher einer weiblichen Ermittlerin öffnen wird.“ „Da ist was dran“, räumte der Ermittler ein.

„Wir werden Frau Voss zunächst hierbehalten. Die Eltern der jungen Frau wurden bereits von uns benachrichtigt. Sie wollten sich sofort auf den Weg machen, müssten also bald eintreffen“, informierte Frau Doktor Kobold den Kommissar. „Gut, dann warte ich hier.“ „Wie Sie wollen.“ Sie deutete auf eine junge Frau, die am Ende des Flures in einer kleinen Sitzecke Platz genommen hatte. „Das ist Frau Roth. Sie begleitete Frau Voss, als sie bei uns eingeliefert wurde.“

Wegscheider horchte auf. „Eine Verwandte?“ „Eine Freundin, glaube ich.“ „Vielen Dank, Frau Doktor. Ich möchte Sie noch bitten, mir Bescheid zu geben, wenn sich Frau Voss so weit erholt hat, dass sie von einer Kollegin befragt werden kann.“ Die Ärztin lächelte Wegscheider zufrieden an, während er ihr seine Karte überreichte. „Gern.“ Ein Signalgeber bedeutete der Medizinerin, dass sie an anderer Stelle gebraucht wurde. „Ich muss weiter.“ Der Ermittler nickte ihr dankbar zu und bewegte sich gemächlich den Gang hinunter.

„Kommissar Wegscheider“, stellte er sich kurz darauf der vermeintlichen Freundin des Opfers vor. „Sie haben Frau Voss in die Klink begleitet?“ „Ich sah, wie Sie mit der Ärztin sprachen. Wie geht es Martina?“ „Da kann ich Ihnen sicherlich nicht mehr sagen, als Sie ohnehin bereits wissen dürften. Ihre Bekannte hat die Operation gut überstanden. Leider konnten, abgesehen von den Verletzungen die Frau Voss erlitt, keine Beweise der Tat gesichert werden.“ „Sie wollte leider nicht, dass ich im Park einen Rettungswagen rufe“, erklärte Saskia. „Aber sie hatte doch bestimmt fürchterliche Schmerzen“, schüttelte Wegscheider verständnislos den Kopf. „Als ich sie im Gebüsch fand, hatte ich das Gefühl, dass sie unter Drogen stand“, erinnerte sich Saskia. Dies deckte sich mit dem, was der Kommissar auch von der Ärztin erfahren hatte.

„Konsumiert Frau Voss gelegentlich Drogen?“, hakte Wegscheider nach. „Nein!“, erwiderte Saskia energisch. „Wir kiffen nicht mal!“ Die Aussage der jungen Frau war ein weiteres Indiz dafür, dass sie mit KO-Tropfen gefügig gemacht wurde. „Gut, zur Kenntnis genommen“, nickte er. „Was ist mit der Kleidung, die Ihre Bekannte während der Tat trug?“ „Die liegt noch bei mir daheim.“ „Wenn es möglich ist, würde ich die gern im Anschluss mit Ihnen zusammen zur Beweissicherung abholen. Die Sachen wurden doch hoffentlich noch nicht gewaschen, oder?“ „Nein, nein, das geht klar.“

Im selben Moment entdeckte Saskia die Eltern ihrer Freundin. Sie ließ Wegscheider stehen und ging ihnen entgegen. „Ich habe Sie die ganze Nacht über versucht zu erreichen“, erklärte sie Karl-Heinz und Eva Voss. „Wir sind erst heute Vormittag nach Hause gekommen“, erklärte der KFZ-Mechaniker. „Was um Himmels Willen ist denn eigentlich geschehen?“ Saskia sah die Eltern ihrer Freundin bestürzt an und brach in Tränen aus. Sie konnte ihnen einfach nicht sagen, was Martina geschehen war.

„Kommissar Wegscheider“, stellte sich der Beamte vor. „Ich ermittle in diesem Fall.“ „Was für ein Fall?“, verlor Karl-Heinz Voss die Geduld. „Es tut mir sehr leid, aber Ihre Tochter wurde das Opfer eines sexuellen Missbrauchs.“ Während sich Frau Voss entsetzt die Hand vor den Mund hielt und das Gehörte einzuordnen versuchte, starrte Herr Voss den Kommissar fragend an. „Sagen Sie mir gerade, dass meine Tochter vergewaltigt wurde?“ „Es tut mir wirklich sehr leid. Wir werden herausfinden, wer ihr das angetan hat.“

Karl-Heinz Voss lief aufgeregt den Flur auf und ab. Er musste sich beherrschen, um aus lauter Wut und Verzweiflung nicht laut zu schreien. „Gibt es schon Hinweise auf den Täter?“ „Wir befinden uns noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen“, räumte der Kommissar ein. „Was stehen Sie denn dann hier rum?“ „Kalle, beruhig dich“, nahm Frau Voss ihren Mann in den Arm. „Der Kommissar ist hier, weil er ermittelt.“ „Wer macht so etwas nur? Wer hat ihr das nur angetan?“ „Wir kriegen den Schuldigen“, bemühte sich Wegscheider so etwas wie Hoffnung zu verbreiten. „Versprechen Sie uns das?“, griff Eva Voss seine Worte auf. Der Kommissar zögerte. „Versprechen Sie es!“ Wegscheider tat es entgegen jeglicher Vernunft. „Ich verspreche es Ihnen.“

3

Nachdem der Kommissar alles über Martina Voss in Erfahrung gebracht hatte, was für seine Ermittlungen von Relevanz sein konnte, begab er sich mit Saskia Roth in das Haus ihrer Eltern in die Autorstraße.

„So, da sind die Sachen von Martina“, deutete die junge Frau auf einige getragene Kleidungsstücke, die auf dem Fußboden neben der Dusche lagen. Als sie sich danach bücken wollte hielt sie Wegscheider davon ab, zog sich Einmalhandschuhe an und fragte nach einer Plastiktüte. „Vielleicht haben wir Glück und die Kriminaltechnik findet irgendwas daran.“ „Ich hätte Martina nicht mit den Kerlen allein lassen dürfen, dann wäre das alles gar nicht geschehen“, offenbarte sie dem Kommissar das schlechte Gewissen, was auf ihr lastete, seitdem sie Saskia in der Strandbar zurückgelassen hatte.

„Glauben Sie mir, Frau Roth, wenn es zutrifft, dass es die jungen Manner waren, die ihre Bekannte betäubten und sie missbrauchten, hätten die auch eine Möglichkeit gefunden, Sie ebenfalls außer Gefecht zu setzen. Letztlich hätte es zwei Opfer gegeben. Nein, ich denke, Sie hätten Frau Voss nicht davor bewahren können.“

„Ich zerbreche mir die ganze Zeit schon den Kopf darüber, wie der Typ aussah, der uns ansprach.“ „Das sollten Sie besser nicht tun“, bremste Wegscheider. „Wir haben sehr gute Möglichkeiten, ein Phantombild anzufertigen. Unsere Zeichner verstehen es ausgezeichnet, aus dem wenigen, woran Sie sich erinnern, ein Bild zu erstellen. Je unverfälschter Ihre Erinnerung, desto objektiver wird am Ende das Ergebnis.“

„Vielleicht kann sich Martina ja bald wieder besser erinnern“, hoffte Saskia. „Sollte sie tatsächlich mit Ketamin betäubt worden sein, sehe ich da schwarz. Die Erfahrung zeigt leider, dass sich vorhandene Erinnerungslücken in den allerseltensten Fällen wieder schließen. Die Analyse der Blutabnahme läuft zwar derzeit noch, aber Frau Doktor Kobold geht davon aus, dass sich die Droge schon nicht mehr nachweisen lässt.“ „Ich habe alles falsch gemacht“, resignierte Saskia. „Seien Sie nicht so streng mit sich, letztendlich konnten Sie sich nicht über den Willen von Frau Voss hinwegsetzen“, fand Wegscheider tröstende Worte.

„Sind Sie eigentlich öfter über mehrere Tage allein in dem großen Haus?“, wechselte der Kommissar das Thema. „Mein Vater ist oft geschäftlich im Ausland unterwegs. Diesmal hat ihn meine Mutter begleitet. Es ist nicht gut, wenn Männer zu häufig allein verreisen.“ „Ach, ist das so?“, reagierte der Beamte schmunzelnd. Offenbar hatte er die junge Frau auf andere Gedanken bringen können. Da sich in den Räumen der Siebzehnjährigen nichts weiter fand, was für den Fall von Bedeutung sein konnte, bat er Saskia, ihn ins Präsidium zu begleiten.

Wegscheider legte das angefertigte Phantombild Martina Voss einige Tage später zur Identifizierung vor. Dabei löste er eine so heftige Reaktion bei ihr aus, dass es für ihn keinen Zweifel an dessen Übereinstimmung mit dem Aussehen des Täters gab. Die Fahndung nach dem Mann auf dem Phantombild lief bereits auf vollen Touren, als er sich am selben Abend in die Strandbar aufmachte, um dort den Betreiber und die Bedienungen nach dem Gesuchten zu befragen.

Zunächst rief er die Fotos der beiden Mädchen auf seinem Smartphone auf. „Haben Sie die beiden gestern Abend bemerkt?“ Der Wirt sah sich die Fotos genau an, ehe er mit dem Kopf schüttelte. „Ich war allerdings nicht den ganzen Abend hier“, räumte er ein. „Miro kann Ihnen da wahrscheinlich mehr zu sagen. Er stand gestern Abend hinter der Theke.“ „Miro?“ „Miroslav Lot“, präzisierte er.

„Was ist denn eigentlich geschehen? Ist den Mädels etwas zugestoßen?“ „Sie werden verstehen, wenn ich dazu aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit nichts sagen kann“, entgegnete der Kommissar und verließ das winzige Büro des Betreibers, um sich mit den Bedienungen zu unterhalten. Der Wirt folgte ihm in einigem Abstand. Wegscheider nahm es eher unwillig zur Kenntnis. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er die Angestellten ohne Beisein ihres Brötchengebers hätte befragen können.

„Sie sind Miro?“, erkundigte sich der Kommissar. „Der Herr ist von der Polizei“, mischte sich der Chef ein. „Seien Sie so gut und lassen Sie uns bitte einen Moment allein“, ließ sich Wegscheider das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen. „Natürlich“, entgegnete dieser und verzog sich. „Es geht um diese beiden jungen Frauen“, hielt er dem Barkeeper die Fotos von Martina Voss und Saskia Roth entgegen.

„Die waren gestern Abend hier“, erzählte Miro, ohne dass Wegscheider danach gefragt hatte. „Die Rothaarige ging allerdings früher. Die andere schloss sich mehreren Männern an, die irgendetwas feierten.“ Der Kommissar rief das Phantombild auf seinem Smartphone auf. „War der dabei?“ Die Stirn des Barkeepers krauste sich. „Sorry, aber das Bild ist nicht wirklich gut. Vielleicht kann ihnen Pepsi mehr dazu sagen“, verwies er an eine Kollegin. „Die hat an dem Tisch die meiste Zeit bedient.“

„Wer ist Pepsi?“, hakte Wegscheider nach. „Sorry, wir nennen uns hier eigentlich nur mit unseren Spitznamen“, entschuldigte sich Miro. Das ist die kleine Blonde da vorn.“ Er deutete auf eine Liege, die unter einem der Sonnenschirme stand. Seine Kollegin unterhielt sich dort mit einem der Gäste. Bevor der Ermittler die Befragung des jungen Polen beendete, notierte er sich dessen Personalien und ließ sich von ihm eine Flasche Mineralwasser geben, welche er mit sich nahm.

„Sind Sie Pepsi?“, rief er der Blondine zu. Die unterbrach ihr Gespräch und drehte sich zu dem Ermittler um. „Wer will das wissen?“ „Kommissar Wegscheider“, stellte er sich vor, während er seinen Dienstausweis zeigte. Sie schien nicht sonderlich beeindruckt. „Und?“ „Ich würde mich gern einen Moment mit Ihnen unterhalten.“ „Sie sehen doch, ich arbeite.“ „Oh ja, das sehe ich“, schmunzelte er. „Wenn es Ihnen lieber ist, kann ich Sie auch gern ins Präsidium einbestellen.“ „Ist ja schon gut. Was wollen Sie von mir?“

„Sie haben gestern Abend an einem der Tische im Freigelände eine Gruppe junger Männer bedient, die wohl irgendetwas gefeiert haben.“ „Ja und, das kommt hier fast täglich vor.“ „Mich interessiert zunächst, ob es sich um Gäste handelt, die häufiger hier sind.“ „Die Bar gibt’s noch nicht lange, da sind die meisten Gäste zum ersten Mal hier“, erklärte Pepsi. „Also nein“, fasste Wegscheider zusammen. Er hielt ihr das Phantombild entgegen. „War dieser Mann dabei?“ „Das soll ein Mann sein? Sieht eher wie ein Pavian aus“, machte sich die junge Frau über das Fahndungsbild lustig.

„Hören Sie, ich weiß selbst, wie schlecht das Bild ist, aber es ist nun mal das Einzige, was ich habe, um ein mögliches Verbrechen aufzuklären“, riss dem Kommissar der Geduldsfaden. „Was ist mit der jungen Frau? Haben Sie die bei den Männern gesehen?“ „Ja, an die kann ich mich erinnern. Die hat ziemlich getankt. Zwei von den Typen mussten sie unterhaken, als sie die Bar verließen.“

Nun wurde es doch noch interessant. „Können Sie die Männer beschreiben?“ „Wissen Sie, was hier gestern Abend los war?“, rechtfertigte sie sich. „Nee Chef, beim besten Willen, aber mit Gesichtern hab ich es nicht so. Was ist denn mit der Kleinen?“ „Können Sie sich das nicht denken?“, erwiderte Wegscheider frustriert. Er hasste es, wenn er so offensichtlich belogen wurde, nur weil es sich die Leute in ihrem Desinteresse bequem machen wollten.     

Nachdem er sich die Personalien der jungen Frau notiert hatte, konnte er sich einen letzten Kommentar nicht verkneifen. „Ich hoffe für Sie, dass Ihnen niemals etwas so Schlimmes widerfahren wird und Sie dann auf die Hilfe Ihrer Mitmenschen angewiesen sind.“ Damit verließ er die Strandbar und hoffte auf die vorerst letzte Möglichkeit, die ihm blieb, ein Zeitungsartikel in der Braunschweiger Zeitung.

 

4

Trotz großer Anstrengungen und viel Zeit, die von Kommissar Wegscheider und seinen Kollegen für weitere Ermittlungen im Fall Voss aufgewendet wurde, kamen sie den Tätern nicht auf die Spur. Mittlerweile war ein halbes Jahr seit jener Nacht vergangen, als sich der Ermittler auf den Weg nach Wolfenbüttel machte, um Martina Voss persönlich mitzuteilen, dass er den Fall einstellen musste.     

Als ihm die junge Frau die Haustür öffnete, traf ihn fast der Blitz. Es gelang ihm nur mit Mühe sich nichts anmerken zu lassen. „Guten Tag, Herr Kommissar“, begrüßte sie Wegscheider und bat ihn herein. „Ich hatte angerufen“, erklärte er seinen Besuch, weil ihm in diesem Moment nichts Besseres einfiel. „Ich weiß, Sie haben mit meinem Papa gesprochen“, zeigte sich Martina im Bilde. „Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen?“

„Guten Tag, Herr Kommissar“, wurde er nun auch von Martinas Vater begrüßt. „Ich hoffe, Sie kommen persönlich vorbei, weil Sie uns mitteilen wollen, dass Sie die Täter haben?“, erkundigte sich Karl-Heinz Voss, während er Wegscheider mit einer einladenden Handbewegung einen Platz anbot. „Glauben Sie mir, Herr Voss, es gäbe für mich keine größere Freude, wenn es so wäre, aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mit einem anderen Fall betraut wurde.“

Karl-Heinz Voss und seine Tochter sahen sich kopfschüttelnd an. „Was heißt das?“, fragte er nach, obwohl er längst verstanden hatte. „Der Fall wird zunächst zu den Akten gelegt“, erklärte Kommissar Wegscheider. „Sowie sich allerdings etwas Neues ergibt…“ „So ein Blödsinn“, fiel ihm Karl-Heinz Voss ins Wort. „Sie wissen genauso gut wie ich, dass die Verbrecher davonkommen werden. Seien Sie wenigstens so ehrlich und geben Sie es zu!“

„Das lässt sich so nicht sagen, Herr Voss. Es ist mir klar, dass Sie so denken müssen, aber es ergeben sich oftmals auch nach Jahren noch neue Ansatzpunkte.“ „Glauben Sie, meine Tochter kann so lange warten?“ „Papa.“ „Wie Sie sehen, ist die Tat nicht ohne Folgen geblieben.“ „Papa!“, sprang Martina beschämt auf und verließ weinend den Raum. „Weshalb hat sich Ihre Tochter für das Kind entschieden?“, erkundigte sich Wegscheider. „Weil es Mord wäre“, entgegnete Voss. „Der Glaube meiner Tochter lässt eine Abtreibung nicht zu.“

„Darf ich fragen, welcher Konfession sie angehört?“, hakte der Kommissar nach. „Meine Familie und ich feiern die sieben Sakramente.“ Wegscheider dachte einen Augenblick nach und nickte Voss letztlich zu. Er selbst war schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Er wusste, dass sich somit die DNA eines der Täter bestimmen ließ, aber diese Möglichkeit behielt er zunächst für sich.

„Es ist mir klar, dass Martinas Entscheidung befremdlich auf Sie wirken wird…“, bemerkte Voss, „…aber das ungeborene Leben ist unschuldig und nicht für seinen Erzeuger verantwortlich.“ „Ihre Tochter hat eine sehr mutige Entscheidung getroffen. Ich hoffe, sie kommt damit klar.“ „Martina ist stark!“, entgegnete er, Wegscheider die Hand reichend. „Danke für Ihren Besuch.“

In den folgenden Wochen und Monaten dachte der Kommissar häufig an Martina Voss. Er hatte seine Zweifel daran, ob ihre Entscheidung das Kind zu bekommen, wirklich ihr freier Wille war, doch wie auch immer, sie würde durch dieses Kind immer wieder an dieses Martyrium erinnert werden. Er fragte sich, ob sie es dennoch lieben könnte. Bevor er sich beim Standesamt nach einem Eintrag im Geburtenregister erkundigte, ließ er einige Zeit verstreichen.

Kurze Zeit später fuhr er erneut nach Halchter in die Siedlerstraße. Diesmal hatte er außer einem Blumenstrauß einen Speicheltest bei sich. „Wenn Sie meine Tochter besuchen wollen, muss ich Sie leider enttäuschen, Herr Kommissar“, empfing ihn Eva Voss an der Haustür. „Meine Tochter ist derzeit nicht in der Lage Besuch zu empfangen“, erklärte sie. „Gab es bei der Geburt Komplikationen?“, fragte Kommissar Wegscheider besorgt nach. „Das gottlob nicht, aber Martina leidet an einer Wochenbettdepression.“

Eine Entwicklung, die sich für den Kommissar, der selber Vater einer erwachsenen Tochter war, nicht unvorhergesehen ergeben hatte.  „Das tut mir sehr leid“, drückte er sein Mitgefühl aus. „Ich komme allerdings auch, weil ich von dem Baby gern eine Speichelprobe nehmen würde.“ Frau Voss sah den Ermittler erwägend an. „Kommen Sie bitte herein.“

Während er ihr durch den Flur folgte, hörte er das Baby bereits laut schreien. „Der Kleine hat aber eine kräftige Stimme“, reagierte Wegscheider, als er das Baby in einem Stubenwagen entdeckte. „Als Sie klingelten, musste ich das Fläschchen absetzen. Das mag unsere Julia gar nicht.“ „Ein Mädchen“, schloss der Ermittler. „Wir sind so froh über die Entscheidung unserer Tochter“, strahlte die Oma, die offensichtlich glücklich war, noch einmal in die Mutterrolle schlüpfen zu dürfen.

„Ich will auch gar nicht lange stören“, griff der Kommissar in die Innentasche seines Jacketts und zog das Probenset heraus. Er öffnete es, entnahm dem Beutel ein Kunststoffröhrchen und diesem einen Stab, an dessen Ende sich ein Wattebausch befand. „Wenn sie ihr das Stäbchen bitte an den Innenseiten der Wangen etwas reiben?“, bat er die Oma. „Ich? Das machen Sie bitte selber. Das tut ihr doch nicht weh, oder?“ „Nein, nein, beruhigte er sie und tat, was nötig war, um genügend Speichel zu sammeln.

„So, das war´s auch schon. Vielleicht kommen wir auf diesem Weg weiter.“ „Wie ist das eigentlich, wenn sie den Vater ermitteln können, hat er dann als Vergewaltiger irgendwelche Rechte an dem Kind?“ „Nein, da kann ich Sie beruhigen. Diese Rechte hat der Vater durch seine Tat in der Regel verwirkt. In diesen Fällen hat das Familiengericht Anträge des Vergewaltigers stets abgelehnt.“

„Das ist gut“, entgegnete sie erleichtert. „Grüßen Sie bitte Ihre Tochter. Ich melde mich, sowie ich etwas Neues weiß“, hatte es der Kommissar nun eilig. „Warten Sie, ich bringe Sie noch zur Tür.“ „Das ist nicht nötig, Frau Voss, ich finde allein hinaus. Wir wollen doch nicht, dass die Kleine erneut auf ihr Fläschchen verzichten muss.“

Anders als erhofft gab es in der gerade erst aufgebauten DNA-Datenbank unter den als Sexualstraftätern eingestuften Gesetzesbrechern keinen Treffer, was letztlich dazu führte, dass der Fall Martina Voss nicht neu aufgerollt wurde. Dies wiederum hatte zur Folge, dass sich Kommissar Wegscheider um aktuelle Fälle kümmern musste und darüber die Vergewaltigung der jungen Frau aus den Augen verlor. Erst rund zwei Jahre später wurde er erneut und auf erschütternde Weise mit dem Fall konfrontiert. Martina Voss hatte die Vergewaltigung nie wirklich verarbeiten können und sich letztlich das Leben genommen.

5

„Ich muss Sie warnen, Herr Kommissar. Der Anblick der Toten ist nichts für schwache Nerven“, bereitete ihn der Notarzt auf den Anblick des Opfers vor. Wegscheider nickte dem Arzt dankbar zu und fügte sich in das Unvermeidliche. Als er kurz darauf jedoch die Überreste des Leichnams erkannte, erschrak er bis ins Mark und verließ im Laufschritt den Fundort, um sich hinter einem der nahen Büsche zu übergeben.

Hauptkommissar Gunnar Kleinschmidt reichte ihm bei seiner Rückkehr ein Papiertaschentuch und eine Flasche mit Wasser. „Als ich Sie anrief, nannte ich Ihnen doch den Namen der jungen Frau“, bemerkte der Wolfenbütteler Ermittler verwundert. „Ja schon, aber diese Tragödie dann mit eigenen Augen zu sehen, ist noch mal was ganz anderes.“ „Was können Sie uns zum Hergang sagen, Frau Knoop?“, wandte sich Kleinschmidt an die Leiterin der Spurensicherung.

Marlies Knoop deutete auf die Brücke. „Sie muss dort oben so lange gewartet haben, bis der Zug aus Kreiensen so nah war, dass er nicht mehr rechtzeitig anhalten konnte, bevor sie sich auf die Gleise stürzte.“ „Sie wollte also ganz sicher gehen, dass sie den Suizidversuch nicht überlebt“, fasste der Hauptkommissar zusammen. „Wir fanden dieses Plüschtier und einen Brief am Geländer“, reichte Frau Knoop zwei Beweismitteltütchen und zwei Paar Einmalhandschuhe an die Ermittler weiter.

Während Kleinschmidt den Brief aus der Tüte nahm und diesen auseinanderfaltete, betrachtete sich Wegscheider das kleine rote Herzchen, das um den Hals der kleinen Ente baumelte. Er las darauf den Namen Julia und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. „Ich wusste nicht, wie nah Sie an dem Fall dran sind“, zeigte der Hauptkommissar etwas, wofür er normalerweise nicht sonderlich bekannt war, Empathie.

„Als ich in der Akte von Martina Voss von der Vergewaltigung las und Sie als den ermittelnden Kommissar ausmachte, hielt ich es für sinnvoll, Sie von Anfang an in den Fall einzubeziehen.“ „Wofür ich mich ausdrücklich bedanke“, zeigte sich der Braunschweiger Kollege verbunden. Kleinschmidt reichte ihm den Abschiedsbrief. „Es ist mir immer wieder ein Graus, wenn ich solche Verbrecher nicht ihrer gerechten Strafe zuführen kann“, seufzte er noch ganz unter dem Eindruck, den die Zeilen in ihm hinterlassen hatten.

Wegscheider las den Brief ebenfalls, obwohl ihm bewusst war, was dessen Inhalt mit ihm machen würde. Er konnte nicht anders, fühlte sich ein Stück weit für die schreckliche Selbsttötung der jungen Frau mitverantwortlich, weil er die Täter nicht ermitteln konnte, aber auch, weil er zur Untätigkeit verurteilt mit ansah, wie der Einfluss ihrer Eltern eine Entscheidung herbeiführte, die ihre Psyche nicht aushalten konnte.

„Was kann ich den Eltern sagen, wenn sie den Leichnam ihrer Tochter noch einmal sehen wollen, Doktor Wohlfahrt?“ „Es wird eine Weile dauern, ehe wir die Einnahme von Medikamenten und Drogen abschließend analysiert haben. Davon abgesehen gehe ich nicht davon aus, dass ich ihr Gesicht wieder so gut wiederherstellen kann, dass es vorzeigbar wäre“, erklärte der Rechtsmediziner. „Ich rate dringend von einer Leichenschau ab.“

Als Kommissar Wegscheider und sein Kollege aus Wolfenbüttel vor dem Haus der Familie Voss in der Siedlerstraße aus den Dienstwagen stiegen, fiel ihr Blick auf ein kleines Mädchen, welches im Garten spielte. Erst danach bemerkten sie auch die Oma, die in einer Hollywoodschaukel eingenickt war. Das quietschende Geräusch, welches durch das Öffnen der Gartenpforte verursacht wurde, ließ sie aufschrecken.

„Guten Tag, Frau Voss“, begrüßte Wegscheider die Mutter der Toten. „Herr Kommissar“, erkannte sie den Fünfzigjährigen sofort wieder. „Gibt es etwas Neues? Meine Tochter ist gerade unterwegs.“ „Das ist mein Kollege, Hauptkommissar Kleinschmidt von der Wolfenbütteler Dienststelle“, stellte er seinen Begleiter vor. „Wir müssen mit Ihnen und Ihrem Mann reden.“ An der Art, wie Wegscheider sprach, bemerkte sie, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste.

Sie nahm die Kleine auf den Arm und ging vorweg ins Haus. „Kalle!“, rief sie mehrfach nach ihrem Mann. „Was ist denn los?“, kam der kurz darauf aus dem Keller. „Der Kommissar ist da.“ „Haben Sie die Täter endlich geschnappt?“ „Können wir irgendwo ohne das Kind reden?“ „Was gibt es denn so wichtiges?“, verzog Herr Voss angespannt das Gesicht. „Ich bringe Julia in ihr Zimmer“, lenkte Frau Voss ein. „Einen kleinen Moment bitte, es dauert nicht lange.“

Während die Ermittler dem Vater der Toten in das Wohnzimmer folgten, erzählte Karl-Heinz Voss von seiner Enkelin. „So, da bin ich wieder“, stieß seine Frau kurz darauf zu ihnen. „Ich habe hier einige Fotos“, erklärte Wegscheider. Erkennen Sie darauf etwas?“ „Das sind Muttermahle meiner Tochter“, bemerkte Frau Voss. „Wir müssen Ihnen leider die traurige Mitteilung machen, dass sich Ihre Tochter das Leben nahm.“ „So ein Unsinn!“, reagierte Herr Voss ungehalten. „Martina ist kurz in die Stadt gefahren, um einen Termin bei ihrem Arzt wahrzunehmen.“

Kommissar Wegscheider holte die Tüte mit dem Kuscheltier hervor. „Das gehört Julia!“, erkannte die Oma das Lieblingsspielzeug ihrer Enkelin. „Ihre Tochter hat es, zusammen mit einem Abschiedsbrief, auf der Eisenbahnbrücke an der Lindenhalle zurückgelassen“, erklärte Kommissar Kleinschmidt betroffen. „Sie stürzte sich in den Tod?“, schlussfolgerte Martinas Vater. „Wie konnte sie nur?“

Die Ermittler sahen, wie er seine Frau, die seinen Beistand suchte, stehen ließ und wortlos das Zimmer verließ. „Sie müssen ihn verstehen, das Leben ist das größte Geschenk, was uns Gott gegeben hat. Wer freiwillig aus dem Leben scheidet, begeht somit die größte aller Sünden“, erklärte Eva Voss. Es war ihr deutlich anzumerken, wie sie mit letzter Kraft um Fassung rang. „Wenn Sie mich bitte entschuldigen, ich muss nach Julia sehen.“ Die Kommissare sahen sich sprachlos an und folgten der Aufforderung.  

6

Sechzehn Jahre später.

Alle Jahre wieder zum Jahreswechsel zieht man Bilanz im Hinblick auf das, was man im vergangenen Jahr erreichte und wagt einen Ausblick auf das, was man sich für das kommende Jahr vornimmt. So hatte ich es bislang immer gehalten, aber diesmal war alles irgendwie anders. Die Welt schien sich immer schneller zu drehen, die Zeit bestimmte nicht mehr die Veränderungen, der Wandel bestimmte nun die Zeit. Was heute richtig war, war morgen schon falsch und übermorgen Vergangenheit.

Kam es nur mir so vor, oder galten die Worte von heute, morgen schon nichts mehr, weil es gestern schon Lügen waren? Nie zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, dass sich alles nur noch um Geld und Macht drehte, wobei es die Schwächsten waren, die auf der Strecke blieben. An jedem Tag, an dem ich sah, wie sich Ramona weiterentwickelte, ich mit Freude und Stolz auf sie blickte, machte ich mir gleichzeitig um ihre Zukunft immer größere Sorgen. All dies ist ebenso wenig greifbar wie das, was ich im Zuge meiner Ermittlungen im Rahmen eines neuen Falles in den nächsten Tagen erfahren sollte. Zukunft baut auf Vergangenheit, doch was, wenn es keine Vergangenheit gab? Gibt es dann auch keine Zukunft?

Für die Beantwortung dieser Frage stand niemand mehr als die junge Frau vor meinem Schreibtisch. Eine Bekannte von Leonie aus der Fahrschule. Als sie mir ihre Geschichte erzählte, standen mir Tränen in den Augen.

„Mein Name ist Julia Voss. Ich kam zu Ihnen, weil Leonie davon überzeugt ist, dass Sie mir helfen könnten“, erklärte sie ihren Besuch. „Nun ja, wenn meine Auszubildende derart zuversichtlich ist, ehrt mich dies, aber vielleicht erzählen Sie mir erstmal, um was es geht.“ „Bevor ich mich ihnen offenbare, muss ich Ihnen sagen, dass ich ihr Honorar abstottern muss. Mein Erspartes ging für den Führerschein drauf. Ich hatte ja keinen Schimmer von alledem.“ Ich war neugierig geworden und so bat ich die junge Frau, mir ihre Geschichte von Anfang an zu erzählen.

„Ich wuchs bei meinen Großeltern in Halchter auf, weil meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz bei Amsterdam ums Leben kamen.“ „Wann war das?“, hakte ich nach. „Im August 2009, aber das stimmt nicht, meine Großeltern haben mir das nur erzählt, weil ich die Wahrheit nie erfahren sollte.“ Es konnte nur eine Erklärung für ein solches Verhalten geben, die Realität musste noch schlimmer sein. „In Wirklichkeit bin ich leider das Produkt einer Vergewaltigung. Ich weiß nicht, wer mein Vater ist, weil er nie für seine Tat zur Verantwortung gezogen wurde.“

„Seit wann wissen Sie davon?“, schluckte ich Ihre Worte hinunter und versuchte professionell zu bleiben. „Seit etwa zehn Tagen“, reagierte sie mit einem sarkastischen Unterton. „Meine Großeltern hatten mich nicht nach Hause kommen hören, als sie sich über einen Kommissar Wegscheider und dessen Ermittlungen unterhielten. Zuerst kapierte ich gar nicht, dass es um meine Mutter ging, aber als im Laufe des Gesprächs ihr Vorname fiel, stellte ich sie zur Rede.“

Der Name Wegscheider war mir aus meiner Zeit bei der Braunschweiger Kriminalpolizei durchaus geläufig. „Es ist natürlich unglücklich, dass Sie erst durch einen solchen Zufall die Wahrheit erfahren“, seufzte ich, „…aber versuchen Sie bitte auch Ihre Großeltern zu verstehen“, versuchte ich mich in deren Situation zu versetzen. „Wenn sie es mir daraufhin gebeichtet hätten…“, lachte sie zynisch. „Sie stritten alles ab und behaupteten, ich hätte mich verhört.“ „Das ist hart“, empfand ich nach.

„Ich fuhr noch am selben Tag zur Polizei, wo ich mit einem Kommissar Schubert sprach“, erzählte sie weiter. „Der fand eine Akte, aus der hervorging, dass sich meine Mutter am 09. August 2009 von der Eisenbahnbrücke an der Lindenhalle mit gerade mal 20 Jahren vor einen Zug stürzte.“ Ich hatte einen dicken Kloß im Hals. In der Akte stand auch, dass sie am 13. Mai 2006 in Braunschweig von mehreren Männern vergewaltigt wurde.“

„Ihre Mutter konnte ihr Schicksal offensichtlich nie verarbeiten“, resümierte ich, während ich daran denken musste, wie sich die junge Frau fühlen musste, die mir gerade ihr Herz ausschüttete. „Seitdem frage ich mich, weshalb sie mich nicht abtrieb oder mich nach der Geburt nicht weggab? Jedes Mal, wenn sie mich ansah, musste sie doch unwillkürlich an die Vergewaltigung denken.“ „Sie hat sich nicht ohne Grund für Sie entschieden“, entgegnete ich.

„Ich weiß nur, dass sie letztlich wegen mir in den Tod sprang.“ „Das können Sie so nicht sagen“, hielt ich dagegen. „Sie sind ganz sicher nicht schuld an dem, was Ihrer Mutter widerfuhr.“ „Genau das sage ich mir immer wieder, Herr Lessing und deshalb gibt es nur einen Weg für mich. Das, was meiner Mutter bei meiner Zeugung angetan wurde, darf nicht ungesühnt bleiben.“ Wenn dies der Weg war, den sie gehen musste, um Normalität in ihr Leben zurückzubringen, war ich bereit, sie dabei zu unterstützen.

„Was sagt denn Kommissar Schubert dazu?“, erkundigte ich mich. „Die Vergewaltigung meiner Mutter liegt 19 Jahre zurück. Dieser Kommissar Wegscheider ist längst nicht mehr im Dienst und selbst, wenn man die Täter überführen würde, könnte man sie nicht mehr verurteilen, weil die Tat längst verjährt ist.“ „Das ist leider Fakt“, stimmte ich schweren Herzens zu, „…aber man könnte zumindest überprüfen, ob es weitere Fälle gibt, die sich diesen Kerlen zuordnen ließen. Wer einmal ungeschoren davon kommt, meint vielleicht, es klappt auch ein weiteres Mal.“ Julia Voss sah mich nachdenklich an. „Sie glauben, der oder die Täter könnten noch mehr Frauen vergewaltigt haben?“ „Wundern würde es mich nicht“, sprach ich aus Erfahrung.   

„Okay, wenn ich in dem Fall aktiv werde, müssen wir leider auch über das Finanzielle reden. Wie Sie sich denken können, habe ich einige Unkosten und Mitarbeiter, die bezahlt werden wollen. Da ich noch nicht weiß, wieviel Zeit und was an Aufwand nötig sein wird, bis der Fall abgeschlossen ist, kann ich Ihnen auch keine Summe nennen, aber bei fünfhundert Euro pro Tag kommen da sicherlich mehrere Tausend Euro zusammen.“

Julia Voss schien nicht sonderlich überrascht. „Das ist schon okay. Damit habe ich gerechnet. Die Frage ist nur, ob sie mit Ratenzahlung zu einem späteren Zeitpunkt einverstanden sind.“ Diese Form der Bezahlung war unüblich, daher hatte ich keine Erfahrung damit, aber die Aufklärung des Falles lag mir am Herzen. Also verließ ich kurz das Büro, um mit Trude darüber zu sprechen. Es war klar, was meine Putzsekretärin davon hielt, aber nachdem ich sie über einige Details informiert hatte, versprach sie, sich etwas einfallen zu lassen.

„Wir bekommen das irgendwie hin“, erklärte ich unserer neuen Klientin kurz darauf. „Meine Mitarbeiterin setzt gerade einen Vertrag auf.“ Ich reichte ihr das Auftragsformular. „Wenn Sie mir bitte mit Ihrer Unterschrift bestätigen, dass ich in Ihrem Namen Ermittlungen durchführen darf. Ich gebe Ihnen alle zwei Tage ein Update über den Stand der Recherchen und spreche mit Ihnen ab, wie es weitergeht.“ „Das klingt fair“, entgegnete sie und unterschrieb.

„Ich werde zunächst Kontakt zu Hauptkommissar Sinner aufnehmen“, stellte ich da, in welcher Weise ich vorgehen wollte. „Es geht zunächst darum, mir einen Überblick zu verschaffen. Vielleicht gewährt man mir Einblick in die damalige Ermittlungsakte. Es wird nicht einfach, aber da ich selber bei der Kripo in Braunschweig als Hauptkommissar tätig war, weiß ich natürlich, an welchen Strippen ich ziehen muss.“ „Sicher ein interessanter Job. Leonie hat mir viel von ihrer Ausbildung erzählt“, lächelte Julia Voss verschmitzt. Ich horchte auf. Wer weiß, was das kleine Luder ausgeplaudert hatte.

Trude klopfte genau im richtigen Moment an die Tür und brachte den Vertrag herein. „Oh, das ging aber schnell“, lobte ich sie. „Im Grunde Standard“, erklärte sie. „Es war nur die Zahlungsvereinbarung anzupassen.“ Ich legte ihr das Schriftstück vor. „Lesen Sie sich bitte alles durch, ehe Sie unterschreiben.“ „Nicht nötig, ich vertraue Ihnen.“

 

Detektei Lessing

 

Band 54

 

Wer ist Robert Ohms?

1

Ich fuhr dermaßen abrupt in die Höhe wie jemand, der gerade einen heftigen Stromschlag erhielt. Den Grund für den Beinaheinfarkt lieferte niemand anderes als meine Auszubildende, die einmal mehr ohne anzuklopfen in mein Büro gestürmt war.

„Da sind zwei neue Klienten, Chef!“, plapperte sie los. Nachdem sich meine Nackenhaare wieder gelegt und sich mein Herzschlag weitestgehend beruhigt hatte, kam ich auch langsam zu Atem. „Möchtest du deine Ausbildung in dieser Detektei beenden?“, fragte ich unfassbar ruhig. Leonie nickte mir zu, wie jemand, dem sich der Sinn der Frage noch nicht erschloss. „…dann solltest du meine Gesundheit nicht in solcher Weise strapazieren.“ „Ach wissen Sie, Chef, der eine geht, der andere kommt, was bleibt ist die Erinnerung.“ Womit sie mich sprachlos und zugleich grüblerisch hinter meinem Schreibtisch zurückließ, um die vermeintlichen neuen Auftraggeber hereinzubitten.

Im nächsten Moment begrüßte ich ein älteres Ehepaar. Meine Menschenkenntnis verriet mir, dass ich es mit begüterten Leuten zu tun hatte. „Marita von Adenem“, stellte sich die vornehme Dame vor. „Mein Ehegatte Claudius.“ „Leopold Lessing, sehr angenehm“, entgegnete ich, ihre Hand schüttelnd. Ihr irritierter Blick verriet mir, dass sie eine andere Form der Begrüßung erwartet hatte. Für einen Handkuss war es allerdings zu spät.

„Nehmen Sie doch bitte Platz“, bat ich ihnen die Stühle vor meinem Schreibtisch an. „Was führt Sie zu mir?“, hielt ich mich nicht lange mit Smalltalk auf. „Wir waren bereits bei der Polizei“, ergriff die Dame das Wort. „Ein vergeblicher Weg“, fügte Claudius ungefragt hinzu. Der Blick seiner Gattin ließ keinen Zweifel offen, wer von den beiden das Sagen hatte. „Man erklärte uns dort, dass auf einen Verdacht hin keine Ermittlungen aufgenommen werden könnten“, gab sie die Aussage des Beamten wieder. „Wir sollen wiederkommen, wenn wir Beweise für unsere Behauptung haben.“

Ihr Unterton ließ mich erahnen, was sie von der Abweisung ihres Ansinnens hielt. Ich verkniff mir daher, Partei für den ehemaligen Kollegen zu ergreifen. „Kommen wir zu dem Grund Ihres Besuchs“, lenkte ich das Gespräch auf das Wesentliche. „Unsere liebe Freundin Lale läuft Gefahr, einem Heiratsschwindler zum Opfer zu fallen“, ließ sie die Katze aus dem Sack. Ich wurde hellhörig. „Wenn ich Ihre Worte richtig deute, sind bislang weder Gelder noch Tränen geflossen“, schlussfolgerte ich. Sie schlug ihre Hände zusammen. „Endlich mal ein Mann, der mich versteht.“ Claudius sah mich betreten an.

„Woran machen Sie Ihren Verdacht fest“, hakte ich nach. „Dieser Mann ist derart überzogen zuvorkommend, hilfsbereit und anbiedernd, dass es einfach nur gespielt sein kann. Er macht ihr ständig kleine Geschenke, nichts Aufwendiges, aber es gelingt ihm dabei immer wieder, ihren Geschmack zu treffen.“ „Offenbar versteht er es, ihre Art und ihre Vorlieben zu lesen, um ihr das Gefühl zu geben verstanden zu werden.“ „Sie haben es auf den Punkt gebracht, Herr Lessing“, stimmte sie mir zu.

„Lale ist seit zwei Jahren Witwe. Karl starb an einem Hirntumor.“ Ich machte mir Notizen. „Er hat ihr ein beträchtliches Vermögen hinterlassen.“ „Aus Ihren Erzählungen folgere ich, dass Sie erst kürzlich mit Ihrer Freundin und dem neuen Gefährten zusammentrafen.“ „Wir konnten dieser Scharade quasi live beiwohnen“, erzählte Frau von Adenem angewidert. „Sie können sich nicht vorstellen, wie besorgt ich um Lale bin. An den Tagen nach unserer Einladung versuchte ich ihr mehrfach ins Gewissen zu reden. Je mehr ich dabei gegen ihn sagte, umso mehr verteidigte sie ihn.“

„Was eine völlig normale Reaktion Ihrer Freundin ist“, sinnierte ich. „Der Herr versteht es sehr gut, ihre Liebe zu gewinnen“, bemerkte ich. „Wenn sie seit dem Tod ihres Mannes allein war, sehnt sie sich wahrscheinlich nach Zärtlichkeit und Liebe.“ „Genau diesen Umstand nutzt dieser Betrüger natürlich schamlos aus“, stimmte sie mir zu. „Existiert ein Foto von dem Mann?“, erkundigte ich mich nicht ohne Grund. „Das ist auch so eine Eigenart dieses Herren“, griff Frau von Adenem meine Frage auf. „Er möchte nicht fotografiert werden.“   

Dies war das bislang stärkste Indiz dafür, dass es sich bei dem Herrn um einen Heiratsschwindler handeln könnte. „Es spricht tatsächlich einiges für Ihren Verdacht“, bestätigte ich die Befürchtung des Ehepaars. „Siehst du Claudius, ich habe es doch gleich gewusst“, fühlte sich Frau von Adenem von mir bestätigt. „Was sollen wir denn nun machen?“ „Indem Sie zu mir kamen, haben sich bereits für das Richtige entschieden“, lobte ich. Ihre Bekannte kann sich glücklich schätzen, Freunde wie Sie zu haben.“

Frau von Adenem sah ihren Claudius kurz an und nickte mir zu. „Wann können Sie mit Ihrer Arbeit beginnen, Herr Lessing?“ Ich drückte auf eine Taste meiner Gegensprechanlage. „Wann wäre der nächstmögliche freie Termin, um einen weiteren Fall anzunehmen, Frau Berlitz?“, erkundigte ich mich bei Trude in der altbekannten Weise. Es macht stets einen guten Eindruck, wenn ein potentiell neuer Klient den Eindruck hat, dass er nicht der einzige ist.

„Nachdem wir den Fall Kleidermann so schnell lösen konnten, wären ab morgen Kapazitäten frei.“ „Na, das passt ja gut“, lächelte ich Frau von Adenem zu. „Wenn Sie wollen, könnte ich bereits morgen aktiv werden.“ „Was kostet es eigentlich, wenn wir Sie beauftragen?“, erkundigte sich Claudius zum Entsetzen seiner Ehefrau. „Das ist doch wohl völlig egal“, fuhr sie ihn an. „Unsere Freundin befindet sich in einer Notsituation. Ich bin froh, dass sich Herr Lessing so schnell dem Fall annehmen kann.“ „Ich würde dann noch einige Details zur Person von Frau Erdmann und zu ihrem sozialen Umfeld benötigen“, wechselte ich das Thema.

„Da haben Sie einen fetten Fisch an Land gezogen“, freute sich Trude, nachdem meine neuen Klienten die Detektei verlassen hatten. „Um was geht es denn“, erkundigte sich Leonie neugierig. „Heiratsschwindel“, entgegnete ich nachdenklich. „Solange ich hier bin, hatten wir keinen solchen Fall, oder?“ „Es ist äußerst selten, dass sich ein Betroffener an die Polizei wendet. Schon gar nicht, wenn es lediglich einen Verdacht gibt und so gut wie nie sind es Freunde eines Opfers, die sich an die Polizei oder eine Detektei wenden“, erklärte ich.

„Wenn ich mir vorstelle, mir würde ein Typ nur deshalb die große Liebe vorspielen, um an meine Kohle zu kommen, würde ich ihm die Prinzenrolle abschneiden.“ Trude sah ihre Kollegin entsetzt an. „Wegen so einem würde ich mich doch nicht versündigen. Ich würde mich viel zu sehr schämen, dass ich auf einen solchen Gauner hereingefallen bin und deshalb niemandem davon erzählen.“ „Genau darauf spekulieren diese Betrüger“, klärte ich Trude auf. „Oftmals suchen die Opfer bei sich die Schuld für das Scheitern der vermeintlichen Beziehung. Selbst wenn sie von weiteren Frauen erfahren, die von dem gleichen Schwindler betrogen wurden, glauben sie, er hätte nur sie wirklich geliebt.“

„So was ist echt widerlich“, schüttelte sich Leonie. „Ich hoffe, wir können dem Kerl das Handwerk legen.“ „Zunächst sollten wir feststellen, ob es sich bei diesem Robert Ohms tatsächlich um einen Betrüger handelt“, bremste ich meine Azubine. „Dazu suchst du im Netz bitte alles heraus, was du über ihn finden kannst“, trug ich ihr auf. „Sehr vielleicht gibt es noch weitere Opfer.“ Leonie strotzte geradezu vor Tatendrang als sie sich an ihren Computer setzte.

Ich reichte meiner Putzsekretärin die Notizen, die ich während des Gesprächs mit unseren Klienten gemacht hatte. „Sie Trude, sehen sich Lale Erdmann und ihr Umfeld genauer an. Sie soll wohl seit zwei Jahren Witwe sein. Es würde mich interessieren, womit ihr verstorbener Ehemann das Vermögen erwirtschaftete, welches er ihr hinterließ.“ „Geht klar, Chef, aber fangen wir nicht eigentlich erst morgen mit den Recherchen zum neuen Fall an?“ „Wenn an der Sache was dran ist, sollten wir keine Zeit verlieren. Die Stunden schreiben Sie einfach auf morgen.“

Nachdem ich das nötige Equipment ins Auto gepackt hatte, um Lale Erdmann auch unter schwierigen Bedingungen observieren zu können, verließ ich die Detektei in Richtung Adersheim. Die Zielperson lebte in Salzgitter-Lebenstedt, ganz in der Nähe zum See, am Otto-Hahn-Ring. Eine Fahrtzeit von ungefähr dreißig Minuten. Wenn meine Auftraggeber ihrer Freundin einen Besuch abstatteten, waren sie von Ahlum aus etwa eine dreiviertel Stunde unterwegs. Bei dichtem Verkehr oder schlechten Witterungsverhältnissen sicher eine gute Stunde. Also, nicht gerade um die Ecke.

Als Liebhaber von alten Fachwerkhäusern und einer eher beschaulichen Stadtidylle, gehörte Lebenstedt sicher nicht zu meinen Lieblingsorten, gleichwohl die alte Stahlkocherstadt durchaus ihre Sehenswürdigkeiten besaß. Der Otto-Hahn-Ring befand sich im Stadtteil Bruchmachtersen, quasi in direkter Nachbarschaft zum Salzgittersee. Also durchaus reizvoll gelegen. Die Zeit, in der ich zur Eissporthalle fuhr, lag schon viele Jahre zurück, die Erinnerungen daran waren noch präsent.

Ich erreichte das Anwesen der Zielperson am frühen Nachmittag. Parkplätze waren weder vor dem Haus noch dahinter verfügbar. Die Anwohner stellten ihre Fahrzeuge in Garagen ab, die sich hinter den Gebäuden in einer Seitenstraße befanden. Eine Observation von meinem Wagen aus war somit nicht möglich. Ein echtes Problem, wenn man nicht auffallen möchte. Als einzige halbwegs akzeptable Position bot sich ein Parkstreifen in der ‚Max-Planck-Straße‘ an. Da sich der allerdings in Fahrtrichtung rechts befand, musste ich das Haus von Lale Erdmann mittels einer Kamera beobachten, die ich hinter der Heckscheibe meines Wagens platzierte. Auch wenn dies ein erhebliches Manko bei der Qualität der Aufnahmen darstellte, gab es keine bessere Alternative. Meine Auftraggeber sollten für ihr gutes Geld letztlich auch gute Fotos bekommen.

Gerade als Detektiv sollte man sich schon aus dem besagten Grund den Neuerungen der Technik nicht verschließen. Auch wenn ich die mit einer Kamera bestückte Drohne bei dieser Gelegenheit nicht einsetzen konnte, war ich davon überzeugt, dass mir diese Investition in der Zukunft von großem Nutzen sein würde. Allerdings war der erste Probeflug mächtig in die Hose oder, richtiger gesagt, in den Stadtgraben gegangen. Bei der Rettungsaktion hatte ich mir mehr als nur nasse Füße geholt. Nach meinem unfreiwilligen Bad in der Oker[1] verfügte ich ja bereits über eine gewisse Erfahrung. Spaß machte es trotzdem nicht, aber es hinterlässt zumindest die Erkenntnis, zukünftig einen anderen Übungsplatz für die Drohne zu wählen.

2

„Du musst mir doch sagen, wenn es dir nicht gut geht, Schatz“, seufzte Robert, während er ihr liebevoll die Wange tätschelte. „Dein Wohlergehen ist mir doch tausendmal wichtiger als irgendeinem ein Abendessen in einem Restaurant.“ „Das ist sehr schade, ich war so gespannt auf deinen Bruder“, entgegnete Lale. „Er hätte dich auch sehr gern kennengelernt.“ „Das mir aber auch ausgerechnet heute so schwindelig und so elend zumute ist.“ „Glaub mir, an vielem ist auch das Wetter schuld. Je älter wir werden, umso mehr setzt es uns zu.“ Robert bis sich auf die Lippen. „Ach Himmel, was rede ich da nur wieder. Du bist ganz sicher nicht alt, meine Liebe.“

Lale sah den Mann an ihrer Seite mild lächelnd an. „Nein, nein, lass mal, du hast ja Recht. Die Jahre sind auch an mir nicht spurlos vorübergezogen.“ „Aber fast“, entgegnete er bestimmt. „Du hast dich verdammt gut gehalten.“ „Du bist ein Charmeur, Robert Ohms.“ „Die Berge würden dir sicher guttun“, bekundete der Frühpensionär überzeugt. „Ein Bekannter meines Bruders besitzt in den Schweizer Alpen ein sehr reizvoll gelegenes Chalet. Ich könnte Simon fragen, ob er uns dort einige Tage Erholung vermittelt.“

Lale fand die Idee ihres Freundes großartig. Sie erinnerte sich an einen Urlaub mit ihren Eltern in Zermatt. „Das ist eine ganz wundervolle Idee, Robert. Auch wenn es nur ein paar Tage wären, um den Alltag hinter sich zu lassen.“ „So war es gedacht“, bekräftigte der Dreiundsechzigjährige. „Wenn es dir recht ist, mein Schatz, nehme ich gleich Kontakt zu Simon auf.“

Lale Erdmann konnte ihr Glück kaum fassen. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Ehemannes hielt sie es nicht für möglich, ihr Herz noch einmal an einen anderen Mann zu verlieren, doch das Schicksal meinte es gut mit ihr, als Robert in ihr Leben trat. Es war das erste Mal seit Karl sie verlassen hatte, dass sie ausging und auch nur, weil sie von Marita, ihrer besten Freundin, dazu gedrängt worden war. Er fiel ihr sofort auf, weil er sie an Karl erinnerte.

Die Art und Weise, wie er sich auf der Tanzfläche bewegte, unterschied sich nur wenig von dem Stil, den ihr verstorbener Mann pflegte. Als er sie dann auch noch zum Tanz aufforderte, hielt sie den Atem an. Sie gab ihm einen Korb und wandte sich wieder Marita zu. Kurz darauf forderte er sie mit einer Rose zwischen den Zähnen zu einem Tango auf indem er sich vor sie niederkniete. Sie musste so herzlich lachen, wie er da vor ihr kniete, dass sie gar nicht anders konnte, als seiner Aufforderung nachzukommen. Während sie über die Tanzfläche schwebten, vergaß sie zum ersten Mal den Kummer der vergangenen Monate, war wieder sie selbst und sie genoss es.

Aus dem einem Tanz wurden mehrere und aus einem Moment des Vergessens wurde ein Abend voller Glück. Irgendwann bemerkte sie beschämt, dass Marita längst gegangen war. Sie sah mit einem schlechten Gewissen auf ihr Handy und las eine Nachricht ihrer Freundin, in der sie ihr Mut machte, das Schicksal fest in beide Hände zu nehmen und nicht mehr loszulassen. Lale kannte ihre Freundin gut genug, um die Bedeutung dieser Worte richtig einordnen zu können. Also packte sie das Schicksal bei den Hörnern und ließ es nicht wieder los.

Lale lag auf dem Sofa. Vollkommen in ihren Erinnerungen versunken, war sie irgendwann entspannt eingeschlafen. Als sie zu sich kam, spürte sie Roberts Hand, der sie zärtlich streichelte. Sie lächelte ihn glücklich an.

„Geht es dir etwas besser?“, erkundigte er sich liebevoll. „Ich bin wohl ein wenig eingeschlafen“, orientierte sie sich, noch nicht wieder ganz wach. „Könnte man so sagen“, pflichtete er ihr geduldig bei. „Es ist ja schon dunkel“, erschrak sie mit dem nächsten Augenblick. Als sie sich aufsetzen wollte, begann sich alles um sie herum zu drehen. „Ich fürchte mein Kreislauf hat sich immer noch nicht wieder normalisiert.“

„Hola“, erkannte Robert die Situation. „Langsam“, mahnte er, während er Lale dabei half ihren Oberkörper aufzurichten. „Ich habe dir einen Pfefferminztee zubereitet. Der wird dir bestimmt guttun.“ „Das ist lieb von dir.“ „Mit Simon habe ich auch schon telefoniert. Wenn du magst, können wir kommende Woche für fünf Tage in das Chalet.“ „Nächste Woche schon?“, reagierte Lale überrascht. „Wenn es dir zu kurzfristig ist, kann ich sicherlich auch zu einem späteren Termin buchen. Ich dachte nur, weil es dir dort sicherlich schnell wieder besser gehen wird.“

Sie spürte, wie sehr er um sie besorgt war und doch fühlte sie sich bei dem Gedanken an die lange Autofahrt unwohl. „Keine Angst, Liebes“, schien Robert ihre Gedanken zu erahnen. „Wir würden von Hannover aus bis Zürich fliegen und dann mit einem Leihwagen zum Chalet fahren.“ „Woher weißt du…?“ „Ich liebe dich halt“, verstand er es ihre Besorgnis im Handumdrehen zu zerstreuen. Ja, vielleicht hast du Recht“, lenkte sie ein. „Die Luftveränderung wird mir bestimmt guttun.“ „Du wirst begeistert sein. In dieser Jahreszeit ist es in den Alpen wundervoll.“

 

[1] Lessing 53 ‚Mord im Herzen unserer Stadt‘

Fortsetzung vom 28.12.24

3

Seit annähernd drei Stunden saß ich nun schon in meinem Wagen, starrte auf den kleinen Monitor meines Laptops und sah, dass sich im und am Haus von Lale Erdmann nicht das Geringste tat. Mittlerweile stand die Sonne nur noch knapp über dem Horizont und es war nicht mehr als eine halbe Stunde, ehe die einsetzende Dunkelheit des späten Nachmittags diesen trüben Dezembertag ausklingen ließ. Ich hasse diese Jahreszeit mit ihrer feuchten Kälte, dem Nebel und den kurzen Tagen. Eine Observation über eine größere Distanz ist kaum möglich, weil Nachtsichtgeräte nur dort effizient eingesetzt werden können, wo sie nicht durch andere Lichtquellen, wie beispielsweise einer Straßenlaterne in ihrer Wirkung konterkariert werden. 

In diesem speziellen Fall wusste ich nicht mal, ob sich die Zielperson überhaupt im Haus befand. Der Einsatz einer Wärmebildkamera scheiterte an der Tatsache, dass ich keine hatte. Da bislang zumindest auf der mir zugewandten Seite des Hauses kein Licht eingeschaltet war, wurde mir immer bewusster, dass ich meine Zeit auch sinnvoller gestalten konnte. Bevor ich die Zelte jedoch abbrach, musste ich mich davon überzeugen, dass wirklich niemand im Anwesen war. Ich verließ also meinen Wagen, um mich aus einer anderen Position davon zu vergewissern.          

Als ich von der Max-Planck-Straße in den Otto-Hahn-Weg einbog, erwischte mich eine steife Brise, die über den Salzgittersee, aus nördlicher Richtung kommend, eine beißende Kälte mit sich führte. Heftiger Schneefall trieb mir ins Gesicht. Ich schlug den Kragen meiner viel zu dünnen Jacke hoch und zog den Kopf ein. Innerlich fluchte ich über meine Entscheidung, den Fall unbedingt sofort anzugehen. Dabei dachte ich an einen Spruch, den ich Miriam immer dann unter die Nase rieb, wenn sie mich kritisierte, weil ich mal wieder mitten in der Nacht nach Hause kam: Selbstständig zu sein bedeutet selbst und ständig. Also, was solls, wer A sagt, muss auch B sagen.

Während ich mich weiter in nördliche Richtung durch das Schneetreiben kämpfte, suchte ich im Windschatten einer breiten Hecke etwas Schutz. An ihrem Ende führte rechts ein breiter Fußweg parallel zur Humboldtallee nach Osten. Noch bevor ich das Haus meiner Zielperson erreichte, führten einige Treppenstufen hinab in eine Art Mulde. Anders als die Nachbargrundstücke war das Anwesen von Lale Erdmann von Buschwerk umgeben. Im Vergleich zu den übrigen Häusern war das Gebäude etwas zurückversetzt.

Die Bepflanzung war durch den Verlust der Blätter zumindest zu dieser Jahreszeit nicht mehr so blickdicht wie im Sommer und bot mir dadurch die Möglichkeit, das Haus zu beobachten. Über eine großzügig angelegte Terrasse konnte ich durch eine riesige unverhangene Fensterscheibe bis in das erleuchtete Wohnzimmer sehen. Ich frage mich bei solchen Gelegenheiten immer, weshalb Menschen so leichtsinnig sind.

Da ich offensichtlich die einzige Person war, die sich bei diesem Wetter vor die Tür traute, lief ich kaum Gefahr, von einem vorbeikommenden Passanten beim Observieren bemerkt zu werden. Während mir der Nordwind weiterhin eisige Schneeflocken in den Nacken trieb, bog ich einige Zweige zur Seite und schob das Objektiv meiner Kamera in den so entstandenen Tunnel. Gerade als ich dabei war, eine vielversprechende Aufnahme zu machen, spürte ich einen Gegenstand auf der Schulter. Ich zuckte zusammen.

„Ich hoffe, Sie haben eine plausible Erklärung für Ihr Treiben“, überraschte mich eine Polizeibeamtin mit einem Schlagstock in der Hand. Eine zweite Polizistin stand etwa drei Meter von uns entfernt mit der Hand am Holster in Bereitschaft. „Ich kann das erklären“, seufzte ich. „Da bin ich aber gespannt.“ „Ich bin Privatermittler und observiere hier das Haus der Freundin meines Auftraggebers.“ „Das mag ja sein, guter Mann, aber wenn Sie hier ohne die Zustimmung der Beobachteten Fotos machen, verstößt dies nach § 201 StGB gegen das Recht am eigenen Bild.“

Ich sah die Obermeisterin ungläubig an. „Wie jetzt, ich soll die Leute, die ich observiere, vorher um Erlaubnis fragen? Da kann ich meinen Job ja gleich an den Nagel hängen.“ „Wie wäre es, wenn Sie sich erst einmal ausweisen würden?“, forderte mich die bislang etwas abseits stehende Hauptmeisterin auf. „Ihr Wunsch ist mir Befehl“, reagierte ich mit einer nickenden Geste, während ich in die Innentasche meiner Jacke griff, um meine Legimitation hervorzuholen. „Stopp!“, fuhr sie mich an, ihre Waffe ziehend. „Ganz langsam, Meister!“

„Na was denn nun?“, reagierte ich konsterniert. „Wollen Sie meinen Ausweis nun sehen oder nicht?“ „Nehmen Sie die Hände hoch!“, forderte mich die Hauptmeisterin nun auf. Ich spürte, wie unsicher sie war, was die Situation sehr schnell eskalieren lassen konnte. „Okay, ich mache alles, was Sie wollen, aber stecken Sie die Waffe wieder ein“, versuchte ich sie daher zu beruhigen. „Drehen sie sich rum“, befahl sie als nächstes, ohne auf meinen Vorschlag einzugehen. Ich folgte auch dieser Anweisung. „Leg ihm Handschellen an!“, wies sie ihre Kollegin an. Die Obermeisterin steckte den Schlagstock ein und legte mir auf dem Rücken die Stahlacht an. Die Situation beruhigte sich.

Trotz Eiseskälte war mir während der letzten Minuten richtig warm geworden. „Mein Name ist Leopold Lessing. Ich betreibe in Wolfenbüttel eine Detektei“, erklärte ich, nachdem ich langsam die Brieftasche samt Ausweis aus der Brusttasche genommen hatte. „Der Name stimmt zumindest schonmal“, stellte die Polizeihauptmeisterin fest. „Rufen Sie Hauptkommissar Wurzer von der Inspektion Braunschweig an“, forderte ich sie auf. „Er wird Ihnen bestätigen, dass ich als privater Ermittler arbeite.“

„Kann ich dich einen Moment mit dem Typ alleinlassen?“, erkundigte sie sich bei ihrer Kollegin, bevor sie zum Streifenwagen ging. „Kein Problem“, entgegnete Obermeisterin S. Bund, wie ich inzwischen auf ihrem Namensschild lesen konnte. „Ist die immer so krass drauf?“ „Meine Kollegin machte leider kürzlich eine schlechte Erfahrung. Seitdem ist sie sehr vorsichtig geworden.“ Ich wusste, wie sehr sich Lebenstedt in den letzten Jahren verändert hatte. „Verstehe.“

„Du kannst dem Typ die Handschellen wieder abnehmen“, trug die sich vom Dienstwagen nähernde Hauptmeisterin ihrer Kollegin auf. „Sie waren selbst Hauptkommissar in Braunschweig?“ „Das liegt schon ein paar Jahre zurück, aber ja.“ „Wieso tauscht man einen sicheren Job gegen eine Detektei ein?“, hakte sie nach. „Das ist eine lange Geschichte“, erwiderte ich nachdenklich. „Ich hab´s nie bereut.“ „Hätten Sie in Ihrer Detektei noch Platz für eine Ermittlerin?“, überraschte sie nicht nur mich. „Ich denke darüber nach. Rufen Sie mich in ein paar Tagen an.“

„Bei allem Verständnis für Ihren Job, Herr Lessing“, meldete sich S. Bund zu Wort. „Wenn Sie die Leute heimlich fotografieren, verletzen Sie deren Rechte.“ „Wenn es für Sie in Ordnung ist, würde ich das Material löschen“, schlug ich vor. Die Obermeisterin sah ihre Kollegin fragend an. Die nickte ihr zu und ich löschte unter ihren Augen die Fotos von meiner Kamera.

„Ich hoffe, Sie halten sich in Zukunft daran“, lächelte sie mir wohlwissend zu, dass ich gar nicht anders konnte, als mich auch weiterhin in einer rechtlichen Grauzone zu bewegen. „Sie finden die Telefonnummer meiner Detektei?“ „Ich rufe Sie an“, sicherte sie mir zu und verschwand mit ihrer Kollegin in der inzwischen vollständigen Dunkelheit. Als ich sah, wie sie kurz darauf über die Humboldtallee davonfuhren, überzeugte ich mich, ob ich die Fotos wirklich auf der Datenkarte abgespeichert hatte. Eine Angewohnheit, die mir schon so manches Mal den Allerwertesten gerettet hatte. Trotz des immer mieser werdenden Wetters huschte mir ein Lächeln über das Gesicht. Die Fotos waren noch da.

4

„Hast du dir eigentlich schon mal Gedanken darüber gemacht, was du deinen Angestellten zu Weihnachten schenkst?“, erwischte mich Miriam auf dem falschen Fuß. „Wieso, die bekommen doch ihr Weihnachtsgeld“, entgegnete ich verwundert. „Ich dachte, ihr seid so etwas wie eine Familie“, ließ mein Schatz nicht locker. „Na ja, wir sind ein gutes Team, aber Familie?“ „Axel ist dein Trauzeuge und sicher ein guter Freund für uns, genau wie Trude“, drückte sie auf mein Gewissen. „Es wäre doch viel persönlicher, wenn du jedem zur Prämie ein kleines Geschenk überreichen würdest, oder?“ 

Ich stieß einen langen Seufzer aus. „Das habe ich noch nie gemacht.“ „Ich mein ja nur, weil es so eine Art Symbol wäre“, gab Miriam nicht auf, mir die Sache noch schmackhaft zu machen. „Zufriedene Mitarbeiter, die sich wertgeschätzt fühlen, sind der Rückhalt eines jeden Unternehmens.“ „Kann es sein, dass du bei deinem letzten Lehrgang in Hannover einer sozialen Gehirnwäsche unterzogen wurdest?“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich in diesem Augenblick tot umgefallen. „Mach doch was du willst!“, drehte sich die Staatsanwältin um und ließ mich stehen.

Da hatte ich mein Plappermäulchen wohl wieder einmal nicht unter Kontrolle. „Ach Schatz, ich hab’s doch nicht so gemeint!“, rief ich ihr nach. „Es ist mir ein Rätsel, weshalb deine Mitarbeiterinnen immer noch zu dir halten“, steuerte sie mit einem Glas Rotwein in der Hand auf die Terrasse zu. „Wo ist mein Glas?“ „Der Kluge denkt zuerst an sich. Hab ich auf dem Lehrgang gelernt“, entgegnete sie mich nicht weiter beachtend. Ich hatte die Lektion wohl verdient. Bevor der Abend vollkommen aus dem Ruder lief, holte ich mir ein Glas Wein und folgte ihr nach draußen.

„Bei Weihnachtsgeschenken fehlt es mir an der nötigen Fantasie“, räumte ich ein. „Ich weiß“, prickte sie mir noch einen über. „Die kleinen Küchenhelfer, die ich Jahr für Jahr von dir bekomme sind vielleicht nützlich, aber persönliche Geschenke sind das gewiss nicht.“ „Ich ahnte ja nicht…“ Miriam verdrehte die Augen. „Männer!“ „Warum hast du denn nichts gesagt?“ „Ich war ja schon froh, dass du überhaupt an ein Geschenk für mich dachtest.“ Ich sah beschämt zu Boden. „Aber was…?“

„Also was deine Mitarbeiterinnen und Axel angeht, würde ein gemeinsamer Betriebsausflug nicht nur das soziale Miteinander in deiner Detektei stärken, sondern auch die Identifikation mit dem Betrieb.“ Irgendwie kam mir das Ganze befremdlich vor, aber bevor ich erneut den Hausseegen aufs Spiel setzte, tat ich so, als wäre Miriams Idee das Ei des Kolumbus. „Du hast Recht, ich werde ihnen zu Weihnachten einen Ausflug in den Heidepark schenken. Gleich morgen werde ich mich bei Schmidt im Busterminal danach erkundigen. Da könnte ich für Ramona und dich doch auch gleich Karten mitbestellen. Da habe ich dann auch gleich ein Geschenk für euch.“

„Du bist so ein Ochse, Leopold Lessing!“, fuhr mich meine Liebste an und sprang auf. „Was denn? Ich dachte du freust dich darüber.“ „Himmel, lass Hirn regnen“, seufzte sie und verschwand mit ihrem Glas im Haus. Ich blieb bedröppelt auf der Terrasse zurück. Was um alles in der Welt hatte ich denn jetzt schon wieder verkehrt gemacht? Die Tatsache, dass ich nach… nach…, wie lange waren wir eigentlich schon verheiratet? Egal, zumindest nach so langer Zeit immer noch nicht wusste, wie Miriam tickte, war doch ein Indiz dafür, wie kompliziert sie war, oder?“

 

5

„Einen wunderschönen guten Morgen, Mädels“, begrüßte ich Leonie und meine Putzsekretärin geradezu überschwänglich, als ich die Treppe hinunter in meine Detektei kam. „Na Sie müssen ja eine ganz besonders gute Nacht hinter sich haben, Chef“, schlussfolgerte meine Putzsekretärin. Trude kannte mich lange genug, um mich einschätzen zu können. Nun, dieses Mal lag sie daneben. Alles, was ich von Miriam in dieser Nacht zu spüren bekam, war ihre kalte Schulter. Ein verschmitztes Lächeln lies genügend Raum für Spekulationen.

„Wie weit seid ihr gestern mit den Recherchen in unserem aktuellen Fall gekommen?“, erkundigte ich mich, statt ihr eine erschöpfende Antwort zu geben. „Ich hatte mir ja die Familie Erdmann genauer angesehen“, erklärte die gute Sele. „Karl Erdmann erbte von seinem Vater eine Molkerei, die er mit viel Fleiß und noch mehr kaufmännischem Geschick am Markt gut etablierte. Die Grundlage zu seinem Erfolg bildete ein sehr beliebter und weit über die Grenzen Lebenstedts bekannter Joghurt. Offenbar verstand er es über viele Jahre, die Geschmacksrichtungen seiner Kundschaft zu treffen. Sein Gespür für Marketing half ihm dabei.“

Ich griff mir an den Kopf. „Jetzt weiß ich auch, wieso mir der Name Erdmann so bekannt vorkam.“ „Bevor Karl Erdmann 2023 starb, gelang es ihm, die Firma zu einem guten Preis und mit der Auflage, dass fünf Jahre lang kein Angestellter entlassen werden darf, an einen der Marktführer zu verkaufen.“ „Alle Achtung, die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter lag ihm offenbar am Herzen“, zeugte ich größten Respekt. „Was wohl für die allerwenigsten Arbeitgeber zutreffen dürfte“, bemerkte Trude, während sie mich durchdringend ansah. „Weshalb starren Sie mich denn so merkwürdig an?“ „Ich? Kann es sein, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben, Chef?“

Ich wollte mich bereits meiner Azubine zuwenden, als Trude erneut ansetzte. „Den Rest kann ich mir wohl schenken?“, erkundigte sie sich pikiert. „Oh sorry, ich dachte, Sie seien fertig.“ „Seit wann bezahlen Sie mich fürs rumsitzen? Wenn ich mit meinen Ausführungen dann fortfahren dürfte?“ „Ich bitte darum.“ Trude holte geräuschvoll Luft und schüttelte stöhnend den Kopf.

„Auch wenn es vor vielen Jahren einen plötzlichen Kindstod gab und die Ehe daraufhin kinderlos blieb, galt die Verbindung als glücklich.“ „Das deckt sich mit der Aussage unserer Auftraggeber“, nickte ich Trude zu. „Die Erdmanns haben sich an einigen sozialen Projekten in Salzgitter beteiligt. Darunter waren einige großzügige Spenden an die Tafel. Es gab weder Skandale, die durch die Presse gingen, noch irgendwelche Verfehlungen, die Karl Erdmann im Zusammenhang mit seiner Firma in ein schlechtes Licht rückten.“ „Also ein absoluter Saubermann“, fasste ich zusammen. „Sieht so aus.“

„Wirklich gute Arbeit, Trude“, lobte ich. „Das wars?“, erkundigte ich mich sicherheitshalber. „Ich hatte einen Nachmittag für die Recherchen, keine Woche, Chef“, entgegnete sie verschnupft. Ich zählte innerlich bis fünf, ehe ich mich meiner Azubine zuwandte. Trotzdem fragte ich mich, weshalb sich die gute Seele in letzter Zeit so sehr verändert hatte.

„Was konntest du zu Robert Ohms herausfinden?“, erkundigte ich mich bei Leonie. „Der Mann ist quasi ein Geist“, erklärte sie. „Wer im Netz so wenige Spuren hinterlässt muss schon akribisch darauf achten, von niemandem fotografiert zu werden.“ „Was im Grunde welchen Grund haben könnte?“, fragte ich meine Auszubildende. „Die betreffende Person will nicht erkannt werden“, schlussfolgerte sie richtig. „Die sich daraus ergebende Frage ist nun, weshalb und von wem er nicht erkannt werden möchte.“ Leonie überlegte einen Moment, ehe sie antwortete. „Wenn der Kerl tatsächlich ein Heiratsschwindler ist, würde es sein Risiko erheblich vergrößern.“ „Weil er von seinen Opfern wiedererkannt würde und die sich dann an die Polizei wenden könnten“, brachte ich es auf den Punkt.

„Es gibt übrigens auch Heiratsschwindlerinnen“, fügte ich der Ordnung halber an. „Die Dunkelziffer ist hier übrigens wesentlich höher als bei den Männern, weil sich die betrogenen Herren noch viel seltener outen als Frauen. Was wohl mit dem männlichen Ego zu tun haben dürfte.“ „So viel Realismus aus dem Mund eines Mannes?“, mischte sich Trude ein. Daher wehte also der Wind. Sie und Axel hatten offenbar Zoff. Ich nahm mir vor, ihn bei Gelegenheit darauf anzusprechen.

„Okay, in den sozialen Netzwerken war also nichts herauszufinden“, resümierte ich. „Was ist mit der angeblichen Spedition von Robert Ohms, die er ja mit hohem Gewinn verkaufen konnte?“ „Die gibt es, oder besser gab es tatsächlich“, bestätigte Leonie zu meiner Überraschung. „Die Firma befindet sich in Helmstedt. Neuer Eigentümer ist die Spedition Edgar Heu mit Sitz in Beselich.“ „Wo ist das denn?“ „In Hessen.“ „Eine überregional agierende Großspedition hat also die kleinere Spedition Ohms geschluckt“, schlussfolgerte ich. Leonie nickte mir zu.

„Ich habe Ihnen Bilder von Robert Ohms Firma ausgedruckt. Eine Homepage gibt es leider nicht mehr. Selbst in den Netzwerken war kaum noch was zu finden. Das, was ich fand, habe ich Ihnen abgeheftet.“ Womit sie mir einen Ordner in die Hand drückte. Ich stutzte. „Was ist mit ehemaligen Angestellten?“ „Auf einem der Fotos ist ein Fahrer zu sehen. Dazu gab es bei Facebook einen Namen und an anderer Stelle eine Telefonnummer. Im Firmenverzeichnis der Stadt Helmstedt fand ich die private Adresse von Robert Ohms.“

„Sehr gut“, lobte ich sie. „Hast du dir die Adresse auf Google Earth schon mal genauer angesehen?“ „Worauf Sie einen lassen können. Wenn unser Robert Ohms tatsächlich dieser Ohms ist, hat er es gewiss nicht nötig, einsamen Witwen das Geld aus der Tasche zu ziehen“, machte mich meine Azubine neugierig. Ein Ausdruck des Anwesens verriet schon aus der Vogelperspektive, dass es sich um kein kleines Häuschen handelte. Ich war mehr als neugierig auf das, was uns dort erwarten würde. „Na dann, auf nach Helmstedt.“

6

Die kürzeste Strecke führte über die an der verschneiten Asse gelegene Kreisstraße 3 von Groß Denkte nach Mönchevahlberg. Beim Blick über das Elm-Asse-Tal dachte ich an ein Heimatlied dessen Schöpfer mir unbekannt war. ‚Zwischen Elm und Asse lebt eine ganz besondere Rasse‘. Am tiefsten Punkt schlängelt sich von Schöppenstedt herkommend die ‚Altenau‘ durchs Tal in Richtung Wolfenbüttel, wo sie bei ‚Linden‘ in die Oker fließt. Von ergiebigem Herbstregen überflutete Felder glichen kleinen Seen, auf denen sich früher die Kinder zum Schlittschuhlaufen verabredeten. Die Alten erzählten, dass es so manchen Winter über möglich war, über diese Seen und die Altenau bis in die Stadt zu schliddern.

Der knallrote Regio-Zug durchquerte auf dem etwas erhöhten Bahndamm die überfluteten Felder. Von der Kreisstraße 628, die nach Groß Vahlberg weiterführte, wirkte der Zug wie ein aufgetauchtes U-Boot. „Ich glaube, hier war ich noch nie“, staunte Leonie, als wir über die Kreisstraße 513 nach Schöppenstedt fuhren. Auf den verschneiten Feldern waren etliche Rehe zu sehen, die nach Futter suchten. „Was ist hinter den Hügeln?“ deutete sie in Fahrtrichtung links. „Da liegen die Schöppenstedter Teiche“, erklärte ich. „Ein Reservat für seltene Vogelarten.“ „Eulenspiegel-Radweg“, las sie ein kleines Stück weiter von einem Wegweiser am Straßenrand ab. „Ich hoffe, du weißt wer Eulenspiegel war?“, fragte ich sicherheitshalber nach. „Der hat den Leuten doch den Spiegel vorgehalten.“ „Genau.“ „So jemanden wünschte ich mir heute für unsere Politiker.“ Was sicherlich nicht die schlechteste Idee wäre.

Von Schöppenstedt ging es weiter über Schöningen nach Helmstedt. Bevor wir in die ehemalige Grenzstadt fuhren, führte uns das Navigationsgerät über die Bundesstraße 244 am Ortsrand entlang. Wir kreuzten die Bundesstraße 1, fuhren an einer Kleingartenanlage und mehreren Teichen vorbei, bis wir in ein Gewerbegebiet gelangten. „Oh, Mc Donalds“, machte mich meine Azubine auf ein Schnellrestaurant der immer noch beliebten Fast Food Kette aufmerksam. „Da könnten wir auf dem Rückweg eigentlich Station machen“, schlug sie vor. „Wenn es sein muss“, entgegnete ich weniger enthusiastisch. Mit dem Alter verändert sich halt auch der Gaumen.

Schließlich bogen wir links in die ‚Emmerstedter Landstraße‘ und folgten ihr bis zum Ortsausgang, wo sich rechts die Spedition Edgar Heu befand. Die Toreinfahrt zum Betriebshof war weit geöffnet. Strategisch war es sicher von Vorteil, unsere Recherche zur Vergangenheit von Robert Ohms in seiner ehemaligen Firma weiterzuführen. Ich war sehr gespannt, ob es sich tatsächlich um ein und dieselbe Person handelte.

Auf dem Hof waren drei Tanklastzüge geparkt. Sie waren von Schnee bedeckt, standen also erkennbar schon länger hier. Ein geöffnetes Rolltor gab den Blick in eine große Halle wieder. Offenbar eine Werkstatt. Ich sah eine abgeklappte Fahrerkabine. Gleich daneben wies ein Schild auf ein Büro hin. Darüber das Firmenschild der Spedition. Nachdem ich den Wagen auf einem der Besucherparkplätze abgestellt hatte, stiegen wir aus und betraten das Büro.

Hinter einem Tresen, der den Raum in zwei Hälften teilte, standen mehrere Schreibtische, hinter denen eine Frau und ein Mann auf den Tastaturen ihrer Computer herumtippten. „Einen Moment bitte“, bat uns der Mann um Geduld. „Bedienen Sie sich bitte inzwischen am Automaten und nehmen Sie Platz. Ich bin gleich für Sie da“, rief er uns zu, während er offenbar mit einem seiner Fahrer telefonierte. Die Hektik in diesem Raum wies auf alles andere als auf eine ruhige Arbeitsatmosphäre hin.

Wir kamen seiner Einladung nach und bedienten uns am Kaffeevollautomaten. Nach etwa zehn Minuten folgte er uns in die Sitzecke und entschuldigte sich. „Ich hoffe, der Kaffee konnte Sie ein wenig für Ihre Zeit entschädigen“, ließ er eine der üblichen Floskeln folgen. „Was kann ich für Sie tun?“ Ich reichte ihm meine Karte. „Detektei Lessing“, las er ab, während sich seine Stirn krauste und er sich zu uns setzte. „Mein Name ist Freiberg. Ich bin der Betriebsleiter. Was führt Sie zu mir?“

„Es geht um den ehemaligen Inhaber der Spedition, Herrn Robert Ohms“, klärte ich den Mann auf. „Wie unsere Recherchen ergaben, wurde die Firma vor etwa einem Jahr an das Unternehmen Edgar Heu verkauft. Können Sie das so weit bestätigen?“ Während ich ihn befragte, bemerkte ich, wie die Frau am Schreibtisch ihre Arbeit unterbrach, um meinen Worten zu folgen. „Das ist richtig, aber bevor ich Ihnen weitere Fragen beantworte, würde ich gern wissen, in welchem Zusammenhang und für wen Sie eigentlich ermitteln“, reagierte der Betriebsleiter nicht anders als erwartet.

„Ich kann Ihnen zwar nicht sagen, für wen wir arbeiten, aber es geht um einen möglichen Betrug, vor dem wir unsere Klientin schützen wollen“, setzte ich ihn über den Grund für unseren Besuch ins Bild. „Weshalb wenden Sie sich nicht an Herrn Ohms persönlich?“, wunderte er sich. „Ich gehe davon aus, dass jemand seine Identität missbraucht, aber bevor ich ihn darauf ansprechen kann, muss ich sicher sein, dass es so ist, sonst würde ich ihn ja vorwarnen.“

„Ich kann mir diesen Blödsinn nicht weiter mit anhören“, mischte sich die Frau hinter dem Tresen plötzlich ein. „Herr Ohms hat seine Zelte hier nach dem Verkauf der Spedition und seiner Villa in Emmerstedt komplett abgebrochen. Er und seine Lebensgefährtin sind in ihre Heimat nach Südamerika ausgewandert.“ „Und das wissen Sie woher?“, hakte Leonie nach. „Ich habe zwölf Jahre als Disponentin für Herrn Ohms gearbeitet. Da lernt man sich gut kennen und interessiert sich füreinander.“

Erneutes Klingeln des Telefons ließ sie an ihren Schreibtisch zurückkehren. „Warten Sie, Frau Liebig, ich übernehme“, eilte der Betriebsleiter hinter den Tresen. „Sie können den Detektiven sicher eher weiterhelfen, als ich es könnte.“ „Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem ehemaligen Chef?“, erkannte ich die sich ergebende Möglichkeit. „Leider nicht.“ „Seine Telefonnummer ist Ihnen dann wohl auch nicht bekannt“, sinnierte ich. „Da kann ich Ihnen nicht mit dienen, das Firmenhandy wurde ja mit dem Verkauf der Spedition ebenso wie vieles andere abgemeldet. Eines weiß ich allerdings ganz sicher, Herr Ohms wäre niemals zu einem Betrug fähig. Dafür ist er viel zu anständig.“

Somit verdichteten sich für mich die Anzeichen für einen Identitätsdiebstahl. „Gibt es eventuell neuere Aufnahmen von Ihrem ehemaligen Chef?“ Leonie rief das Foto auf, welches Sie bei ihren Recherchen im Internet gefunden hatte und zeigte es ihr auf dem Handy. „Na ja, das ist schon ein paar Jahre alt“, lächelte sie smart. „Ich glaube, ich habe ein Neueres.“ Sie durchsuchte etliche Fotos auf ihrem Smartphone.

„Eine Homepage von der alten Spedition gibt es offenbar nicht mehr“, bemerkte meine Azubine. „Ah hier, sehen Sie selbst. Das Foto entstand auf der Abschiedsfeier“, entgegnete die Disponentin, ohne auf Leonies Feststellung einzugehen. „Oh ja, da müssen vier, fünf Jahre zwischenliegen“, stellte ich fest. „Das sieht nach einem sehr guten Betriebsklima aus.“ „Das war´s auch. Als wir davon hörten, dass die Spedition verkauft werden soll, brach bei einigen von uns eine Welt zusammen. Die meisten waren länger als zehn Jahre im Betrieb. Gottlob wurden wir alle von Heu übernommen“, zeigte sie sich erleichtert. „Können sie mir das Foto von Herrn Ohms auf mein Handy übermitteln?“ „Ja klar, Moment.“

Während Leonie ihre Telefonnummern weitergab, wandte ich mich an den Betriebsleiter. „Ist die Summe, die an Ohms floss, ein Geheimnis?“ Der Mann sah mich lächelnd an. „Was glauben Sie denn? Nicht mal ich weiß, was der Chef bezahlt hat.“ „Okay, dann bedanken wir uns für Ihre Zeit und für die Infos“, schüttelte ich den beiden die Hände. „Sie haben uns wirklich weitergeholfen.“ „Herr Lessing!“, rief sie mir nach. Geben Sie mir Bescheid, wie es ausging?“ „Na klar.“

Bevor ich den Motor meines Wagens startete, überlegte ich, ob sich eine Weiterfahrt zur Villa lohnen würde. Die Frage war, ob mir der neue Besitzer mehr über Robert Ohms sagen konnte. „Sende das Foto bitte gleich mal an das Handy unserer Auftraggeber weiter“, bat ich meine Azubine. „Die haben den neuen Freund von Frau Erdmann ja bereits gesehen. Ich bin gespannt, ob sie ihn auf dem Foto von der Betriebsfeier wiedererkennen. Übermittele ihnen aber bitte noch keine Einzelheiten.“

Bereits wenige Minuten später kam die Nachricht, in der sie uns mitteilten, den Mann auf dem Foto noch nie gesehen zu haben. Somit stellte sich die Frage, wer war der falsche Robert Ohms? Eine Konfrontation mit dem Opfer verbot sich, um meine Auftraggeber bei ihrer Freundin in kein schlechtes Licht zu rücken. Sollte ich den Hochstapler abpassen und zur Rede stellen? Damit würde er zwar höchstwahrscheinlich von Lale Erdmann ablassen, sich aber wahrscheinlich sofort einem neuen Opfer zuwenden. Überdies kam mir ein weiterer Gedanke, den ich bislang völlig außer Acht gelassen hatte. Was, wenn es vor der Freundin meiner Klienten weitere um ihr Geld betrogene Witwen gab?

„Wir müssen diesem Kerl ein für alle Mal das Handwerk legen!“, fasste ich energisch einen Entschluss. „Meine Azubine zuckte erschrocken zusammen. „Na klar, Chef. Was immer Sie meinen.“ Wie sollte sie wissen, welche Gedanken mich zu dieser Überzeugung bewegten. „Du musst herausfinden, wie der Typ tatsächlich heißt und ob es weitere Geschädigte gibt“, trieb ich Leonie an. „Meinen Sie nicht, dass es hilfreich wäre, wenn ich dazu wüsste, wie der Typ eigentlich aussieht“, zeigte sie mir das Dilemma auf in dem wir uns befanden. „Das stimmt allerdings. Also sollten wir dies so schnell wie möglich herausfinden.“

Fortsetzung vom 11.01.25

 

7

Ich startete den Motor und fuhr nun doch weiter nach Emmerstedt. Mein Jagdinstinkt war geweckt. „Wenn nur der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass die neuen Besitzer des Hauses die aktuelle Adresse von Robert Ohms kennen und wir so Kontakt zu ihm aufnehmen können, kann uns dies voranbringen.“ Leonie zuckte mit den Schultern „Wie das?“ „Ein verlorengegangener Ausweis oder ein Führerschein, den der falsche Ohms gefunden hat“, zählte ich auf. „Oder jemand, der den Namen missbraucht, weil er sich an Robert Ohms rächen will“, fügte meine Mitarbeiterin eine weitere Möglichkeit hinzu. „Auch das ist ein guter Gedanke.“

Die kurze Fahrt zur alten Adresse des Spediteurs im ‚Ofeldblick‘ lohnte sich schon deshalb, weil wir dort eine Nachbarin antrafen, die mit Florencia Ohms befreundet war. „Das ist eine wirklich ganz liebe Frau“, beschrieb sie uns die chilenische Freundin. „Wir finden es sehr schade, dass die zwei nach Chile auswanderten. Na ja, verstehen kann ich sie. Vielleicht sollte man es ihnen gleichtun und hier alles hinter sich lassen. Unser Land geht sowieso vor die Hunde. Selbst in unserem Viertel kann man nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr spazierengehen.“

„Sie waren also mit den Ohms befreundet“, fasste ich zusammen, ehe ihr Redeschwall kein Ende fand. „Sie haben uns über Weihnachten in ihr neues Domizil in Antofagusta eingeladen“, schwärmte sie. „Sie verfügen also über die neue Adresse der Ohms?“, fragte ich nach. „Ja natürlich, sonst könnten wir sie ja nicht besuchen.“ „Dann ist Ihnen doch sicherlich auch ihre aktuelle Telefonnummer bekannt“, hoffte ich. „Ja schon, aber ich weiß nicht, ob es Robert recht ist, wenn ich die an Sie weitergebe“, zögerte sie. „Das kann ich verstehen“, zeigte ich mich einsichtig. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen meine Karte gebe und Sie mit Herrn Ohms telefonieren, damit er mich zurückruft“, schlug ich vor. „Weshalb sollte er das tun?“, erkundigte sie sich von Neugier getrieben. „Weil hier jemand in seinem Namen Straftaten begeht.“ Die Nachbarin starrte mich entsetzt an. „Ich werde ihn heute Abend noch anrufen.“

„Da haben Sie der armen Frau aber ganz schön Angst gemacht“, schüttelte Leonie den Kopf. „Stimmt“, räumte ich ein, „…aber meinst du nicht auch, dass diese Angst begründet ist? Wir wissen noch nicht, in welcher Weise der Betrüger die Identität von Robert Ohms für seine Zwecke ausnutzen kann. Sollte er im Besitz eines gültigen Personalausweises sein, kann dies für den ehemaligen Spediteur ernste Folgen haben.“ „Mein Onkel hat es beinahe jede Woche mit einem Mandanten zu tun, der im Internet auf irgendeine kriminelle Masche hereingefallen ist“, erzählte sie. „Man kann echt nicht vorsichtig genug sein.“ „Nur gut, dass es inzwischen Versicherungen gibt, die einen genau davor schützen.“

„Wo sind wir hier eigentlich?“, erkundigte sich meine Beifahrerin, als wir in den Otto-Hahn-Ring einbogen.“ „Du hast die ganze Zeit so schön erzählt, dass ich dich nicht unterbrechen wollte. Ich bin gleich zu unserer Zielperson nach Lebenstedt durchgefahren.“ „Wollten wir nicht erst noch nach Mc Donalds?“ „Ach je, Leonie, das habe ich ja völlig vergessen.“ „Wer´s glaubt“, erwiderte sie gereizt.     

„Wenn ich Kohldampf habe, werde ich zur Berserkerin.“ „Mach mal das Handschuhfach auf, da habe ich noch eine eiserne Ration für schlechte Tage.“ Leonie griff nach den gepuderten Waffeln und rümpfte die Nase. „Die müssen dann wohl für furchtbar schlechte Tage sein.“ „Solche, wie du sie offenbar noch nicht erleben musstest“, reagierte ich verschnupft. „Fangen Sie jetzt mit dem Krieg an?“, entgegnete sie in ihrer direkten Art. Ich bog in die Max-Planck-Straße ein und hielt auf demselben Parkplatz wie am Vortag.

„Zeig mal her“, nahm ich ihr die Waffeln aus der Hand. „Na ja, ich gebe zu, so ganz frisch sind die Frischeiwaffeln wohl doch nicht mehr.“ „Wir wäre es, wenn ich uns etwas Leckeres vom Chinesen hole, während du das Haus unserer Zielperson observierst?“ „Wenn Sie mir sagen, um welches Haus es sich handelt?“ Ich stellte den Rückspiegel so ein, dass sie das Anwesen sehen musste, wenn sie hineinsah. „Es ist das an der Ecke hinter der hohen Hecke“, erklärte ich. „Bevor Sie jetzt davonbrausen, sehe ich erst einmal nach, welcher Chinese der nächstgelegene ist und dann bestelle ich uns, damit Sie es dann nur noch abholen brauchen.“

Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell das bei den jungen Leuten geht. „Ich habe Zahlung bei Abholung eingegeben. Sie brauchen nur noch auswählen, was Sie essen wollen.“ Leonie las mir einige Gerichte vor, von denen ich letztlich bei einem zustimmte. Leider versäumte ich mich nach den Preisen zu erkundigten. Bevor sie ausstieg, reichte ich ihr die Kamera mit dem Teleobjektiv. „Wer toll, wenn du ein Foto von dem Kerl machen könntest.“ Womit ich auch schon davonbrauste.

Im Grunde hatte ich meine Auszubildende ins kalte Wasser geworfen. Oder sollte ich besser sagen – in den kalten Schnee? Was auf Leonie absurd wirken musste, war ein Teil ihrer Ausbildung. Ich wollte wissen, wie sie sich verhalten würde, wenn ich sie quasi in der Pampa aussetzte. Sie kannte sich offensichtlich nicht in der Gegend aus, hatte lediglich die Info erhalten, welches Haus das der Zielperson war und war von mir mit der Aufgabe betraut, ein Foto von dem Betrüger zu machen. Ein Unterfangen, welches mir am Vortag gründlich in die Hose ging. Die erhofften Fotos auf der CF-Karte waren mir nämlich allesamt misslungen. Ich war wirklich gespannt, ob sie der Aufgabenstellung bereits gewachsen war.

Zunächst vergewisserte sich meine Azubine am Klingelschild des gemauerten Zaunportals, ob es sich wirklich um das Anwesen der Zielperson handelte. Nachdem dies klar war, umrundete sie das Grundstück um nach einer Position zu suchen, aus der sie von den Personen im Haus Fotos machen konnte. Als ihr bewusst wurde, dass es keine solche Position gab, beschloss sie, gegen den vor der Garage abgestellten BMW zu treten, um den Alarm auszulösen. Dann versteckte sie sich hinter einem etwas entfernt parkenden Wagen und wartete.

Es dauerte nicht lange bis die Haustür geöffnet wurde und ein Mann durch den Garten auf den BMW zueilte. Sie sah, wie er vergeblich mit der Fernbedienung herumfuchtelte. Als es die Perspektive zuließ, drückte sie mehrfach auf den Auslöser. Nachdem er sich am Bordcomputer seines Wagens angemeldet hatte, verstummte der grelle Signalton und der Mann stieg erleichtert aus. Während er sich nach dem Grund für die Auslösung des Alarms umsah und dabei mürrisch den Kopf schüttelte, bemerkte Leonie die Ähnlichkeit mit dem Spediteur. Als er in ihre Richtung sah, tauchte sie so weit wie möglich in ihrem Versteck ab. Sie hörte, wie seine Schritte näher und näher kamen. Hatte sie zu viel riskiert? Sie hielt den Atem an, presste sich immer dichter an das kalte Blech. Er blieb stehen. Sie sah, wie er sich nach allen Seiten umschaute. Als er niemanden entdeckte, ging er schließlich zurück ins Haus.

Leonie atmete erleichtert aus. Sie wusste, wie knapp es gerade war, aber sie wusste auch, dass sie mit dem Kerl fertig geworden wäre. Ehe sie ihr Versteck verließ, wartete sie noch einen Moment ab. Immerhin konnte der Betrüger im Inneren des Hauses lauern, weil er glaubte, dass ihm jemand einen Streich spielen wollte. Unterdessen sah sie sich die Aufnahmen an. Ihr erster Eindruck bestätigte sich. Der Betrüger hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Robert Ohms.

Als ich in den Otto-Hahn-Ring einbog, kam mir Leonie entgegen. „Schneller ging es leider nicht“, entschuldigte ich mich, während sie sich auf dem Beifahrersitz niederließ. „Ich musste noch auf das Essen warten.“ „Schmeißen Sie bloß die Heizung an, Chef. Das ist saukalt da draußen.“ Nachdem ich den Wagen auf seinem angestammten Platz in der Max-Planck-Straße abgestellt hatte, reichte ich Leonie ihr Essen und machte mich über meine Frühlingsrollen her. „Ich hatte Ihnen doch etwas ganz anderes bestellt“, wunderte sie sich. „Hast du gesehen, was das kosten sollte? Da ist mir gleich der Appetit vergangen.“ „Geiz ist geil, wie?“

„Konntest du in der Zwischenzeit sehen, ob jemand im Haus ist?“ Leonie grinste mich selbstzufrieden an. „Ich habe den Kerl sogar im Kasten.“ „Wie jetzt?“, ich konnte kaum glauben, dass ihr gelungen war, was ich selbst nicht geschafft hatte. „Indem ich ihn aus dem Haus gelockt habe. Der Typ war so freundlich und hat direkt in die Kamera geglotzt. Sehen Sie selbst.“ Ich sah und ich staunte. „Der sieht Robert Ohms tatsächlich ähnlich. Sicherlich hat der Betrüger den Spediteur irgendwo gesehen und die Möglichkeit erkannt, wie sich diese Ähnlichkeit gewinnbringend ausnutzen lässt.“ „Das ist echt krass“, reagierte Leonie grüblerisch, während sie über die Tragweite und möglicher Konsequenzen nachdachte.

„Sei so gut und sende den Adenems eines der Fotos mit der Bitte um Identifizierung des neuen Lebensgefährten von Frau Erdmann zu. Ich will sichergehen, dass dies tatsächlich der Mann ist, den ihnen ihre Freundin vorstellte.“ „Okay, wird gemacht.“ „Aber zuerst essen wir in Ruhe auf. Genieße es, das Zeug war teuer genug.“ Leonie verdrehte die Augen.

Ich hatte gerade meine letzte Frühlingsrolle am Wickel, als sich an der Villa Erdmann etwas tat. „Da tut sich was!“, lenkte ich die Aufmerksamkeit meiner Azubine auf den Monitor. Die kleine Kamera am Heckfenster meines Wagens zeichnete zwei Personen auf, die das Haus durch den Garten verließen. Gleichzeitig schwang das Garagentor auf. „Gut, dass du die Fotos gemacht hast. Durch die Winterklamotten hätten wir den Kerl wieder nicht erkennbar vor die Linse bekommen.“ „Was machen wir jetzt?“ „Wir folgen ihnen, was sonst?“

 

Die letzte Fortsetzung vom 18.01.25

 

8

„Sei mir bitte nicht böse, aber ich halte nichts von Heilpraktikern und alternativen Heilverfahren“, erklärte der Mann auf dem Beifahrersitz des Jaguars. „Herr Bodtmann ist schon seit vielen Jahren ein Freund der Familie. Er hat uns sehr zur Seite gestanden, als es Karl so schlecht ging.“ „Siehst du, genau das meine ich. Wenn er deinen verstorbenen Mann geheilt hätte, dann hätte er meine Hochachtung, aber so…“ „Karls Tumor konnte nicht operiert werden, davon hatte ich dir doch erzählt.“ „Wir sprachen über alternative Methoden“, verwies der vermeintliche Robert auf seine Worte. „Aber lassen wir das, wenn du meinst, dass dir dieser Bodtmann helfen kann, dann fahren wir da jetzt hin.“ „Du wirst sehen, Robert. Der Mann bewirkt wahre Wunder bei mir.“

„Bist du sicher, dass ich nicht besser fahren sollte?“, fragte er Lale, nachdem sie den Wagen bei dem Versuch, ihn aus der Garage zu fahren, bereits mehrfach abgewürgt hatte. „Ich weiß gar nicht, weshalb er heute so störrisch ist“, lächelte sie peinlich berührt. „Du bist einfach nur noch nicht wieder fit, Liebste“, entgegnete er verständnisvoll. „Wir nehmen am besten meinen Wagen.“ „Du bist lieb“, atmete sie auf. „Ich fühle mich tatsächlich noch etwas schwach.“ „Was ja auch kein Wunder ist. Du wirst sehen, die Berge werden dir sicher guttun.“ „Du bist so gut zu mir.“ Während sich Lale Erdmann in seinem BMW setzte, fuhr Robert den Jaguar zurück in die Garage. „Wo praktiziert dieser Heilpraktiker eigentlich?“ „In Wolfenbüttel. Ich sage dir dann, wie du fahren musst.“

„Der Jaguar scheint kaputt zu sein“, bemerkte Leonie. „Frau Erdmann steigt in den BMW.“ „Ich bin gespannt, wohin die Reise geht.“ „Die fahren bestimmt shoppen“, sinnierte die junge Frau neben mir. „Wir werden es sicher schon bald wissen“, relativierte ich. Der Wagen bog nach rechts in den Otto-Hahn-Weg und dann in die Humbodtallee ein. „Hast du dir das Kennzeichen notiert? Jetzt, wo wir im Grunde davon ausgehen können, dass der BMW der Zielperson gehört, macht es Sinn, eine Halterfeststellung durchzuführen.“ „Ups, ich war die ganze Zeit schon davon ausgegangen, dass es sein Wagen ist, sonst hätte ich nicht dagegen…“

„Sag mal, wieso verließ der Kerl eigentlich das Haus?“, schwante mir da etwas. „Na ja“, druckste Leonie herum. „Wenn ich darauf gewartet hätte, bis der Typ das Haus verlässt, hätte ich mir ja sonst was abgefroren.“ „Du hast wirklich die Alarmanlage ausgelöst?“ Meine Azubine zuckte mit den Schultern. „Es hat doch geklappt.“ Innerlich schmunzelte ich. „Beim nächsten Mal solltest du wissen, ob es das richtige Fahrzeug ist“, mahnte ich zu mehr Gewissenhaftigkeit. „Geht klar, Chef.“  

Wenig später war klar, dass wir die Stadt verließen. Als wir an Hallendorf vorbeifuhren, hatte sich Leonies Idee mit der Shoppingtour erledigt. „Nach Bummeln in den Schlossarkaden sieht es nicht aus. Da hätten sie gerade auf die A 39 abbiegen müssen“, bemerkte ich, während der BMW weiter in Richtung Immendorfer Kreuzung fuhr. „Stimmt, nach Lumpenbüttel fahren die sicher nicht, um dort schoppen zu gehen.“ Ich kniff ein Auge zu und sah meine Azubine mit dem anderen herausfordernd an. „Weißt du eigentlich, woher diese Bezeichnung für Wolfenbüttel stammt?“

Leonie sah mich mit großen Augen an. „Wie jetzt, da gibt es eine Story zu?“ „Gibt es, sogar eine historisch belegte“, entgegnete ich. „Nachdem der Herzog das Wolfenbütteler Schloss mitsamt seinem glanzvollen Hofstaat verlassen hatte und nach Braunschweig gezogen war, verkam die alte Residenz zu einem langweiligen ‚Lumpenbüttel‘, wie es der Herzog bei einem offiziellen Anlass formuliert hatte.“ „Das war echt nicht korrekt von ihm.“ „Stimmt, wäre er damals in Wolfenbüttel geblieben, wäre Braunschweig sicherlich eine Kleinstadt geblieben.“ „Was Sie alles so wissen, Chef.“

Inzwischen fuhren wir auf Adersheim zu, bogen links ab und umfuhren den Ort, um kurz darauf unter der Autobahn hindurch über den Berg nach Wolfenbüttel hineinzufahren. Vor uns lag die ‚Adersheimer Straße‘ und in der Ferne, etwas nach rechts gewandt, der Blick auf den Hausmannturm des Schlosses. Ich musste mich sputen, um noch bei grün über die Kreuzung ‚Am Rehmanger‘ zu kommen. „Oha, das war aber schon dunkelgelb, Chef.“ „Hat hoffentlich keiner gesehen“, grinste ich verschmitzt. „Haben Sie eine Idee, wohin die wollen?“, hielt es Leonie vor Neugier kaum noch auf ihrem Sitz. „Wir werden es bald wissen“, entgegnete ich die Ruhe selbst. „Das haben Sie vor einer halben Stunde auch schon gesagt.“ „Eine der wichtigsten Tugenden eines Detektivs ist die Geduld“, bemerkte ich aufreizend gelassen, während wir auch die ‚Goslarsche‘ kreuzten und Mac Donalds links liegen ließen. Ein paar hundert Meter hinter der Feuerwehr bog der BMW rechts ab in die Straße ‚Am Okerufer‘. Wo er schließlich vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus stoppte.

„Halt deine Hand seitlich vors Gesicht, damit er dich nicht erkennt“, wies ich Leonie an, bevor ich an dem mutmaßlichen Hochstapler vorbeifuhr. Um seine Aufmerksamkeit nicht auf uns zu lenken, parkte ich den Wagen ein Stück weiter, außerhalb seiner Sichtweite. „Was wollen die hier?“, fragte meine Azubine, während sie sich umsah. „Hast du das Schild am Haus nicht gelesen?“ „Nee, ich konnte ja nicht durch meine Hand hindurchsehen.“ „Heilpraktiker Heinrich Bodtmann.“ Im selben Moment meldete sich mein Telefon.

„Was gibt es, Trude?“, erkannte ich die Nummer der Detektei. Ich schaltete den Lautsprecher auf die Mithörfunktion. „Ich habe Frau von Adenem in der Leitung. Passt es Ihnen gerade?“ „Stellen Sie durch.“ „Es geht bestimmt um das Foto“, flüsterte Leonie. „Frau von Adenem“, begrüßte ich die Klientin. „Was sagen Sie zu dem Foto?“ „Guten Tag, Herr Lessing. Es besteht kein Zweifel, die Person auf dem Foto ist kein anderer als dieser Hochstapler.“ „Ich fürchte, Ihr Verdacht war nicht unbegründet.“ „Also doch“, fühlte sie sich bestätigt. „Ja aber was machen wir denn jetzt?“ „Sie gar nichts!“, bremste ich sie. „Meine Mitarbeiterinnen und ich sind derzeit dabei, Beweise zu sammeln. Wenn Sie ihre Freundin jetzt warnen, führt dies nur dazu, dass sie komplett dicht macht, den Betrüger warnt und Sie Frau Erdmann in Gefahr bringen.“

„Um Himmels Willen, das ist das Letzte, was ich will.“ „Seien Sie versichert, dass ich rechtzeitig eingreifen werde. Wir observieren den Betrüger rund um die Uhr.“ „Tun Sie das bitte. Es ist ganz egal, was es kostet, Hauptsache Lale geschieht nichts.“ Ein leises Glöckchen in meinen Ohren zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht. „Übrigens befinden sich Frau Erdmann und der angebliche Herr Ohms gerade bei einem Heilpraktiker in Wolfenbüttel.“ „Lale ist bei Heinrich Bodtmann?“ „Sie kennen den Heilpraktiker?“ „Aber sicher, Lale ist damals durch meine Empfehlung zu ihm gekommen.“ „Dann ist der Besuch in der Praxis also in Ordnung?“ „Aber sicher doch. Es beruhigt mich ein wenig, weil es Lale in den vergangenen Tagen nicht so gut ging.“

Ich horchte auf. „Was genau meinen Sie damit?“ „Nun ja, sie klagte über Unwohlsein und Kreislaufprobleme, aber das ist in unserem Alter nichts Besonderes.“ Ich erinnerte mich an einen Fall von Heiratsschwindel, der viele Jahre zurücklag und noch in meine Zeit bei der Braunschweiger Kriminalpolizei zurückreichte. Als das Opfer nicht so wollte wie der Hochstapler, wurde die Frau durch ein Pflanzengift gefügig gemacht. Nebenwirkungen waren das besagte Unwohlsein und Kreislaufprobleme. „Da haben Sie wahrscheinlich Recht“, stimmte ich ihr zum Schein zu, um sie nicht zusätzlich zu beunruhigen.

 „Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Frau Erdmann ist bei mir in den besten Händen.“ „Ich vertraue Ihnen, Herr Lessing.“ „Das freut mich und natürlich halte ich Sie auch weiterhin auf dem Laufenden.“ „Ich bitte darum.“ „Oh, ich sehe, es tut sich was. Ich muss unser Gespräch leider beenden“, log ich, weil im Grunde alles gesagt war. „Ich melde mich!“ „Sie werden ja noch rot beim Flunkern, Chef“, amüsierte sich meine Azubine. „Am Telefon siehts ja keiner.“

Detektei Lessing

 

Band 53

 

Mord im Herzen unserer Stadt

1

Auf einen warmen Spätsommer folgten ein heftiger Temperaturabsturz und ein nasser September. Die Feuer im Harz waren gelöscht und die Fraktion der Rentner konnte endlich wieder durchatmen. In den Regalen der Discounter und Supermärkten lockten längst Christstolle und Spekulatius. Viel zu früh, fand ich, wie in jedem Jahr. Ich schob den noch leeren Einkaufswagen demonstrativ daran vorbei. Weihnachtszeit war dann, wann ich bereit dafür war, basta!

Ich suchte sämtliche Hosentaschen ab. Irgendwo musste die verdammte Einkaufsliste doch sein! „Hallo Sie, junger Mann! Ihnen ist da gerade was heruntergefallen.“ Ich drehte mich um und sah zunächst in das gutherzige Gesicht einer älteren Dame. Sie deutete mit der Hand auf den vor einem Kühlregal liegenden Zettel. Ich schüttelte den Kopf. „Vielen Dank. Ohne die Liste hätte ich bestimmt die Hälfte vergessen.“

Vielleicht bin ich ja schon etwas zu altmodisch. Gespeichert in meinem Handy wäre mir das sicher nicht passiert. Ich kaufte nicht besonders häufig für Miriam ein, aber ich wurde dennoch das Gefühl nicht los, dass sich die Preise für eine ganze Reihe von Lebensmitteln nahezu verdoppelt hatten. Wieso eigentlich? Die hohen Transportkosten, die von vielen Herstellern als Grund für horrende Preiserhöhungen genannt wurden, waren längst wieder gesunken. Wieso blieben dann die Waren teuer? Wahrscheinlich muss man Politiker sein, um das zu begreifen.

Miriam hatte dieser Tage viel mit dem zu tun, was sich in letzter Zeit vor allem des Nachts am Kornmarkt ereignete. Nach der Neugestaltung des zentralen Busbahnhofs war dieser auch bei einigen Krawallbrüdern sehr beliebt. Leider hatte dies dazu geführt, dass sich dort über die Sommermonate immer mehr Jugendliche aufhielten. Anwohner, die nachts kein Auge mehr zu bekamen, verlangten ein Platzverbot. Genau darin lag jedoch das Problem. Durch ein Verbot kommt man zu keiner Lösung, mit der alle zufrieden sind, das Problem wird lediglich verlagert.

So, wie ich mein Problem in ein anderes Geschäft verlagerte, weil mir dieses zu teuer war. Eine Möglichkeit, die jedem freigestellt ist, der es, wie ich, nicht so dicke hat.

Auf dem Weg zur Detektei fuhr ich, wie zuvor mit Miriam besprochen, an der Kita vorbei. „Wieso kommt mich die Mama heute nicht abholen?“, erkundigte sich Ramona. „Schon vergessen? Wir sprachen heute Morgen darüber“, entgegnete ich ein Auge skeptisch zukneifend. „Weiß ich doch, aber sonst hast du immer so viel zu tun. Haben die Verbrecher heute frei?“ Es sind Momente wie dieser, die mich nachdenklich machen. „Das nicht, aber ab und an möchte ich dich auch mal abholen.“ „Ach so.“ Wieder einmal nahm ich mir vor, in Zukunft mehr Zeit mit meinem Sonnenschein zu verbringen.    

„Haben Sie uns ein Päckchen Kaffee mitgebracht, Chef?“, empfing uns Trude mit zweifelndem Blick. Meine Mimik verhieß nichts Gutes. „Der stand nicht auf meiner Liste“, entgegnete ich beschämt. „Sorry, aber an den Kaffee für die Detektei habe ich nicht gedacht.“ „Dann tuts mir leid, aber wer sich drückt, muss zugucken.“ „Ich weiß, wo Mama den Kaffee aufbewahrt“, meldete sich Ramona zu Wort. „Stimmt“, griff ich mir an den Kopf. „Die Mama hat sicher nichts dagegen, wenn ich mir ein Päckchen ausleihe“, griff ich die Idee meiner Kleinen auf. „Aber nicht, dass es deswegen Ärger gibt“, gab mir meine Putzsekretärin mit auf den Weg. Die Sache war mir so schon peinlich genug, zumal ich mich diesmal wirklich nicht vor meinem Obolus drücken wollte.

Kurz darauf saßen wir alle glücklich im Vorzimmer meiner Detektei und genossen den Kaffee, den ich Dank Ramonas Beschreibung in einer Blechdose im Vorratsraum gefunden hatte. „Das ist der beste Kaffee, den ich je getrunken habe“, lobte Trude überschwänglich. „Und Sie wissen wirklich nicht, von welcher Firma der ist?“ „Die Blechdose hatte keinen Aufdruck“, zuckte ich mit den Achseln. „Hoffentlich ist es für Ihre Frau in Ordnung.“ „Da machen Sie sich mal keine Sorgen, Trude. Miriam hat sicher nichts dagegen, dass ich mir ein Tupper voll davon ausgeliehen habe.“

„Wo wir gerade so nett beisammensitzen“, nutzte die gute Seele die Gelegenheit. „Ich bin ja nun nicht mehr die Jüngste und so langsam schleichen sich auch immer mehr Fehler in meine Arbeit.“ „Also davon ist mir bislang nichts aufgefallen“, log ich. „Lieb von Ihnen, Chef, aber ich merke es doch selber, wie mir die Arbeit immer schwerer fällt. Ich glaube, es ist an der Zeit, etwas kürzer zu treten.“ „Sie stecken Leonie und mich doch noch locker in die Tasche“, versuchte ich das Unausweichliche abzuwenden.

„Sie haben mir vor kurzem das Angebot gemacht, halbtags zu arbeiten“, rückte sie mit der Sprache heraus. Mir fiel ein Stein vom Herzen, hatte ich doch das Schlimmste befürchtet. „Ja klar, es wird zwar nicht einfach sein, Sie auch nur für ein paar Stunden zu ersetzen, aber ich denke, Leonie und ich werden irgendwie klarkommen… müssen.“ „Das wird zwar ohne dich echt langweilig werden, aber ich hatte ja die beste Lehrmeisterin, um alleine zurecht zu kommen“, seufzte Leonie. „Ich bin ja nur den halben Tag weg“, relativierte Trude. „Und wenn du Mist baust, werde ich dir schon die Leviten lesen“, fügte sie in ihrer unnachahmlichen Art an. „Na dann bleibt ja doch alles beim Alten“, lachte ich amüsiert.

Bevor wir unsere tägliche Arbeit fortsetzten, sah ich nach Ramona. Sie spielte ganz lieb mit dem Puppenhaus, das ihr Patenonkel für sie gebastelt hatte. Ich erinnerte mich, wie Axel und ich uns kennenlernten und in diesem Zusammenhang an den Toten, der bei den Sanierungsarbeiten der Bahnhofsbrücke im Flussbett der Oker gefunden wurde[1]. Damals lebte er noch als Obdachloser in einer Hütte am Bahndamm. Durch ihn kam ich auf die grandiose Idee, mein Erbe, die ‚Twelkenmühle‘ in eine Stiftung umzuwandeln.

[1] Detektei Lessing Band 20 ‚Penner(un)glück

„Alles in Ordnung, mein Schatz?“, erkundigte ich mich von meinen Gedanken ergriffen. „Bei mir schon, Papi, aber weshalb bist du so traurig?“ „Oh, nein, nein, ich bin nicht traurig“, beruhigte ich sie. „Ich erinnerte mich nur gerade an früher und daran, wie langweilig es ohne dich war.“ „Ach so.“

Ein Blick zur Uhr verriet mir, wie viel Zeit ich noch für die Zubereitung des Abendessens hatte. Da Miriam und ich sehr darauf achteten, gesund und frisch zu kochen, hatte ich mich beim Einkauf für Spaghetti mit Tomatensauce entschieden und eine Rebe mit Kirschtomaten gekauft. Ich hatte mal gelesen, dass diese Sorte einen recht intensiven Geschmack hat. Ein mediterranes Aroma konnte nur von Vorteil sein, wenn Ramona und ich Miriam mit unseren Kochkünsten begeistern wollten, aber bis es so weit war, hatte ich noch genug Zeit, um in die Detektei hinunterzugehen.

„Na Mädels wie sieht es aus, habt ihr euch heute schon ins Verdienen gebracht?“ Trude und Leonie sahen mich herausfordernd an. „Meinen Sie nicht, dass dazu mal wieder ein vernünftiger Auftrag von Nöten wäre?“, konterte meine Putzsekretärin. „Es scheint, als wären die Wolfenbütteler über Nacht solide geworden. Wir müssen uns wohl oder übel mit langweiligen Versicherungsrecherchen über Wasser halten“, seufzte ich. „Immer noch besser als immer neue Fälle von Ehebruch“, gab Leonie zu bedenken. „Ich bin schon so weit, dass ich schon gar nicht mehr heiraten will.“ „Oh, da musst du den Job aber besser vom Privatleben trennen“, hielt Trude dagegen. „Die Liebe ist etwas Wunderbares, dass du unbedingt erleben solltest.“ „Na so toll kanns nicht sein, wenn sich so viele Paare wieder trennen. Da bleibe ich lieber gleich solo.“

Als langjähriger überzeugter Junggeselle hatte ich mich mit dem Schritt in die Ehe schwergetan und lange gezweifelt, ob sie für mich das richtige war, aber letztlich war es für mich genau der richtige Zeitpunkt, um in ruhiges Fahrwasser zu wechseln. Sicher galt es so mancher steifen Briese zu trotzen und dem einen oder anderen Felsen in gefährlicher Brandung auszuweichen, aber letztlich umschifften Miriam und ich dabei so manche Turbulenzen.

„Lass dir Zeit, genieße das Leben und wenn es irgendwann so weit ist, wirst du es schon wissen“, riet ich meiner Azubine. „Wenn der Richtige an deine Tür klopfst, wirst du ihm öffnen“, lächelte Trude süffisant. „Ist noch was von dem Kaffee da?“, erkundigte ich mich, ehe ich in meinem Büro verschwand. „Nee, der ist alle“, entgegnete Trude. „Wenn Sie wollen, setze ich noch mal eine Kanne an.“

Umso mehr getrunken wurde, umso schneller musste ich für Nachschub sorgen, überlegte ich. „Nein, das ist nicht nötig“, wiegelte ich ab. „So viel Kaffee ist ja auch gar nicht gesund.“ „Der war aber auch lecker. Wissen Sie inzwischen die Marke?“ „Ups, da habe ich jetzt gar nicht nachgesehen, aber eigentlich sind Sie doch unsere Expertin.“ „Wenn Sie mal dran denken, Chef, es würde mich schon interessieren.“ Ich versprach es ihr und verschwand in meinem Büro.

2

Seit einer guten Stunde schon saß Bernd Giebel an der Theke seiner, um seinen Kummer in Bier zu ertränken. Obwohl seine Scheidung bereits mehrere Monate zurücklag gab es keinen Tag, an dem er nicht mit seinem Schicksal haderte. Er war sich seiner Schuld bewusst und er kämpfte seitdem um seine große Liebe und natürlich auch um Kevin und Marie. Er hatte das alte Fachwerkhaus in der ‚Krumme Straße‘, welches er schon vor einigen Jahren von seinem Vater überschrieben bekam, mit viel Fleiß und noch mehr Geld über die Zeit in ein modernes Wohnhaus verwandelt. Dabei war seine Familie zu kurz gekommen. Ein Umstand, den er immer wieder als unumgänglich abtat, wenn sich Madeline deswegen beklagte.

Er bekam nicht mit, wie sie sich an anderer Stelle Trost und Aufmerksamkeit suchte, wie sie letztlich ihr Leben ohne ihn lebte. Als er es bemerkte, war es zu spät. Er zog aus, weil sie ihm erklärte, etwas Abstand zu brauchen, weil sie ihm weismachte, sich ihrer Gefühle zu ihm bewusst werden zu wollen, weil sie ihm versprach, dass er nach einer Weile der Trennung zu ihr zurückkehren konnte. In Wirklichkeit war ihr neuer Liebhaber, kaum dass er das Haus verlassen hatte, bei ihr eingezogen. Ein Umstand, von dem er erst erfuhr, als ihr nach der Scheidung das Haus zugesprochen wurde.

Selbst danach kämpfte er weiter um sie und die Kinder. Er passte sie nach der Schule ab, machte ihnen Geschenke und schickte seiner Ex jede Woche rote Rosen. Er schrieb Briefe und rief sie fast täglich an, um ihr seine Liebe zu beweisen, doch trotz all seiner Bemühungen wurde die Kluft zwischen ihnen immer größer. Irgendwann begann er aus lauter Verzweiflung zu trinken und als er keinen Sinn mehr in seinem Leben sah, verlor er auch noch seine Arbeit.

„Gibst du mir noch was auf Pappe, Claudi?“, fragte er die Bedienung nach einem ernüchternden Blick in sein Portmonee. „Nee Bernd, sorry, aber du stehst schon zu tief in der Kreide. Ich bekomme sonst Ärger mit meinem Chef.“ „Ist schon gut, es reicht ja auch für heute“, entgegnete er einsichtig. „Mach ihm noch ein Bier auf meine Rechnung“, meldete sich ein weiterer Gast zu Worte. Bernd sah zu ihm hinüber. Er hatte den Mann nie zuvor im ‚Zimmerhof 13‘ gesehen.

„Wie komme ich zu der Ehre?“, erkundigte sich der Dachdecker. „Es scheint Ihnen momentan nicht so gut zu gehen und ich kann mich dagegen derzeit nicht beklagen“, entgegnete der unbekannte Gast. „Weshalb soll ich nicht ein wenig von meinem Glück abgeben?“ „Das ist aber sehr anständig von Ihnen“, lallte Bernd. „Ich habe Sie noch nie hier gesehen“, bekundete er, während er von seinem Barhocker rutschte und zu dem edlen Spender hinüberwechselte. „Vielleicht wollen Sie mir ja von Ihrem Glück erzählen?“

Nachdem sich Bernd Giebel auf dem Hocker neben dem Unbekannten niedergelassen hatte, begann er seinem neuen Freund von seinem Schicksal zu erzählen. Der hörte ihm geduldig zu und spendierte eine Runde nach der anderen. „Wieso habe ich dich hier noch nie gesehen?“, fragte er irgendwann. „Ich bin erst kürzlich von Hannover nach Wolfenbüttel umgezogen.“ „Haste schon ne Bleibe?“ „Na klar, mach dir keine Sorgen.“ „Verheiratet bist du wohl nicht?“, hakte Bernd nach. „Ich komme ganz gut ohne aus“, zwinkerte ihn der Mann zu, der sich Malte nannte. „Aber schwul biste nicht, oder?“ Bernds spendabler Freund lachte. „Keine Angst, ich bin einfach nur gern Single.“     

Es folgten etliche Bier und Schnapsrunden, bei denen Bernd von seiner Ex und den Kindern erzählte. Kein einziges Wort verlor er dagegen über ihren neuen Liebhaber. Es hatte fast den Anschein, als würde er dessen Existenz geradezu leugnen. Gegen Mitternacht waren sie die letzten Gäste und Claudi verkündete den Feierabend. Während Malte in Richtung ‚Krambuden‘ ging, saß Bernd noch eine Weile auf der Ufermauer neben der Kneipe. Die frische Luft setzte ihm mächtig zu, oder war es die Tatsache, dass er viel zu viel getrunken hatte?

„Seht mal, da vorn pennt einer auf der Mauer“, deutete Luca auf den Dachdecker. „Der ist sicher total besoffen“, vermutete Nuetcho, während sich der Abstand zu Bernd Giebel verkleinerte. „Wenn der sich im Schlaf herumdreht, weil er sich in seinem Bett glaubt, wird er eine böse Überraschung erleben“, lachte der sechzehnjährige Luca. „Warum sollen wir es dem Zufall überlassen?“, überlegte Giuseppe. „Ich wette, der ist schlagartig wieder nüchtern.“ „Das kannst du nicht machen“, brachte Luca seine Bedenken zum Ausdruck. „Der könnte einen Herzschlag bekommen oder in der Oker ertrinken.“ „Ich mach doch nur Spaß.“

Im selben Moment richtete sich Bernd auf und sah die Jugendlichen keine zehn Meter von ihm entfernt. „Morgen“, begrüßte er die Kids lallend. „Ach du scheiße, ich kenn den“, flüsterte Giuseppe seinen Freunden zu. „Das ist der Vater von Kevin Giebel.“ „Habt ihr nen Schluck zu trinken?“, hatte Bernd noch immer nicht genug. „Mein Hals ist so trocken.“ „Du hast doch noch den Flachmann“, erinnerte sich Nuetcho. „Mal sehen, was passiert, wenn er sich den auch noch reindrückt.“

Giuseppe reichte dem Mann auf der Mauer die Flasche mit Wodka. „Das is sehr anständig von euch, Jungs“, entgegnete Bernd, während er sich mühte, den Verschluss zu öffnen. Die Jugendlichen sahen ihm amüsiert zu, wie er sich von der Mauer erhob und von einem Bein auf das andere torkelte. Irgendwann hatte er den Verschluss abgedreht und setzte den Flachmann an, um ihn in einem einzigen Zug zu leeren.

„Ich fass es nicht, der Kerl steht immer noch“, konnten es Luca und seine Freunde kaum glauben. So etwas wie Enttäuschung machte sich unter den Kids breit. Die erhoffte Reaktion war ausgeblieben und somit wurde der Betrunkene uninteressant. „Ach lasst den doch, mal sehen was auf dem Kornmarkt abgeht.“ Somit beachteten sie Bernd Giebel nicht mehr und gingen weiter in Richtung ‚Harztorplatz‘.

Am Durchgang zum Stadtmarkt setzten sie sich auf das Geländer der Oker, wo sie sich über Bernd lustig machten. Nuetcho steckte einen Joint an und ließ ihn kreisen. Die Stimmung unter den Kids wurde ausgelassener. Ziemlich aufgekratzt setzen sie schließlich ihren Weg in Richtung Kornmarkt fort. Sie bemerkten nicht, dass ihnen Bernd in einigem Abstand folgte.

„Der Penner ist tatsächlich Kevins Alter?“, fragte Luca irgendwann nach. „Ist wohl ein ziemlicher Loser.“ „Seine Mutter hat sich von dem scheiden lassen“, bestätigte Giuseppe. „Trotzdem stalkt der die ganze Familie.“ „Dann hätten wir ihm einen Denkzettel verpassen sollen.“ „Was geht es uns an?“, zuckte Nuetcho mit den Achseln.

Die drei Jugendlichen waren inzwischen an den überdachten Sitzbänken der Bushaltestellen vor dem Möbelhaus Balzer angekommen. Nuetcho zog zur Überraschung seiner Freunde eine Dose Bier aus der Jackentasche und öffnete sie. Während die Jungs das Getränk kreisen ließen, näherte sich ihnen Bernd Giebel. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, stolperte mehr als er ging und doch erkannte er die Jugendlichen wieder.

„Ihr habt ja noch zu trinken“, stammelte er sich auf Luca zubewegend, weil der die Bierdose in der Hand hielt. „So nicht, du Penner!“, sprang Nuetcho auf und schubste den Betrunkenen von seinem Freund weg. Woraufhin Bernd auf Giuseppe zu stolperte. Der schubste ihn zurück und so machten sich die Jungs einen Spaß daraus, den Betrunkenen im Kreis herumzuschubsen. Dabei grölten sie so ausgelassen, dass in den Wohnungen über der ‚Wursteluffe‘ die Fenster aufgingen und wütende Anwohner um Ruhe ersuchten.

Plötzlich stürzte der Volltrunkene und schlug mit dem Kopf an eine der Sitzbänke der Haltestelle. „Die Polizei ist gleich da!“, rief einer der Zeugen und bewirkte damit, dass sich Nuetcho und Luca aus dem Staub machten, während Giuseppe nach dem Betrunkenen sah. „Jetzt raubt der ihn auch noch aus!“, schlussfolgerte einer der Anwohner empört und filmte alles mit seinem Handy.

3

„In der vergangenen Nacht ist das passiert, was ich seit Wochen befürchtete“, informierte mich Miriam zwischen Orangensaft, Boretsch und Marmelade. „Auf dem Kornmarkt gab es einen Toten. Mehrere Jugendliche sollen einen Mann angegriffen und ausgeraubt haben. Offenbar eskalierte die Situation so heftig, dass sich das Opfer bei einem Sturz tödlich verletzte.“ Ich schüttelte betroffen den Kopf und fragte mich, wohin die Verrohung in unserer Gesellschaft noch führen würde.

„Hauptkommissar Sinner rief eben an und bat mich, in die Dienststelle zu kommen. Offenbar wurde bereits ein Tatverdächtiger festgenommen.“ „Na das ging ja schnell.“ „Bist du so lieb und kümmerst dich um Ramona?“ „Ja klar. Wir kochen dann wieder was Leckeres zum Abendessen.“ Miriam sah mich geschockt an. „Bitte nicht! Ich habe die vielen Spritzer von der Tomatensauce immer noch nicht alle wegbekommen.“ „Sei nicht so spießig“, hielt ich dagegen. „Unser Schatz hatte eine Menge Spaß.“ „Ja, ich auch.“

Meine Güte, wo gehobelt wird, da fallen schon mal ein paar Späne, dachte ich mir insgeheim. Ramona und mir hatte es zumindest richtig gut geschmeckt und das ist doch wohl die Hauptsache. Ich fragte mich nur, was ich mit dem Rest machen sollte. Da ich nur das Rezept für ein Kilo Spagetti kannte, war mehr als ein halber Topf voll übriggeblieben. Davon würden wir wahrscheinlich noch den Rest der Woche essen.

„Guten Morgen Frau Lessing-Herz“, begrüßte Hauptkommissar Sinner die Staatsanwältin in seinem Büro. „Wie kommt es, dass Sie bereits einen Verdächtigen festnehmen konnten?“ „Die Kollegen der Streife wurden von mehreren Zeugen noch während der Tat zum Tatort gerufen. Sie konnten nicht nur präzise Angaben zum Hergang machen, zwei Zeugen filmten die Tat sogar mit ihren Handys.“ „Na Hauptsache die haben die Videos nicht gleich in die sozialen Netzwerke hochgeladen.“ „Leider doch“, musste der Ermittler einräumen. „Wir haben zwar sofort versucht, die Verbreitung zu unterbinden, aber Sie wissen ja, wie schnell das geht.“

Der Hauptkommissar spielte das Video auf dem Monitor seines Rechners ab. „So können Sie sich am besten einen Eindruck von der Tat verschaffen.“ Miriam sah angespannt, was sich ereignet hatte. „Das sind ja noch halbe Kinder“, stellte sie entsetzt fest. „Einer von Ihnen ist Nuetcho Montante. Er ist 17 Jahre und arbeitet in einer Pizzeria in der Fußgängerzone. Er ist wegen eines Vergehens gegen das Betäubungsmittelgesetz vorbestraft.“ „Er ist Italiener?“ Sinner nickte seufzend. „Kein Migrant.“ „Das macht es auch nicht besser.“

„Bis jetzt konnten wir ihn nicht verhören, weil er einen Rechtsbeistand verlangt hat“, erklärte Sinner. „Gut so“, atmete Miriam auf. „Wir dürfen uns in dieser Sache nicht den kleinsten Fehler erlauben. Der Verdächtige ist noch minderjährig.“ „Der Tote ist übrigens der vierundvierzigjährige arbeitslose Dachdecker Bernd Giebel. Als der Notarzt eintraf, war er noch am Leben. Leider verstarb er trotz Reanimierungsversuche noch auf dem Weg ins Klinikum. Seine Kopfverletzung allein dürfte laut Notarzt nicht verantwortlich sein. Er wird derzeit obduziert.“

„Im Video scheint er stark angetrunken zu sein“, bemerkte die Staatsanwältin. „Möglicherweise trug ja auch eine Alkoholvergiftung zu seinem Tod bei.“ „Wir sollten uns besser nicht in Spekulationen verlieren“, mahnte Miriam davor, sich vorschnell festzulegen. „Möglich ist derzeit alles.“ „Ich wollte die Zeit bis zum Eintreffen des Rechtsanwalts nutzen, um mit dem Vater zu sprechen. Wenn Sie wollen, können Sie ja dabei sein“, schlug Sinner vor. „Wo ist eigentlich Kommissar Schubert?“ „Der ist zur Pizzeria gefahren, um dort etwas über die Freunde des Verdächtigen herauszubekommen.  Möglicherweise ist einer der Gesuchten sogar ein Kollege von ihm“, mutmaßte der Ermittler „Wenn sich der Aufbau einer Kameraüberwachung auf dem Kornmarkt nicht endlos ziehen würde, hätten wir jetzt wahrscheinlich vernünftige Bilder.“ 

„Gut Ding braucht Weile“, wie man so schön sagt“, entgegnete der Hauptkommissar betrübt. „Guten Tag Herr Montante, es tut mir leid, dass Sie warten mussten“, entschuldigte sich der Ermittler. „Das ist Staatsanwältin Lessing-Herz. Sie wird bei Ihrer Befragung anwesend sein.“ „Ist der Anwalt endlich gekommen?“, erkundigte sich der Vater des Tatverdächtigen. „Es ist der Rechtsbeistand Ihres Sohnes. Von uns aus könnten wir längst alles geklärt haben.“ „Damit Sie nach seiner Aussage alles verdrehen können“, entgegnete der Italiener emotional.

„Wie lange leben Sie in Deutschland?“, erkundigte sich Miriam. „Über zwanzig Jahre“, entgegnete der Mann. „Ihr Vertrauen in unser Rechtssystem ist erschreckend. Gibt es einen Grund dafür?“ Der Südländer sah Miriam durchdringend an. „Strega maledetta[2].“ „Ich muss Sie enttäuschen, bei uns gibt es schon lange keine Hexen mehr“, beschämte sie den Mann. Sinner hielt ihm zwei Aufnahmen entgegen. „Wenn Sie diese Jugendlichen kennen, sollten Sie uns das nicht verschweigen.“ „Waren die beiden dabei?“, wollte der Italiener wissen. „Es liegt ganz bei Ihnen, ob Ihr Sohn allein zur Verantwortung gezogen wird“, ließ sich Miriam nicht in die Karten gucken. „Kenne ich nicht.“ „Wir finden auch so heraus, wer die beiden sind.“

[2] Verfluchte Hexe

Matteo Montante dachte angespannt nach. „Was hat mein Sohn davon, wenn er Ihnen die Namen seiner Freunde nennt?“, erkundigte er sich letztlich bei Miriam. „Wenn er sich kooperativ zeigt, werde ich dies zu seinen Gunsten werten.“ „Ich will allein mit Nuetcho sprechen.“ „Nur in unserem Beisein“, erwiderte die Staatsanwältin. „Also gut“, stimmte der Italiener schließlich zähneknirschend zu. „Müssen deutsche Frauen immer das letzte Wort haben?“ „Ja!“

Obwohl Nuetchos Rechtsbeistand immer noch nicht da war, betraten Sinner, Miriam und der Vater des Tatverdächtigen erneut das Verhörzimmer. „Ich denke ohne den Anwalt soll ich nichts sagen?“, reagierte Nuetcho verunsichert, als sein Vater mit den Ermittlern das Zimmer betraten. „Wenn du ihnen sagst, mit wem du heute Nacht unterwegs warst, wirst du weniger hart bestraft.“ „Spinnst du? Ich kann doch meine Freunde nicht hinhängen!“ „Glauben Sie mir, wir kriegen die Jungs so oder so“, stellte Sinner klar.

Der Jugendliche schüttelte verunsichert den Kopf. „Es war alles nur ein Spaß, wir wollten dem Mann bestimmt nichts Böses. Er ist gestolpert und hat sich den Kopf an diesem Sitzpilz angeschlagen. Es war ein Unfall.“ „Wenn es tatsächlich so war, werden Sie maximal wegen Körperverletzung verurteilt“, stellte ihm Miriam eine milde Strafe in Aussicht. „Sie sind bislang nicht vorbestraft, was sich ebenfalls auf das Strafmaß auswirken dürfte. Hinzu käme Ihre Kooperation…“ „Na los Nuetcho, gibt dir einen Ruck“, machte ihm sein Vater Mut.

„Also gut, wir waren zu dritt. Luca Strada und Giuseppe Fontanella waren dabei.“ „Gut und nun erzählst du uns bitte, wie es zu dem Übergriff kam“, forderte ihn Hauptkommissar Sinner auf. „Ein umfängliches Geständnis wirkt sich ebenfalls strafmildernd aus“, fügte Miriam hinzu. Nuetcho holte tief Luft, sah zu seinem Vater und erzählte schließlich, wo sie Bernd Giebel zum ersten Mal trafen. „Wir hatten Angst, dass er von der Mauer in die Oker stürzt und ertrinkt“, versuchte er sich und seine Freunde in ein gutes Licht zu rücken.

„Giuseppe gab ihm sogar eine kleine Flasche Wodka, weil er Durst hatte. Dann sind wir weiter in Richtung Kornmarkt. Er muss uns nachgekommen sein. Als wir vor dem Möbelladen saßen und eine Dose Bier tranken, kam er dann und wollte Luca die Dose abnehmen. Ich ging dazwischen und schubste ihn zur Seite. Daraus entwickelte sich dann so was wie ein Spiel.“ „Wer war der Letzte, der ihn schubste, bevor er stürzte und mit dem Kopf gegen den Sitzpilz knallte?“, unterbrach ihn Sinner. Nuetcho zuckte mit den Achseln. „Das kann ich gar nicht sagen.“ „Versuch dich zu erinnern“, erahnte sein Vater die Tragweite dieser Aussage.

Im selben Moment öffnete sich die Tür zum Verhörzimmer und Kommissar Schubert betrat den Raum. „Was um alles in der Welt gibt es denn so Wichtiges?“, erkundigte sich Sinner angefressen. Schubert reichte ihm den Obduktionsbefund der Rechtsmedizin und tippte auf einen Absatz der mit einer handfesten Überraschung aufwartete. „Das ändert natürlich alles“, resümierte er, während er den Bericht an die Staatsanwältin weiterreichte.

Nuetcho und dessen Vater bemerkten die Unruhe, die von der Nachricht ausging. „Was ist passiert?“, erkundigte sich Herr Montante. Sinner blieb ihm die Antwort schuldig. Stattdessen stellte er selbst eine Frage, dessen Klärung alles verändern konnte. „Du hast uns vorhin von einer Flasche Wodka erzählt, die Giuseppe dem Opfer übergab. Wie groß war diese Flasche?“ „Na so ein Flachmann halt.“ „Weißt du, ob der noch versiegelt war?“, hakte der Hauptkommissar nach. Der Tatverdächtige verzog nachdenklich das Gesicht. „Keine Ahnung, aber soviel ich weiß, hatte noch keiner von uns daraus getrunken.“

„Hast du gesehen, was Herr Giebel mit der Flasche machte?“ „Na er trank daraus.“ Nuetcho erinnerte sich plötzlich. „Wir haben uns noch darüber lustig gemacht, dass er die Flasche zuerst nicht aufbekam. Also muss sie wohl noch fest verschlossen gewesen sein.“ „Warum wollen Sie das alles wissen?“, fragte der junge Italiener nach. „Das Opfer wurde offenbar vergiftet“, klärte Sinner die Situation auf. „Dann starb er gar nicht an der Kopfverletzung?“, schlussfolgerte Nuetcho. „Es deutet zumindest derzeit einiges darauf hin“, sorgte Miriam für Erleichterung bei dem Jugendlichen und seinem Vater. „Können wir dann jetzt gehen?“, leitete der Italiener daraus ab. „Solange die Freunde Ihres Sohnes keine Aussage bei uns gemacht haben, liegt uns lediglich sein Geständnis vor und damit nur ein möglicher Tathergang“, relativierte Sinner den Wahrheitsgehalt von Nuetchos Geständnis.

4

Es war bereits später Vormittag, als Kommissar Schubert und sein Vorgesetzter an der Haustür der Familie Fontanella klingelten. Eine junge Frau öffnete ihnen. „Kriminalpolizei, Hauptkommissar Sinner“ „Kommissar Schubert“, stellten sich die Ermittler vor. „Ist Giuseppe Fontanella zuhause?“ „Was wollen Sie denn von meinem Bruder?“, rief die Schwester des Tatverdächtigen so laut, dass es auch noch in der Nachbarschaft zu hören war. Schubert reagierte am schnellsten, schob die junge Frau zur Seite und stürmte ins Haus. „He, das dürfen Sie doch gar nicht!“, rief sie ihm nach. „Das nennt man Gefahr im Verzug“, klärte Sinner auf. „Polizeistaat!“, schrie sie. „Mein Bruder ist nicht hier.“ „Davon überzeugen wir uns lieber selber.“

Sinner eilte auf die Rückseite des Hauses und bekam gerade noch mit, wie der Verdächtige über den Zaun und das Nachbargrundstück flüchtete. Die Jahre, in denen er hinterherrannte, waren zwar längst Geschichte, aber es wurmte ihn genauso wie damals, wenn ihm jemand durch die Lappen gegangen war. Es dauerte, ehe Schubert über die Treppe nach unten in den Flur kam und schließlich neben ihm stand. Er sah seinen Chef fragend an. „Lass gut sein, weit kann er nicht kommen. Wir werden ihn zur Fahndung ausschreiben.“

„Da haben Sie Ihrem Bruder einen Bärendienst erwiesen“, rügte er Marcella Fontanella. Die allem Anschein nach, jüngere Schwester von Giuseppe zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Ich hatte keine Ahnung, dass mein Bruder noch in seinem Zimmer war“, log sie. „Was ist denn überhaupt los?“ „Das würde ich gerne Ihren Eltern mitteilen, aber die sind wohl nicht daheim“, entgegnete der Hauptkommissar. „Klasse kombiniert“, erwiderte die Fünfzehnjährige schnippisch. „Und, wo finde ich sie?“, hielt sich der Ermittler erstaunlich gut zurück. „In der Firma, wo sonst?“ „Also gut, richten Sie Ihrem Bruder bitte aus, dass er sich in der Polizeidienststelle an der ‚Lindener Straße‘ einfinden soll.“ „Mach ich doch gern, Herr Kommissar“, lächelte sie aalglatt, während sie sich das genaue Gegenteil dachte.  

„Hast du eine Ahnung, von was für einer Firma das Gör sprach?“, ließ Sinner den aufgestauten Druck ab, kaum dass er und Schubert das Haus verlassen hatten. „Ich bin gerade am Googlen. Es handelt sich um eine Baufirma in ‚Linden‘. Tiefbau und Containerverleih.“ „Na dann auf in den Süden der Stadt.“ „Ich bin gespannt, was die Eltern zu ihrem Sprössling sagen“, verriet Schubert eine gewisse Anspannung. „Was meinst du damit?“ „Das sind Italiener, da steht die Familie über allem.“ Sinner sah seufzend zu seinem Kollegen hinüber. „Mal ehrlich, diesen Zusammenhalt würde ich mir von uns Deutschen auch wünschen.“

Die Firma von Roberto Fontanelle befand sich in der Nähe des Recyclinghofs. Die Ermittler fuhren durch die breite Einfahrt auf den Betriebshof und parkten vor dem Büro, welches sich in vorderen Teil einer Halle befand. Die Tür führte sie in eine Anmeldung, in der ein langer Tresen den Raum zweiteilte.

„Guten Tag, wir hätten gern Frau Fontanelle oder ihren Mann gesprochen.“ „Um was geht es denn?“, erkundigte sich die Frau hinter dem Schreibtisch. „Sagen Sie Ihrem Chef einfach, die Polizei würde ihn gern sprechen“, erwiderte Schubert genervt. „Mein Mann ist auf einer unserer Baustellen, Sie müssen also mit mir vorliebnehmen.“ Sinner sah seinen Kollegen vorwurfsvoll an. „Entschuldigen Sie bitte, ich dachte…“, stammelte Schubert. „Nun brechen Sie sich mal keinen ab, nennen Sie mir lieber den Grund für Ihren Besuch.“

„Es geht um Ihren Sohn, Giuseppe“, erklärte Sinner zögerlich. „Was ist mit ihm? Hatte er einen Unfall, oder…?“ „Nein, nein“, beruhigte sie der Ermittler. „Es geht ihm wahrscheinlich gut. Wir würden Ihren Sohn gern im Zusammenhang mit einer Straftat sprechen.“ „Madonna! Hat er schon wieder etwas ausgefressen?“ „Wir stehen noch am Anfang der Ermittlungen“, verriet Sinner. „Deswegen müssen wir ihn dringend befragen.“ „Giuseppe müsste eigentlich zuhause sein.“ Sie griff zum Handy. „Da waren wir bereits“ erklärte der Hauptkommissar. „Leider hat er sich der Befragung entzogen.“

In den Augen der Italienerin stand Unverständnis. „Giuseppe ist abgehauen?“, schlussfolgerte sie letztlich schockiert. „Ihr Sohn kletterte aus dem Fenster seines Zimmers und flüchtete durch den Garten des Nachbarn“, beschrieb Schubert. „Non può essere vero!“, überschlug sich fast die Stimme der Italienerin entsprechend ihrer Emotionen. „Was hat er angestellt?“, fragte sie nachdrücklich. „Es geht um Körperverletzung mit Todesfolge, die sich in der vergangenen Nacht auf dem Kornmarkt in Wolfenbüttel ereignete.“ Frau Fontanella starrte die Kommissare geschockt an. „Giuseppe war die ganze Nacht zuhause“, log sie spontan.

„Das war er leider nicht“, entgegnete Sinner verständnisvoll. „Ihr Sohn wurde gesehen und es gibt auch ein Video, welches etwas anderes sagt. „Ich rufe meinen Mann an.“ „Machen Sie das und dann kommen Sie bitte umgehend in die Polizeidienststelle an der ‚Lindener Straße‘. Es wäre gut, wenn Sie Ihren Sohn mitbringen würden“, betonte der Ermittler. „Durch seine Flucht hat er alles nur schlimmer gemacht.“

„Ich setzte dich am Büro ab“, eröffnete Sinner seinem Kollegen. „Ich fahre bei der Rechtsmedizin vorbei und lasse mir den Befund von Doktor Schnippler noch mal etwas detaillierter erklären.“ „Mach das, in der Zwischenzeit werde ich zusehen, dass ich mit den Eltern von Luca Strada spreche und sie ebenfalls in die Dienststelle beordere.“ „Das wird ein italienischer Abend der besonderen Art“, seufzte Sinner in erwartungsvoll.

Kurz darauf begrüßten sich Doktor Schnippler und der Hauptkommissar im Rechtsmedizinischen Institut an der ‚Celler Straße‘. „Nun, Herr Sinner, so wie es aussieht, wurde der Tote das Opfer einer Calciumchlorid-Vergiftung. Durch diese Substanz, die in flüssiger Form verabreicht wurde, kam es zu einer Hyperkalzämie und daraus resultierend zu einer metabolischen Azidose.“ „Okay, wie äußert sich das?“ „Die Folgen sind Übelkeit, Erbrechen und Herzrhythmusstörungen.“

„Dann starb das Opfer gar nicht an dem Schlag auf den Hinterkopf“, schlussfolgerte Hauptkommissar Sinner. „Nun, das kann man so nicht sagen. Es hängt irgendwie alles miteinander zusammen.“ Das Gesicht des Ermittlers war ein einziges großes Fragezeichen. „Nun, aufgrund des exorbitanten Alkoholgenusses von weit über zwei Promille und letztlich durch die Prellung des Schädels ergab sich eine massive Schwächung des gesamten Körpers, welche schließlich zum Exodus führte.“

„Ja aber, war es denn nun Mord, Totschlag oder Körperverletzung?“, schien sich der Ermittler im Hinblick auf den Obduktionsbefund überfordert.“ „Sehen Sie es doch mal so, Herr Sinner, wer auch immer dem Toten das Mittel verabreichte, nahm zumindest billigend in Kauf, dass sein Opfer daran versterben konnte.“ „Na schön, dann also doch Mord“, sinnierte der Hauptkommissar. „Was ist das eigentlich für ein Gift?“, hakte Sinner nach. „Ich würde Calciumchlorid gar nicht als Gift im herkömmlichen Sinne bezeichnen“, überraschte Doktor Schnippler. „Das Mittel wird tatsächlich in Lebensmitteln und zur Absorption genutzt. Sogar zur Enteisung und Staubbindung auf Straßen wird es angewendet.“ „Im Tiefbau“, kam Sinner ein Gedanke.

„Schmeckt man das Zeug nicht heraus?“ „Nun, es kommt ganz darauf an, in was man es hineinmischt. Ich denke, hochprozentiger Alkohol wäre ein guter Geschmacksträger.“ „Wodka?“, hakte Sinner nach. „Wie kommen Sie ausgerechnet auf Wodka?“ „Offenbar trank das Opfer etwa eine halbe Stunde vor seinem Tod ein Zentel Liter davon“, klärte Sinner den Doktor auf. „Bei der Analyse seines Mageninhalts zeigten sich neben Ethanol vor allem die destillierte Kartoffel als Grundträger. Meines Wissens wird sonst nur Aquavit aus Kartoffeln hergestellt.“ „Das passt natürlich alles zusammen“, bekundetet der Hauptkommissar. „Gut, dass ich nochmal selber vorbeigekommen bin.“

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Detektei Lessing

 

Band 52

 

Face to face

1

Es ist später Nachmittag am 12. September 2024. Der Regionalzug der Erixx Eisenbahngesellschaft fährt vom Hauptbahnhof in ‚Braunschweig‘ kommend, über ‚Wolfenbüttel‘ in Richtung ‚Schladen‘. Keiner der Reisenden nimmt Notiz davon, als in ‚Wolfenbüttel‘ eine Person mit Rucksack einsteigt. Die Kapuze seines Hoodies hat sie bis tief in das Gesicht gezogen. Niemand ahnt, was sie im Schilde führt. Niemand kann in ihren perfiden Gedanken lesen. Niemand wird ihren hinterhältigen Plan durchkreuzen.

Als der Zug durch den ehemaligen Bahnhof in ‚Hedwigsburg‘ rollt, wechselt sie in das Abteil, in dem sich Isabelle Schade befindet. Der Regio fährt mittlerweile von ‚Ohrum‘ nach ‚Dorstadt‘. Das monotone Geräusch, welches entsteht, wenn die Stahlräder des Zuges die Nahtstelle zwischen zwei Gleisen überrollt, suggeriert den Fahrgästen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Die Person streift die Kapuze zurück. Sie geht völlig gelassen auf ihr Opfer zu. Es ist der Moment, als Isabelle Schade in der Person ihren Geliebten erkennt.

Sie begrüßt ihn freudig, aber auch verwundert. Sie nennt ihn bei seinem Namen und sieht, wie er mit demselben Atemzug ein Messer zieht. Völlig perplex ist sie zu keiner Reaktion fähig. Sie starrt ihn entsetzt an. Ist alles nur ein böser Traum? Sie schreit, sie hebt ihre Hände um sich zu schützen, doch der Angreifer drückt sie mit aller Gewalt in den Sitz. Bevor sie ihren Irrtum aussprechen kann, rammt er ihr das Messer in die Brust und mit einem weiteren Stich mitten ins Herz. Seelenruhig nimmt er ihr Handy und steckt es ein.

Als er sich umdreht, starren die übrigen Fahrgäste vor Entsetzen gelähmt auf das blutige Messer. Einige schreien, andere halten schockiert die Hände vor ihr Gesicht. Der Attentäter selbst ist vollkommen ruhig. Fast hat es den Anschein, als wenn er gar nichts mit der Tat zu tun hat. Völlig gelassen zieht er die Notbremse. Niemand wagt ihn aufzuhalten, niemand hindert ihn, als er kurz darauf die Waggontür öffnet und den Zug verlässt. Einer der Fahrgäste fotografiert immerhin, wie er einen Elektroroller aus seinem Rucksack zieht, ihn auseinanderklappt und über die ‚Dorstädter Straße‘ in Richtung ‚Bornum‘ davonfährt.

-2-

Sechs Monate zuvor:

„Wieso ist keines meiner Diensthemden gebügelt? Es dürfte doch wohl nicht zu viel verlangt sein, wenn ich erwarte, dass sich meine ach so überlastete Ehefrau wenigstens bemühen könnte, dass ich in ordentlichen Klamotten meinen Dienst antreten kann.“ „Es tut mir leid, Hagen, ich bin einfach noch nicht dazu gekommen.“ „Weiß jemand, wo meine Sportschuhe sind?“, unterbrach der zwölfjährige Martin die angespannte Situation. „Schau mal auf der Terrasse nach. Ich glaube, ich habe sie gestern Abend dort liegen sehen,“ erinnerte sich seine Mutter.“

„Was ist nun, bügelst du mir das Hemd nun noch schnell?“ Isabelle Schade atmete tief durch, ehe sie antwortete. „Entweder ich kümmere mich um das Frühstück oder ich bügele dein Hemd. Beides geht nicht.“ „Was für eine Frage, dann müssen sich die Kids eben mal selber eine Stulle schmieren.“ „Es wäre auch nicht schlecht, wenn du selber mal ein Bügeleisen in die Hand nehmen würdest.“ Hagen lächelte verschmitzt, als er ihr einen Kuss auf die Stirn gab. „Aber dazu bist du doch da, Liebling.“

Sie wusste, dass seine Worte schon lange nicht mehr aufrichtig waren, wenn sie seine Gefühle zu ihr wiedergaben. Sie waren nur noch Mittel zum Zweck, um das zu bekommen, was er wollte. Seit sie und Hagen das kleine Häuschen am ‚Oderblick‘ erworben hatten und er zur Polizeidienststelle nach ‚Börßum‘ versetzt worden war, litt ihre Ehe unter den Zielen, die sie sich steckten. Zu ihren Jobs kam der Umbau des in die Jahre gekommenen Hauses. Vor allem belastete sie der kaum noch stattfindende Kontakt zu ihren Freunden.

„Wieso sind mein Borretsch und der Orangensaft nicht fertig?“, erkundigte sich die vierzehnjährige Finja vorwurfsvoll bei ihrer Mutter. „Wie soll ich mich in der Schule konzentrieren, wenn mir die nötigsten Cerealien für den Tag fehlen?“ „Wie wäre es, wenn du morgens etwas zeitiger aufstehst und mir ein wenig zur Hand gehst, dann kämen wir alle etwas entspannter in den Tag.“ „Bin ich Mutter oder du? Wenn du nicht klarkommst, solltest du deinen Job an den Nagel hängen“, entgegnete Finja mit der Arroganz ihres Vaters.

„Mein liebes Fräulein, nicht in diesem Ton!“, setzte sich Isabelle zur Wehr. „Was willst du? Sie hat doch gar nicht so Unrecht“, stand ihr Hagen bei. „Wenn wir uns alle etwas einschränken, musst du nicht unbedingt arbeiten.“ „Einschränken? Na so weit kommt es noch. Am Ende könnt ihr mir die Reitstunden nicht mehr zahlen.“ „Vielleicht denkt hier auch mal jemand an mich? Ich arbeite, weil ich es möchte und weil ich nicht den ganzen Tag hier rumsitzen will“, erwiderte Isabelle. „Wieso sitzen? Wenn du deinen Haushalt mal gewissenhaft führen würdest, hättest du sicherlich keine Langeweile“, setzte Hagen noch einen drauf.

„Scheiße, wegen euch komme ich zu spät in die Schule!“ „Wenn deine Mutter endlich mit meinem Hemd fertig ist, nehme ich euch mit.“ „Geht das so?“, präsentierte Martin seine klitschnassen Sneakers. „Himmel, was hast du mit den Schuhen gemacht?“, fragte Isabelle entsetzt. „Die waren total schmutzig vom Bolzen.“ Finja griff sich an den Kopf. „Wie kann man so blöd sein, und mit neuen Sneakers Fußball spielen?“ „Da muss ich deiner Schwester Recht geben. Nimm heute noch mal deine alten Sportschuhe. Mit den nassen kannst du nicht gehen. Du holst dir ja den Tod.“ „Können wir jetzt endlich los?“, verdrehte Finja die Augen.

Erst als die Familie aus dem Haus war, sank der Blutdruck der Sekretärin auf ein erträgliches Maß. Während sie sich in der Küche umsah, atmete sie einige Male tief ein. Auf dem Tisch und darunter sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. In einer Pfütze aus verkleckertem Borretsch schwamm der Esslöffel. Klebrige Messer lagen auf verschmierten Frühstücksbrettern und der restliche Tisch war mit Nussnougatcreme besudelt. Wie satt sie das alles hatte. Mehr als eine billige Putzfrau war aus all ihren Träumen und Illusionen nicht übriggeblieben.

Liebte sie Hagen eigentlich noch? War sie bereit, ihre Ehe mit ihm aufzugeben und mit den Kindern fortzugehen? Er war Polizeibeamter und kannte sich mit dem Gesetz bestens aus. Er würde es niemals zulassen, dass sie Finja und Martin mit sich nahm. Sollte sie wirklich alles auf eine Karte setzen? Die Antwort auf diese Fragen blieb sie sich zumindest an diesem Morgen schuldig.

So reihte sich ein Tag an den anderen und eine Woche an die nächste, ohne dass sich irgendetwas zum Besseren wandte. Isabelle wurde zunehmend unglücklicher, war kurz davor, sich in ihr Los zu fügen, als das Schicksal ein Einsehen mit ihr zu haben schien.

Wie an jedem Wochentag fuhr sie mit dem Zug von der Arbeit nach Hause. Bereits während der Fahrt war ihr ein gutaussehender Mann aufgefallen. Ihre Blicke hatten sich einige Male zaghaft berührt. Einen Moment lang kokettierte sie mit ihren Gedanken, um sie schnell wieder zu verdrängen.

Sie bemerkte nicht, wie der Mann ebenfalls am Bahnhof in ‚Börßum‘ den Zug verließ und ihr in einigem Abstand folgte. Ihr Weg über die sich immer länger hinziehende Bahnhofstraße war nach der Arbeit umso ermüdender. Wenigstens regnete es nicht. Dafür musste sie heute auch noch beim Edeka-Markt einige Lebensmittel einkaufen. Auch wenn ihr eigentlich die Zeit fehlte, kochte sie für ihre Familie und sich lieber frisch. Dass ihr die Anerkennung dafür versagt blieb und all ihre Arbeit als normal und selbstverständlich abgetan wurde, schlug ihr mehr und mehr aufs Gemüt.

Ganz in ihren Gedanken versunken, schob sie ihren Einkaufswagen von der Gemüseabteilung in den Gang, in dem sich die Molkereiprodukte befanden. Plötzlich rammte sie einem anderen Kunden den Wagen in die Seite. Der Mann, den sie schon im Zug bemerkt hatte, stöhnte kurz auf und hielt sich die Hüfte. „Oh, wie dumm von mir, das tut mir leid. Ich habe Sie gar nicht gesehen.“ „Alles okay, es tut nicht weh.“ Als er jedoch weitergehen wollte, sah sie, wie er zusammenzuckte.

„Ich habe Ihnen also doch weh getan“, bemerkte Isabelle und legte seinen Arm über ihre Schultern. „Es geht bestimmt gleich wieder.“ „Da vorn gibt es eine Sitzmöglichkeit“, blieb die Sekretärin hartnäckig. „Machen Sie sich keine Umstände.“ „Es war meine Unachtsamkeit, also kümmere ich mich auch um Sie, das ist doch selbstverständlich.“ „Sie saßen doch auch im Zug, stimmts?“ „Sie haben mich bemerkt?“ „Eine Frau wie Sie übersieht man nicht.“ „Flirten Sie gerade mit mir?“ „Ich bitte Sie, erst fahren wir im gleichen Zug und nun kaufen wir beide im gleichen Geschäft ein. Das nenne ich Schicksal und dagegen sind wir beide ohnehin machtlos.“

Es war lange her, dass sich ein so charmanter Mann für Sie interessierte. Isabelle genoss es und spielte gleichzeitig nervös an ihrem Ehering herum. „Ich habe den Ring längst bemerkt, aber es ist, wie es ist. Wir werden uns sowieso irgendwann, irgendwo wiedersehen. Wie gesagt, das Schicksal hat sicher etwas Besonderes mit uns vor.“ „Wie ich sehe, geht es Ihnen wieder besser. Ich würde sogar sagen. Es geht Ihnen viel zu gut und daher trennen sich jetzt unsere Wege. Dagegen ist auch das Schicksal machtlos.“ „Wir werden sehen.“

-3-

Es war eine der wenigen Abwechslungen, die es für Isabelle noch gab. Zum ersten Mal seit der Corona Pandemie veranstaltete die Straßengemeinschaft ‚Oderblick‘ wieder ein gemeinsames Fest. Isabelle hatte eigens dafür ihren beliebten Käsekuchen gebacken. Selbst Hagen freute sich darauf, doch kurz bevor die Eheleute ihr Haus verlassen wollten, erhielt der Polizeiobermeister in Bereitschaft einen dringenden Einsatzbefehl.

„Ein schlimmer Verkehrsunfall bei ‚Bornum‘. Ich muss leider los, aber ich sehe zu, dass ich so bald wie möglich nachkomme“, erklärte Hagen. Damit war klar, dass Isabelle auch an diesem Fest ohne ihren Ehemann teilnehmen würde. Auch wenn ihr die Lust, allein auf das Fest zu gehen, eigentlich schon vergangen war, raffte sie sich auf.

Obwohl sie bereits mehrere Jahre in Börßum lebte, fühlte sie sich unter all den Leuten auf ihrer Straße fremd. Hagen war nicht gerade der gesellige Typ und so waren sie, abgesehen von den direkten Nachbarn, mit niemandem in Kontakt gekommen. Sie stellte den Kuchen zum Büfett, ließ sich ein Glas Mineralwasser geben, sah sich um und setzte sich schließlich an einen der noch freien Tische.

„Na, wenn das mal kein Schicksal ist“, vernahm sie plötzlich eine fremde und doch bekannte Stimme. Als sie sich umsah, erkannte sie den Mann aus dem Zug. „Ich habe doch gesagt, dass uns die Vorsehung irgendwann wieder zusammenführt.“ „Jetzt sagen Sie nur noch, Sie wohnen hier?“, entgegnete Isabelle überrascht. „Ich nicht, aber meine Tante.“ „Er deutete auf eine ältere Dame, die Isabelle schon mehrfach mit ihrem Hund gesehen hatte. Ihre anfängliche Skepsis schien also unbegründet.

„Besuchen Sie Ihre Tante öfter?“, hakte sie nach. „So oft, wie es die Zeit zulässt. Nachdem mein Onkel kürzlich verstarb, helfe ich ihr gelegentlich im Garten oder bei kleineren Reparaturen im Haus.“ „Das ist sehr lieb von Ihnen.“ „Ich bin übrigens Eddi.“ „Isabelle.“ „Wie kommt es, dass Sie allein hier sind?“ „Mein Mann hat kurzfristig einen Notfall hereinbekommen“, erklärte sie. Eddis Stirn krauste sich. „Ist Ihr Mann Notarzt oder bei der Feuerwehr?“ „Fast, er ist Polizeibeamter.“

Eddi zuckte kaum merklich zusammen. Seine Erfahrungen mit der Ordnungsmacht waren sanft formuliert nicht die Besten. Ein Umstand, der ihn allerdings nicht davon abhielt, Isabelle weiterhin zu umgarnen. War es zunächst ihr Äußeres, was ihn auf sie aufmerksam werden ließ, waren es nun auch ihre Art, das freundliche Wesen und die Ruhe, die von ihr ausging.

„Ich habe Kohldampf wie ein Elefant. Wir sollten an das Büffet gehen, ehe nichts mehr da ist“, forderte er Isabelle auf. „Der Käsekuchen ist von mir“, ließ sie ihn wissen und ärgerte sich im selben Moment über ihre Worte. Weshalb war sie nur so nervös? Ebensogut hätte sie von der berühmten Wassermelone sprechen können. „Vielleicht habe ich ja Glück und es ist ein Stück übriggeblieben.“

Zu Isabelles Überraschung lag tatsächlich nur noch ein einziges Stück auf der Platte. „Ihr Kuchen scheint sehr gut anzukommen“, stellte Eddi fest. Während er nach einem Teller griff, schnappte ihm jemand anderer ausgerechnet dieses Stück auch noch weg. „Entschuldigung, aber den Käsekuchen würde ich nicht nehmen. Da musste sich gerade jemand heftig übergeben, der sechs Stücke davon gegessen hat.“ „Oh, vielen Dank für die Warnung.“ Isabelle schüttelte amüsiert den Kopf. „Wenn ich einen halben Kuchen essen würde, müsste ich mich auch übergeben.“ „Pst, er hat´s nicht bemerkt.“

Der Kuchen schmeckte und die Stunden verflogen, weil Eddi es verstand, sie immer wieder mit seinen Geschichten zu fesseln und mit seiner fröhlichen Art auf charmante Weise zu unterhalten. Zum ersten Mal seit langer Zeit stand sie im Mittelpunkt. Sie genoss sein Interesse, an ihrer Person und es war ein fantastisches Gefühl.

„Wollen wir noch woanders hin?“, fragte er nach einer Weile. Isabelle hatte diese Frage kommen sehen und doch hatte sie keine Antwort parat. Es war die Frage, die alles verändern konnte, ihr jetziges Leben auf den Kopf stellen würde und doch war da dieser Reiz, der von dem Gedanken getragen wurde, etwas Unanständiges zu tun. Letztlich war es das schlechte Gewissen, was sie abhielt von der verbotenen Frucht zu naschen.

„Ich finde es hier eigentlich sehr nett und ganz abgesehen davon wird mein Mann sicher bald nachkommen.“ „Das ist wirklich sehr schade, aber wahrscheinlich hat das Schicksal einen anderen Weg für uns vorhergesehen.“ Isabelle lächelte ihm ungläubig zu. „Dann sollten wir das Schicksal besser nicht herausfordern.“ Eddi erhob sich, reichte ihr vielsagend die Hand und verabschiedete sich. „Wir sehen uns.“ Isabelle beobachtete, wie er sich von seiner Tante verabschiedete. Sie sah, wie er ihr ein letztes Mal zuwinkte und wie er schließlich das Fest verließ.

Sie musste sich eingestehen, wie knapp sie an einer Dummheit vorbeigeschrammt war und sie schämte sich für die Gedanken, die sie dabeihatte. Erst als Hagen einige Minuten später die Bildfläche betrat, atmete sie auf. Auch wenn sie sich selbst ihrer Gefühle zu ihm nicht mehr sicher war, verband sie ihre Ehe mit dem Wohl ihrer Kinder. Sie sollten nicht durch das tränenreiche Tal einer Scheidung gehen. Eine Erfahrung, die ihr selbst nicht erspart geblieben war.

Keiner der folgenden Tage verging, ohne dass sie mit ihren Gedanken bei Eddi gewesen wäre. So sehr sie sich auch dagegen wehrte, so sehr wuchs das Verlangen ihn wiederzusehen. Während sie nach der Arbeit mit dem Zug nach Hause fuhr, suchten ihre Augen jedes Abteil nach ihm ab. Sie ertappte sich dabei, wie die Enttäuschung darüber jedes Mal größer wurde. Inzwischen waren drei Wochen vergangen und fast hatte sie die Hoffnung aufgegeben, ihn jemals wiederzusehen, als sie ihn auf genau dem Platz entdeckte, auf dem er ihr zum ersten Mal aufgefallen war.

Es war wie ein starker Magnet, der sie anzog, nicht mehr aus seiner Intensität entlassen wollte. Sie sah nur noch ihn, nichts von dem, was sonst um sie herum geschah. Die Welt schien in diesem Moment stillzustehen. Er saß einfach nur da und sie ging auf ihn zu und küsste ihn, einfach so, als wären ihre Herzen schon seit ewigen Zeiten füreinander bestimmt. In diesem Augenblick wusste sie, dass es das Schicksal war, in dessen Hände sie sich mit diesem Kuss begeben hatte.

-4-

Das Leben ist ein Karussell, egal, wo wir es besteigen, irgendwann kommen wir wieder am Ausgangspunkt an. Die Kunst ist es, während der Fahrt nicht abzustürzen, denn ab und an suchen wir das Risiko. Wir reißen beide Hände in die Höhe, genießen den Fahrtwind, die Freiheit und das Glück des Lebens. Wer es übertreibt und den Zeitpunkt verpasst, in dem er zur Gewissheit zurückkehren sollte, weil sich das Karussell immer schneller dreht, wird dafür bezahlen.

Isabelle hatte bereits mehrere Runden auf dem Karussell hinter sich. Sie genoss das neue Glück und sie genoss die Aufmerksamkeit, die ihr Eddi entgegenbrachte. Endlich gab es jemanden, der ihr zuhörte, ihre Gefühle, aber auch ihre Sorgen und Nöte ernst nahm. War sie anfangs lediglich bereit nur eine Hand von den Haltegriffen zu lösen, war es Eddi, der sie dazu brachte, freihändig zu fahren. Sie hatte die Umklammerung ihrer Familie hinter sich gelassen und wartete nun darauf, einen weiteren Schritt an Eddis Seite zu gehen. Doch dazu musste sie aufstehen.

Sie lagen nebeneinander und schmusten, wie sie es bei jeder sich bietender Gelegenheit taten. Es ist ein Gesetz der Liebe, dass der, der sie erfährt, immer mehr davon haben will, weil sie ihm guttut. Die Sehnsucht nach diesem Glücksgefühl verzerrt uns, wenn wir es nicht ausleben können.

„Wo bist du heute mit deinen Gedanken?“, spürte Eddi ihre Abwesenheit. „Ich möchte an jedem verdammten Morgen neben dir aufwachen, wann immer ich es will, mit dir zusammen sein und mich nicht länger vor der Welt da draußen verstecken müssen.“ „Das möchte ich auch, aber du selbst bist es, die bislang Bedenken wegen der Kinder hatte.“ „Ich weiß, mein Schatz“, seufzte sie.

„Ich glaube, Hagen hat etwas bemerkt“, wechselte sie abrupt das Thema. „Wie kommst du darauf?“ „Auch wenn er sich für mich nicht sonderlich interessiert, bekam er natürlich mit, dass ich mich in den vergangenen Monaten verändert habe. Erst kürzlich sprach er mich darauf an.“ Eddis Stirn krauste sich. „Glaubst du, er ahnt etwas?“ „Gut möglich, aber im Grunde ist es mir auch egal. Soll er doch, dann ist dieses Versteckspiel endlich zu Ende.“

Eddi stieß einen tiefen Seufzer aus. „Versteh mich richtig, ich möchte auch jede Minute mit dir zusammen sein, aber wie du weißt, bin ich auch verheiratet. Ich kann Kerstin nicht im Stich lassen. Du weißt, wie hilflos sie ohne mich wäre.“ „Du hast recht, ich bin egoistisch. Genießen wir die wenige Zeit, die wir miteinander haben.“ Im selben Moment warf sie sich auf ihn, küsste und streichelte ihn, bis beide in sich verschlungen ihre Liebe in vollen Zügen auskosteten.

-5-

„He, fahr mal etwas langsamer“, forderte Rüdiger den Mann am Steuer auf. Der Polizeiobermeister war sich im Hinblick auf seine Beobachtung nicht sicher. „Ist das nicht Hagens Frau?“ „Wo?“ „Na da am Hoteleingang“, deutete Rüdiger auf ein Pärchen. „Oh Mist, ich glaube ja.“ „Arbeitet die nicht hier in Braunschweig?“ „Keine Ahnung, aber nach Arbeit sieht das nicht aus“, schmunzelte sein jüngerer Kollege süffisant. „Willst du es ihm sagen?“ Rüdiger Ziese verzog nachdenklich das Gesicht. „Wir können unseren Kollegen nicht ins offene Messer laufen lassen.“

Bereits am Abend desselben Tages ergab sich die Möglichkeit zu einem vertraulichen Gespräch mit Hagen Schade. „Wie du weißt, waren Ralf und ich heute Nachmittag bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig, um Beweismittel abzugeben.“ „Ja und?“, reagierte Hagen ungeduldig. „Vor dem Hotel Interconti sahen wir deine Frau“, fuhr Rüdiger fort. „Ja und? Isabelle arbeitet dort in der Nähe.“ „Sie war nicht allein, Hagen. Ein Mann war bei ihr und glaub mir, die Situation war eindeutig.“

Hagen schüttelte den Kopf. „Blödsinn, du musst dich verguckt haben. Wahrscheinlich sah die Frau Isabelle nur ähnlich und so gut kennst du sie ja auch gar nicht.“ „Jetzt, wo du es sagst“, lenkte der Polizeiobermeister ein. „Sicherlich irre ich mich. Ich habe deine Frau ja auch nur einmal gesehen.“ „Isabelle würde mich nie betrügen. Abgesehen davon wäre sie gar nicht dazu im Stande und wo hätte sie auch einen anderen Kerl kennenlernen sollen?“ „Also dann nichts für ungut, Hagen.“ Die Männer schlugen freundschaftlich ihre Hände ineinander. „Ich danke dir trotzdem für den gut gemeinten Hinweis.“

Natürlich hatte sich der Obermeister vor seinem Dienststellenleiter nicht die Blöße geben wollen. Aufgeschreckt hatte ihn Rüdiger auf jeden Fall, auch wenn er sich sicher war, dass ihn Isabelle nie betrügen würde. Noch bevor sein Dienst beendet war, traf er die Entscheidung, ihr nichts von der Beobachtung zu erzählen. Er war Polizist und als solcher verfügte er über eine ganze Reihe von Möglichkeiten, seine Frau zu überwachen. Noch am gleichen Abend nutzte er eine günstige Gelegenheit, um ihr heimlich ein Schlafmittel in ihren Rotwein zu mischen.

„Wie war dein Tag?“, erkundigte er sich, während er ihr das Glas reichte. „Na ja, so wie die anderen Tage halt, entgegnete Isabelle achselzuckend. Innerlich fragte sie sich, weshalb er sich erkundigte. „Gibt es einen besonderen Grund für deine Frage?“, fühlte sie sich kontrolliert. „Nö, eigentlich nicht. Wir sehen uns nur sehr wenig in letzter Zeit, da ist es doch legitim, wenn ich mal nachfrage, oder?“

„Ja klar, ich bin dein Interesse halt nicht gewohnt. Also, nach der Arbeit bin ich noch ein wenig durch die Schlossarkaden gebummelt und einen Zug später als normalerweise nach Hause gefahren. Als ich ankam, habe ich die Hausarbeit erledigt und das Abendessen zubereitet. Nebenbei habe ich Martin bei den Schulaufgaben geholfen. Habe ich deine Frage damit ausreichend beantwortet?“

„Du weißt ganz genau, wie meine Frage gemeint war“, stellte er klar. „Es gibt keinen Grund für dich, eingeschnappt zu sein. Da zeigt man mal Interesse und dann ist es auch wieder nicht recht. Weshalb beschwerst du dich dann?“ Isabelle leerte ihr Glas und schüttelte den Kopf. „Okay, wenn du es so gemeint hast, ist es ja gut, aber ehe das hier in einem Streit endet, gehe ich lieber ins Bett. Ich bin sowieso plötzlich ziemlich müde.“

„Schade, dass du mich falsch verstanden hast und der Abend auf eine so blöde Weise enden muss, aber wenn du so down bist, dann leg dich halt hin. Ich bleibe noch ein bisschen im Garten sitzen und lese noch etwas.“ „Mach das und sei mir nicht böse.“ „Schlaf gut.“

Hagen wartete eine halbe Stunde, ehe er ihr ins Schlafzimmer folgte. Zuvor hatte er ihr Handy aus ihrer Handtasche genommen. Als er sicher war, dass sie fest schlief, hielt er ihren Zeigefinger auf den Abdruckscanner, um das Gerät zu entsperren. Was er daraufhin in ihren WhatsApp Nachrichten las, verschlug ihm den Atem. Trotz allem blieb er ruhig und besonnen, während er sich die Selfies ansah, die seine Frau und ihren Liebhaber in offensichtlich glücklichen Posen zeigten.

Mit jedem Foto und mit jeder Liebesbekundung wuchs in ihm jedoch die Wut. Er überlegte, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte und ob es sich überhaupt noch lohnte, an ihrer Ehe festzuhalten. Letztlich kam er zu der Entscheidung, sich nicht kampflos wegnehmen zu lassen, was ihm gehörte. Also beschloss er, Isabelle besser zu kontrollieren. Zu allererst installierte er kurzerhand eine gute Spionagesoftware auf ihrem Handy. So war es ihm möglich, jeden ihrer Schritte zu überwachen, problemlos jede Korrespondenz zu lesen und sie sogar über ihr Handy abzuhören. Sein weiteres Vorgehen musste sich aus den Entwicklungen der nächsten Wochen ergeben.

-6-

Zurück in der Gegenwart:

„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, regte ich mich über einen Strafzettel auf, den ich meiner Meinung nach völlig zu Unrecht für falsches Parken unter dem Scheibenwischer meines Wagens vorfand. Ich hatte ihn gegenüber der Hauptkirche auf einer Parkfläche abgestellt, von der ich annahm, dass sie genau wie der angrenzende Parkplatz zum Parken freigegeben war. Natürlich hatte ich einen Parkschein gelöst und unter die Windschutzscheibe gelegt. Bei meiner Rückkehr innerhalb der erlaubten Zeit fand ich jedoch den Strafzettel vor.

Als ich daraufhin genauer nachsah, entdeckte ich ein Hinweisschild, welches alle Parkplätze auf der rechten Seite, also neben meinem Wagen, als Parkzone auswies. Genau genommen hätte ich also noch nicht einmal einen Parkschein lösen müssen, denn für meinen Parkplatz galt der Hinweis nicht und ebenso wenig existierte ein Halte- oder Parkverbotsschild. 25 Euro für nichts. Mein Widerspruch war gewiss. 

Als ich Miriam am Abend davon erzählte, regte ich mich immer noch darüber auf. „Weshalb musst du deinen Wagen auch unbedingt dort abstellen?“ „Na du hast ja deinen Dauerparkplatz im Parkhaus am ‚Rosenwall‘, aber find mal am Mittwochvormittag in der Wolfenbütteler Innenstadt ein Plätzchen, wo du deinen Wagen abstellen kannst.“ „Sei froh, dass er nicht abgeschleppt wurde“, tröstete mich mein Schatz auf ihre spezielle Art. Ich schluckte meine Antwort hinunter. Hier war offenbar Hopfen und Malz verloren.

„Gibt es eigentlich schon einen Termin für die Verhandlung gegen die KO-Tropfen-Bande?“, wechselte ich das Thema. „Wie du ja weißt, waren schon deshalb sehr komplexe Ermittlungen nötig, weil sich die Straftaten über drei Landkreise erstreckten. Natürlich wird Oberstaatsanwalt van der Waldt die Anklage vertreten.“ „Der Fall hat einigen Wirbel verursacht“, bekundete ich. „So ist es und ohne deine Ermittlungen wäre die Bande heute noch aktiv.“ „Tja, Jogi und ich sind eben immer noch ein gutes Team.“

„Hast du derzeit eigentlich eine größere Sache in der Mache?“, erkundigte sich meine liebe Frau Staatsanwältin. „Wäre ich jeden Abend pünktlich zum Essen da? Könnte ich Ramona vor dem zu Bett gehen Gutenachtgeschichten vorlesen oder mit dir zusammen die lauen Spätsommerabende im Garten genießen, wenn ich in einem besonderen Fall zu recherchieren hätte?“, reagierte ich seufzend. Mein Schatz legte mir tröstend die Hand auf die Schulter. „Es tut dir ganz gut, wieder mal etwas kürzer zu treten.“ „Meinem Geldbeutel aber leider nicht“, erwiderte ich betrübt. „Nun steck mal den Kopf nicht in den Sand, irgendwie geht es immer weiter.“

„Ja genau, mit diesem dämlichen Ticket zum Beispiel!“ Womit wir wieder am Ausgangspunkt unserer Unterhaltung angelangt waren. „Da werde ich zumindest nicht wieder parken.“ Miriam verdrehte die Augen und ging in die Küche, aus der sie mit dem nächsten Wimpernschlag mit einem Stück Mohn-Marzipan-Torte zurückkehrte. „Das ist Nervennahrung aus dem kleinsten Café der Welt in ‚Mönchevahlberg‘.“ „Das hast du extra für mich mitgebracht?“ „Natürlich“, log meine Liebste so offensichtlich, dass wir beide darüber lachen mussten.

Wie auch immer, die Torte war lecker und sie bewirkte das, was sich Miriam von ihr erhofft hatte. Meine Laune wurde wieder gut und unser Abend noch besser. Manchmal sind es eben Kleinigkeiten im Leben, die großes bewirken können.

Schon am nächsten Morgen klopfte das Schicksal an meine Tür. Um genau zu sein, es war mehr ein Läuten und es war auch nicht die Tür zu meiner Detektei, sondern das Telefon, an dem sich das Schicksal mit dem Namen meines Freundes meldete. „Hallo Christoph, was kann ich für dich tun?“ „Es gibt Arbeit“, erklärte er verheißungsvoll. „Wenn du wieder einen Ehebruch für mich hast, kannst du nicht auf meine Mitarbeit zählen.“

Die letzten drei Fälle ehelicher Untreue hatten mich derart frustriert, dass ich schon Zweifel an meiner eigenen Ehe bekam. „Nein, nein, ich kann dich beruhigen. Hast du schon von dem Messerangriff im Regionalzug bei Dorstadt gehört?“ „Wann soll das denn gewesen sein?“, entgegnete ich perplex. „Gestern, am späten Nachmittag“, informierte mich der Rechtsanwalt. „Ein mutmaßlicher Täter wurde bereits festgenommen. Hauptkommissar Sinner empfahl mich als Rechtsbeistand.“ „Hast du schon mit dem Tatverdächtigen gesprochen?“ „Um fünf Uhr heute Morgen“, stöhnte Christoph. „Und, wie ist dein erster Eindruck?“ „Er beteuert seine Unschuld.“ „Wer tut das nicht?“, reagierte ich kritisch. „Der Unterschied ist, dass ich ihm glaube“, überraschte mich mein Freund.

„Hat er ein Alibi, oder weshalb sonst bist du dir so sicher?“, forschte ich nach. „Im Gegenteil, er wurde nach der Tat sogar fotografiert.“ Mein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. „Sorry, aber wie kannst du dann von seiner Unschuld überzeugt sein?“ „Am besten kommst du in die Kanzlei und siehst dir die Fotos selber an. Dann kannst du sie am besten mit dem vergleichen, was ich bei seiner Befragung in der Polizeidienststelle von ihm machte.“ „Du scheinst dir ja sicher zu sein. Also dann bis gleich, aber bei Anne und nicht in der Kanzlei. Auf diese Weise komme ich wenigstens noch in den Genuss meines Cappuccinos.“

Kurz darauf war ich wieder einmal auf der Suche nach einem Parkplatz. Zumindest hatte ich diesmal mehr Glück. Bevor ich mich auf den Weg zum Parkautomaten machte, sah ich genau hin, ob ich nicht irgendwo ein Verbotsschild übersehen hatte. Der Parkschein war schnell gezogen und so freute ich mich auf den obligatorischen Cappuccino im Café Klatsch. Als ich jedoch durch die Bärengasse gehen wollte, musste ich feststellen, dass die gesperrt war. „Verdammte Baustelle!“, fluchte ich so laut, dass sich ein alter Herr mit Rollator zu mir umdrehte. „Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir, junger Mann, ich schimpfe nicht, obwohl es mit meiner Gehhilfe wahrlich kein Vergnügen ist.“

Am liebsten wäre ich aus Scham in der Baustelle versunken. Es ist schrecklich, wie empfindlich und verwöhnt wir geworden sind, wenn mal etwas nicht so läuft, wie wir es gewohnt sind. Gut, dass es Menschen gibt, die sich nicht scheuen, uns den Spiegel vorzuhalten.

Auf dem Weg vorbei am Ratskeller versetzte ich mich angesichts der Unebenheiten in den älteren Herrn und dachte daran, wie es einmal sein würde, wenn ich nicht mehr so gut zu Fuß bin und dann war da dieses Bild, welches zwei schottische Fußballfans zeigte, die einem Mann mit Rollator über die Straße halfen. Ein Bild, was um die Welt ging und hoffentlich viele Nachahmer finden wird.

„Ich dachte wirklich schon du kommst nicht mehr“, begrüßte mich Christoph Börner. „Du kennst doch das ewige Glücksspiel mit der Parkplatzsuche.“ „Hoffentlich ist dein Cappuccino noch warm genug?“ „Wenn du ihn zahlst, trinke ich ihn auch kalt“, zwinkerte ich meinem Freund zu. „Aber nun zu dem Grund unseres Treffens“, drückte ich ein wenig aufs Tempo. „Ich habe die besagten Fotos mitgebracht.“ Der Onkel meiner Azubine reichte mir zunächst die Bilder, die von einem der Zeugen aufgenommen wurden. Leider waren sie aus der Bewegung heraus entstanden und somit verwackelt oder verschwommen. Andere Aufnahmen zeigten den Täter lediglich im Profil oder sogar nur von hinten als er mit einem E-Roller in Richtung Bornum davonfuhr.“

Nach und nach legte ich ein Foto nach dem anderen neben meinem Cappuccino ab und nahm einen ordentlichen Schluck. „Und?“ „Man kann ihn noch trinken.“ Schließlich schüttelte ich nachdenklich den Kopf. „Wieso hat der Zeuge kein Video gemacht und nicht einfach nur draufgehalten?“ „Du weißt, wie irrational Menschen unter Stress handeln. Die Polizei ist froh, dass der Zeuge überhaupt daran dachte, Fotos zu machen.“ „Na ja, da hast du sicherlich recht.“ „Das am gestrigen Abend mit Hilfe der Zeugen erstellte Phantombild deckt sich übrigens weitestgehend mit dem, was die Fotos hergeben.“ „Ich würde sagen, da kommt eine Menge Arbeit auf dich zu.“

Als nächstes reichte mir Christoph ein Foto, dass er während des Gesprächs von seinem Mandanten gemacht hatte. Ich schaute mir alle Aufnahmen in Ruhe an, verglich sie miteinander und sah zu meinem Freund hinüber. „Also, ganz ehrlich, wenn du mich fragst, dann hätte ich deinen Mandanten auch verhaftet. Wie kam es überhaupt zu der schnellen Festnahme?“ „Es gab einen Treffer im Fahndungsportal. Mein Mandant ist leider kein Unbekannter. Er hat eine Vorstrafe wegen zivilen Ungehorsams.“ „Nun sag nur noch der Mann ist ein Klimakleber“, horchte ich auf. „Nein, nein, die Sache liegt schon länger zurück.“

„Na ja, spielt ja auch keine Rolle“, relativierte ich. „Bei der Vernehmung durch die Kripo räumte er eine außereheliche Beziehung mit dem Opfer ein.“ „Wieso sollte er sie dann töten?“, überlegte ich. „Siehst du, genau das habe ich mich auch gefragt.“ „Es sei denn, es gibt einen Grund“, fügte ich an. „Genau das ist die Frage, die mir bei seiner Verteidigung vor Gericht auf die Füße fallen könnte. Falls es zwischen den beiden etwas gab, was als Motiv für diese Tat gewertet werden kann, wird er verurteilt.“ „Das Opfer ist übrigens die Ehefrau eines Polizeibeamten aus Börßum.“

Christoph bestellte eine zweite Runde Cappuccino bei Gregor und sah mich herausfordernd an. „Ich muss wissen, ob der Ehemann etwas von der Affäre seiner Frau wusste.“ „Womit er ebenfalls ein Motiv hätte“, resümierte ich. Mein Freund nickte mir zu. „Diese Möglichkeit käme allerdings nur in Betracht, wenn er so aussieht wie dein Mandant“, gab ich zu bedenken. „Da hast du leider recht.“ „Ich sehe mir den Herrn mal etwas genauer an, wer weiß, vielleicht handelt es sich ja um Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden“, witzelte ich. „Du siehst zu viele Seifenopern im Fernsehen.“ 

„Jetzt zum wichtigsten Teil unseres Gesprächs. An wen schicke ich meine Rechnung?“ „Wieso musst du in einer solchen Situation immer an den schnöden Mammon denken?“ „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und deine Nichte hat einen besonders großen Appetit.“ „Ernsthaft Leopold, Eddi Maurer hat eine Erbschaft gemacht. Er ist also imstande, dein horrendes Honorar zu bezahlen.“ „Na dann, auf in den Kampf! Du hast mir noch gar nicht gesagt, wer den Fall bearbeitet.“ Bevor mir Christoph antworten konnte, servierte uns Gregor die bestellten Cappuccinos. „Du wirst es mit Hauptkommissar Sinner zu tun bekommen.“ „Na ja, es gibt Schlimmeres. In letzter Zeit kamen wir ganz gut miteinander zurecht.“ „Vorsichtig, es geht diesmal um die Frau eines Kollegen, da sind die Herren schon mal etwas dünnhäutiger“, warnte mich mein Freund. „Du vergisst, dass ich selber dem Verein angehörte. Gerade in so einem Fall ist Objektivität das Wichtigste.“ „Viel Glück.“

-7-

„So Mädels, lasst alles stehen und liegen und folgt mir in mein Büro.“ Ein Aufatmen ging durch den Raum, als Trude und Leonie ihre Schreibtische sich selbst überließen. „Wir haben endlich mal wieder einen interessanten Fall“, heizte ich die Spannung an, während ich die Pads für die Ermittlungswand aus der untersten Schublade meines Schreibtischs hervorkramte.

Da mir Christoph die ausgedruckte Kopie der Ermittlungsakte überlassen hatte, konnte ich ohne Verzögerung mit der Darstellung der Ereignisse und der Benennung aller bislang beteiligter Personen beginnen. „Unserem Klienten wird zur Last gelegt, gestern am späten Nachmittag um exakt 17:12 Uhr im Regionalzug der Erixx-Bahn die sechsunddreißigjährige Isabell Schade durch mehrere Messerstiche tödlich verletzt zu haben.“

Zunächst klebte ich Fotos des Tatverdächtigen und der Toten an die Wand „In der Vernehmung räumte Eddi Maurer eine Beziehung mit dem Opfer ein, stritt aber jegliche Tatbeteiligung ab. „Das hätte ich an seiner Stelle auch getan“, bekundete Leonie. „Eine Behauptung, die nur äußerst schwierig aufrechtzuerhalten sein dürfte, da unser Klient von mehreren Zeugen bei der Tat und unmittelbar danach gesehen wurde“, konfrontierte ich meine Mitarbeiterinnen mit der Realität.

„Ja, aber dann ist die Sache doch so klar wie Kloßbrühe“, resümierte Trude grüblerisch. „Sollte man zumindest annehmen“, pflichtete ich ihr bei, „…die Frage ist nur, weshalb er die Tat dennoch leugnet. „Dem Mann muss doch klar sein, dass ihm niemand glauben wird“, schüttelte Leonie den Kopf. „Unser Klient verfügt über kein belegbares Alibi und trotzdem beharrt er darauf, seiner Affäre kein Haar gekrümmt zu haben.“

Ich pappte das nächste Foto an die Wand. Es zeigte den Ehemann des Opfers. Zur Überraschung der Mädels stellte ich mittels rotem Wollfaden eine Verbindung zwischen den beiden her. „Dies ist der Ehemann der Toten, Polizeiobermeister Schade. Er arbeitet in der Dienststelle in Börßum. Die Ermordete und ihr Ehmann haben zwei Kinder“, führte ich aus. „Auch das noch“, seufzte Trude mitfühlend.

„Unser Auftraggeber und das Opfer unterhielten also laut seiner Aussage eine Romanze“, fuhr ich fort. „Genau da setzen wir an. Sie, Trude, finden alles zum Umfeld unseres Klienten heraus. Soziale Kontakte, Arbeitsplatz und seine Vergangenheit. Das volle Programm. Du, Leonie, nimmst dir das Milieu des Opfers vor.“ Ich werde inzwischen sehen, wie es um die Alibis der Herren bestellt ist. Womit ich aufmunternd in die Hände schlug. „Auf geht’s, ich will so schnell wie möglich Ergebnisse.“

Wie bei anderen Fällen auch, setzte ich mich zuallererst mit dem Wolfenbütteler Kommissariat in der Dienststelle an der ‚Lindener Straße‘ in Verbindung. Da ich von Christoph bereits wusste, dass Hauptkommissar Sinner den Fall bearbeitete, wählte ich direkt seine Dienstnummer.

„Schön, dass ich dich gleich erreiche, Tim. Hier ist Leopold. Es ist mir klar, wie viel du eben zu tun hast, deswegen rufe ich auch an. Es geht um die gestrige Messerattacke im Regio. Wie du ja weißt, vertritt Rechtsanwalt Börner den Tatverdächtigen.“ „Ich habe direkt schon auf deinen Anruf gewartet“, entgegnete der Hauptkommissar. Es war nicht weiter verwunderlich, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzten. In einem relativ kleinen Kommissariat wie dem Wolfenbütteler gab es nur eine Handvoll Ermittler.

„Wen wunderts, dass Börner gerade bei einem derart verzwickten Fall auf das beste Personal setzt, was er kriegen kann, nicht wahr?“, überzog ich genüsslich. „Ich habe wirklich nicht viel Zeit, also, was kann ich für dich tun, Leopold?“ „Aus der Ermittlungsakte geht nicht hervor, wie lange die Affäre zwischen dem Opfer und meinem Klienten bereits andauerte.“ „Die angebliche Beziehung“, verbesserte mich Tim. „Also?“ „Etwa ein halbes Jahr.“ „Wusste ihr Ehemann davon?“, hakte ich nach. „Er sagt nein.“ „Und, glaubst du ihm?“

Es dauerte einige Atemzüge, ehe der Mann am anderen Ende der Leitung antwortete. „Bis jetzt gibt es keinen Grund dafür, an seiner Aussage zu zweifeln.“ „Du weißt, worauf ich hinauswill“, nagelte ich den Hauptkommissar fest. „Falls er es wusste, hat er ein starkes Motiv.“ „Das ist mir schon klar“, pflichtete mir Tim bei. „Allerdings verfügt er auch über ein starkes Alibi. Er war zur Tatzeit mit einem Kollegen auf Dienstfahrt.“ „Was ist mit dem Tatverdächtigen, kann er für die Zeit ebenfalls einen Nachweis erbringen?“, fragte ich der Ordnung halber nach. „Angeblich bekam er von Isabelle Schade eine Nachricht, in der sie ihn zu einem ihrer Treffpunkte bestellte. Er gibt an, dort eine Zeitlang vergebens auf sie gewartet zu haben. Als sie nicht kam, habe er versucht sie zu erreichen, doch ihr Handy wäre angeblich aus gewesen.“

„Okay, da gibt es ja Mittel und Wege, um die Geräte zu überprüfen.“ „Leider nur sein Handy, denn ihres wurde vom Täter mitgenommen.“ „Falls es eine solche Nachricht gibt, würde sie ihn entlasten“, gab ich zu bedenken. „Falls…“ „Es wäre sehr nett, wenn du mich über das Ergebnis der Handy-Auswertung auf dem Laufenden hältst.“ „Dich nicht, aber Rechtsanwalt Börner ganz sicher. Du kennst doch die Rechtslage.“ „Im Gegenzug gebe ich dir Bescheid, wenn sich bei meinen Recherchen etwas ergeben sollte“, versprach ich.

Ich fragte mich, weshalb mir Christoph nichts von der besagten Nachricht erzählt hatte und sah in die Ermittlungsakte. Die Notiz befand sich an einer Stelle, an der ich sie genauso übersehen hätte. Ein Hoffnungsschimmer, nicht mehr, aber immerhin ein Indiz, welches Eddi Maurer entlasten konnte. Beim Studium der Ermittlungsakte fiel mir vor allem die Kaltschnäuzigkeit auf, mit der sich der Täter im Zug bewegt hatte. Es war ihm offenbar vollkommen egal, ob die Zeugen sein Gesicht sahen oder nicht. Der mitgeführte Elektroroller deutete darauf hin, dass die Tat von langer Hand geplant war. Ich musste herausfinden, was für ein Mensch mein Klient war und ich musste ihn persönlich treffen, um mir ein Urteil über ihn bilden zu können.

Es klopfte an meiner Bürotür. „Herein!“ Ich hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber ganz gewiss nicht damit, dass Leonie daraufhin hereinkam. „Was ist denn mit dir los? Das war das erste Mal seit Beginn deiner Ausbildung vor zwei Jahren, dass du anklopfst, bevor du in mein Büro stürmst.“ „Keine Ahnung, was Sie hier drinnen so treiben, nachher werde ich die Bilder nicht mehr los.“ Das Entsetzen stand mir ins Gesicht geschrieben. „Was denkst du nur von mir?“ „Nur das Beste Chef, aber weswegen sind Sie sonst so versessen darauf, dass ich erst anklopfe, bevor ich Ihr Büro betrete?“ „Okay, du hast gewonnen, kein Klopfen mehr.“

Innerlich schmunzelte ich. Dieses kleine Luder verstand es immer wieder die Dinge so zu drehen, wie es ihr am besten in den Kram passte. Natürlich hatte ich das kleine Manöver sofort durchschaut.

„Ich bringe Ihnen einen ersten Zwischenstand unserer Recherchen.“ „Na dann lass mal hören.“ „Die Familie Schade lebt seit etwa drei Jahren in Börßum ‚Oderblick‘ 2b. Trude hat Ihnen ein Foto des Einfamilienhauses ausgedruckt.“ „Sehr, sehr schön“, lobte ich. „Es gibt den zwölfjährigen Martin und die vierzehnjährige Finja. Beide sind gemeinsame Kinder der Eheleute, die seit zwölf Jahren verheiratet sind. Sie ist sechsunddreißig, er siebenunddreißig Jahre alt.“ „Dann ist die Tochter also vorehelich zur Welt gekommen“, sinnierte ich. „Sieht ganz so aus, Chef.“

„Wahrscheinlich steckte Hagen Schade bei der Geburt der Tochter noch in der Ausbildung.“ „Soll Trude da auch noch mal nachforschen?“, fragte Leonie nach. „Nein, nicht nötig.“ „Er wurde erst vor drei Jahren nach Börßum versetzt, sie arbeitet schon seit 2014 bei Mittelmayer in Braunschweig. Die letzten vier Jahre als Chefsekretärin.“ „Gibt es in den sozialen Medien Fotos von der Familie oder von Familienangehörigen?“ „Bislang wurde Trude noch nicht fündig, aber sie ist dran.“ „Gut, was hast du zu unserem Klienten herausgefunden?“ „Eddi Maurer ist achtunddreißig Jahre und arbeitet als Verwaltungsfachangestellter bei Alba.“

„Laut Ermittlungsakte hat er mehrere Vorstrafen“, informierte ich meine Azubine. „Okay, aber dazu fand ich jetzt nichts“, räumte Leonie verblüfft ein. „Schon klar, war nur eine Info.“ „Er ist verheiratet mit Elke…“ „Moment!“, unterbrach ich sie. „Eddi Maurer ist ebenfalls in festen Händen?“ „Seit sechs Jahren. Auf dem Weg in die Flitterwochen hatten er und seine Frau einen schweren Verkehrsunfall, bei dem sie so schwer verletzt wurde, dass sie seither im Rollstuhl sitzt.“ „Wenn das nicht tragisch ist, dann weiß ich auch nicht“, seufzte ich. „Das ist trotzdem kein Grund, seine Frau zu bescheißen!“, ließ Leonie kein Verständnis aufkommen.

Prinzipien sind sicherlich etwas Gutes. Sie lassen auf den Charakter schließen und sorgen für eine gewisse Ordnung, aber sie werden vor allem dann schnell bemüht, wenn sie von Menschen aufgestellt werden, die nie in eine Situation gerieten, in der man Grundsätze verletzen musste. Prinzipienreiter und Krümelkacker gibt es leider wie Sand am Meer, Menschen mit einem Sinn für Verständnis immer weniger.

„Komm du erst einmal selber in eine vergleichbare Situation, bevor du dir ein Urteil anmaßt“, hielt ich dagegen. „Ich finde, es spricht eher für unseren Klienten, dass er seine Frau nicht im Stich ließ.“ „Na, das wäre ja noch schöner“, ließ sich Leonie nicht beirren. „In guten, wie in schlechten Zeiten.“

„Ist Eddi Maurer auf Facebook, Instagram und Co unterwegs?“, wechselte ich das Thema. „Leider konnte ich seinen Account auf Facebook nicht knacken, aber ich fand einige Fotos die er viral stellte. Die meisten davon wurden in ‚Melverode‘ am ‚Südsee‘ aufgenommen.“ Leonie legte mir die Ausdrucke der Bilder vor. Sie waren alle von dem gleichen Standort aus aufgenommen. Ich raffte die Aufnahmen vom See und die Fotos zusammen, die wir von unserem Klienten und von Isabelle Schade hatten. „Genau da fahren wir jetzt hin. Vielleicht wurden sie dort gesehen. Im Anschluss geht es in die ‚Görlitzstraße‘ nach ‚Melverode‘.“ „Sie wollen seine Frau aufsuchen, Chef?“, fragte Leonie verwundert. Ich wog nachdenklich den Kopf. „Zumindest sollten wir uns erkundigen, ob sie unsere Hilfe braucht.“ „Ja natürlich“, stimmte sie mir zu.

-8-

„Du solltest dir ein paar Tage freinehmen, Hagen“, riet ihm Rüdiger Ziese. Sein Vorgesetzter, Kollege und Dienststellenleiter in Börßum wollte in der Wache kein Gerede aufkommen lassen. Immerhin hatten er und ein weiterer Kollege die Frau von Hagen Schade vor einem Hotel in Braunschweig mit einem anderen Mann gesehen. „Nee, lass mal, daheim fällt mir nur die Decke auf den Kopf“, entgegnete der Polizeiobermeister. „Deine Kinder brauchen dich jetzt“, wurde Ziese eindringlicher. „Meine Mutter kümmert sich, Rüdiger,“ schien Hagen immer noch nicht zu verstehen. „Das war kein Vorschlag“, wurde der Dienststellenleiter nun direkt. „Ich halte es auf Grund der laufenden Ermittlungen für geboten, dich bis auf Weiteres zu beurlauben. Strenggenommen könnte man dir ein Motiv unterstellen.“

Hagen schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist ja wohl nicht dein Ernst!“ „Glaub mir, diese Maßnahme bereitet mir alles andere als Freude, aber die Bezirksdirektion in Salzgitter hält sie angesichts der Umstände für unumgänglich.“ „Ich verstehe, genauso wie all die Überstunden, für die ich gut genug war und meinen Kopf, den ich immer wieder hinhalten durfte, wenn die Kacke am Dampfen war. Ich habe verstanden!“

Hagen entlud seine Waffe und legte sie zusammen mit seinem Dienstausweis auf den Schreibtisch des Dienststellenleiters. „Den Ausweis brauchst du nicht abgeben.“ „So? Ich weiß noch gar nicht, ob ich ihn überhaupt wiederhaben will.“ „Mensch Hagen, mach keinen Mist“, versuchte ihn Rüdiger zu beschwichtigen. „Es ist doch nur solange, bis der Tatverdächtige überführt wurde.“ „Und wann soll das sein? In der Zwischenzeit zeigen unsere Nachbarn und Freunde mit dem Finger auf uns und in der Schule zerreißen sich die Mitschüler meiner Kinder das Maul! Du weißt doch ganz genau, wie das läuft.“ „Sorry, ich kann es nicht ändern.“

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„Wie kamst du eigentlich auf den Segelclub?“, fragte ich Leonie. „Ich habe schon mal auf der Terrasse des Cafés gesessen und konnte mich an den Blick über den ‚Südsee‘ erinnern. Ich bin mir sicher, dass es sich um dieselbe Perspektive wie auf dem Foto handelt.“ Ich pfiff anerkennend. „Das erhöht die Chance, dass die beiden vom Personal des Cafés wiedererkannt werden“, mutmaßte ich.

„Ein schönes Fleckchen Erde, was sich die beiden Turteltauben da ausgesucht haben“, befand ich, während mein Blick die Anlage sondierte. „Ich frage mich nur, wo sie von hier aus nach dem Kaffeetrinken hingegangen sind“, sprach Leonie meine Gedanken aus. „Klären wir doch zunächst, ob sich jemand an sie erinnern kann“, offenbarte ich meiner Azubine die Reihenfolge unserer Ermittlungen.

Als ich ihr vorschlug, dass sie sich das Café Relax vornimmt und ich den Segelclub, geschah dies nicht ohne Hintergedanken. Ich hatte da eine Idee. „Sie sind der Chef.“ „Das stimmt.“ Wir trennten uns also. Auch wenn es noch einige Vorbehalte gegen den Stil gab, den Leonie bei der Befragung möglicher Zeugen zutage legte, war es an der Zeit, ihr das Vertrauen zu schenken. Irgendwie bekam sie letztlich ja doch meistens Auskunft.

„Hallo, mein Name ist Lessing“, stellte ich mich im Büro des Segelclubs vor. Als nächstes rief ich das Foto meines Auftraggebers auf dem Display meines Handys auf. „Haben Sie den Herrn hier schon einmal gesehen?“ „Wir geben prinzipiell keine Auskünfte zu unseren Mitgliedern heraus“, erwiderte der Herr hinter dem Schreibtisch. Ich horchte auf. Sollte ich mit meiner Idee richtigliegen? Mein Klient war also Mitglied in diesem Segelclub. „Ich recherchiere für den Rechtsanwalt von Herrn Maurer. Es wäre in seinem Interesse, wenn Sie sich an ihn erinnern“, erklärte ich die Situation. Gleichzeitig schob ich einen Schein unter mein Handy und zeigte ihm ein weiteres Mal das Foto meines Auftraggebers.

„Also, wenn es im Interesse unseres Mitglieds liegt, kann ich bestimmt eine Ausnahme machen.“ Er zog den Zwanziger unter dem Handy hervor und tütete ihn ein. „Der Herr ist seit zwei Monaten Pächter der ‚Isodora‘. Der Eigentümer ist für ein Jahr im Ausland und hat das Nutzungsrecht für das Boot während dieser Zeit auf Herrn Maurer übertragen.“ „Ich wusste gar nicht, dass so etwas üblich ist“, entgegnete ich verblüfft. „Oh doch, das ist gar nicht so selten.“ Ich horchte auf. „Vielleicht wäre das auch eine Option für mich“, überlegte ich. „Nur zu, wir freuen uns über jedes neue Mitglied“, lächelte er ein weiteres Mal. Ich fragte mich, ob er wegen des Trinkgelds so freundlich zu mir war.

„Kehren wir zum eigentlichen Grund meines Besuchs zurück“, besann ich mich, während ich das Foto von Isabelle Schade aufrief. „Haben Sie diese Frau in der Begleitung mit Herrn Maurer gesehen?“ Er zog die Brauen hoch, so dass sich seine Stirn krauste. „Die beiden kommen jede Woche, gehen zusammen auf das Boot, fahren ein Stück weit hinaus und kehren nach etwa zwei Stunden wieder zum Anleger zurück.“ Der Mann hinter dem Schreibtisch lächelte süffisant. „Das Segeltuch ist bei der Rückkehr genauso verzurrt wie es bei der Ausfahrt ist. Also, wenn Sie mich fragen, fahren die Zwei ganz sicher nicht zum Segeln auf den See hinaus.“

„Können Sie mir die ‚Isodora‘ zeigen?“ „Die liegt am linken Steg. Etwa in der Mitte.“ „Ist es Ihnen recht, wenn ich mich ein wenig auf dem Boot umsehe?“ Er sah mich nachdenklich an. „Sie können mir ja viel erzählen, woher soll ich wissen, dass Sie wirklich im Interesse unseres Mitgliedes handeln?“ „Die Frau wurde ermordet!“, schockte ich ihn. „Herr Maurer steht unter Verdacht und ich arbeite für seinen Rechtsanwalt.“ „Er war das letzte Mal vergangene Woche Freitag mit der Frau hier“, erinnerte er sich. „So verliebt, wie die beiden waren, hätte er ihr im Leben nichts antun können“, bekundete mein Gegenüber. „Niemals!“

„Was ist nun mit dem Boot?“ Er öffnete einen Schlüsselschrank, der sich hinter ihm an der Wand befand und reichte mir seufzend den Schlüssel für die ‚Isodora‘. „Für Notfälle haben wir für jedes Boot einen Schlüssel hier“, erklärte er. „Wenn das kein Notfall ist, dann weiß ich auch nicht.“ Ich bedankte mich und versprach, den Schlüssel so bald wie möglich wieder zurückzubringen.

Auf dem Weg zum linken Bootssteg entdeckte ich meine Azubine. Sie beugte sich mit dem Rücken zu mir nach vorn über die Brüstung der Caféterrasse und sah über den See. „Warst du erfolgreich?“, riss ich sie aus ihren Gedanken. „Unser Klient war jede Woche mindestens einmal hier. An Frau Schade konnte sich die Bedienung leider nicht erinnern, aber ich bin mir sicher, dass sie lügt.“ „Woran machst du deine Einschätzung fest?“, erkundigte ich mich neugierig. „Als ich ihr das Foto zeigte und sie nach der Toten fragte, ging die Pupille ihres linken Auges bei ihrer Antwort nach links oben.“

Ihre Beobachtungsgabe war beeindruckend. Es gab nur wenige Ermittler, die mit der modernen Verhörtechnik vertraut waren und schon gar nicht so junge. „Du hast recht, sie belog dich“, bestätigte ich ihre Einschätzung. Als sie mich daraufhin verwundert ansah, ließ ich den Bootsschlüssel an meinem Finger lausbübisch baumeln. „Der gehört zu der ‚Isodora‘. Die zwei waren nicht nur jede Woche hier, sie fuhren auch mit dem Segelboot für etwa zwei Stunden auf den See hinaus.“

Ich deutete auf den links gelegenen Bootssteg. „Da vorn liegt sie. Wir dürfen uns darauf umsehen.“ „Dann sollten wir uns besser sputen, bevor Sinner auf die gleiche Idee kommt“, mahnte Leonie zur Eile. Wir gingen etwa einhundert Meter über einen geteerten Weg und bogen dann nach rechts ab, um gleichdarauf auf einen Holzsteg zu gelangen. Der Mann im Büro wusste, wovon er sprach, als er die ‚Isodora‘ in der Mitte des Stegs wähnte.

„Segeln ist nichts für mich“, erzählte die junge Frau an meiner Seite. „Ich bin mal mit meinem Vater mitgefahren. Ist lange her“, seufzte sie. „Ich weiß nur noch, dass ich ihm nichts recht machen konnte und dass er hinterher total sauer auf mich war, weil ich irgendwas kaputtgemacht habe.“ „Wie alt warst du da?“, hakte ich nach. „Keine Ahnung, aber nicht älter als zehn.“ „Ah ja“, entgegnete ich mir meine Antwort denkend.

Leonie sprach nur sehr selten über ihre Eltern. Meistens waren diese Erzählungen von eher negativen Erinnerungen geprägt. Christoph hatte mir bei der Bitte, seine Nichte in meiner Detektei unterzubringen, lediglich von ihrem schlechten Verhältnis zu ihren Eltern berichtet. Die Tatsache, dass sie mehrere Ausbildungen geschmissen hatte, interessierte mich damals nur unwesentlich. Ich mache mir gern mein eigenes Bild und das wird eher von Charakter geprägt als von der Norm.

„Da ist sie!“, deutete Leonie auf die ‚Isodora‘. „Das ist ein Jollenkreuzer“, erklärte ich. Leonie sah mich verwundert an. „Diese Bootsvariante wurde bis etwa 1980 gebaut. Er eignet sich vor allem für Binnengewässer.“ „Woher wissen Sie das, Chef?“ „Ein Traum, der wahrscheinlich nie in Erfüllung geht“, entgegnete ich schwermütig. „Sehn wir zu, dass wir an Bord kommen.“

„Ich hatte ganz vergessen, wie wackelig es auf so einem Boot ist“, bemühte sich Leonie das Gleichgewicht zu halten. „Pass bloß auf, dass du nicht über Bord gehst“, mahnte ich, während ich in den vorderen Bereich der Jolle wechselte. Am Einstieg angelangt, schob ich die Abdeckung nach hinten und kraxelte die Stufen hinunter. Die Kajüte war verschlossen. Ohne den Schlüssel wäre hier Schluss gewesen. Bevor ich irgendetwas berührte, zog ich mir Einmalhandschuhe an.

„Achte auf deinen Kopf, wenn du mir nachkommst und zieh die Handschuhe an. Wir wollen keine vorhandenen Spuren kontaminieren.“ Obwohl das Boot schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, befand sich die Einrichtung der Kajüte in einem tadellosen Zustand. „Wow, ich hätte gar nicht gedacht, dass hier unten so viel Platz ist“, staunte meine Azubine. „Ein kuscheliges Liebesnest.“ „Sie glauben, unser Klient und das Opfer trafen sich hier zu unbeschwerter Zweisamkeit?“ „Wozu sonst?“

Wir begannen die Kajüte nach einem Beweis für die Besuche des Opfers abzusuchen. Während sich Leonie den Boden vornahm, kümmerte ich mich um die Kissen und Polster, als plötzlich etwas zu Boden fiel. „Ach, da schau her“, entdeckte ich ein kleines Goldkettchen, wie es am Handgelenk oder am Fuß einer Frau getragen wurde. „Hübsch“, befand sie. „Sicherlich kein Herrenschmuck. Es sei denn, unser Klient hat derart zarte Fesseln.“ Ich machte einige Aufnahmen vom Fußkettchen, legte es an die Stelle zurück, an der ich es gefunden hatte und schoss einige Fotos vom Fundort und letztlich vom Liebesnest.

„Woher haben Sie denn jetzt die Folie?“, fragte Leonie überrascht, als sie mitbekam, wie ich den Haltegriff neben der Treppe damit abklebte. „Ein guter Detektiv ist stets vorbereitet“, entgegnete ich altklug. „Ja schon, aber weshalb haben Sie dann die Folie dabei?“ Luder, dachte ich ohne eine passende Antwort parat zu haben. Das Holzgeländer war glatt genug, um darauf eine Fülle von Fingerprints sicherstellen zu können. Die Frage war nur, ob sich auch die Abdrücke von Isabelle Schade darauf finden ließen.

„Dürfen wir das denn eigentlich?“, fragte Leonie nach, während ich die Folie vorsichtig wieder abzog und auf einem Träger sicherte. „Nun ja, ich nehme sie ja nur vom unteren Bereich des Geländers ab. Dieselben Prints, die wir unten sicherstellen, dürften sich auch im oberen Bereich befinden. Ich entferne also nichts, was nicht noch mehrfach an diesem Ort vorhanden wäre.“ „Hauptsache die Polizei sieht das ebenso“, unkte meine sonst so unbekümmerte Azubine.

„Um gar nicht erst in eine mögliche Erklärungsnot zu geraten, sollten wir diesen Ort der Freude jetzt besser verlassen“, griff ich ihre Bedenken letztlich auf, um möglichen Vorwürfen der Kripo aus dem Weg zu gehen. Keine Minute zu früh, wie uns nach der Rückgabe des Kajüten-Schlüssels bewusst wurde.

„Was machen Sie denn hier, Herr Lessing?“, trafen wir auf dem Weg zu meinem Wagen ausgerechnet auf Kommissar Schubert. „Ach hallo, das ist aber eine wirklich nette Überraschung“, entgegnete ich freundlich. „Allein unterwegs?“ „Na ja, Sie wissen ja selbst, wie das ist, gerade zu Beginn einer Mordermittlung gibt es eine Fülle von Hinweisen, denen wir nachgehen müssen.“ „Da haben wir es glücklicherweise etwas besser“, log ich. „Meine Mitarbeiterin und ich haben uns einfach mal eine kleine Auszeit an diesem wunderbaren Fleckchen Erde gegönnt. Abgesehen davon spiele ich schon lange mit dem Gedanken, mir auch irgendwann ein Segelboot zuzulegen.“ Schubert sah mich irritiert an. „Ich muss zugeben, Herr Lessing, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut.“

Nicht mal Schubert glaubte mir diesen Blödsinn. „Es sei Ihnen vergönnt, Hauptsache Sie stören uns nicht bei unseren Ermittlungen.“ „Sie kennen mich doch.“ „Deswegen gebe ich Ihnen ja den Rat sich rauszuhalten, Herr Lessing.“ „Na dann, bis bald.“ „Ui, das war knapp“, schnappte Leonie nach Luft. „Warum? Wir haben nichts Ungesetzliches getan“, flunkerte ich ein weiteres Mal. „Na ja, Sie wissen schon, dass der Diebstahl von Beweismaterial eine Straftat ist“, wandte meine Azubine ihr erlerntes Wissen an. „Bislang handelt es sich lediglich um Spuren, die wir gesichert haben, nicht mehr, nicht weniger.“

 

 

Detektei Lessing

 

Band 51

 

Keine Soko für Remlingen

1

Es war einer dieser diesigen Morgen, als Manfred Junge zusammen mit zwei Freunden unweit einer Erkundungsbohrungen des Forschungsbergwerks Asse im angrenzenden Waldgebiet Bäume fällte. Er tat dies bereits seit vielen Jahren, obwohl er in seinem Job als Bergmann eigentlich genug gefordert war. Der Groß Vahlberger arbeitete gern im Wald, weil ihm die Natur einen Ausgleich bot und weil sie ihn über ein düsteres Kapitel seines Lebens hinweghalf.

„Baum fällt!“, rief einer seiner Freunde und im nächsten Augenblick kippte der mächtige Baum zur Seite. Auf seinem Weg durch die neben ihm stehenden Buchen zerriss er den feuchten Nebel, der sich hartnäckig in ihren Baumwipfeln hielt. Krachend schlug er auf dem Waldboden auf. Äste brachen wie Streichhölzer, knackten wie dünne Schaschlikspieße. Trockenes Laub und Erdreich wirbelte auf und allerlei Vögel flatterten von Panik getrieben durch die Luft. Es dauerte, ehe der Wald wieder zur Ruhe kam.

Doch die einsetzende Stille wurde jäh durch das laute Knattern einer Kettensäge erneut zerstört. Manfred klappte das Visier seines Helms herunter und setzte die Säge an, um den Stamm von seinen Ästen zu befreien. Er hatte das Schwert gerade angesetzt, als er in dem aufgewühlten Erdreich unter dem Stamm etwas merkwürdiges entdeckte. Er zögerte, schaltete die Kettensäge wieder aus und rief einen seiner Freunde.

„Micha, trägst du deine Taschenlampe am Mann?“ „Hast du eine goldene Gans gefunden?“, witzelte sein Feuerwehrkamerad. „Wer weiß“, entgegnete Manfred vage. Nachdem Micha den Lichtkegel seiner Taschenlampe unter den Stamm richtete, erschraken die Männer und wichen zurück. „Ach du Scheiße, ein Toter“, stellte Micha entsetzt fest. „Wer weiß, wie lange der hier schon liegt?“, fasste sich Manfred als erster.

„Hast du dein Handy einstecken?“, fragte er Micha. „Was? Nee, ich glaub nicht.“ „Was steht ihr zwei da herum und haltet Maulaffenpfeil?“, rief ihnen Ralf Kortegast im selben Moment zu. „Hast du dein Handy einstecken?“, wiederholte Manfred seine Frage. „Ja, wieso? Hat sich jemand verletzt?“ „Ruf die Polizei“, entgegnete Micha eindringlich, „...hier unter dem Stamm liegt ein Toter.“ Ralf Kortegast glaubte seinen Freunden nicht und überzeugte sich persönlich. Als er den blanken Schädel sah, reagierte er entsetzt. „Um Himmels Willen.“ Er wandte sich ab, zückte sein Telefon und informierte die Polizei.

Polizeioberkommissarin Kim Haufe und ihr Kollege, Kommissar Arnold Seidel, waren die ersten am Fundort. Die Leiterin der Polizeistation Schöppenstedt war beim Anblick des Schädels nicht weniger schockiert als die Holzfäller. „Wann können wir den Baum weiterbearbeiten?“, fragte Ralf Kortegast. „Solange die Kriminalpolizei und die Spurensicherung den Fundort nicht gesichert haben, bleibt alles, wie es ist“, entgegnete die Oberkommissarin unmissverständlich.

Eine gute Stunde später wimmelte es im Wald von Kriminaltechnikern, Ermittlern des Kommissariats Wolfenbüttel und Mitarbeitern der Rechtsmedizin. Das Gelände um den Fundort war weiträumig mit Trassierband abgesperrt und das THW war für die Bergung des Baumstamms angefordert.

Manfred Junge und seine Freunde beobachteten das Treiben aus einiger Entfernung. „Was für ein Blödsinn“, schüttelte Micha den Kopf. „Anstatt uns den Stamm abtransportieren zu lassen, lassen die extra das THW anrücken.“ „Weshalb einfach, wenn es auch umständlich geht?“, entgegnete der Bergmann. „Was glaubt ihr, wie lange der Schädel da schon liegt?“, stellte Ralf die Frage, die seine Freunde ebenso beschäftigte.

Der frisch gebackene Hauptkommissar Sinner von der Dienststelle in Wolfenbüttel hörte aufmerksam zu, als ihm der Pathologe einen ersten Eindruck von dem gefundenen Schädel gab. „Diese Stelle ist nicht das eigentliche Grab. Tiere müssen den Schädel ausgegraben und hierher verschleppt haben. Es gibt eindeutige Hinweise auf Wildfraß.“ Womit Doktor Schnippler auf die besagten Spuren am Schädel deutete.

„Auch das noch“, griff sich Schubert grüblerisch an den Kopf. „Das bedeutet ja, dass sich das Grab ein ganzes Stück weit entfernt befinden kann.“ „Nicht nur das, die Knochenteile könnten über das gesamte Gelände verstreut sein“, sorgte der Pathologe für einen weiteren Schockmoment bei den Ermittlern. „Können Sie denn schon sagen, wie lange der Schädel hier lag?“, hakte Sinner nach. „Sorry, aber ich habe meine Glaskugel nicht dabei“, erwiderte Doktor Schnippler teils beißend, teils ironisch. „Solange ich nicht zumindest den überwiegenden Teil des Skeletts untersuchen kann, ist dies reine Spekulation.“

Kurz darauf suchten alle vor Ort befindlichen Einsatzkräfte mit Suchlanzen und Stöcken den Waldboden nach weiteren Knochenteilen ab. Zur Unterstützung wurden Leichenspürhunde aus dem Harz und aus Hannover angefordert. Eventuell vorhandene Täterspuren gingen bei der Suche verloren. Ein Manko, welches leider in Kauf genommen werden musste, um einen möglichst kompletten Leichnam beerdigen zu können.

„Fund!“, rief einer der Einsatzkräfte, als sein Hund anschlug. Als sich daraufhin eine Lanze ohne großen Widerstand einen halben Meter tief ins Erdreich stechen ließ, war dies ein weiteres Indiz dafür, dass man das eigentliche Grab gefunden hatte. Der Rechtsmediziner und die Mitarbeiter der Spurensicherung legten daraufhin die Knochen frei, die in dem Erdloch verblieben waren. Anschließend entnahmen sie diese und legten sie auf einen Tisch, der sich in einem Zelt befand, welches vom THW aufgestellt wurde.

„Gibt es, abgesehen vom Leichnam, irgendwelche Gegenstände, die auf die Identität der Person hindeuten könnten?“, erkundigte sich Kommissar Schubert bei Ruprecht Ramsauer. Der Leiter der Spurensicherung reichte ihm zwei Tüten, in denen sich ein Schlüsselbund und ein Damenschuh befanden. „Kein Handy?“ „Sonst noch Wünsche?“ „Wie wäre es mit einem Ausweisdokument?“ „Es gibt noch einige Stoffreste. Mal sehen, ob sich daraus etwas rekonstruieren lässt.“ „Wie lange die Leiche hier ungefähr lag, können Sie wohl noch nicht sagen?“, hakte Hauptkommissar Sinner nach. „Vielleicht drei Jahre, vielleicht aber auch zehn“, zuckte Ramsauer mit den Achseln. „Zumindest dürfte es sich um eine Frau handeln.“

„Das kann ich bestätigen“, gesellte sich Doktor Schnippler dazu. „Das Becken unseres Skeletts ist eindeutig weiblich. Nicht älter als zwanzig Jahre, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt einschätzen. Genaueres wie immer erst nach der Obduktion.“ „Natürlich“, nickten ihm die Ermittler zu. Da die Kommissare an dieser Stelle nichts mehr tun konnten, kehrten sie mit den Fundstücken ins Kommissariat zurück, um alle Vermisstenfälle der letzten Jahre zu einer ersten Bestandsaufnahme unter die Lupe zu nehmen.

Nach und nach wurde klar, welche Knochenteile fehlten. Somit ging die Suche weiter. Immer wieder gellte der gleiche Ruf durch den Wald. „Fund!“ Immer wieder begaben sich die Leute der Spurensicherung an den Fundort, sicherten und dokumentierten mit Fotos, trugen das Gebein in eine Übersichtskarte des Waldstücks ein und brachten es zu Doktor Schnippler ins Zelt. Somit komplettierte sich das Skelett bis zum Abend fast vollständig.

Als das Tageslicht mehr und mehr der Dunkelheit der Nacht weichen musste, wurde die Suche bis auf Weiteres eingestellt und der Leichnam in das Rechtsmedizinische Institut nach Braunschweig gebracht. Doktor Schnippler wandte die neuesten Verfahren zur Bestimmung des Alters und zur Ermittlung der Verweildauer des Körpers und somit zur Bestimmung des wahrscheinlichen Todeszeitpunkts und der Ursache an. Letztlich bestätigten sich seine ersten Aussagen zum Geschlecht und zum Alter. Da der Unterkiefer immer noch fehlte, konnte nicht das komplette Gebiss fotografiert werden. Dies erschwerte die Identifizierung der Toten zusätzlich.

2

„Hast du eine Ahnung, wie viele Frauen in den letzten zehn Jahre in Niedersachsen als vermisst gemeldet wurden?“, stöhnte Kommissar Schubert. „Hundert?“, schätzte Sinner nachdenklich. Sein Kollege schüttelte den Kopf. „Da kannst du noch eine Null dranhängen.“ „Oh je, dann solltest du wohl besser einige Filter in die Suche eingeben. Ich denke auch, dass du dich erst einmal auf die Landkreise Wolfenbüttel, Helmstedt und Salzgitter beschränken solltest. Laut Rechtsmedizin war die Frau etwa zwanzig.“  „Gut, dass wird die Anzahl sicherlich schon verkleinern. Vielleicht könnte ich zusätzlich noch einige Details eingeben. Die Spusi fand mehrere blonde Haare und den Metallknopf einer Jeans, der nur von einem Markenhersteller verwendet wird.“ „Probier´s aus, vielleicht bringt´s was“, ermutigte ihn sein Kollege.

„Ich sehe mir inzwischen die Auswertung des Schlüsselbunds genauer an“, bemerkte Sinner. Die KTU hatte keinerlei Fingerabdrücke oder DNS-Material daran sicherstellen können. Feuchtigkeit im Erdreich und die Zeit hatten ganze Arbeit geleistet. Der zum Bund gehörende Bartschlüssel wurde einem einfachen Schloss ohne Zylinder zugeordnet, wie sie überwiegend für Zimmertüren verwendet wird. Der ebenfalls daran befindliche Sicherheitsschlüssel passte laut Bericht zu einer Wohnungs- oder Haustür. Ein weiterer kleiner Schlüssel wurde offenbar für ein Fahrradschloss oder ähnlichen verwendet. Die größte Aussicht auf Erfolg versprach allerdings ein kleiner Buddah-Anhänger aus Messing.

„Oh, die Filter haben es gebracht“, atmete der Kommissar auf. „Jetzt sind es nur noch drei Fälle, die in Frage kämen. Eine Vermisstenanzeige wurde von einer Frau aus Remlingen gestellt“, las Schubert vom Monitor seines Computers ab. „Das klingt ja schon mal recht vielversprechend. „Wie heißt die Frau?“ „Regina Schneider, ‚Siehenweg‘ Nummer 6“, ergänzte er. „Dann würde ich sagen, dass wir bei Frau Schneider anfangen“, schlug Sinner vor. „Vielleicht solltest du uns telefonisch ankündigen. Nicht das wir am Ende vor der Tür stehen und Frau Schneider wohnt gar nicht mehr dort.“

Eine halbe Stunde später saßen die Kommissare im Wohnzimmer der Reinigungskraft. „Haben Sie inzwischen etwas von Ihrer Tochter gehört?“, erkundigte sich der Hauptkommissar. „Weder von Marina noch von der Polizei“, reagierte sie vorwurfsvoll. „Nicht mal ein halbes Jahr, nachdem sie verschwunden war, wurde der Fall doch schon zu den Akten gelegt. Ein Kollege von Ihnen war hier und sagte, Marina hätte sicherlich einen Grund gehabt, weshalb sie von zuhause abhaute.“ „Das hätte er nicht sagen dürfen“, schüttelte Sinner mit dem Kopf. „Wer weiß, vielleicht hatte er ja Recht?“

Regina Schneider liefen die Tränen über das Gesicht. „Aber Sie kommen doch nicht einfach nur, um sich nach meiner Tochter zu erkundigen. Sie haben Marina gefunden“, schlussfolgerte sie. „Sie ist tot, stimmts?“ „Wir haben tatsächlich eine Leiche gefunden, aber wir können noch nicht sagen, ob es sich um Ihre Tochter handelt“, seufzte Schubert, während er ihr gleichzeitig ein kleines Tütchen mit dem Schlüsselbund reichte. Frau Schneider sah auf den Beutel und presste ihn sich auf die Brust. „Ich habe es von Anfang an geahnt. Weshalb hätte sie weglaufen sollen? Sie hatte es doch gut bei mir.“

„In der Vermisstenanzeige gaben Sie an, dass Ihre Tochter bei ihrem Verschwinden eine Jeans trug. Können Sie sich noch an die Marke erinnern?“ „Natürlich“, nickte sie schniefend. „Miss Sixty. Sie hatte wochenlang auf die Hose gespart. Ich konnte ihr keine so teure Jeans kaufen, deshalb haben wir zusammengeschmissen. Marina war ja noch in der Ausbildung zur Altenpflegerin. Damals wurde noch nicht so gut gezahlt.“

„Es tut uns sehr leid, Frau Schneider, aber Ihre Tochter muss bereits kurze Zeit nach ihrem Verschwinden ums Leben gekommen sein“, blieb der Hauptkommissar vage. „Kann ich sie sehen? Wie ist sie gestorben? Wurde sie umgebracht?“ „Die Obduktion ist noch nicht abgeschlossen und der körperliche Zustand Ihrer Tochter lässt es leider nicht zu, dass Sie in der üblichen Weise von ihr Abschied nehmen, aber wie kommen Sie darauf, dass Marina einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte?“

Die relativ gefasst wirkende Frau erhob sich und verließ für einen Moment den Raum, um kurz darauf mit einem gerahmten Foto ihrer Tochter zurückzukehren. „Sie war so hübsch. Die Kerle standen Schlange bei ihr“, erklärte sie nicht ohne Stolz. „So etwas weckt Begehrlichkeiten. Können Sie sagen, ob sie...“ Sie stockte. „Nein, das lässt sich leider nicht mehr feststellen“, erkannte Sinner, worauf die Mutter des Opfers hinauswollte.

„Ich muss Marinas Vater informieren“, fiel ihr ein. „Wir waren damals bereits drei Jahre geschieden.“ „Ich verstehe. Während Sie ihren Mädchennamen wieder annahmen, behielt Marina den Namen ihres Vaters?“, fragte Schubert. „Nein, mein Ex heißt Junge.“ Die Kommissare sahen sich grüblerisch an. „Manfred Junge?“, hakte Sinner nach. „Ja genau“, stimmte frau Schneider zu. „Wir lasen den Namen ihres geschiedenen Mannes bereits auf der Anzeige“, erklärte der Hauptkommissar. „Kann es sein, dass er inzwischen in Groß Vahlberg lebt?“ Die Stirn von Regina Schneider legte sich in Falten. „Ja, er zog damals zu seiner Affäre. Wieso fragen Sie das alles?“

„Wir möchten Sie bitten, sich vorerst nicht mit Herrn Junge in Verbindung zu setzen“, vermied es Sinner, eine direkte Antwort auf ihre Frage zu geben. „Wir möchten zunächst selber mit Ihrem Exmann sprechen.“ „Also gut, wenn es Ihnen wichtig ist“, zuckte Regina Schneider mit den Schultern. „Wir würden morgen gern noch einmal bei Ihnen vorbeikommen. Es gibt viele weitere Fragen und bis dahin sicherlich auch Antworten für Sie“, stellte Sinner in Aussicht. „Ab Mittag bin ich daheim“, entgegnete die Reinigungskraft.

„Sie kommen allein zurecht?“, erkundigte sich der Kommissar. „Wie gesagt, ich habe Marinas Tod schon seit Jahren erahnt. Dennoch war da eine Hoffnung, die mich fast um den Verstand brachte. Nun habe ich die Gewissheit und komme endlich zur Ruhe, weil ich abschließen kann. Wenn ich Marina nun beerdigen kann, habe ich wenigstens einen Ort, wo ich um sie trauern kann.“ „Ich denke, ich weiß, was Sie meinen“, pflichtete ihr Schubert bei. Er zog seine Visitenkarte aus der Jacketttasche und reichte sie ihr. „Nur für den Fall, dass Sie Fragen haben...“ Die tapfere Frau nickte den Ermittlern zu und brachte sie zur Wohnungstür. „Dann bis morgen.“

„Ich weiß gar nicht, wie wir dem Mann beibringen sollen, dass er den Schädel seiner eigenen Tochter gefunden hat“, rieb sich Sinner nachdenklich den Nacken. „Ich bin da raus“, bemerkte Schubert unmissverständlich. „Das kriege ich nicht hin.“ „Hatte die Kollegin Haufe aus Schöppenstedt die Telefonnummer von Herrn Junge aufgenommen?“ „Ich habe sie schon gegoogelt. Soll ich gleich...?“ „Ja mach“, schien Sinner froh, dass ihm der Anruf erspart blieb.

„Seine Frau war am Apparat“, berichtete Schubert. „Er ist auf Arbeit.“ „Gut, dann fahren wir eben dorthin.“ Der Kommissar sah seinen Chef überrascht an. „Du willst es ihm bei der Arbeit sagen?“ „Wir sollten nicht solange warten, bis er es von anderer Seite hört.“ „Wer außer seiner Ex sollte es ihm sagen?“ „Eben. Weißt du, ob sie ihm letztlich nicht doch die Schuld am Verschwinden der gemeinsamen Tochter gibt?“

3

„Die Kommissare Schubert und Sinner von der Wolfenbütteler Kriminalpolizei“, stellte der Ermittler sich und seinen Kollegen vor. Die junge Frau hinter der Glasscheibe bat um die Ausweise der Besucher. „Wie ich im Computer sehe, sind Sie nicht für heute angemeldet.“ „Unser Besuch ist einem aktuellen Fall geschuldet. Wir müssen Herrn Manfred Junge in diesem Zusammenhang dringend sprechen.“ „Gut, ich will sehen, was sich machen lässt. Da Herr Junge unter Tage arbeitet, wird es allerdings eine Weile dauern, ehe er mit Ihnen sprechen kann. In der Zwischenzeit werden meine Kollegen eine Leibesvisitation bei Ihnen durchführen.“

Auch wenn dieses Prozedere für die Kommissare eher ungewöhnlich war, ließen sie die Kontrolle über sich ergehen. Zumindest waren sie zuvor weitsichtig genug, ihre Dienstwaffe im Wagen zu lassen. „Der Betriebsleiter wird Sie empfangen“, erklärte einer der Sicherheitsmitarbeiter. Mit demselben Atemzug meldete sich die junge Frau hinter dem Sicherheitsglas mit der Rückgabe ihrer Ausweise und einer Besucherkarte. „Heften Sie sich die Legimitationen bitte gut sichtbar an Ihre Garderobe.“

„Um Ihren Eingang auf das Gelände in unser System zu dokumentieren, halten Sie die Karten bitte kurz an den Scanner neben der Tür“, bat der Mitarbeiter der Security, während er den beiden Ermittlern die Pforte aufhielt. Der Betriebsleiter erwartete die Kommissare oberhalb einer Treppe, die in ein Backsteingebäude führte. Die Männer begrüßten sich auf dem Flur des Gebäudes. „Sie wollen also mit Manfred Junge sprechen“, begann der Betriebsleiter das Gespräch, kaum dass er die Tür zu seinem Büro hinter sich geschlossen hatte. „Er wird gleich hier sein. Wenn Sie solange Platz nehmen wollen?“

„Sie betreiben einen hohen Sicherheitsstandart“, bemerkte der Hauptkommissar. „Ist denn ein solcher Aufwand nötig?“ „Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, handelt es sich bei diesem Bergwerk um eine atomrechtliche Anlage und als solche unterliegen wir sicherheitstechnischen Vorgaben.“ „Stimmt, da war ja was“, entgegnete Schubert. „Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit Sie Herrn Junge sprechen möchten?“ „Da sollten Sie ihren Mitarbeiter selber fragen“, hielt sich Sinner bedeckt. „Aber ich kann Sie insofern beruhigen, dass gegen Herrn Junge nichts vorliegt.“

„Hat es mit dem Leichenfund in der Nähe unseres Bohrplatzes zu tun?“ „Sie wissen also bereits davon“, zeigte sich Sinner überrascht. „Was wäre ich für ein Betriebsleiter, wenn ich nicht wüsste, was in meiner Nachbarschaft passiert?“ „Dann ist Ihnen bestimmt nicht entgangen, dass Herr Junge den Leichnam bei Baumfällarbeiten entdeckte“, suggerierte der Hauptkommissar. „Schrecklich so ein Anblick. Ich bekäme sicherlich nächtelang kein Auge zu“, schauerte es den kräftigen Mann mit dem grauen Haar.

Zeitgleich klopfte es an der Tür. „Herein!“ Die Männer erhoben sich, um den Bergmann zu begrüßen. „Guten Tag, Herr Junge. Es tut mir leid, Sie hier überfallen zu müssen, aber es haben sich einige Neuigkeiten ergeben, die dieses Gespräch nötig machen“, erklärte Sinner. „Dann werde ich Ihnen jetzt so lange mein Büro überlassen.“ „Das wird nicht nötig sein“, widersprach der Bergmann. „Es gibt nichts, was mein Chef nicht hören dürfte.“ „Es könnte sehr persönlich werden“, gab Schubert zu bedenken.

„Ich habe ohnehin noch etwas wichtiges zu erledigen“, ließ sich der Betriebsleiter nicht mehr aufhalten. „Meine Sekretärin bringt Ihnen einen Kaffee.“ Im nächsten Moment verließ er sein Büro. „Setzen wir uns“, schlug Sinner vor und nahm wieder in der kleinen Sitzecke Platz. „Wieso persönlich?“, erinnerte sich Junge an die Worte des Hauptkommissars. „Wir können inzwischen zweifelsfrei davon ausgehen, dass es sich bei dem gefundenen Leichnam um Ihre vor fünf Jahren verschwundene Tochter handelt“, erklärte Sinner.

Die Ermittler ließen Manfred Junge die Zeit, die nötig war, um das Gehörte zu verarbeiten. „Ich muss meine geschiedene Frau anrufen“, reagierte er fahrig, während er sein Handy hervorholte. „Wir waren zunächst bei Ihrer Frau, weil sie damals die Vermisstenanzeige erstattete“, hielt ihn Sinner zurück. „Sie weiß also Bescheid“, bemühte sich der Vater der Toten seinen Emotionen eine Struktur zu geben. „Sie hatte also von Anfang an Recht“, stöhnte er aufgeregt die Hände vor sein Gesicht haltend.

„Woher wissen Sie, dass es Marina ist? Das kann doch jeder sein“, suchte er nach einem Ausweg, die schreckliche Wahrheit nicht akzeptieren zu müssen. „Ihre Frau konnte das im Grab gefundene Schlüsselbund eindeutig identifizieren“, sorgte Schubert für Klarheit, während er ihm die Tüte mit dem besagten Bund reichte. „Ja, das sind ihre Schlüssel“, räumte er letztlich ein. „Den Buddha-Anhänger bekam sie mal von mir zu Ostern.“ Er versuchte sich zusammenzunehmen, holte tief Luft, um sie immer wieder geräuschvoll aus den Wangen zu pressen.

Die Sekretärin trug das Tablett mit dem Kaffee im richtigen Moment herein. Als sie Manfred Junge ins Gesicht sah, bemerkte sie, wie aufgewühlt er war. Sie legte ihre Hand tröstend auf seine Schulter. „Kann ich etwas für dich tun? Soll ich Carmen anrufen?“ „Nee lass mal“, ich komme klar.“ „Haben Sie vielen Dank, wir bedienen uns selbst“, komplimentierte Sinner die Sekretärin hinaus.

„Ich hätte sie damals zu mir nehmen müssen“, seufzte der Bergmann. „Regina war mit ihr völlig überfordert. Marina machte ja nur noch, was sie wollte.“ „Ihre Tochter war volljährig“, gab Sinner zu bedenken. „Junge Leute lassen sich dann nur ungern etwas sagen.“ „Es gab zwei Diebstähle, für die sie Sozialstunden bekam und dann war da ja noch die Sache mit dem Kiffen“, erzählte er den Beamten. „Das Jugendamt hat damals eine Akte über Marina angelegt. Sie hätte sich nur noch eine Kleinigkeit leisten müssen und sie wäre ins Heim gekommen.“ „Wie alt war sie da?“, hakte Schubert nach. „Es begann mit der Scheidung, also sechzehn und hörte erst mit dem Beginn der Lehre zur Altenpflegerin auf. Ich weiß bis heute nicht, weshalb sie sich ausgerechnet für diesen Beruf entschied, aber wir waren ja froh, dass sie sich gefangen hatte.“

„Kennen Sie die damaligen Freunde Ihrer Tochter? Wissen Sie, mit wem sie Kontakt hatte?“ „Wieso fragen Sie das alles? War es denn kein Unfall?“, merkte Manfred Junge auf. „Bislang liegt uns noch kein Obduktionsergebnis vor. Wir wollen lediglich herausfinden, was am Abend ihres Verschwindens geschah.“ „Nach dem, was mir meine Ex erzählte, bekam Marina einen Anruf, bevor sie die Wohnung in Remlingen verließ.“ „Sie wissen nicht, wer der Anrufer war?“, setzte Schubert nach. „Leider nicht, aber wir haben damals all ihre Freundinnen abtelefoniert. Da wusste keine was, oder die stellten sich nur unwissend.“

„Die Namen dieser Freundinnen sind Ihnen wohl nicht mehr geläufig?“, erkundigte sich Schubert. „Da muss ich leider passen, aber meine Ex kann Ihnen da sicher weiterhelfen. Sie ließ Marinas Zimmer genauso, wie sie es am Tag ihres Verschwindens zurückgelassen hat.“ „Falls uns bis morgen das Obduktionsergebnis vorliegt und sich daraus der Anlass für weitere Ermittlungen ergeben sollte, werden wir Frau Schneider noch einmal aufsuchen“, erklärte der Hauptkommissar. „Wir werden uns aber in jedem Fall bei Ihnen melden.“

Die Männer erhoben sich. „Ich frage mich die ganze Zeit, weshalb sich Marina an dieser Stelle aufgehalten haben soll. Wenn es tatsächlich ein Unfall war, muss doch jemand bei ihr gewesen sein, der sie dort einfach so zurückließ. Wer auch immer sie dort liegen ließ, trägt die Verantwortung für den Tod meiner Tochter.“ „Wir werden die Wahrheit ans Licht bringen“, versprach Sinner. „Ich danke Ihnen“, nickte Manfred Junge.

4

„Wie Sie hier deutlich sehen können, gibt es etwas seitlich zum Hinterkopf diese feine Bruchlinie.“ Doktor Schnippler deutete auf eine schwarze Linie, die auf dem beleuchteten Röntgenbild gut zu sehen war. „Es dürfte sich um die Folge eines Sturzes oder heftigen Schlages handeln.“ „Gibt es weitere Spuren von Gewaltanwendung?“, fragte Schubert nach. „Bis jetzt nicht, aber es wurden ja auch noch nicht alle Knochen gefunden, um dies ausschließen zu können.“ „Was ist mit den Kleidungsresten, die im Grab lagen?“, erinnerte sich der Ermittler. „Ließ sich darauf etwas finden?“ „Nach so langer Zeit im Erdreich war da nichts mehr zu machen, aber dafür fand ich in der Schädelwunde einen Holzsplitter.“

Hauptkommissar Sinner sah den Rechtsmediziner irritiert an. „Wieso ist der nicht verrottet?“ „Weil er aus Lärche ist. Genauer gesagt, aus sibirischer Lärche. Die hat einen besonders hohen Harzgehalt und ist darum sehr witterungsbeständig.“ „Dann hilft uns das auch nicht sonderlich weiter“, räumte Schubert enttäuscht ein. „Den Splitter kann sie sich ja dann quasi überall in der Asse eingefangen haben.“ „Eben nicht“, widersprach der Pathologe. „Die sibirische Lärche wächst nicht in der Asse. Man verwendet dieses Holz gern für Bauten in der Natur.“ „Also für Grillplätze, Hochsitze oder Waldhütten“, überlegte Sinner. „Genau.“

„Vielleicht hat die junge Frau ja mit Freunden irgendwo im Wald gefeiert“, mutmaßte Doktor Schnippler. „Dann suchen wir jetzt nach einer Hütte oder irgendetwas in der Art?“, folgerte der Kommissar. „Moment mal“, griff sich Sinner an den Kopf. „War da auf der Straße zwischen dem Asseschacht und Groß Vahlberg nicht links vor der Kurve ein Zauntor?“ Schuberts Unterlippe wölbte sich nach vorn. „Also mir viel da nichts Besonderes auf, aber wir sind ja nachher sowieso in Remlingen. Da können wir ja mal genauer hinsehen.“

„Solange ich die restlichen Knochen nicht habe und auswerten kann, können Sie sich die Frage nach einem gewaltsamen Tod sparen, meine Herren“, kam der Rechtsmediziner den Ermittlern zuvor. „Woher...?“ „Herr Sinner, ich bitte Sie“, reagierte der Mediziner gedehnt. „Wie lange kennen wir uns jetzt?“ „Zumindest haben wir wahrscheinlich ein Tod durch Unterlassen“, resümierte Schubert. „Ob das der Staatsanwältin ausreicht, um in dem Fall weiter zu ermitteln, ist fraglich.“ „Noch besteht die Hoffnung, dass die Spurensicherung die fehlenden Knochen findet“, machte Doktor Schnippler den Kommissaren Mut.

Auf dem Weg vom rechtsmedizinischen Institut nach Remlingen durchquerten die Ermittler die Asse. „Geh vom Gas, hier irgendwo muss es gewesen sein“, bat Sinner seinen Kollegen. Gleich hinter einer Rechtskurve, führte ein Waldweg in einem spitzen Winkel einige Meter bergab. „Da ist es!“, rief der Hauptkommissar enthusiastisch. „Na sag ich doch.“ „Hoffentlich kommen wir da nachher auch wieder rauf“, unkte sein Kollege. „Jetzt fahr erst mal runter“, forderte ihn Sinner auf. „Wir können den Wagen ja wohl schlecht an dieser Stelle auf der Straße parken.“

Kurz darauf entdeckten sie eine Hütte und gleich daneben einen kleinen Tümpel, der von der Straße aus nicht zu sehen war. Schubert rüttelte an dem Schloss, mit dem beide Enden einer Stahlkette zusammengehalten wurden. „Was nun?“, fragte er, als er bemerkte, dass sich der Bügel nicht öffnen ließ. „Während du zum Wagen zurückgehst und in der Zentrale nachfragst, wem das Grundstück gehört, sehe ich mich mal nach einem weiteren Eingang um“, trug Sinner seinem Kollegen auf.

Eigentlich wollte er den zuweilen etwas zu regelkonformen Kommissar nur für einen Moment loswerden. Sinner war sich sicher, irgendwo eine Schwachstelle im Zaun zu finden. Er brauchte nur wenige Schritte in Richtung Weiher gehen, bis er auf eine passende Stelle stieß. „Na also, das Loch ist doch wie für mich gemacht“, flüsterte er sich selber zu und schlüpfte durch die Drahtmaschen auf das fremde Grundstück.

Der Hauptkommissar ging am Ufer entlang der kleinen Holzhütte entgegen. Wie friedlich es hier ist, dachte er beim Blick über das Wasser. „Tim!“, zerriss die grelle Stimme seines Kollegen plötzlich die Idylle. „Hier!“, antwortete er. „Ich will nur kurz einen Blick in die Hütte werfen.“ „Das Grundstück gehört einem Max Bredtklopfer. Ich habe bereits mit seiner Tochter in Salzgitter telefoniert. Ihr Vater ist schon seit einigen Jahren tot. Seitdem werden der Teich und die Hütte von ein paar Anglern genutzt, die in dem Teich Forellen züchten.“

Die Kommissare standen sich inzwischen an der Einfahrt zum Grundstück gegenüber. Nur getrennt durch den Maschendrahtzaun und ihre Ideologie. „Ich nehme an, du hast deine Taschenlampe dabei?“, erkundigte sich Sinner. Die Leuchte wechselte auf die andere Seite des Tores. „Ich bin gleich wieder da“, beruhigte er Schubert und ging.

Der Lichtkegel der kleinen Handlampe suchte sich seinen Weg durch die verdreckten Fensterscheiben in das Innere der Hütte. Der Hauptkommissar sah in der Mitte des einzigen Raumes einen Tisch, um den vier Stühle gruppiert waren. Seitlich entdeckte er eine Couch und auf der gegenüberliegenden Seite eine alte Kommode. Über allem lag eine dicke Staubschicht, die darauf schließen ließ, dass die Hütte schon seit längerem nicht mehr genutzt wurde.

Da der Ermittler keine Ahnung hatte, welche Maserung das Holz der sibirischen Lärche aufwies und welche Farbe es hatte, machte er einige Fotos. Als er die Hütte umrundete stieß er auf eine Fensterklappe, die seiner Auffassung nach aus demselben Holz gefertigt war. Er konfiszierte sie kurzer Hand und nahm sie mit.

„Was hast du denn da?“, erkundigte sich Schubert, als ihm der Hauptkommissar das Konstrukt über den Zaun reichte. „Ich hoffe, sibirische Lärche.“ „Das sieht eher nach Buche aus“, überraschte ihn Schubert. „Woher willst du denn das wissen?“ „Mein Vater ist Tischler, da bekommt man so etwas quasi mit in die Wiege gelegt.“ Sinner schüttelte den Kopf. „Wieso sehe ich mir dann die Hütte an?“ „Weil du schon immer diesen gewissen Bewegungsdrang in dir hattest.“ „So, so, ist das so?

Um auf dem schmalen und stark ansteigenden Waldweg nicht stecken zu bleiben, begab sich Schubert an die Stelle, wo der Weg in die Straße mündete. Unterdessen quetschte sich Sinner durch das schmale Loch im Zaun und stieg in den Dienstwagen. Als ihm der Kollege eine freie Straße signalisierte, legte er den Rückwärtsgang ein und gab Gas. An der geteerten Kante der Straßendecke knirschte es kurz, als das Endrohr des Auspuffs dagegen schlug. Sinner riss das Lenkrad herum und ging in die Bremse. Das Horn eines LKWs, der aus Richtung Groß Vahlberg um die Kurve donnerte, dröhnte bedrohlich durch den Wald. Der Ermittler warf den Gang ein und ergriff mit quietschenden Reifen die Flucht.

Mindestens einhundert Meter weiter, kurz hinter der Bergkuppe, dort, wo auf der linken Seite ein Weg zum Bohrplatz hinaufführte, gab es eine Möglichkeit, den Wagen anzuhalten. „Wie war das doch gleich mit dem Bewegungsdrang“, lachte Sinner, als sich sein Kollege schnaufend auf dem Beifahrersitz niederließ. „Ich glaube, ich fahre jetzt wieder häufiger selbst“, setzte er feixend noch einen drauf.

„Die Fensterklappe hast du doch vorhin in den Kofferraum gelegt, oder?“ Schubert stöhnte. „Ich fürchte, die lehnt noch am Tor.“ Sinner sah seinen Kollegen durchdringend an. „Kann es sein, dass du mich gerade veräppelst?“ Schubert verzog das Gesicht. „Ich fürchte, du hast mich erwischt.“ „Ganz ehrlich, deine Witze waren auch schon mal besser, aber wo wir gerade hier sind, könnten wir die Klappe gleich bei der Spusi abgeben. Die sind noch immer oben am Fundort damit beschäftigt, nach den fehlenden Knochen und dem eigentlichen Tat- oder Unfallort zu suchen.“

„Sollte sich herausstellen, dass die Fensterklappe tatsächlich aus sibirischer Lärche gefertigt wurde, haben wir den Kollegen viel Arbeit erspart“, gab sich Schubert zuversichtlich. „Was zunächst zu beweisen wäre“, zeigte sich der Hauptkommissar bedeckt. „Abgesehen davon wird es bestimmt noch eine Weile dauern, bis sie all die Knochen beisammenhaben, die von den Tieren verschleppt wurden.“ „Der Fall ist komplexer, als ich dachte. Das schaffen wir zwei doch gar nicht“, stöhnte Schubert. „Die Staatsanwaltschaft sollte eine Soko ins Leben rufen.“ „Dazu ist es noch zu früh, aber deine Idee hat was.“

Sinner steuerte den Dienstwagen über den kurvenreichen Schotterweg bis zum Bohrplatz, an dem eine Erkundungsbohrung klären sollte, ob es an dieser Stelle möglich war, einen Schacht in die Tiefe zu bauen. Über diesem Weg sollten die in den achtziger Jahren im Bergwerk eingelagerten Atommüllfässer wieder zurückzuholen werden. Er fuhr an dem langen Zaun vorbei, der den Platz sichern sollte, weiter über den immer schlechter werdenden Waldweg, bis zu der Stelle, an der Manfred Junge den Leichnam seiner Tochter fand.

Spurensicherung und Hundeführer mit speziell ausgebildeten Leichenspürhunden durchkämmten das Waldgebiet. Unterdessen sichtete und ordnete der Leiter des Spusi die Fundstücke. Die Ermittler trafen im Zelt des Technischen Hilfswerks auf ihn.

„Hallo Herr Ramsauer, kommen Sie voran?“ „Ach, die Herrn Kommissare. Wie schön, dass Sie uns zur Hand gehen wollen“, feixte er. „Ganz im Gegenteil, wir bringen Ihnen noch Arbeit dazu.“ Schubert hielt ihm die Fensterklappe entgegen. „Das gute Stück stammt von einer Hütte, ganz hier in der Nähe. Vielleicht der Tatort“, bekräftigte er. „Sie wollen wissen, ob ihr Muster aus dem Holz der sibirischen Eiche ist?“, zählte Ruprecht Ramsauer eins und eins zusammen. Sinner nickte ihm zu. „Ich bin zwar kein Forstwirt, aber ich glaube eher nicht“, entgegnete er. „Ich werde das Holz trotzdem analysieren. Stellen Sie das Teil bitte da an die Seite.“

„Auf Grund des vorläufigen Obduktionsbefundes lässt sich laut Doktor Schnippler keine sichere Aussage zu den Umständen tätigen, die zum Tod der jungen Frau führten“, gab der Ermittler die Worte des Rechtsmediziners weiter. „Wie auch immer“, seufzte Ruprecht Ramsauer. „Fakt ist, dass sich die Tote nicht selbst beerdigte. So lange man uns lässt, werden wir hier weitersuchen.“ „Selbst wenn es ein Unfall war, muss es einen triftigen Grund geben, weshalb man das Opfer hier verscharrte und nicht die Polizei rief“, stellte der Hauptkommissar abschließend klar.

5

Der Herbst war in die Lessingstadt eingezogen. In seinem Gepäck hatte er alle negativen Fassetten des Wetters mitgebracht. Auch wenn sich der Wind einmal mehr stürmisch in den historischen Straßen der Fußgängerzone austobte, ließ ich mir den obligatorischen Cappuccino im Café Klatsch nicht nehmen. Die Baustelle war wieder ein Stück weitergewandert, befand sich inzwischen nahe der Seeliger Bank. Laut war es trotzdem, wenn die Presslufthammer den Untergrund aufbrachen und Baggerschaufeln ihren Inhalt donnernd auf die Ladeflächen des LKWs entleerten.

Ob der gewaltige Aufwand tatsächlich dazu beitragen konnte, die sterbende Fußgängerzone am Leben zu erhalten? In Zeiten, in denen das Geld im Portemonnaie immer knapper wird, wird auch der Geiz immer geiler. Wo sich Arbeit nicht mehr lohnt, verhält es sich mit der Bequemlichkeit nicht anders.

Die Wolfenbütteler Zeitung war jedenfalls voll mit Meldungen, die meine Meinung bestätigten. Meine volle Aufmerksamkeit zog jedoch ein Bericht auf sich, der von dem Leichenfund in der Asse berichtete. Man liest immer von Ereignissen, die an Orten geschehen, die sich weit weg von uns ereignen und reagieren daher oft achselzuckend, doch wenn sie vor der eigenen Haustür passieren, sind wir umso erschrockener. Mir geht es da nicht anders, aber aufgrund meiner jahrzehntelangen Erfahrung mit dem Verbrechen weiß ich, dass es überall zuschlagen kann.

Leid taten mir vor allem die Eltern der jungen Frau, deren Leben vor fünf Jahren auf bislang ungeklärte Weise endete. Sie waren all die Jahre im Unklaren, hofften und bangten, dass ihr Kind noch am Leben sei. Auch wenn sie jetzt Gewissheit hatten, mussten sie damit nun zurechtkommen. Der Gedanke, das eigene Kind, aus welchem Grund auch immer, zu verlieren, ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.

Ein zweiter Cappuccino vertrieb die düsteren Gedanken und lud meine Akkus für den Tag. „Ich habe deine Kleine schon längere Zeit nicht mehr gesehen“, vernahm ich Annes Stimme. Mein Blick löste sich von der Zeitung. „Setz dich doch.“ „Na gut, einen Moment habe ich.“ „Ramona geht seit einigen Monaten auch nachmittags in den Hort.“ „Hattet ihr nicht ein Kindermädchen für sie?“, erinnerte sich Anne. „Tanja ist mit dem Studium fertig und mit der jungen Frau, die wir danach hatten, kam Ramona nicht klar.“ „Ja, die Chemie muss schon stimmen.“ „Du sagst es. Ramona selbst machte uns dann den Vorschlag, länger im Kindergarten zu bleiben.“ „Ein Zeichen, dass es ihr dort gut gefällt“, schlussfolgerte Anne.

Eine Bestellung an einem der Nebentische beendete unser Gespräch. Ich reichte ihr einen Zehner und bedeutete ihr, dass es so stimmte. Ein Blick zur Uhr trieb mich schließlich dazu, den Rest meines Cappuccinos auszutrinken und mich auf den Weg zu machen. Ein letzter Gruß an einige Stammgäste und die Caféhausmutti und der Teil des Tages begann, mit dem ich meine Brötchen verdiente.

An diesem Morgen führte mich die Arbeit in die Kanzlei Börner. Ich hatte einen Termin mit dem Onkel meiner Azubine. Christoph und ich hatten uns über die Jahre angefreundet. Jahre, in denen ich immer wieder kniffelige Fälle für seine Mandanten bearbeitete. Diesmal ging es um einen Fall von Missbrauch, für den das Opfer so gut wie keine Beweise hatte. Mehr wussten wir nicht und deshalb sollte ich bei dem Mandantengespräch dabei sein.

„Guten Tag, Frau Reuter. Ich hatte Ihnen ja von Herrn Lessing erzählt“, empfing der Rechtsanwalt die junge Frau in seinem Büro. „Ist es für Sie in Ordnung, wenn er bei unserem Gespräch dabei ist, um sich ein Bild zu machen?“ Die Mandantin nickte angeschlagen. „Hat sich die Polizei noch mal bei Ihnen gemeldet?“ „Die Polizei nicht, aber die Staatsanwaltschaft. Ich bekam ein Schreiben, in dem mir die Einstellung weiterer Ermittlungen mitgeteilt wurde.“ Sie reichte ihm das Schreiben.

„Tja, ich hatte Ihnen die Einstellung ja bereits vorhergesagt“, faltete Börner das Schreiben wieder zusammen, nachdem er den Inhalt kurz überflogen hatte und reichte ihn an mich weiter. „Die dürfen damit doch nicht einfach so davonkommen“, reagierte die junge Frau wütend. „Nach unserem ersten Gespräch habe ich mich umgehend mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung gesetzt und die Ermittlungsakte angefordert. Wie besprochen, habe ich Herrn Lessing daraufhin eine Kopie zukommen lassen. Da Sie sich erst einige Tage nach dem Missbrauch zu einer Anzeige entschließen konnten, gab es leider keine Möglichkeit mehr, die Vergewaltigung durch eine ärztliche Untersuchung nachzuweisen.“

„Liquid Ecstasy ist nur bis zu vierundzwanzig Stunden im Körper nachweisbar“, erklärte ich. „Nach allem, was Sie bei der Polizei angaben, gehe ich davon aus, dass Ihnen das Zeug während Ihres Besuchs im Magni-Treff heimlich ins Glas getan wurden.“ „Das glaube ich auch“, stimmte sie mir kopfnickend zu. „Von dem Zeitpunkt an kann ich mich nämlich an nichts mehr erinnern. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich hier in Wolfenbüttel, ganz in der Nähe meiner Wohnung auf einem Kinderspielplatz, hinter der Kirche. Ich hatte unsägliche Schmerzen und fühlte mich leer und ausgebrannt. Als ich Blut in meinem Slip sah, ahnte ich was geschehen war.

„Das ist allerdings ungewöhnlich“, sinnierte ich. „Normalerweise bringen Vergewaltiger ihre Opfer nicht nach Hause.“ „Das haben die bei der Polizei auch gesagt“, stutzte sie. „Glauben Sie mir etwa auch nicht?“ „Nun mal langsam mit den Pferden“, bremste ich sie. „Wenn Sie ehrlich sind, könnte es einige Erklärungen für die geschilderte Situation geben. Die wahrscheinlichste wäre ein Absturz im Bierhaus, weil Sie zu tief ins Glas geschaut haben. Sie könnten mit einem Taxi nach Hause gefahren und auf dem Spielplatz gestrandet sein.“ „Ich war noch nie so betrunken, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern konnte“, wehrte sich die Klientin.

„Schlafwandeln Sie gelegentlich?“, stellte gottlob Christoph meine nächste Frage. „Sie könnten ebenso gut fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe“, reagierte die junge Frau wie von mir erwartet. Mein Freund sah unsere Mandantin durchdringend an. „Natürlich nicht! Ich dachte, Sie wären auf meiner Seite.“ „Das sind wir auch, aber bevor wir zusammen einen Weg beschreiten, der alles andere als einfach wird, müssen wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.“ Ihr Gesicht entspannte sich. „Ja, ist ja schon gut. Seitdem mir das passierte, sind meine Nerven nicht mehr die besten. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn man etwas Schreckliches erlebt hat und niemand einem glauben will.“

„Ich glaube Ihnen“, bekannte ich mich zu Ihrer Geschichte. „Falls bei Ihnen der Eindruck entstand, dass wir Ihnen nicht vertrauen, tut es mir leid, aber um erfolgreich für Sie arbeiten zu können, sind all diese Fragen unabdingbar“, wiederholte sich Christoph. „Ihrer Schilderung der Ereignisse zu folge waren Sie allein im Magni-Treff. Ist das nicht etwas ungewöhnlich für eine junge Frau?“, erkundigte ich mich. „Ich bin nicht allein dort hingefahren“, überraschte sie mich ebenso wie den Rechtsanwalt. „Wir waren eigentlich zu dritt, doch Bella und Franzi verschwanden nach einer Weile mit zwei Typen. Da wollte ich natürlich nicht als fünftes Rad stören.“ „Das erklärt natürlich einiges“, resümierte ich.

„Also gut, wenn ich für Sie arbeite, bekomme ich fünfhundert Euro pro Tag zuzüglich Spesen.“  Nele Reuter schluckte einmal kurz trocken und stimmte mir dann kopfnickend zu. „Dann darf ich Sie bitten, für zwei Tage in Vorkasse zu treten. Das ist in meiner Branche allgemein üblich.“ „Wann fangen Sie mit Ihren Recherchen an?“ „Sobald Sie das Geld überwiesen haben“, erklärte ich, während ich ihr meine Visitenkarte reichte. „Meine Sekretärin teilt Ihnen die Bankverbindung mit.“ „Dann hoffe ich, dass Sie Ihr Geld wert sind.“ „Ich kann Ihnen keine Garantie geben, aber ich werde mein Möglichstes tun.“

6

„Mein geschiedener Mann hat mich angerufen“, erzählte Regina Schneider den Kommissaren. „Zum ersten Mal seit Marinas Verschwinden haben wir vernünftig miteinander gesprochen“, freute sie sich. „Ist es nicht verrückt, dass erst etwas Schlimmes geschehen muss, damit man wieder normal wird?“ „Was Sie ertragen mussten, sollte Eltern einfach nicht widerfahren“, zeigte der Hauptkommissar Mitgefühl. „Es deutet derzeit alles darauf hin, dass Ihre Tochter durch einen tragischen Unfall ums Leben kam“, erklärte er. „Um die Umstände, die dazu führten, aufklären zu können, würden wir uns jetzt gern mit Ihrer Erlaubnis Marinas Zimmer ansehen.“

„Ich habe alles so gelassen, wie es am Tag ihres Verschwindens war“, sagte sie den Beamten. Als sie ihnen die Tür öffnete, sahen sich die Ermittler ergriffen an. Auf dem Bett des toten Mädchens lagen etliche Schachteln, die in Geschenkpapier eingewickelt waren. Kleine Glückwunschkärtchen wiesen auf den jeweiligen Anlass hin. Die Männer hatten einen dicken Kloß im Hals, als sie die persönlichen Dinge der jungen Frau durchsahen. Während sich Schubert den Laptop vornahm, sah der Hauptkommissar in den Unterlagen nach, die sie für die Berufsschule gebraucht hatte.

„Kein Passwort“, stellte Schubert erleichtert fest. „Vielleicht findest du in den Mails die Namen Ihrer Freundinnen“, hoffte Sinner. „Sie war auf Facebook unterwegs.“ „Stimmt, damals waren Tiktok und Instagram noch nicht so populär“, erinnerte sich der Hauptkommissar.

„Zu Tessa Walther und Melissa Voigt hatte sie die meisten Kontakte“, analysierte Schubert. „Es gibt zahlreiche Kurzmitteilungen über den Messenger, in dem sich die Mädels hauptsächlich über irgendwelche Kerle austauschen. Bis wir dass alles ausgewertet haben, werden Tage vergehen.“ „So lange es keinen Hinweis auf ein Verbrechen gibt, wird die Staatsanwaltschaft der Gründung einer Soko nicht zustimmen“, mutmaßte Sinner.  „Ich finde, so etwas dürfte keine Frage des Geldes sein“, befand Schubert. „Ist es aber leider.“

„Sie hatten uns Marinas Schwierigkeiten mit dem Jugendamt verschwiegen“, konfrontierte Sinner die Mutter des Opfers, nachdem sie mit Marinas Zimmer fertig waren. „Seit sie in der Ausbildung war, hatte sie sich gefangen. Sie nahm keine Drogen und auch sonst gab es keine Probleme mehr.“ „Sind Ihnen die Namen Tessa Walther und Melissa Voigt bekannt?“ „Ja leider. Mit denen hatte sie sich vor ihrer Lehre oft herumgetrieben. Durch diese beiden kam sie auf Abwege. Gottlob brach sie dann den Kontakt vollständig ab.“

Die Kommissare ließen sie in dem Glauben, um es ihr nicht noch schwerer zu machen. „Wann kann ich mein Kind beerdigen?“ „Wir geben Ihnen so bald wie möglich Bescheid“, versprach Sinner. „Den Laptop Ihrer Tochter würden wir uns gern genauer ansehen. Sie bekommen ihn natürlich so schnell wie möglich zurück.“ „Das ist kein Problem, ich habe ihn all die Jahre nicht anrühren können. Bis ich mich dazu durchringen kann, wird es sicher noch eine Weile dauern.“

„Ich habe vorhin mit dem Vater von Melissa Voigt telefoniert“, informierte Schubert seinen Chef. „Ein merkwürdiger Typ. Nachdem er mir zunächst keine Auskunft zu seiner Tochter geben wollte, verriet er mir schließlich doch, dass sie in Halchter am TÜV als Bedienung in einem Bowlingcenter arbeitet.“ „Wieso hast du mir das nicht gleich erzählt?“, fühlte sich Sinner übergangen. „Ich dachte, du hättest mitbekommen, wie ich mit Frau Walther, der Mutter von Tessa Peters sprach.“ „Wie, mit der hast du auch schon telefoniert?“ Schubert sah seinen Kollegen verwundert an. „Kann es sein, dass du mit deinen Gedanken vorhin woanders warst?“

Der Hauptkommissar stieß einen tiefen Seufzer aus. „Meine Melanie wäre heute ungefähr in Marinas Alter.“ Schubert wusste, dass die Tochter seines Dienstpartners ertrunken war. Es war also kein Wunder, wenn er bei einem solchen Fall daran denken musste. „Klar, dass dich die Sache aufwühlt“, reagierte er mit Verständnis. „Tessa Walther heißt inzwischen Peters und arbeitet in Wolfenbüttel in der Apotheke am Schloss.“ „Dann sollten wir dort zuerst hinfahren“, schlug Sinner vor. „So dachte ich auch. Das Bowlingcenter macht sicherlich erst später auf.“

Nachdem die Kommissare eine ganze Weile vergeblich nach einem Parkplatz gesucht hatten, wurden sie schließlich in der ‚Sophienstraße‘ fündig, direkt vor dem ehemaligen Finanzamt. Kaum zu glauben, dass darin all das schneller erledigt wurde, wozu heute ein erheblich größeres Gebäude kaum ausreicht. Die Ambitionen, eine Steuererklärung so unkompliziert zu machen, dass sie auf einen Bierdeckel passt, war auch nur ein politisches Märchen.

„Guten Tag“, begrüßte der Hauptkommissar den Mann hinter dem Tresen. Zeitgleich hielt er dem Apotheker seinen Dienstausweis entgegen. „Wir würden gern mit Frau Peters sprechen.“ Eine Kundin beobachtete die Szene neugierig. „Einen Moment bitte, ich sage Frau Peters Bescheid.“ Der Mann verschwand in einem Hinterzimmer. „Warst du schon mal hier?“, nutzte Schubert die Zeit zum Smalltalk. „In der Apotheke nicht, aber oben beim Urologen.“ Die Kundin bekam lange Ohren.

„Sie wollten mich sprechen?“, erkundigte sich die Apothekenhelferin verwundert bei den Ermittlern. „Frau Peters?“, ließ sich Sinner bestätigen. „Ja, was kann ich für Sie tun?“ „Vielleicht sollten wir uns besser woanders unterhalten“, schlug Sinner vor. „Okay“, entgegnete sie gedehnt. „Nebenan ist das Foyer des Ärztehauses.“ Sie deutete auf eine Tür, die einen zweiten Zugang offenbarte. „Ja, da sind wir doch etwas ungestörter“, deutete der Hauptkommissar auf die immer noch interessiert zuhörende Kundin.

Nachdem sie in das Foyer gewechselt waren, folgte ihnen die wissensdurstige Dame und blieb nur wenige Meter von ihnen entfernt an einem Werbeaufsteller der Apotheke stehen. Schubert platzte der Kragen. Er ging zu ihr und zückte seinen Dienstausweis. „Dies ist eine Polizeiliche Befragung. Bitte gehen Sie weiter.“ „Nicht mal etwas Abwechslung wird einem hier gegönnt“, beschwerte sie sich, während sie extrem langsam davonschlich.

„So, nun werden wir hoffentlich nicht mehr gestört“, schüttelte Sinner den Kopf. „Vielleicht haben Sie ja schon davon gehört, dass vor einigen Tagen in der Asse der Leichnam einer Frau gefunden wurde“, eruierte der Hauptkommissar. „Nein.“ „Nun, es handelt sich um ihre Freundin Marina Schneider, geborene Junge.“ „Dann ist sie also doch nicht abgehauen“, schlussfolgerte Tessa Walther. „Wir dachten damals alle, sie sei mit einem Typen durchgebrannt.“

Sinner wurde hellhörig. „Sie hatte also einen Freund“, hakte er nach. „Na ja, Freund würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Marina nahm es da nicht so streng. Sie war mehr für Abwechslung.“ „Dann können Sie uns sicherlich einige Namen nennen.“ Schubert zückte sein Notizheft. „Das ist fünf Jahre her“, versuchte sich die junge Frau aus der Affäre zu ziehen. „Sie leiden doch wohl noch nicht an Hildesheimer, oder?“, ließ sich Schubert nicht für dumm verkaufen.

„Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass einer von ihnen Physiotherapeut in Braunschweig war. Aber dazu kann Ihnen Melissa sowieso mehr sagen. Die war Marinas beste Freundin.“ „Melissa Voigt?“ „Ja genau“, bestätigte Tessa. „Die waren ziemlich dicke.“ „Sie wurden damals ja bereits von unseren Kollegen zum Verschwinden ihrer Freundin befragt“, forderte der Hauptkommissar erneut das Erinnerungsvermögen der Befragten heraus. „Dabei gaben Sie an, an diesem Abend mit jemand anderem verabredet gewesen zu sein. Sie wissen sicherlich noch, mit wem“, suggerierte er. „Wollen Sie mein Alibi überprüfen?“ Schubert tippte lächelnd mit dem Stift auf sein Notizheft. „Ich war mit meinem jetzigen Mann, Gunther Peters, Melissa Voigt und dessen Freund im Kino verabredet.“ „Wie praktisch“, konnte sich der Ermittler eine gewisse Ironie nicht verkneifen.

„Sie werden das alles noch auf dem Kommissariat zu Protokoll geben müssen“, erklärte Schubert. „Am besten, Sie kommen an einem der nächsten Tage vorbei.“ „Ich darf Sie bitten, Melissa Voigt vorerst nichts von diesem Gespräch zu erzählen“, forderte sie Sinner auf. „Weshalb sollte ich? Ich habe nichts mehr mit ihr zu tun.“

„Ich fürchte die Überprüfung ihres Alibis können wir uns schenken“, sinnierte Sinner auf dem Weg zurück zum Dienstwagen. „Ihr Ehemann wird ihre Angaben sicherlich auch dann bestätigen, wenn sie damals nicht mit ihm verabredet war.“ „Kann schon sein. Dann also auf ins Bowlingcenter“, seufzte Schubert. „Du fährst!“, kehrte Sinner zur Tradition zurück. „Auf dem Beifahrersitz kann man ja auch viel besser nachdenken, nicht wahr?“

Nachdem das Bowlingcenter vom Kino an der ‚Halchtersche Straße‘ zum TÜV umgezogen war, war keiner der Kommissare dort gewesen. Daher mussten sie sich zunächst orientieren.

„Wenn ich daran denke, wie oft wir uns früher mit den Kollegen zum Bowling verabredeten, frage ich mich, weshalb das in den letzten Jahren so einschlief“, fragte sich Schubert. „Ich glaube die Pandemie hat vieles kaputt gemacht“, entgegnete sein Chef. „Erst wurden alle sozialen Kontakte einschränkt und danach hatten sich die Leute daran gewöhnt.“ „Abgesehen davon ist es aber auch sündhaft teuer geworden“, nannte Schubert einen weiteren Grund. „Stimmt“, pflichtete ihm Sinner bei.

„Hier ist ja noch gar nichts los“, staunte Schubert, als sie das Center betraten. Einzig die Bedienung hinter dem Tresen füllte den großen Raum mit ihrer Anwesenheit. „Hallo!“, rief ihnen die bis zum Hals tätowierte Servicekraft entgegen. „Sind Sie Melissa Voigt?“ Sie sah die Männer schief an. „Wer will´n das wissen?“, entgegnete sie lauernd. Die Kommissare hielten ihr ihre Dienstausweise entgegen.“ „Kenn ich nich!“ „Da frage ich mich natürlich, wie sie auf ein Foto mit Marina Schneider kommen“, bluffte Sinner.

„Ist Marina wieder aufgetaucht?“, ließ sie das Glas in ihren Händen sinken. „Wenn Sie nicht Melissa Voigt sind, geht Sie das ja nichts an, oder?“ „Okay Mann, Sie haben gewonnen. Ich bin Melissa.“ „Ja, sie ist wieder aufgetaucht“, griff der Ermittler ihre Worte auf. „So könnte man es zumindest ausdrücken. Ihre Freundin wurde im Assewald gefunden.“ „Wie jetzt? Die Tote ist Marina?“, wiederholte sie entsetzt. „Sie haben also von dem Leichenfund gehört.“ „Ja klar, ich wohne in Wittmar, da gibt es quasi kein anderes Thema.“

„Wie war das damals“, erkundigte sich Schubert. „Weshalb begleitete Sie Marina nicht ins Kino?“ „Sie hatte keinen Bock auf den Film und einen Typen hatte sie zu der Zeit auch nicht am Start.  Tessa und ich waren mit unseren Freunden dort. Da wollte sie wahrscheinlich nicht stören.“ „Wir sprachen bereits mit Frau Peters“, erklärte Sinner. „Dann wissen Sie ja schon, dass sie inzwischen mit genau dem Mann verheiratet ist.“ „Wissen wir“, entgegnete der Hauptkommissar. „...und wie hieß Ihr damaliger Freund?“

Melissa dachte angespannt nach. „Ich war nicht wirklich mit ihm zusammen, müssen Sie wissen.“ „Er war also nur der Typ, der die Kinokarten bezahlte“, brachte es Schubert auf den Punkt. „So, wie Sie das jetzt sagen, war es auch nicht“, fühlte sich die junge Frau vorgeführt. „Er heißt Timo und sein Nachname lautet Pfeffer.“ Schubert machte sich Notizen. „So wie der Pfeffer?“ „Genau.“ „Weshalb wollten Sie uns den Namen Ihres Begleiters nicht gleich sagen?“, gab sich der Hauptkommissar nicht zufrieden. „Weil ich ihm keine unnützen Scherereien machen wollte.“ „Ich verstehe, in Ihren Augen sind unsere Ermittlungen also die Mühe nicht wert.“

„Habt Ihr auf der Bullenschule gelernt, wie ihr den Leuten die Worte im Mund herumdreht?“, kehrte sie zu der aggressiven Art zurück, die sie bereits zu Beginn des Gesprächs zu Tage legte. „Außerdem brauchen Sie doch nur in den alten Akten nachlesen. Ihre Kollegen haben uns doch damals auch schon dazu befragt.“ „Die Unterlagen sind leider nicht mehr vollständig“, räumte Sinner ein. „Dann würde ich mal darüber nachdenken, was in Ihrem Verein falsch läuft und nun habe ich zu tun.“

„Ich darf Sie bitten, alles im Kommissariat an der ‚Lindener Straße‘ zu Protokoll zu geben“, forderte Schubert sie auf. „Am besten gleich morgen früh.“ „Da schlafe ich!“, reagierte Melissa zunehmend aggressiver. „Dann wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben, als ihren Schönheitsschlaf etwas zu verkürzen“, lächelte der Kommissar süffisant.

7

„Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wo ich mit meinen Ermittlungen ansetzen soll“, gab ich unumwunden zu, als Nele Reuter die Kanzlei meines Freundes verlassen hatte. „Abgesehen von diesen beiden Freundinnen, die sie im Bierhaus allein zurückließen und den ungefähren Zeitpunkt, in dem ihr jemand die Tropfen in das Getränk tat, gibt es nichts.“ „Ich habe dir doch mit der Akte auch ein Foto von ihr zugesandt“, erinnerte mich Christoph. „Meinst du dieses?“, hielt ich ihm mein Smartphone entgegen. „Wie ich sehe, konntest du meiner Idee folgen.“ Ich stutzte. „Willst du mir jetzt meinen Job erklären?“ „Ich äh, sei doch nicht gleich so empfindlich.“ „Alles gut“, winkte ich ab, um aus dem Ganzen nicht mehr zu machen, als es eigentlich war.

„Wahrscheinlich habe ich momentan nur eine zu kurze Zündschnur, weil Trude immer häufiger über ihr Leben als Rentnerin spricht. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich sie ersetzen soll.“ „Tja mein Freund, du wirst wohl einsehen müssen, dass sich deine Trude nicht ersetzen lässt. Andererseits kann ich mir eine zur Untätigkeit verurteilte Trude nicht vorstellen. Du solltest ihr ein Teilzeitangebot machen und einen Teil ihrer Aufgaben an Leonie übertragen.“ Ich rieb mir nachdenklich den Nacken. „Ein Versuch wäre es wert.“

Die Worte meines Freundes gingen mir noch durch den Kopf, als ich die Detektei erreicht hatte. Es gibt Gespräche, die man immer wieder aufschiebt, weil man nicht so recht weiß, wie man sie führen soll. Leider gehöre ich auch zu den Menschen, die sich damit schwertun. Da halfen die Worte meines Freundes eher weniger. „Guten Morgen, mein lieber Chef“, begrüßte mich meine Putzsekretärin. „Wie war der Cappuccino?“ „So lecker wie immer“, entgegnete ich mich skeptisch fragend, was da schon wieder im Busche war. „Ich komme gerade von Rechtsanwalt Börner mit einem neuen Fall im Gepäck.“ „Das ist gut, ich hatte schon die Befürchtung, Kurzarbeit beantragen zu müssen.“

Ich stutzte, ahnte sie etwas oder hatte Christoph in der Zwischenzeit bei ihr angerufen? „Wenn Sie irgendwann etwas kürzertreten wollen, können wir gern darüber reden“, versuchte ich eine Brücke zu bauen. „Bis jetzt komme ich noch klar, oder haben Sie Grund zur Klage?“, entgegnete sie pikiert. „Nein, nein, natürlich nicht“, ruderte ich zurück. „Alles tippi toppi.“ Trudes Blicke trafen mich wie die Halogenscheinwerfer eines herannahenden Güterzugs. „Die Klientin wird sich sicherlich noch heute wegen der Bankverbindung bei Ihnen melden.“

Mit diesen Worten verzog ich mich in mein Büro. Vor 20 Uhr brauchte ich im Magni-Treff gar nicht erst aufschlagen, da es bis dahin geschlossen war. Ich kannte den Inhaber noch aus meiner Zeit als Hauptkommissar der Braunschweiger Kripo und war daher gespannt, ob er sich an mich erinnern würde. Ausgerechnet als ich mit meinen Gedanken in den guten alten Zeiten schwelgte, riss Leonie die Bürotür auf.

„Wir haben einen neuen Fall?“ „Wann wirst du das mit dem Anklopfen endlich kapieren?“ „Sorry Chef, aber Trude sagt, es geht um Vergewaltigung. Stimmt das?“ Ich fragte mich, woher sie das schon wieder wusste. Hatte Christoph sie am Ende doch angerufen oder war ich inzwischen schon so senil, dass ich mich nicht mal mehr an meine eigenen Worte erinnern konnte? „Ja, unsere Klientin wurde allem Anschein nach Opfer eines Missbrauchs unter dem Einfluss von Liquid Ecstasy“, bestätigte ich. „Leider gibt es keinerlei Beweise für die Straftat, weshalb die Polizei erst gar keine Ermittlungen aufgenommen hat.“

Leonie reagierte empört. „Die können doch nicht einfach so tun, als habe sich die Frau das nur ausgedacht!“ „Alles, was wir haben, ist ein Foto unserer Klientin und die Namen der Freundinnen, mit denen sie im Magni-Treff war“, klärte ich sie über die mageren Ansatzpunkte auf. „Was ist mit diesen Freundinnen?“, hakte sie nach. „Die sind mit zwei Typen abgezogen.“ „...und haben unsere Klientin dort allein sitzen lassen?“, konnte sie es kaum glauben. „Genau so sieht es aus“, bestätigte ich.

„Ich werde heute Abend zum Magni-Treff fahren, um mich dort umzuhören.“ „Ich bin dabei“, bot sie sich spontan an. „Ich kenne da ein paar Leute.“ „Gut, aber dann machst du jetzt erst einmal Pause, um dich für heute Abend schick zu machen“, meinte ich es gut. „So weit kommt es noch. So Aufgehübscht würden die mich gar nicht erkennen. Außerdem bin ich beruflich dort.“ Mit meiner Azubine hatte ich neben Trude einen weiteren Volltreffer gelandet. Sie passte in meine Detektei wie ein Dackel in einen Fuchsbau.

Als ich Leonie gegen 20:30 Uhr zuhause abholte, hatten Trude und ich uns bereits über unsere Klientin und ihre vermeintlichen Freundinnen in den sozialen Medien informiert. Wahrscheinlich bin ich für heutige Verhältnisse eher prüde, aber was heutzutage im Kopf von so manchem jungen Menschen vor sich geht, ist mir schleierhaft. Das Internet verzeiht nie. Fotos fröhlich Feiernder in peinlichsten Szenen verfolgen einen das ganze Leben lang. Für den, der danach sucht, können sie aufschlussreich sein und mehr verraten, als das, was zum Beispiel ein Bewerber auf eine Stellung offenbaren möchte. So geben diese Fotos tiefe Einblicke über den Umgang mit dem Liebesleben und dem sozialen Miteinander.

Bei den drei Mädels war es nicht anders. Das Erschreckende daran war jedoch, was sie frei in den Netzwerken gepostet hatten und somit für jedermann sichtbar war. Jeder, der diese Fotos sah, musste in dem Glauben sein, dass unsere Klientin für jeden zu haben war. Natürlich änderte das alles nichts daran, dass man sich nicht nehmen kann, was man will und schon gar nicht mittels Drogen oder Gewalt, aber es senkt die Hemmschwelle der Täter. Ich fragte mich, wie ich reagieren würde, wenn Ramona in das Alter kam.

Der Magni-Treff befand sich in einem historischen Backsteingebäude am ‚Magnitor‘. Ich verband einen bunten Blumenstrauß voller Erinnerungen mit der Kneipe. Eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Damals noch unverheiratet und ein Hans Dampf in allen Gassen. Also so ziemlich das Gegenteil von dem, was Miriam heute an mir schätzt. Jede Zeit hat halt ihre Höhen und Tiefen. Wo ich früher durchfeierte, war es obligatorisch, dass ich Miriam Bescheid sagte, wenn es abends später wurde.

Es war noch nicht mal halb zehn, was bedeutete, dass der Laden noch nicht voll war. Zumindest war aber schon das erste Obergeschoss geöffnet. Viel hatte sich in all den Jahren nicht geändert, aber dort, wo früher offenes Kerzenlicht flackerte, war das Flackern heute elektrisch. Eigentlich ein Wunder, dass das von Holz durchzogene Gebäude nie brannte.

Wir setzten uns an die Bar und ließen unsere Blicke wandern. „Hallo ihr zwei“, begrüßte uns einer der Barkeeper. „Was darf ich euch bringen?“ „Wir fangen mit einem Radler an“, entgegnete ich, ohne Leonie zu fragen. Als Arbeitgeber hat man ja schließlich Verantwortung und außerdem war das Getränk nicht so teuer wie die anderen. „Geht das hier nicht auf Spesen?“, schien meine Azubine desillusioniert. „Ja schon, aber wir sind ja nicht zum Feiern hier.“ „Aber man muss ja auch nicht immer so kniepig sein“, sagte sie, was sie dachte.

Als die Bedienung mit unserer Bestellung zurückkehrte, hielt ich ihm mein Handy mit dem Foto unserer Klientin entgegen. „Die muss vor exakt einem Monat hier gewesen sein. Zunächst mit diesen beiden Mädels.“ Ich rief die Fotos von Bella Blanke und Franzi Sturm auf. „Wissen Sie, was hier abends los ist?“ Ich sah mich betont nach allen Seiten um, dann legte ich einen Zwanziger unter das Handy und zeigte ihm die Fotos erneut. Vielleicht können Sie sich ja jetzt erinnern.“ „Ja, kann vielleicht sein“, zeigte er sich auch jetzt noch reichlich wortkarg. Also schob ich noch einen Zwanziger nach.

„Hören Sie, ich will keinen Ärger haben.“ „Der jungen Frau wurde übel mitgespielt“, schaltete sich Leonie in das Gespräch ein. „Sie leidet sehr unter den Folgen. Es würde ihr helfen, wenn sie wüsste, wer ihr das angetan hat“, setzte sie den Barkeeper emotional unter Druck. Der verdrehte die Augen, nahm das Geld und ließ es in seiner Hosentasche verschwinden. „Die drei waren hier, hatten echt Spaß und waren nicht abgeneigt, als sich zwei Typen zu ihnen setzten.“ Er stockte. „Es war wirklich voll an diesem Abend. Ich kann Ihnen bei bestem Willen nicht mehr sagen, wann die beiden anderen Mädchen bei meinem Kollegen bezahlten und mit den zwei Typen verschwanden.“ Womit er sich von uns abwandte und zunächst andere Gäste bediente.

„Okay, das ist jetzt auch nicht so wichtig“, setzte ich nach, als er zu uns zurückkehrte. „Aber was können Sie uns zu der verbliebenen Frau sagen?“, „Irgendwann saß ein Typ bei ihr, den ich hier bislang noch nie gesehen habe.“ „Können Sie ihn beschreiben?“ „Recht schlank, groß und Glatze“, erinnerte er sich. „Alter?“ „Beim Schätzen bin ich nicht so gut, aber ich würde sagen, so Ende zwanzig bis Anfang dreißig.“ „Fiel Ihnen etwas Besonderes an ihm auf“, setzte Leonie nach. „Vielleicht ein Ohrring, ein Tattoo oder eine Narbe?“

Der Mann hinter dem Tresen dachte angespannt nach. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir ein, dass der Typ auf dem rechten Unterarm mehrere Dreiecke in unterschiedlicher Größe gestochen hatte. Ich fand es interessant, weil sie durch einen Pfeil miteinander verbunden waren.“ Er schob die Hemdsärmel hoch und zeigte uns seine Tattoos. „Da ist noch Platz“, deutete er auf eine freie Stelle. „Deshalb habe ich mich im Internet danach umgesehen.“ Er zückte sein Smartphone und zeigte uns ein Bild von dem Tattoo.

„Sieht echt stark aus“, begeisterte sich Leonie. „Bei dem Typ zeigten die Spitzen der Dreiecke nach oben.“ „Ist das von Bedeutung?“, fragte ich nach. Meine Azubine sah mich an, als käme ich von einem anderen Stern. „Sorry, Tattoos sind nicht so meins.“ „Da gibt es feine Unterschiede“, verriet der Barkeeper. „Aber was genau kann ich euch auch nicht sagen.“ „Kannst du mir das Bild von dem Tattoo auf mein Handy schicken?“ Die beiden tauschten ihre Telefonnummern aus, was sicherlich nicht ausschließlich wegen des Bildes geschah.

„Was ist mit dem Gesicht von dem Mann?“, hakte ich nach. „Also er hatte zumindest keinen Bart und trug auch keine Brille. Mehr kann ich leider nicht dazu sagen. Gesichter kann ich mir gar nicht merken.“ „Glaubst du, du würdest den Mann auf einem Foto wiedererkennen?“, nahm mir Leonie die Worte aus dem Mund. Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Kommt aufn Versuch an.“ „Ich nehme dich beim Wort, Zlatko“, zwinkerte Leonie ihm zu. Die beiden Zwanziger waren offenbar gut angelegt. Ich fragte mich nur, woher sie seinen Namen wusste.

 

Detektei Lessing

 

Band 50

 

Leo in Angst

1

Was war das nur wieder für ein Tag? Ein Montag, ja, aber warum verhalten sich ausgerechnet an diesem Tag die Leute immer so merkwürdig? Sie achten beim Autofahren nicht auf den Verkehr, sind aggressiv und ungeduldig. Oder kam es mir nur so vor? Eigentlich müssten sich doch alle am Wochenende entspannt und ausgeruht haben. Das Gegenteil schien der Fall. Während ich in meinen Gedanken das Problem aufzuarbeiten versuchte, schreckte ich auf. Als ich den großen Kasten vor der Schule ‚Am Teichgarten‘ entdeckte, war es schon zu spät. Ich ärgerte mich über mich selbst. Anstatt dreißig Stundenkilometer war ich mit mindestens vierzig geblitzt worden. Ich wusste es, es war ein gebrauchter Tag, an dem ich besser im Bett geblieben wäre. Was bleibt einem also übrig, als den ganzen Frust hinunterzuschlucken und weiterzufahren? 

Auf dem ‚Juliusmarkt‘ bog ich links ab und fuhr über die Oker, die ‚Wallstraße‘ hinunter. Auch so ein Blödsinn, den man hier verzapft hatte, schimpfte ich wütend, als mir in der engen Straße auch noch zwei Radfahrer entgegenkamen. Ob sich der ehemalige Verkehrsminister jemals selber in einer vergleichbaren Situation befunden hatte? Ich musste unweigerlich an die Mautaffäre denken und wurde noch wütender, während ich in Richtung ‚Ziegenmarkt‘ abbog. Beim Anblick der alten Gefängnismauern wünschte ich mir, dass man auch Politiker für ihre kostspieligen Dummheiten härter bestrafen sollte.

Ich folgte dem geschwungenen Verlauf der Straße und sah mich bereits gedanklich im Café Klatsch an einem Cappuccino nippen, als unmittelbar vor mir aus einer Parklücke ein Mercedes schoss. Da mir ausgerechnet jetzt ein Wagen entgegenkam, blieb mir nur eine Vollbremsung. Leider brachte ich meinen Skoda nicht mehr rechtzeitig zum Stehen und kollidierte mit der Nobelkarosse. Das also auch noch. Was für ein Montag, seufzte ich erneut.

Nachdem ich ausgestiegen war, entdeckte ich eine Lady mittleren Alters hinter dem Steuer. Offenbar stand sie unter Schock. Da ich gegen die Fahrertür gefahren war und meinen Wagen noch nicht zurückgesetzt hatte, öffnete ich die Tür auf der Beifahrerseite. Die Frau zitterte am ganzen Körper. Zumindest konnte ich auf den ersten Blick keinerlei äußere Verletzungen feststellen. Selbst als ich bereits neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, starrte sie noch regungslos aus dem Fenster.

„Hallo“, sprach ich sie behutsam an. „Mein Name ist Lessing. Haben Sie sich verletzt? Haben Sie Schmerzen?“ Erst jetzt drehte sie langsam ihren Kopf in meine Richtung und begann zu weinen. „Nein, ich glaube nicht.“ „Dann ist es nur ein Blechschaden“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Also, kein Grund zu weinen.“ „Was wissen Sie denn! Das Auto ist mir doch ganz egal!“ „Na ja, so ganz egal sollte es Ihnen auch nicht sein“, entgegnete ich, während ich auf meinen Wagen deutete. Woraufhin sie ihr Gesicht in den Händen vergrub und erst recht zu schluchzen begann. Angesichts ihrer übermäßigen Reaktion fragte ich mich, ob die Frau unter Drogen stand oder Medikamente eingenommen hatte.

„Wenn es Ihnen lieber ist, müssen wir nicht die Polizei rufen. Wir machen ein paar Fotos, tauschen einfach unsere Namen und die Adressen aus und ich schicke ihnen dann die Werkstattrechnung.“ Allmählich schien sich die Ärmste etwas zu beruhigen. Ich reichte ihr meine Visitenkarte und erwartete im Gegenzug ihren Führerschein oder den Ausweis. „Sie sind Privatermittler?“, sah sie mich wie elektrisiert an. „Ja…“, entgegnete ich gedehnt. „Sie schickt der Himmel!“

Ihre Stimmungslage veränderte sich abrupt. Ich fragte mich erneut, ob nicht doch eventuell Drogen im Spiel waren. „Ich glaube, mein Mann betrügt mich“, überraschte sie mich. „Ich bin ihm bis zur Bank gefolgt und habe dann hier auf ihn gewartet. Bis er wieder aus der Ausfahrt kam.“ „Ich verstehe. Als Sie den Wagen Ihres Mannes sahen, wollten Sie ihn weiterverfolgen und haben dabei nicht auf den Verkehr geachtet“, reimte ich mir zusammen. „Genau“, bestätigte sie. „Jetzt ist er natürlich weg.“

Ein nachdrückliches Hupen riss uns aus dem Gespräch und machte auf den kleinen Stau aufmerksam, der sich in der Zwischenzeit in Richtung Gefängnis gebildet hatte. „Oh, ich glaube, wir sollten unser Gespräch besser an anderer Stelle fortsetzen.“ Ich verließ den Wagen, zückte mein Handy und machte einige Fotos von der Unfallstelle. Da ich bereits einige schlechte Erfahrungen gesammelt hatte, achtete ich darauf, dass ich dabei auch das Kennzeichen ihres Wagens mit aufnahm.

Kurze Zeit später saßen wir uns im Büro meiner Detektei gegenüber und Gerda Stolzenberg, wie ich inzwischen wusste, schilderte mir, wieso sie davon überzeugt war, von ihrem Mann mit einer anderen Frau betrogen zu werden.

„Hartwig leitet mein Unternehmen, seit ich es von meinen Eltern hinterlassen bekam“, erklärte sie. „Also ungefähr fünf Jahre. Während der Pandemie standen wir mit dem Rücken zur Wand. Um eine Insolvenz anzuwenden, mussten wir unseren Fuhrpark ausdünnen.“ „Da haben Sie sicherlich einige schlaflose Nächte hinter sich“, bekundete ich einfühlsam. „Das kann ich Ihnen sagen. Seit letztem Jahr geht es langsam wieder bergauf. Hartwig ist während dieser Zeit oft selber hinter dem Steuer gesessen und obwohl es längst nicht mehr notwendig ist, behielt er es bis heute bei.“

Mein erster Gedanke war sicherlich mit ihrem identisch. Irgendwo auf einer dieser Touren hatte er eine Frau kennengelernt. Was zunächst eine Affäre war, wuchs möglicherweise zu einer Beziehung, die ihr Mann nicht mehr aufgeben möchte. Aber war es wirklich so? „Wohin gehen diese Reisen denn im Allgemeinen?“, hakte ich nach. „In der ersten Zeit fuhr er in die Schweiz und nach Österreich. Soviel ich weiß, fährt er seit einigen Monaten nur noch in die Schweiz“, berichtete sie. „Sie gehen also davon aus, dass ihr Mann in der Schweiz oder auf dem Weg dorthin eine Beziehung zu einer anderen Frau unterhält“, schlussfolgerte ich.

Gerda Stolzenberg zuckte mit den Schultern. „Was würden Sie denken?“ „Das gleiche wie Sie, aber wenn Sie herausfinden wollen, was wirklich dahintersteckt, sollten Sie ihren Mann entweder zur Rede stellen oder beobachten.“ „Na ja, das mit dem Beobachten hat ja nicht so gut geklappt.“ Ich sah sie mild lächelnd an. „Wenn Sie wollen übernehme ich das für Sie, aber so ganz billig wird die Sache nicht.“ „Was würde es mich denn kosten, wenn Sie ihn eine Woche lang auf Schritt und Tritt verfolgen?“ „Mein Tagessatz beläuft sich auf 500€, wobei darin noch keine Spesen enthalten sind.“ „Also etwa 5000€ für eine Woche“, überschlug sie. „Nicht gerade günstig, aber ich hoffe, Sie sind es wert.“ „Bislang hat sich niemand beklagt.“

Nachdem mir meine Klientin alles Wesentliche über ihren Mann erzählt hatte, konnte ich sie im Hinblick auf die zu erwartenden Kosten beruhigen. „Ich werde Herrn Stolzenberg zunächst zwei Tage lang beschatten. Sollte er sich in dieser Zeit mit keiner anderen Frau treffen, können wir tatsächlich davon ausgehen, dass er seine Affäre während der Touren in die Schweiz trifft. In diesem Fall werde ich erst wieder aktiv, wenn eine solche Tour ansteht. Es wäre also von Vorteil, wenn Sie mir den Terminplan Ihres Mannes zur Verfügung stellen könnten.“ Meine Klientin überlegte einen Moment. „Das sollte eigentlich kein Problem sein.“ „Am besten fotografieren Sie ihn ab und senden ihn mir via Mail zu“, schlug ich vor. „Meine Sekretärin wird Ihnen die Adresse und die Bankdaten geben. Ich darf Sie bitten, für die ersten drei Tage in Vorleistung zu treten. Darüber hinaus wird Ihnen Frau Berlitz den Auftrag vorlegen, den Sie bitte unterschreiben.“

Wir erhoben uns und reichten einander die Hände. „Wenn Sie noch etwas Bedenkzeit benötigen…?“ „Danke, Herr Lessing, aber ich habe mir diesen Schritt gut überlegt. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“ Eine taffe Frau, dachte ich mir, während ich hinter ihr meine Bürotür schloss und hinter meinen Schreibtisch zurückkehrte. Nun hieß es erst einmal einen Werkstatttermin für die Reparatur meines Wagens zu machen. Auch wenn der Schaden eher gering war, wollte ich nicht ewig damit herumfahren.

Nach einigen desillusionierenden Telefonaten hatte ich endlich einen Wellnessurlaub für mein Auto eingebucht. Da es sich laut Versicherung um einen sogenannten Bagatellschaden handelte, wurde mir für den Zeitraum der Reparatur auch keinen Ersatzwagen gestellt. Anstatt mit meinem Freund, dem Rechtsanwalt Christoph Börner zu drohen, lenkte ich seufzend ein. Es muss ja nicht immer der Konfrontationskurs sein. Da Axel gerade sein Bein in Gips hatte, würde er mir für diesen Tag sicherlich seinen Wagen ausleihen.

„Hast du schon gesehen, dass dir jemand auf den Skoda aufgefahren ist?“, stürmte Miriam in mein Büro. „Ich bin jemandem aufgefahren“, stellte ich klar. Meine Liebste sah mich prüfend an. „Scheint ja noch alles dran zu sein.“ „Du kannst beruhigt sein, die Versicherung des Unfallverursachers wird für den Schaden aufkommen. Die Dame war gerade noch hier. Sie hat mich als Detektiv engagiert.“ „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, schüttelte Miriam den Kopf. „Du lässt aber auch keine Gelegenheit aus.“ „Was ist falsch daran, das Schicksal auf den richtigen Weg zu bringen.“

2

Da Leonie ihrem Jahresurlaub genommen hatte und Axel mit einem gebrochenen Bein ausfiel, blieb die Observation des untreuen Ehemannes an mir allein hängen. Da kommen schnell mal 16 Stunden am Tag zusammen. So gesehen war mein Honorar ganz sicher nicht zu üppig bemessen. Während ich Hartwig Stolzenberg auf Schritt und Tritt folgte, versuchte Trude im Internet mehr über die Firma Burgreisen herauszufinden.

„Mitte 21 muss die Firma tatsächlich kurz vor der Pleite gestanden haben“, informierte sie mich über das Handy. „Damals kam Hartwig Stolzenberg nicht drumherum, die Hälfte seines Fahrzeugparks zu verkaufen.“ „Offensichtlich hat der Erlös aus diesen Verkäufen der Firma den Gang in die Insolvenz erspart“, schlussfolgerte ich. „Es deutet einiges darauf hin, dass dem nicht so war“, widersprach meine Computerfee. „Anfang 22 fand ich wieder mehrere Annoncen, in denen er weitere Busse zum Verkauf anbot.“

Ich stutzte. „Wie viele Fahrzeuge blieben ihm denn dann letztendlich?“ „Ich sprach mit einer Freundin in der Zulassungsstelle. Demnach blieb es bei dem Bestand.“ „Bleibt die Frage, was die Firma letztlich rettete“, überlegte ich. „Offenbar läuft es derzeit so gut, dass er mittlerweile zwei Busse zurückkaufen konnte“, fügte Trude an. „Man müsste Einblick in die Buchungslisten haben“, sinnierte ich, „…dann könnte man nachvollziehen ob alles mit rechten Dingen zuging.“

„Was meinen Sie, Chef?“ „Die Wende kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Bei solchen Zufällen werde ich schon von Haus aus immer hellhörig. Noch dazu, wenn die Buchungen zu einer Zeit in die Höhe gingen, wo der Rest der Branche immer noch unter der Coronaflaute litt.“ „Stimmt, meine Freundinnen trauten sich auch erst Mitte 22 wieder auf Bustour zu gehen.“ „Genau das meine ich, aber das lässt sich natürlich nur durch die Auslastung der Busse nachvollziehen“, resümierte ich. „Über das Internet komme ich da nicht dran. Es sei denn…“

„Wir werden uns zu keinerlei ungesetzlichen Handlungen hinreißen lassen, Trude“, untersagte ich ihr, den Computer der Firma zu hacken. „Es würde bestimmt niemand mitbekommen. Die verfügen sicherlich über keine ausgeklügelte Firewall.“ „Ich werde unsere Klientin darum bitten, dann ist es völlig legal und kostet mich keine schlaflosen Nächte.“ „Seit wann sind Sie so bange, Chef?“ Ich suchte nach der passenden Antwort. „Na ja, Sie werden halt auch älter.“

Da saß ich nun in meinem Wagen, das Gespräch mit Trude war beendet, und ich sah nachdenklich zum Eingang einer Steuerberatungsgesellschaft. Hartwig Stolzenberg war vor einer Weile darin verschwunden. Die Worte meiner Putzsekretärin hatten mich kalt erwischt. Auch wenn sie nichts anderes als die Realität beschrieben, führten sie mir eine unabdingbare Tatsache vor Augen, die ich bislang erfolgreich verdrängt hatte. Ich wurde älter! Eine Form von Panik keimte in mir auf. War dies der Eintritt in die Midlifecrisis?     

Die Zielperson verließ das Gebäude mit einer Aktentasche und zwei weiteren Ordnern, die sie sich unter den Arm geklemmt hatte. Sie sah gestresst aus, nicht anders als ich, wenn ich vom Steuerberater kam und dennoch hatte ich das Gefühl, es ginge Hartwig Stolzenberg nicht gut. In einer solchen Situation holt man sich gerne Trost bei einem vertrauten Menschen. Vielleicht würde er mich nun zu seiner Geliebten führen. Er legte die Akten auf die Rücksitzbank und sah sich um, bevor er in seinen Wagen stieg und losfuhr. Bevor er mich sehen konnte, tauchte ich auf den Beifahrersitz ab. Hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden?

Es gibt Menschen, die sich permanent beobachtet fühlen, es gibt Menschen, die ein schlechtes Gewissen haben und es gibt Menschen, die einen siebten Sinn entwickelt haben, wenn es tatsächlich so ist. Zu welcher dieser Fraktionen Hartwig Stolzenberg gehörte, war noch nicht klar. Fakt war, dass ich akribisch darauf achten musste, nicht von ihm bemerkt zu werden. Folglich folgte ich ihm mit einem gerade noch vertretbaren Abstand.

Zu meiner Ernüchterung war bereits einige Straßen weiter klar, wohin die Fahrt ging. Die Firma Burg-Reisen hatte ihren Sitz in der ‚Timmerlahstraße‘ in ‚Broitzem‘ und genau dorthin ging offensichtlich unsere Fahrt. Abgesehen von dem Busunternehmen waren hier eine Reihe weiterer Firmen angesiedelt. Metallbau, Fensterbau, Fruchthandel und andere. Ich parkte meinen Wagen so, dass ich von meinem Standort einen großen Teil des Betriebshofes sowie den Eingang zum Verwaltungsgebäude überblicken konnte. Auf dem Parkplatz der Mitarbeiter zählte ich acht Fahrzeuge. Sicherlich hatte die Firma während der Pandemie auch einiges an Personal entlassen müssen. Ein Schicksal, welches die Firma mit vielen anderen gemein hatte.

Gegen 16 Uhr verließen mehrere Mitarbeiter das Gebäude. Ich fotografierte sie mit dem Tele-Objektiv meiner Rollei-Kamera. Mit dieser ließen sich sogar über größere Distanzen Nahaufnahmen machen, die wiederum dabei halfen, die einzelnen Personen zuzuordnen. Falls ich später Infos zu Betriebsinterner benötigte, wusste ich so, an wen ich mich wenden konnte. 

Letztlich blieben vier Fahrzeuge übrig. Da es sich mehr und mehr bewölkte und somit dunkler wurde, konnte ich hinter drei Fenstern im Obergeschoss Licht sehen. Etwa um 17:30 Uhr fuhr ein leerer Reisebus auf das Gelände. Er parkte an einem für die Busse des Unternehmens ausgewiesenen Plätze. Der Fahrer stieg aus und begab sich in eine Garage, aus der er mehrere Reinigungsgeräte holte. Anschließend beobachtete ich, wie er den Bus säuberte und gegen 18:15 Uhr mit einem PKW das Gelände wieder verließ. Ich bemerkte, wie sich hinter den beleuchteten Fenstern einige Lamellen bewegten. Allem Anschein nach wurde die Abfahrt des Fahrers von dort aus kontrolliert. 

Ein langer Tag, dachte ich mir, während ich mir einen Becher Kaffee aus meiner Thermosflasche eingoss. Sicher kein Traumberuf, wenn man an den stetig zunehmenden Verkehr und die damit verbundene Hektik dachte. Kurz darauf fuhr der Wagen meiner Klientin an mir vorbei und bog auf den Betriebshof. Sie hielt direkt vor der Tür des Verwaltungsgebäudes, stieg aus und sah zu den beleuchteten Fenstern im Obergeschoss hinauf. Diesmal bewegte sich keine der Lamellen.

Nach kurzem Innehalten betrat Gerda Stolzenberg das Gebäude. Ich fragte mich, ob sie sich von ihrem Besuch eventuell etwas Bestimmtes versprach. Nein, das war etwas zu viel Klischee für meinen Geschmack. Zumindest war ich auf das, was folgen würde, mehr als gespannt.

Gegen 19 Uhr erlosch das Licht im Obergeschoss und kurz darauf sah ich, wie beide gemeinsam aus dem Eingang kamen. Während sich meine Klientin in ihren Wagen setzte, verschloss ihr Mann die Tür, gab seiner Frau ein kurzes Handzeichen und stieg in seinen Wagen. Woraufhin beide Fahrzeuge das Betriebsgelände verließen. Ich fragte mich, ob es mit ihrer Ehe schon so schlecht bestellt war, dass sie in getrennten Autos fuhren, denn wenig später erreichten sie ihre Villa auf dem ‚Neuer Weg‘ in Wolfenbüttel.

Ebenso wie das Busunternehmen hatte meine Auftraggeberin das herrschaftliche Haus mit dem großen Grundstück von ihren Eltern geerbt. Gerda Stolzenberg war also das, was man allgemeinhin als eine gute Partie bezeichnet. Da sie erst seit sieben Jahren mit Hartwig Stolzenberg verheiratet war, fragte ich mich, ob sie bereits eine Ehe hinter sich hatte, oder ob es vorher keinen geeigneten Kandidaten gab. Nun, über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber auch mit über fünfzig Jahren machte sie keine schlechte Figur.

3

Bevor Trude Feierabend machte, rief sie mich auf meinem Standposten an und setzte mich über das Ergebnis ihrer Recherchen ins Bild. Demnach musste die Burg-Busreisen GmbH mittlerweile wieder schwarze Zahlen schreiben, denn die Firma suchte händeringend Personal. Damit erklärte sich auf den ersten Blick, weshalb Hartwig Stolzenberg immer noch selber hinter dem Lenkrad saß. War der Verdacht seiner Ehefrau also unbegründet? Nach ihren Worten wich er auf ihre Fragen aus, tat ihre Verdächtigungen einfach nur als Hirngespinste und Fantastereien ab.

Erst auf den zweiten Blick erhärtete sich ihr Verdacht, wie sie mir in unserem Gespräch am Tag unseres Kennenlernens erzählt hatte. So brachte er von den Fahrten in die Schweiz ein Hemd mit, was sie nie zuvor sah und welches einen Duft an sich hatte, den sie nicht benutzte. Dafür fehlte andere Kleidung, die erst nach einer weiteren Tour in die Alpenrepublik wieder auftauchte. Als sie Hartwig danach fragte, zuckte er nur lapidar mit den Schultern. Ein Verhalten, was sie bis dahin nicht von ihm kannte.

Es war bereits dunkel, als ich die Observation der Villa abbrach und ziemlich müde nach Hause fuhr. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zielperson noch einmal das Haus verlassen würde, war eher gering. Da mich weder Leonie noch Axel ablösen konnten, musste ich mir meine Kräfte einteilen. Gerade wenn nichts passiert, ist eine Observation besonders anstrengend. Abgesehen davon habe ich noch ein Privatleben.

„Unsere Tochter schläft schon“, empfing mich Miriam mit vorwurfsvollem Blick. „Die Kleine wollte einfach nicht schlafen gehen, weil sie dich unbedingt noch sehen wollte. Sie hat lange gegen ihre Müdigkeit angekämpft, ehe sie einschlief.“ Ich öffnete leise die Tür zu ihrem Zimmer, um mich davon zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Natürlich ging es ihr gut, aber mir nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte.

Ramona mochte es schon als Baby nicht, wenn wir das Licht in ihrem Zimmer über Nacht anließen. Dementsprechend weit musste ich die Tür öffnen, damit vom Flur etwas Licht auf ihr Bett fiel. Vorsichtig schlich ich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Es stimmt, an den Kindern sieht man, wie die Zeit vergeht. Jedes Mal, wenn ich so vor ihr stehe, nehme ich mir vor, mehr Zeit mit ihr zu verbringen und jedes Mal bleibt es bei dem Wunsch danach. Daran ändert auch der Gedanke an meine eigene Kindheit nichts. Natürlich wollte ich es einmal besser machen als meine Eltern, doch dann waren da all diese scheinbar wichtigen Gründe, die dem eigenen Anspruch entgegenstanden.

Miriam und ich waren in unseren jeweiligen Berufen erfolgreich, weil wir Spaß daran hatten und weil wir viel Zeit investierten. Auch wenn wir mit Tanja ein sehr liebevolles Kindermädchen für Ramona engagiert hatten, konnte sie uns natürlich nicht ersetzen. So versuchten wir beide, die wenige Zeit, die wir mit unserer Tochter hatten, so intensiv wie möglich zu nutzen.

„Ich weiß, dass du es dir nicht immer so einrichten kannst, wie du gern möchtest“, flüsterte Miriam, während sie mir über den Rücken strich, „…aber es wird immer deutlicher, wie sehr du ihr fehlst.“ Ich stieß einen tiefen Seufzer aus und schloss leise die Tür zum Kinderzimmer.

„Vielleicht kann ich es einrichten, am Samstag wieder mit euch in die Therme nach Bad Harzburg zu fahren“, schlug ich vor. „Dann kannst du auch bei dem Juwelier nach dem Armband schauen.“ „Ach Leopold, es geht doch nicht darum, dass wir mal was gemeinsam unternehmen“, entgegnete Miriam mit einem Blick, der mich umso mehr ins Grübeln brachte. „Selbstverständlich sind solche gemeinsamen Unternehmungen auch wichtig, aber was ihr wirklich fehlt sind feste Strukturen.“ In meinem Gesicht stand ein Fragezeichen. „Bis vor einem Jahr haben wir zumindest drei oder viermal die Woche gemeinsam Mittag gegessen und am Abend hast du regelmäßig mit ihr gespielt und sie anschließend ins Bett gebracht. Leider geschieht dies mittlerweile nur noch sehr selten.“

Ich wusste, dass Miriam Recht hatte, aber wie sollte ich es ändern? „Dein Job frisst dich mehr und mehr auf“, nannte sie das Problem beim Namen. „Du weißt, wie wichtig es mir ist, erfolgreich zu sein und damit die Hälfte zum Familienunterhalt beizutragen“, erklärte ich. Mein Schatz schüttelte den Kopf. „Das ist doch nichts anderes als so ein Männerding. Wir leben nicht mehr im letzten Jahrhundert. Was wäre so schlimm daran, weniger Geld als ich nach Hause zu bringen?“ Die Mimik in meinem Gesicht schien wie ein offenes Buch zu sein. „Ich dachte, die Sache mit deinem Ego liegt weit hinter uns.“

War ich bislang bemüht, zumindest nach einem Ansatz für eine Lösung des Problems zu suchen, hatte mich Miriam mit ihren Worten nun auf dem falschen Fuß erwischt. „Bei der Justiz im Gericht wird eine Stelle frei. Das wäre doch was für dich.“ Ich sah Miriam entsetzt an. „Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ „Wieso? Du hättest geregelte Arbeitszeit und ein festes Gehalt“, versuchte sie mir den Job tatsächlich schmackhaft zu machen.  Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nichts Falsches zu sagen. Ein altes Rezept, vorher einige Male tief durchzuatmen half.

„Also, was das mit meinem Ego angeht, bin ich anderer Ansicht. Ich denke nicht, dass es etwas damit zu tun hat, sondern eher mit meiner Überzeugung. Wenn ich lediglich etwas weniger zum Unterhalt der Familie beisteuern würde, hätte ich ganz gewiss kein Problem damit, aber hier geht es nicht ums Geld, sondern um die Dinge, die mir im Leben, abgesehen von meiner Familie, wichtig sind. Genau wie deine Arbeit für dich eine Berufung ist, ist es für mich nichts anders.“ Miriam verzog das Gesicht. „Das kannst du doch nun wirklich nicht miteinander vergleichen.“

Ich war schockiert. „So wenig hältst du von meiner Arbeit? Seit wann ist das so? Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Im Grunde liegt es an mir“, rückte sie allmählich mit dem eigentlichen Problem heraus. „Immer dann, wenn du einen dieser heiklen Fälle bearbeitest, halte ich es vor Angst um dich kaum aus. Weiß ich, ob ich dich heile wiedersehe?“ Ich nahm Miriam in den Arm und drückte sie an mich. „Kannst du die gefährlichen Fälle nicht ablehnen?“ „Wenn ich einen Auftrag übernehme, weiß ich nie, wohin die Reise geht. Selbst die harmloseste Sache kann übel enden“, erklärte ich. „Das ist es ja“, seufzte sie. „Wir haben ein Kind, was dich ebenso braucht wie mich. Ich will nicht eines Tages als alleinerziehende Witwe enden.“ „Das wirst du nicht, eine Frau wie du bleibt nicht allein“, versuchte ich sie aufzumuntern.

„Wenn du glaubst, dass das ein Trost wäre, schätzt du mich falsch ein.“ „Das war ein Scherz.“ „Aha.“ Ich rieb mir nachdenklich das Kinn. „Es wäre nicht fair, wenn ich dir verspräche, noch besser auf mich aufzupassen, weil ich schon immer zuerst an die Eigensicherung dachte und erst dann mein weiteres Vorgehen davon abhängig mache. Man kann nie jede Eventualität ausschließen, aber das kannst du ebenso wenig. Ich möchte dich nur an deine Entführung aus dem Gerichtssaal erinnern.[1] Weder du noch ich können das Schicksal beeinflussen.“ „Ich weiß, aber man kann das Risiko minimieren.“ „Dazu müssten wir in die Zukunft sehen können. Nur dann hättest du damals gewusst, wie der Mann auf das Urteil reagiert.“ „Du hast recht“, stimmte mir Miriam nachdenklich zu.

„Glaub mir, du willst keinen mürrischen Mann an deiner Seite haben, der mit sich und seinem Leben unzufriedenen ist. „Nee, das will ich wirklich nicht. Der alte Griesgram, der abends neben mir laut auf dem Sofa schnarcht reicht mir allemal.“ „Wie ich? Das kann gar nicht sein, weil ich im Gegensatz zu dir nicht vor dem Fernsehapparat einschlafe. Und überhaupt, wenn hier einer schnarcht, bist du das“, lachte ich. Woraufhin mir mein Schatz das Sofakissen auf die Rübe zog und das Weite suchte. „Na warte, das kriegst du wieder!“

 4

Auch wenn sich meine Klientin im Großen und Ganzen aus den geschäftlichen Dingen in ihrer Firma heraushielt, konnte sie mir bei einem Anruf immerhin die Namen des Disponenten sowie der Buchhalterin und der Sekretärin ihres Mannes sagen. Trude fand im Internet sehr schnell heraus, welche Gesichter zu ihnen passten, wo sie wohnten und wie sie ihre Freizeit verbrachten. 

„Na, wenn diese Dame nicht das Klischee einer gutaussehenden Chefsekretärin bedient, weiß ich auch nicht.“ Das Foto, was mir Trude daraufhin entgegenhielt, zeigte eine attraktive Frau Mitte dreißig. „So wie die aussieht, hat die es doch gar nicht nötig zu arbeiten“, lächelte sie süffisant. Ich hatte die Frau fotografiert, während ich Hartwig Stolzenberg vor dem Betriebshof observierte. Ebenso wie eine ältere Frau, die recht sportlich auf mich wirkte. Dabei handelte es sich der Recherche meiner Putzsekretärin nach um die Buchhalterin des Unternehmens.

Mein erster Eindruck hatte mich nicht getäuscht. Dennoch war ich recht erstaunt, als mir Trude die Sportart verriet, in der sie bereits einige Erfolge für sich verbuchen konnte. „Sie läuft Marathon und gehört auf Facebook einer Laufgruppe an.“ Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. „Können Sie herausfinden, wo die gute Frau trainiert?“ „Ist bereits geschehen, aber wenn Sie davon ausgehen, dass Frau Lampe innerhalb eines Vereins gedrillt wird, muss ich Sie enttäuschen. Soviel ich über die Facebook-Gruppe herausfand, läuft sie abends ab 19Uhr von Volkmarode nach Schandelah und wieder zurück.“

„Wow! Das wäre ganz sicher nichts für mich“, gestand ich. „Obwohl es dem Ansatz über Ihrem Hosenbund sicherlich ganz guttäte.“ „Was für ein Ansatz?“, entgegnete ich an mir heruntersehend. „Ich habe Ihnen bereits eine Laufkarte ausgedruckt. Nur für den Fall, dass Sie mit der Frau ins Gespräch kommen wollen.“ „Das war sehr weitsichtig von Ihnen, Trude, aber ich glaube eher nicht.“

Bereits am nächsten Tag stand ich in Jogger und Laufschuhen am Ende der ‚Alte Dorfstraße‘ in Schandelah. Da Frau Lampe mir zuliebe nicht von ihren täglichen Trainingsplan abrücken wollte, hatten wir uns am Ausgangspunkt ihrer Laufstrecke verabredet. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Auffassung, auch als untrainierter Mann mit ihr mithalten zu können.

„Wie ich sehe, haben Sie sich einigermaßen gut vorbereitet“, lobte sie meine Aufmachung. Sie müssen verstehen, dass ich mein Training für den Berlin-Marathon nicht unterbrechen kann.“ Ich holte tief Luft. Allein ihre Absichtsbekundung verschlug mir den Atem. „Da laufen Sie mit? Alle Achtung“, zollte ich ihr Respekt.

Während sich Frau Lampe mit unterschiedlichen Dehnübungen locker machte, versuchte ich ihrem Vorbild zu folgen. „Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, arbeite ich für Frau Stolzenberg. Meine Klientin sagte mir, dass Sie bereits seit fünfzehn Jahren als Buchhalterin für ‚Burg-Reisen‘ tätig sind.“ „Das stimmt. Können wir?“, trippelte sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Ja klar, wir können uns ja während des Laufens weiter unterhalten“, lächelte ich ihr hoffnungsfroh zu. Bereits nach fünfzig Metern lag ich bereits so weit hinter ihr zurück, dass eine Unterhaltung nur noch mit Megaphon möglich gewesen wäre.

„Laufen Sie schon mal vor!“, rief ich ihr zu. „Ich hole Sie schon wieder ein.“ Ihre Antwort begrenzte sich in einem kurzen Handzeichen. Wieder zurück an meinem Wagen, lud ich das Klappfahrrad aus, welches mir der Nachbar zur Verfügung gestellt hatte, montierte es und schwang mich auf den Sattel. Dass man diesen ebenfalls durch eine Stellschraube fixieren musste, hatte mir vorher niemand gesagt. Dass man sich auf dem Ding einen Wolf strampelt, auch nicht.

Wie auch immer, zehn Minuten später hatte ich Frau Lampe eingeholt. „Sie schummeln ja, Herr Lessing“, lachte sie, als ich neben ihr auftauchte. Völlig außer Atem brauchte ich einige Minuten für meine Antwort. „Zumindest sind Sie kreativ. Also, stellen Sie ihre Fragen.“

Auch wenn ich Trude nur ungern Recht gab, war klar, dass ich in Zukunft etwas für meine Kondition tun musste. „Tja also, da haben Sie ja schon einige Jahre für den Vater meiner Klientin gearbeitet. Ich nehme an, Herr Stolzenberg hat den Betrieb im Sinne seines Schwiegervaters weitergeführt?“ „Sie wissen doch, wie das so ist“, entgegnete sie vage. „Natürlich hatte Herr Stolzenberg seine eigenen Vorstellungen. Er wollte expandieren und war im Grunde auf einem guten Weg, aber dann kam Corona und der Kauf der neuen Busse fiel ihm auf die Füße.“ „Er musste den Fahrzeugpark also wieder ausdünnen“, schlussfolgerte ich.

Bevor die Marathonläuferin auf meine Frage antworte, bog sich der Weg plötzlich in einer Kurve nach links. Als ich den Lenker einschlug und mich nach links legte, drehte sich der Sattel entgegen jeglicher physikalischer Gesetze nach rechts. Trotz Erdanziehungskraft schaffte ich es gerade noch, einen Sturz zu vermeiden. Zum Stehen kam ich allerdings erst auf einem Feld zwischen lauter Zuckerrüben.

Frau Lampe konnte vor Lachen nicht weiterlaufen. Auch wenn mir im ersten Moment nicht danach war, steckte sie mich letztlich doch an. „Tut mir leid, wenn Sie Ihr Training nun doch meinetwegen unterbrochen haben.“ „Falls Sie ihren Job nicht mehr machen können, sollten Sie eine zweite Karriere als Comedians anstreben.“

Nachdem ich das Klapprad des Nachbarn geborgen und den Sattel fixiert hatte, setzte die Buchhalterin ihr Training und ich ihre Befragung fort.

„Wir sprachen über den Fahrzeugpark“, erinnerte ich die Buchhalterin. „Er musste mehrere Busse mit hohen Verlusten verkaufen und einige Fahrer entlassen“, seufzte sie. „Aber dann ging es ja ziemlich schnell wieder bergauf“, hielt ich mit meiner Skepsis nicht hinter dem Berg. „Die Busse müssen quasi über Nacht wieder voll ausgelastet gewesen sein.“ „Hören Sie, Herr Lessing, ich bin jenseits der Fünfzig. Wenn ich jetzt meinen Job verliere, bekomme ich wahrscheinlich keinen neuen mehr.“ Anhand ihrer Reaktion wurde klar, dass ich auf dem richtigen Weg war.

„Wenn das Finanzamt spitzbekommt, dass die Zahlen nicht stimmen und Sie als Buchhalterin die illegalen Machenschaften Ihres Chefs decken, brauchen Sie ganz gewiss keinen Job mehr, weil Sie dann nämlich in der Knastwäscherei arbeiten.“ „Wenn Sie mir drohen, ist unser Gespräch an dieser Stelle beendet“, empörte sie sich. „Drohen? Ich will Ihnen den Hintern retten!“, machte ich ihr ihre Situation bewusst. „Wann bekamen Sie zum ersten Mal Zweifel?“ „Es waren die Busse, die meistens nur zur Hälfte mit Fahrgästen gefüllt den Hof verließen. In den Abrechnungen aber immer bis auf den letzten Platz ausgebucht waren.“ Die Zahlen wurden also geschönt.

„Konnte es nicht sein, dass an weiteren Haltestellen Leute zustiegen?“, hakte ich nach. „Das sagte ich mir zunächst auch, aber nachdem ich die Fahrer darauf angesprochen hatte, wurde klar, dass die Busse im besten Fall zu zwei Dritteln ausgelastet waren.“ „Aber auf diese Weise musste er doch doch viel mehr Steuern abführen“, überlegte ich. „Das ist richtig, aber so wird schmutziges Geld sauber und dem Unternehmen geht es besser.“ „Fragt sich nur, woher das Schwarzgeld stammt?“, eruierte ich. „Das dürfte dann wohl Ihr Job sein“, bekundete Frau Lampe.

Nachdem wir uns einige Atemzüge wortlos nebeneinander herbewegt hatten, weil jeder für sich die neue Situation überdachte, brachen wir gleichzeitig unser Schweigen. „Wie geht…“ „Haben Sie…“ „Fragen Sie zuerst“, ließ ich der Buchhalterin den Vortritt. „Wie geht es denn nun weiter?“ „Solange ich nicht herausgefunden habe, was hinter alledem steckt, bleibt alles beim Alten. Wenn Sie ihn jetzt anzeigen, gibt es keine Beweise und er wird versuchen, Ihnen alles in die Schuhe zu schieben.“ „Aber ich habe mit alledem doch nichts zu tun!“ „Was sicher nicht einfach zu beweisen wäre. Haben Sie denn wirklich keine Ahnung, woher das Geld kommen könnte?“ Frau Lampe stoppte abrupt ab. „Nein, das nicht, aber da waren so merkwürdige Typen im Betrieb. Ich begegnete ihnen auf dem Flur vor dem Büro des Chefs.“

Ich bremste ebenfalls und hielt neben ihr. „Was waren das für Männer?“ Ihre Stirn krauste sich. „Ganz merkwürdige Typen, denen ich nachts nicht begegnen möchte. Südländer, wenn ich mich recht erinnere.“ „Können Sie die Begegnung zeitlich eingrenzen?“, hakte ich interessiert nach. „Ich würde sagen, so Anfang 22, vielleicht März oder April.“ „Würde das ungefähr in die Zeit fallen, als Ihnen die Differenz bei der Auslastung der Busse zum ersten Mal auffiel?“

Wir saßen inzwischen auf einem Baumstamm, der mit weiteren Stämmen am Wegrand lag. Frau Lampe dachte angespannt nach. „Das mit den Bussen fiel mir erst zwei, drei Monate später auf.“ Das konnte passen. Was auch immer diese Männer anzubieten hatten, es würde sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen, ehe sich dieses Geschäft für Stolzenberg auszahlte.

„Ich lege Ihnen nahe, sich vorerst ruhig zu verhalten. Erledigen Sie die Arbeit weiterhin wie gewohnt. Lassen Sie sich nichts anmerken und sprechen Sie vor allem mit niemandem darüber. Ich weihe inzwischen Frau Stolzenberg ein und dann überlegen wir unser weiteres Vorgehen. Auf jeden Fall werde ich Sie zeitnah informieren. Bis dahin nehmen Sie bitte allenfalls mit mir Kontakt auf. Sie finden die Telefonnummer der Detektei im Internet und im Telefonbuch.“ „Haben Sie keine Karte?“ „Damit sie jemand bei Ihnen findet?“ Sie nickte.

5

„Guten Tag, Frau Stolzenberg“, begrüßte ich meine Auftraggeberin in meiner Detektei. „Nehmen Sie bitte Platz. Darf ich Ihnen einen Kaffee oder etwas anderes anbieten?“ „Bitte ein Mineralwasser, wenn möglich Medium.“ Ich drückte die Ruf-Taste meiner Gegensprechanlage und bestellte das gewünschte Getränk. „Es klang am Telefon so, als konnten Sie schon etwas herausfinden“, ließ meine Klientin ihrer Neugier freien Lauf. „Nicht das, was Sie erwarteten, aber allemal brisant genug, um Sie zu einem Gespräch zu bitten.“

Die Sorgenfalten in ihrem Gesicht gruben sich noch tiefer ein. „Sie erzählten mir bei unserem Vorabgespräch von der drohenden Insolvenz der Burg-Reisen GmbH und davon, dass es ihrem Mann nur durch die Veräußerung mehrerer Busse und der Entlassung einiger Fahrer gelungen war, dass Unternehmen vor der Pleite zu bewahren.“ „Genau so war es“, bestätigte Frau Stolzenberg. „So zumindest sieht es auf den ersten Blick aus. Leider ergaben die Recherchen ein anderes Bild.“

Ihre Buchhalterin, Frau Lampe, erzählte mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass die Zahlen für die Sitzplatzbuchungen in den Bussen massiv geschönt wurden.“ Meine Klientin stutzte. „Aber das macht doch gar keinen Sinn, weil das höhere Einnahmen suggerieren würde, für die dann auch höhere Steuern gezahlt werden müssten.“ „Es sei denn, Ihr Mann würde mit einer Nebentätigkeit Geld verdienen, welches er auf unauffällige Weise dem Unternehmen zu Gute kommen lässt.“

Frau Stolzenberg erschrak. „Ja aber, woher soll er das Geld denn haben?“ „Vielleicht ist genau dies der Grund für die Fahrten in die Schweiz und nicht eine Affäre, wie Sie bislang annahmen?“, brachte ich sie zum Nachdenken. Nach einer Weile verzog sie ihr Gesicht und schüttelte den Kopf. „Ich bin mir sicher, dass eine Frau ihre Finger im Spiel hat. Ich kenne meinen Mann. Er ist so verändert, geht mir aus dem Weg und reagiert ertappt, wenn ich unvermittelt ins Zimmer komme. Vielleicht lebt die Affäre meines Mannes in der Schweiz und wer weiß, vielleicht hat diese Frau auch etwas mit den Manipulationen zu tun? Sie müssen herausfinden, was dahintersteckt, Herr Lessing.“

Meine Stirn legte sich in Falten. „Dazu müsste ich eine Busreise nach Zürich buchen“, überlegte ich. „Und weil es sicherlich auffällt, wenn ich eine solche Reise allein unternehme, wäre es sinnvoll, wenn meine Assistentin mit mir verreist. Tante und Neffe fallen sicher weniger auf“, schlug ich vor. „Sie haben Recht, Herr Lessing.“ „Allerdings müsste ich die Reisekosten in dem Fall auf die Spesenrechnung setzen“, gab ich zu bedenken. „Sie können online buchen. Je eher desto besser. Ich glaube, er fährt in zwei Tagen die nächste Tour.“

Während ich meine Auftraggeberin zum Ausgang begleitete, zwinkerte ich meiner Putzsekretärin lächelnd zu. „Falls Ihr Mann die Tour doch nicht selber fahren sollte, wäre es gut, wenn Sie mich rechtzeitig informieren“, bat ich Frau Stolzenberg. „Sie können sich auf mich verlassen“, entgegnete sie und verließ die Detektei.

„Wollen Sie was von mir, Chef?“, stutzte Trude irritiert. „Was halten Sie von einer Dienstreise in die Schweiz?“ „Wie, Sie und ich?“ „Warum nicht?“ „Weil wir noch nie zusammen verreist sind.“ „Dann wird’s aber höchste Zeit, meinen Sie nicht auch?“ Aber nur wenn jeder von uns sein eigenes Zimmer bekommt“, machte Trude zwinkernd zur Bedingung. „So sollte es sein, wenn Tante und Neffe eine Reise tun“, scherzte ich.

„Sie wollen mich doch verkackeiern, Chef“, hielt die gute Seele mein Angebot noch immer für einen Posse. „Nein, bestimmt nicht. Ich habe die Reise gerade mit unserer Auftraggeberin besprochen. Ihr Mann fährt übermorgen wieder nach Zürich. Frau Stolzenberg vermutet, dass er dort eine Affäre hat. Es liegt also nahe, ihn dort zu observieren. Was liegt also näher, als mit meiner Tante mitzufahren?“ „Schon übermorgen! Ach herrjemine, wie soll ich das nur Axel klarmachen? Gerade jetzt, wo er das Bein gebrochen hat.“ „Na ja, solange er nicht beide Arme in Gips hat…“ Trude schüttelte den Kopf. „Sie sind unmöglich, Chef.“

„Wo willst du hin?“, hakte Miriam ungläubig nach. „Ich muss im Auftrag meiner Klientin in die Schweiz, wo ich ihren Ehemann observieren soll“, erklärte ich. Mein Schatz sah mich verwundert an. „Trude wird mich auf dieser Reise unterstützen“, schob ich nach. „Moment, nur noch mal zu meinem besseren Verständnis. Du und Frau Berlitz fliegen für…, wie lange sagtest du?“ Ich runzelte die Stirn. „Zum einen fliegen wir nicht, sondern reisen mit dem Bus und zum anderen sagte ich noch nicht, wie lange die Tour dauern wird.“

„Also ehrlich, du kannst doch nicht einfach einen Auftrag annehmen bei dem du über mehrere Tage unterwegs bist“, zeigte sich Miriam nicht gerade erfreut. „Gerade jetzt, nachdem wir uns gerade darauf geeinigt haben, dass du kürzertrittst, um mehr Zeit für die Familie zu haben.“ Ich sah ihr ungläubig in die Augen. „Sorry, aber da musst du wohl etwas falsch verstanden haben. Natürlich will ich so viel Zeit wie möglich mit Ramona und dir verbringen, aber wir hatten uns ebenso darauf verständigt, dass mir meine Arbeit sehr wichtig ist. Ich verlange doch auch nicht, dass du auf deine Seminare verzichtest.“

Mir fiel auf, wie oft wir uns in letzter Zeit in dieser Hinsicht uneins waren, aber wenn ich mich jedes Mal zurücknahm, um keinen Streit zu riskieren, tat ich mir auf lange Sicht keinen Gefallen damit. „Als wir uns kennen und lieben lernten, wusste jeder von uns, auf was er sich einließ“, versuchte ich Miriam meinen Standpunkt klarzumachen. „Unsere Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Ohne sie würden wir beide nicht mehr das sein, was uns ausmacht.“ Nichts anderes versuchte ich ihr kurz zuvor in einem ähnlichen Gespräch schon einmal zu erklären.

„Du hast Recht, Leopold“, lenkte mein Schatz ein. „Ich denke, drei, vier Tage bekommen Ramona und ich es auch ohne dich hin, aber du musst mir versprechen, nach diesem Fall mindestens für eine Woche keine neuen Fälle anzunehmen.“ Meine Nackenhaare sträubten sich. „Ich verspreche dir, keine neuen Fälle zu bearbeiten“, präzisierte ich.“ Miriam sah mich durchdringend an. „Also schön, dann eben so.“

Wenn dies der Kompromiss war, nachdem wir gesucht hatten, sollte es mir recht sein. Wenn er sich auf ähnliche Situationen anwenden ließ, die ohne Frage noch vor uns lagen, um so besser. Fakt war, dass diese Diskussionen zwar leidig waren, es allerdings keine Patentlösung gab, wenn wir trotz Familie an unserer Berufung festhalten wollten. Ich war gespannt, ob Trude mit Axel weniger Probleme haben würde.

Der folgende Tag war mit allerlei Vorbereitungen gespickt. Es liegt auf der Hand, dass eine Detektei nicht ohne Weiteres für ein paar Tage geschlossen werden kann. Immerhin gab es Ermittlungen in anderen Fällen, die zwar bereits abgeschlossen waren, aber vor der Erstellung einer Rechnung zunächst gerichtsfest ausgewertet werden mussten. Versicherungsgesellschaften gehören in dieser Hinsicht zu den eher schwierigen Auftraggebern. Wenigstens zahlten sie gut.

Zwei Tage später war es dann so weit. Miriam fuhr uns nach Broitzem zum Busterminal. „Hast du auch alles eingepackt?“, nervte Miriam und begann alles, was sie für wichtig hielt, aufzuzählen. „Du brauchst für jeden Tag einen Schlüpfer und frische Strümpfe.“ Ich verdrehte die Augen. Wie peinlich war das denn? „Vielleicht sprichst du etwas lauter, ich glaube die alte Frau hinter mir hat dich nicht verstanden.“ Miriam schüttelte fürsorglich den Kopf. „Nun sei doch nicht gleich wieder beleidigt. Ich mache mir eben Gedanken.“

Nachdem wir uns endlich verabschiedet hatten, weil Miriam einen unaufschiebbaren Termin am Gericht hatte, waren Trude und ich die Letzten, die einstiegen. Außer uns nahmen etwa zwei Dutzend Reisende an der Tour teil. Der Bus war also nur zur Hälfte besetzt. Beim Anblick der Mitreisenden bestätigte sich meine Vorahnung. Offensichtlich war ich der Benjamin in der Rentnergang. Wie gut, dass ich Trude an meiner Seite hatte. Als Erklärung für die Begleitung meiner geliebten Tante musste ihr schlechter Gesundheitszustand herhalten.

 

[1] Detektei Lessing Band 30 „Der süße Durst nach Rache“