Werkstatt
Hier in der Werkstatt geht es demnächst mit dem 61. Roman 'aus der Detektei Lessing' weiter !
Er spielt in Wolfenbüttel und Ahlum unter dem Titel: 'Ahlumer Nächte'.
Ab sofort habt ihr wieder die Möglichkeit mit eigenen Ideen an der neuesten Detektivgeschichte aus der Lessingserie mitzuwirken.
Falls ihr eigene Ideen zu den Spielorten habt, solltet ihr mir diese via Mail zukommen lassen.
Eure Ideen werden, soweit sie umsetzbar sind, berücksichtigt und euer Name, wenn gewünscht, als Coautor im Buch berücksichtigt.
Mein Dank gilt in besonderer Weise, Herrn Jürgen Nieber, der meine Manuskripte aus reinem Idealismus lektorieren. Mit im Team sind die Maler Robert Tschöp, Charlotte Matzeit, Rüdiger Franz und Julia Elena Zeh, die mit ihren Bildern maßgeblich die Einbände zur Detektei Lessing mitgestalten. Überdies mit dabei, der Bremer Fotograf Andreas Eberl, der dem letzten Mike Winter Krimi mit seinem Foto ein Supereinband gab. Den Link zu seiner Argentur findet ihr übrigens auf dieser Website.
Start der Leseprobe
Detektei Lessing
Band 61
Ahlumer Nächte
1
Es ist spät, als der schwere Audi über die Auffahrt in die Garage der repräsentativen Villa fährt. Der Rechtsanwalt für Verkehrsrecht hatte wie so oft in den zurückliegenden Monaten einen wichtigen Auswärtstermin. Dementsprechend müde, stieg er aus seinem Wagen. Während sich hinter ihm das Rolltor senkte, griff er den Aktenkoffer und betrat durch die Verbindungstür die Villa.
„N Abend!“, rief er vom Flur aus in den offenen Wohnbereich, in dem er seine Frau vermutete. Wie so oft hallte ihm ihre Lieblingsmusik entgegen. Wie passend, dachte er sich, als er das Finale aus ‚Das Land des Lächelns‘ erkannte. Ausgerechnet ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ muss es sein. Rebecca liebte diese Arie, aber selbst war sie, seinem Empfinden nach, so kalt wie eine Hundeschnauze. Die Nadel des Plattenspielers hüpfte und wiederholte immer wieder die Passage, ‚…es ist fast nie zu spät es zu kapieren‘. „Auch das noch“, seufzte er leise.
Anders als vermutet saß sie jedoch nicht auf dem Sofa. Er sah sich verwundert um ohne sie zu sehen, dann zog den kleinen Hebel am Plattenspieler nach vorn und rückte den Arm mit dem Tonabnehmer ein kleines Stück nach links, wo er ihn wieder senkte. Zu weit, wie er im nächsten Moment bemerkte, als die Nadel in die Auslaufspur glitt und der Arm von der Automatik des Plattenspielers ergriffen in seine Ausgangsposition zurückbefördert wurde.
Ein mildes Lächeln umspielte seine Lippen. Alles Gute hat ein Ende, grinste er zufrieden, während er sich an der Bar bediente. Heute war ihm nach Gin Tonic. „Du bist ja schon da“, begrüßte ihn Rebecca in einem zynischen Unterton. Sie hatte getrunken. „Schon?“, ging er nicht weiter darauf ein. Er war zu müde für den täglichen Streit. „Hat es sich wenigstens gelohnt?“, fragte sie zweideutig weiter. „Ich denke schon“, entgegnete er vielsagend. „Ein Ortstermin lässt einem die Dinge oftmals aus einer anderen Perspektive sehen.“ „Ich nehme an, du hast dabei auf dem Rücken gelegen“, spulte sie lallend das übliche Programm ab.
Er trank einen ordentlichen Schluck, drehte sich um und wollte, wie so oft, in seinem Arbeitszimmer verschwinden. „So lässt du mich hier nicht stehen!“ Er ignorierte sie. Sie lief ihm nach, riss ihn am Arm zurück und schrie ihn an. „Meinst du, ich weiß nicht, dass du dich mit dieser kleinen Schlampe aus der Kanzlei triffst?“ „Wenn du Bescheid weißt, ist doch alles gut“, zuckte er mit den Achseln und setzte seinen Weg fort. „Du widerst mich einfach nur noch an!“, rief sie ihm nach. „Du wirst deine schmutzigen Episoden noch bereuen“, drohte sie ihm. „Ich werde mich von dir trennen!“
Bevor er die Tür zu seinem Arbeitszimmer schloss, drehte er sich noch einmal zu ihr um und schüttelte abschätzig den Kopf. „Du solltest weniger trinken, Rebecca.“ Je ruhiger er auf ihre Vorhaltungen reagierte, umso mehr geriet sie in Rage. „Wenn ich mit dir fertig bin, gehst du mit nicht mehr als dem, was du auf dem Hintern hast!“ Sie wollte ihm in sein Büro folgen, doch Alexander hatte die Tür wohlweislich verschlossen.
Es war nicht die erste Szene, die er über sich ergehen lassen musste. Das Sofa, welches er sich deswegen hatte aufstellen lassen, war bequem und er nicht sonderlich wählerisch. Im Grunde war ihre Ehe bereits nach zwei Jahren gescheitert, als sie sein Kind verlor und unfruchtbar wurde. Einzig die Tatsache, dass sie die Kanzlei von ihrem Vater übernommen hatte und diese nach dessen Tod ihr gehörte, hinderte ihn daran seine Sachen zu packen. Um noch einmal ganz von vorn zu beginnen, fehlte ihm das Geld, der Mut und vielleicht auch die Zeit, also blieb er und holte sich, was sie ihm nicht geben wollte, an anderer Stelle.
2
Mein letzter Fall hatte mir einiges an Nerven und an Substanz gekostet. Immerhin musste ich bis an meine Grenzen gehen, um einer vermissten jungen Frau das Leben zu retten.[1] Trude und insbesondere Leonie waren mir bei der Lösung des Falles eine große Stütze gewesen. Ohne sie, aber auch ohne Axel und Bea hätte der Fall sicherlich kein gutes Ende genommen. Das mir der Sportbund sogar das bronzene Sportabzeichen verlieh, obwohl ich nicht eine der Prüfungen dafür bestehen musste, erschien mir zunächst als große Ehre, aber im Nachhinein fühlte es sich an, als hätte ich mir die Urkunde nicht wirklich verdient.
[1] Detektei Lessing Band 60 ‚Im Augenblick des Todes‘
Je mehr Zeit verging, umso mehr nagte das schlechte Gewissen an meinem Ego. Also nahm ich Kontakt zu Gerd Locker, dem Platzwart des ‚Okerstadions‘ auf. Anders als bei meinem ersten Anlauf wollte ich die Sache kleinhalten. Diesmal sollte niemand in meinem Umfeld etwas von dem Vorhaben mitbekommen, auch wenn der Erlös aus dem Sportevent dem Wolfenbütteler Tierheim zugutegekommen war. Die Schmach, am Ende des Tages das Abzeichen doch nicht aus eigener Kraft und ganz regulär zu bestehen, wollte ich mir dann doch nicht antun.
„Wie weit bist du mit der Überdachung?“, riss mich Miriam aus den Gedanken. Prompt schlug ich mir den Kopf an einem der Querbalken an, an denen ich die Doppelstegplatten anbrachte. „Mach das ja ordentlich“, mahnte sie. „Nicht, dass uns die Teile beim ersten Sturm wieder davonfliegen.“ „Keine Angst, Schatz, das wird sicher kein zweites Mal passieren“, versprühte ich Zuversicht und den Glauben an meine Handwerkskunst. „Na, so ganz traue ich dem Frieden noch nicht“, erwiderte sie zweifelnd. „Ich stelle dir deinen Cappuccino auf den Tisch. „Oh danke.“
„Wie hast du dir eigentlich Leonies Zukunft in deiner Detektei vorgestellt?“, erkundigte sie sich, während ich die Leiter zu ihr hinunterstieg. „Ich habe bereits mit Christoph darüber gesprochen“, entgegnete ich. „Sie wird so eine Art Juniorpartner ohne festes Gehalt.“ „Na, das hast du dir ja mal wieder schön ausgedacht“, ließ mich Miriam ihren Missmut deutlich spüren. „Was spricht dagegen? Eine solche Konstellation ist durchaus üblich.“ „Ja vielleicht, wenn man nur auf seinen Vorteil bedacht ist, aber Leonie gehört quasi zur Familie.“ „Ich weiß gar nicht, was du hast“, hielt ich dagegen. „Immerhin verzichte ich auf eine Kapitaleinlage.“ „Jetzt bleib mal auf dem Teppich“, konnte sich meine Liebste das Lachen nicht verkneifen. „Sei froh, dass sie in deiner Detektei arbeiten will.“ „Bin ich, aber ich musste auch klein anfangen.“
„Leopold Lessing“, erhob sie die Stimme. „Mir war klar, was nun folgte. „Wenn du dein Angebot nicht noch einmal überdenkst, werde ich Leonie in dieser Sache beraten.“ Ihre Androhung machte meine Pläne mit einem einzigen Fingerzeig zunichte. „Ich kann ja noch mal in mich gehen.“ „Mach das“, erwiderte sie, während sie mich auf der Terrasse wie einen begossenen Pudel zurückließ. Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Entscheidungen in diesem Haus nicht mehr gleichberechtigt zu treffen. Wenn ich Leonie hätte übervorteilen wollen…
Ich war gerade wieder auf der Leiter, um die letzten Handgriffe zu erledigen, als ich Leonies Stimme hörte. „Sind Sie hier irgendwo, Chef?“, suchte sie mich offenbar. „Das geht hier ja zu wie in einem Taubenschlag“, seufzte ich. „Ach da oben sind Sie. Wir haben einen Außeneinsatz in Ahlum.“ „Wieso in Ahlum?“, hakte ich nach. „Die Schadenstelle der Öffentlichen rief gerade an. Es gab letzte Woche zwei Einbrüche im Adenemer Weg. Wir sollen uns da mal umsehen.“ „Umsehen?“, wiederholte ich argwöhnisch, während ich die Leiter hinunterstieg. „Wir sind bereits angemeldet.“ „Als wenn wir sonst nichts zu tun haben“, schimpfte ich. „Haben wir?“
Immer dann, wenn den Versicherungen bei der Abwicklung eines Schadens etwas merkwürdig erscheint, überprüfen sie den gemeldeten Schaden durch eigene Sachverständige. Stellt sich der Fall als komplexer heraus, werden auch unabhängige Detekteien hinzugezogen. Gerade dann, wenn mal wieder saure Gurkenzeit ist, kann man sich mit solchen Aufträgen zumindest über Wasser halten. Daher vergrämt man solche Auftraggeber auch dann nicht, wenn die Auftragslage gut ist, aber das war sie ja eh nicht.
„Guten Tag, die Detektei Lessing. Unser Kommen wurde ja bereits von der Versicherung angekündigt. Das ist meine Mitarbeiterin, Frau Fischer“, deutete ich auf Leonie. „Mein Name ist Lessing“, stellte ich uns vor. „Ja gut, kommen sie rein“, forderte uns Herr Hagedorn, ein kleiner Mann mit schütterem Haar und stechenden Augen auf. „Ich weiß zwar nicht, was sich die Versicherung von Ihrem Besuch verspricht, aber wenn der Schaden dann endlich beglichen wird, soll es mir recht sein.“
„Nun ja, zwei Einbrüche in derselben Nacht und in mittelbarer Nähe ist schon etwas ungewöhnlich“, erklärte ich den Grund für unseren Besuch. „Aber da kann ich ja nichts dafür“, reagierte der Hausherr verschnupft. „Zeigen Sie uns doch bitte wo die Einbrecher in das Haus gelangten“, lenkte Leonie das Gespräch auf den für uns relevanten Teil. Wir folgten ihm außen ums Haus herum auf die zum Garten gelegene Terrasse. „Wie Sie sehen, mussten wir uns provisorisch behelfen, indem wir die Tür von innen notdürftig mit einer Kette sicherten.“
Meine Stirn krauste sich. „Das ist natürlich kein haltbarer Zustand.“ „Meine Frau bekommt kaum noch ein Auge zu, weil sie sich, auch durch dieses Provisorium nicht mehr sicher fühlt“, bekräftigte Herr Hagedorn seinen Unmut. „Wir bekommen so schnell keinen Termin bei einer Firma, die uns eine neue Tür einbaut.“ Ich nickte ihm verständnisvoll zu. „Ja, das ist ein echtes Problem.“ „Bei meinen Nachbarn ist es genauso.“
Während meiner Zeit bei der Braunschweiger Kriminalpolizei musste ich etliche Einbruchsfälle bearbeiten. Oftmals schliefen die Opfer in ihren Betten und bekamen nichts von dem mit, was in ihrem Haus geschah. Sie erlitten häufig ein Trauma und fühlten sich in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Wohnungsinhaber, die von einer Reise in ihr durchsuchtes Zuhause zurückkehrten erging es meist ebenso. Die Vorstellung, dass jemand in ihren intimsten Gegenständen herumgewühlt hatte, löste Ekel und sogar Depressionen aus, welche nicht selten zu einem Umzug führten.
„Die haben die Tür aufgebrochen und haben dann das ganze Haus durchsucht“, schilderte Herr Hagedorn den Tathergang. „Sie glauben gar nicht, wie das hier aussah.“ „Die Liste mit dem Diebesgut haben Sie ja bereits bei der Polizei und bei der Versicherung abgegeben“, resümierte Leonie. „Ja natürlich. Die haben wir gleich am nächsten Tag zugesendet“, bekräftigte der Hausherr. „Bis heute haben wir nichts dazu gehört“, schüttelte er den Kopf. „Aber wehe eine Beitragsrate wird mal ein paar Tage zu spät überwiesen.“
Die Aufbruchspuren an der Terrassentür ließen auf keinen professionellen Einbrecher schließen. Die Tür war mit einem Stemmeisen aufgebrochen. Der so entstandene Schaden und der dabei verursachte Lärm waren unverhältnismäßig. „Die Einbrecher wussten definitiv, dass Sie nicht im Haus waren“, schlussfolgerte ich. „Das hat uns die Polizei auch schon gesagt“, bestätigte Herr Hagedorn meine Einschätzung. „Wir waren ja auch zusammen mit Rita und Hartmut Krone vom Verein aus auf Tour.“ Ich horchte auf.
„Ach, Sie und die Krones waren gemeinsam auf einer Vereinsreise?“, wiederholte ich, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verhört hatte. „Ja klar, das machen wir jedes Jahr. Diesmal waren wir drei Tage mit den Fahrrädern in Eckernförde. Der SF Ahlum veranstaltet jedes Jahr so eine Tour.“ „Das bedeutet, dass quasi jeder im Verein wusste, wann Sie und Ihr Nachbar auf dieser Reise waren“, überlegte Leonie. „Sicher, das war allerdings auch sonst im Dorf kein Geheimnis“, relativierte Herr Hagedorn. „Glauben Sie denn, dass die Täter hier aus Ahlum kommen?“ „Die Polizei wird sicherlich auch in diese Richtung ermitteln“, mutmaßte ich.
„Nun gut, wir wollen noch zu den Krones“, drückte ich aufs Tempo. „Die können Ihnen auch nichts anderes sagen. Im Grunde lief es dort genauso ab wie bei uns. Auch da sind die über die Terrasse eingedrungen. Zum Glück hatten sie ihre Kinder mit auf Tour genommen.“ „Wir setzen uns dafür ein, dass Ihr Anspruch nun vorrangig bearbeitet wird“, versprach ich, als wir uns verabschiedeten.
Herr Hagedorn hatte recht, bei seinen Nachbarn erfuhren wir nichts Neues. Abgesehen davon, dass sie ihre Terrassentür mit langen Schrauben von innen gesichert hatten. Ansonsten ging die Familie weniger betroffen mit dem Einbruch um, als die älteren Hagedorns. Auf meiner Frage, ob sie einen Verdacht hätten, reagierte Rita Krone verhalten. Es schien mir, als gab es da jemanden, dem sie einen Einbruch zutraute, aber ihre Angst, dieser Person Unrecht zu tun, überwog.
„Ich werde heute noch mit Maximilian wegen einer Alarmanlage sprechen“, bemerkte Leonie auf der Rückfahrt nach Wolfenbüttel. „Das ist sicherlich keine schlechte Idee“, befürwortete ich ihre Idee. „Haben Sie eigentlich eine?“ „Ja, die gab es schon, als wir das Haus kauften. Aber wo du gerade danach fragst, wäre es vielleicht gar nicht verkehrt, wenn ich die bei Gelegenheit wieder mal auf ihre Funktion überprüfen würde.“ „Na, dann warten Sie nicht zulange damit, wer weiß…“
Fortsetzung vom 12.09.26
3
„Ich dachte, wir sitzen an einem unserer freien Tage wenigstens mal am Nachmittag zusammen“, beschwerte sich Rebecca. Alexander zuckte mit den Schultern. „Wozu? Um mir deine ewigen Vorwürfe anzuhören? Danke, aber da habe ich nun wirklich keine Lust drauf“, entgegnete der Mann, den sie vor nicht mal drei Jahren der Liebe wegen geheiratet hatte. „Stattdessen verkrümelst du dich zu unseren Nachbarn. Was wolltest du dort eigentlich? Rita kann es ja wohl nicht gewesen sein, oder machst du jetzt auch nicht mehr vor den älteren Semestern halt?“
Alexander versuchte sich zu beherrschen. Er hasste es, sich mit ihr zu streiten. „Du bist geschmacklos“, erwiderte er, ohne auf ihre Frage einzugehen. Sie verabscheute es wiederum, wenn er sich nicht in die Karten schauen ließ. „Also, was wolltest du bei den Königs?“ Er tat einen tiefen Seufzer. „Damit du endlich Ruhe gibst. Ich sprach mit Hartmut und Rita wegen des Einbruchs. Stell dir vor, die Versicherung hat immer noch nicht gezahlt.“ „Hast du ihnen unsere juristische Hilfe angeboten?“ Alexander sah seine Frau kopfschüttelnd an. „Ich habe sie nicht besucht, um neue Klienten für die Kanzlei zu akquirieren, sondern weil ich mich für den Einbruch interessiert habe und weil ich über den Einbau einer Alarmanlage nachdenken.“
Rebecca ging an die Bar und schenkte sich etwas zu trinken ein. „Früher hast du mal gefragt, ob ich auch einen Gin möchte“, erinnerte sich Alexander. „Früher bist du auch noch nicht mit jeder Tippse ins Bett gestiegen“, konterte sie. „Ich bin es so leid“, entgegnete er. „Und du fragst mich allen Ernstes, weshalb ich nicht mit dir in Familie mache? Ich denke, das kannst du dir selbst beantworten“, reagierte er gelassen, erhob sich und verließ den Raum. „Scheiße, bleib hier!“, rief sie ihm, zornig über sich selbst, hinterher. Alexander tangierte es nicht, zumindest schien es so, denn eigentlich hatte er ihre Ehe schon lange aufgegeben.
Rebecca hingegen reagierte so, wie sie es am Ende eines Streits mit Alexander eigentlich immer tat. Sie suchte sich Trost bei einer Flasche Gin, dachte an die Zeit vor ihrer Hochzeit und an das erste Jahr danach zurück und bemitleidete sich in einem Meer aus Tränen. Ihr Leben war eine Spirale, in der sich jeder Tag bis ins Unendliche wiederholte. Sie lachte zynisch, weil sie nicht wusste, wie sie ihrem scheinbar vorbestimmten Schicksal entfliehen und wie sie Alexander zurückgewinnen konnte.
Sie war nicht dumm, sie wusste, dass er sich durch ihre Vorhaltungen immer weiter von ihr entfernte, aber wenn sie ihn sah, ihm in die Augen blickte, dass widerwertige Parfüm der anderen an ihm roch, konnte sie einfach nicht anders.
Nachdem Axel Riemenschneider vor kurzem in Pension gegangen war, hatte sich Eddi Bruch von Braunschweig nach Wolfenbüttel versetzen lassen, wo er nun das Einbruchsdezernat leitete. Es lag nahe, dass er die Einbrüche in Ahlum auf seinem Schreibtisch hatte. Wir waren uns bislang nur zwei, dreimal begegnet, was wohl auch daran lag, dass wir nicht auf einer Wellenlänge funkten. Um den Fall für die Versicherung abschließen zu können, war ein Besuch bei ihm jedoch unumgänglich.
Da ich gewöhnlich im Kommissariat an der ‚Lindener Straße‘ ein und ausging, hatte ich auf eine vorherige telefonische Anmeldung verzichtet. Was zur Folge hatte, dass ich bereits am Einlass zurückgewiesen wurde.
„Kommissar Bruch hat leider keine Zeit für Sie, Herr Lessing“, servierte mich der Beamte hinter der kugelsicheren Glasscheibe ab. „Es geht um die beiden Einbrüche in Ahlum“, präzisierte ich unser Anliegen. „Es tut mir wirklich sehr leid“, blieb der Beamte bei seiner Haltung.
„Annyeonghashimnikka“, vernahm ich plötzlich hinter mir eine vertraute Stimme. Die Inspektorin aus Süd-Korea beugte sich ehrfürchtig, während sie sich zunächst mir und dann Leonie zuwandte. „Wollen Sie zu uns, Detektiv Lessing nim?“ Auch wenn uns unser Besuch eigentlich nicht zu Sinner führte, nickte ich ihr zu.
„Ich nehme die Leute mit hinein“, verdutzte sie den Beamten an der Einlasskontrolle. Der zuckte nur mit den Achseln und entriegelte die Tür. „Wir waren ehrlich gesagt auf dem Weg zu Kommissar Bruch vom Einbruchsdezernat“, gestand ich auf dem Weg durch das Treppenhaus. „Ihr Anliegen blieb mir nicht verborgen, Detektiv Lessing nim. Kommissar Bruch ist leider nicht, wie sagt man bei Ihnen…?“ „Kooperativ?“ Ja genau, aber vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen“, lächelte sie mir verschwörerisch zu.
Zu meiner Überraschung waren Sinner und Schubert nicht in ihrem Büro. „Die Kommissare sind wohl im Außeneinsatz?“, erkundigte ich mich daher. „Ich halte hier die Stellung, sagt man in Ihrem Land, richtig?“ „Richtig“, lachte Leonie. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein, Detektiv Lessing nim?“ „Es geht um zwei Einbrüche, die vergangene Woche im ‚Adenemer Weg‘ in Ahlum stattfanden“, erklärte ich.
Während ich sprach, gab Inspektorin Mai die Infos im Computer ein. „Kommissar Bruch bearbeitet die Fälle.“ „Ich weiß, dass Sie mir zu den laufenden Ermittlungen nichts sagen dürfen, aber eventuell können Sie ja in der Akte sehen, ob Kommissar Bruch Zweifel am Tathergang hat und ob er bereits gegen jemanden ermittelt.“ „Wir brauchen das für die Versicherung“, schob Leonie erklärend nach.
Mia Mai studierte aufmerksam die Fallakte und kam schließlich zu dem Schluss, dass Kommissar Bruch von ganz normalen Einbruchdiebstählen ausging. Den zweiten Teil meiner Frage ließ sie leider unbeantwortet. „Ob Kommissar Bruch schon gegen jemanden ermittelt, kann ich Ihnen nicht leider sagen, Detektiv Lessing nim. Bitte fragen Sie Hauptkommissar Sinner danach.“ „Gut, eigentlich war es das auch schon. Haben Sie vielen Dank, Frau Mai und richten Sie Hauptkommissar Sinner unsere Grüße aus“, bedankte ich mich, nicht ohne mich dabei angemessen zu verbeugen.
„Ich denke, wir können der Versicherung unseren abschließenden Bescheid übermitteln“, bekundete ich, während Leonie und ich den Parkplatz vor dem Kommissariat verließen. „Dann haben wir doch jetzt eigentlich etwas Zeit, um bei Mc Donalds vorbeizufahren“, schlug die kleine Fressraupe vor. „Na endlich, ich dachte schon, du wärst krank“, reagierte ich komplett anders als von ihr erwartet.
„Hä…, was ist denn jetzt los? Erst unterstellten Sie mir, ich wäre krank, weil ich Ihrer Meinung nach zu viel esse, aber wenn ich mich in Enthaltsamkeit übe, ist es auch wieder nicht richtig. Was denn nun?“ Ich sah meine zukünftige Detekteipartnerin beschämt an. „Weißt du was, mach einfach dein Ding. Du wirst selbst am besten wissen, was für dich gut ist.“ „Okay, dann auf nach Mäckes.“
4
Wie in jedem Jahr um diese Zeit, herrschte im Tagungshotel ‚Der Achtermann‘ in der historischen Altstadt von Goslar geschäftiges Treiben. Etliche Teilnehmer des Verkehrsgerichtstages quartierten sich in diesem altehrwürdigen Hotel ein, um an unterschiedlichsten Veranstaltungen und in einer Vielzahl von Arbeitskreisen teilzunehmen.
Nach der Eröffnung im Kaisersaal begaben sich der Rechtsanwalt Alexander König und seine Kollegin Schleicher zum Tagungsort der Arbeitsgruppe 2, die unter dem Motto, alkoholisiert auf Fahrrädern und Pedelecs, im ‚Marmorsaal‘ des Hotels tagte. Schon als die Verkehrsrechtler den Saal betraten, bemerkte König den schwankenden Gang seiner Begleiterin. Er hielt sie reflexartig fest und stützte sie, während sie von einem Angestellten des Hotels zu ihren Plätzen begleitet wurden.
„Was ist mit Ihnen, Frau Schleicher?“, erkundigte sich der Rechtsanwalt besorgt. „Mir ist gerade etwas schwindelig.“ „Wollen Sie besser abbrechen und nach draußen an die Luft gehen?“ „Nein, nein, Herr König, es geht schon wieder.“ Im nächsten Moment sackten ihr die Beine weg. Gemeinsam mit dem Hotelangestellten wurde Mona Schleicher gegen 20 Uhr, ohne viel Aufsehen zu verursachen, aus dem Saal gebracht.
„Wir sollten besser einen Arzt rufen“, schlug der Concierge vor. „Das ist nicht nötig“, widersprach die Rechtsanwältin. „Das ist nur mein Kreislauf. Ich vermute, etwas zu wenig getrunken zu haben.“ „Schnell, holen Sie der Dame ein Glas Wasser!“, instruierte der Concierge die Servicekraft.
Als sich ihr Zustand jedoch auch Minuten später nicht gebessert hatte, bestand ihr Begleiter darauf, Frau Schleicher ins Krankenhaus zu fahren.
In der Notaufnahme der Asklepios Klinik wurden zum Zeitpunkt ihrer Ankunft die Verletzten eines Verkehrsunfalls behandelt. Da infolgedessen alle Kapazitäten der Notaufnahme ausgelastet waren, blieb den Rechtsanwälten nur die Möglichkeit, so lange zu warten, bis sie aufgerufen wurden. Da sie nicht die einzigen im Wartebereich waren, war ihnen klar, dass es eine lange Nacht werden würde.
„Du musst aber nicht hierbleiben“, bekundete die Rechtsanwältin. Andere Patienten wurden auf sie aufmerksam. „Das kommt gar nicht in Frage, ich fahre den Wagen nur rasch auf einen regulären Parkplatz und komme dann mit einem Kaffee zurück.“ „Lass dir Zeit, ich werde noch eine Weile hier sein“, ging es ihr schon wieder so gut, dass sie die Situation mit ihrem sarkastischen Humor kommentieren konnte. Alexander nahms mit einem milden Lächeln und ging.
Fortsetzung vom 19.09.26
5
Es war etwa 20 Uhr, als Rebecca König ihr Cabriolet in der Doppelgarage ihres Hauses im ‚Adenemer Weg‘ abstellte und sich das Rolltor senkte. Der Platz neben ihrem Mercedes bleib in dieser Nacht leer. Ihr Ehemann Alexander war, wie in jedem Jahr, als Anwalt für Verkehrsrecht zum Verkehrsgerichtstag nach Goslar eingeladen. Damit er bei der drei Tage dauernden Veranstaltung nicht hin und herfahren musste, hatte sie ihm für diese Zeit ein Zimmer im Hotel ‚Der Achtermann‘ gebucht.
Zeit, die sie nutzen wollte, um über die Zukunft ihrer Ehe in Ruhe nachzudenken. Sie war nicht naiv und so wusste sie von seinen Eskapaden. Sie hatte einfach alle Anzeichen aneinandergereiht, die ihr während der letzten Monate aufgefallen waren. Anrufe, die er abrupt beendete, wenn sie den Raum betrat. Das fremde Parfüm, was sie an ihm roch, wenn er spät aus der Kanzlei nach Hause kam. Die häufigen Auswärtstermine und nicht zuletzt die Spuren von Makeup, die sie immer wieder an seinem Hemdkragen festgestellt hatte.
Sie war zu alt, um sich zu trennen und noch einmal von vorn zu beginnen. Ihre biologische Uhr war so gut wie abgelaufen. Nach der Fehlgeburt waren Kinder so weit weg von ihr, wie ihre Psyche es verlangte, und was Männern betraf, waren die, die vom Alter her zu ihr passten, auf dem Markt eher dünn gesät. Meistens gescheiterte Existenzen. War der Lack einmal ab, handelte es sich meistens um psychische Pflegefälle. Nein, darauf hatte sie keine Lust, dann lieber allein bleiben und sich ab und an einen Call Boy gönnen.
Immerhin verstand Alexander etwas von seinem Job. Um genau zu sein, war er sogar verdammt gut darin. Er ergänzte die Kompetenz ihrer Kanzlei durch sein Fachwissen als Verkehrsrechtler in idealer Weise. Mit dem Familienrecht, welches ihr Fachbereich war, ließ sich bei weitem nicht so viel Geld verdienen. Nach dem Tod ihres Vaters und die Übergabe der Kanzlei in ihre Hände, war er wie ein Messias aus dem Nichts gekommen. Sie hatte sich in ihn verliebt und ihn viel zu schnell geheiratet.
Was nach nicht einmal drei Jahren Ehe blieb, war nicht mehr als ein Scherbenhaufen. Es war kurz vor neun, als sie ins Wohnzimmer hinüberging und die Terrassentür öffnete, um etwas frische Winterluft hereinzulassen. Schließlich bediente sie sich an der Bar und warf den Plattenspieler an. Sie senkte den Tonarm an ihrer Lieblingspassage ab, dem Finale aus ‚Das Land des Lächelns‘ „Dein ist mein ganzes Herz“, summte sie von Traurigkeit beseelt. Das Whiskyglas in der einen, den Rahmen mit dem Hochzeitsfoto in der anderen, fläzte sie sich in einen der Sessel und legte die Beine auf den Tisch.
Ihr Handy klingelte. Es lag noch vor ihr auf dem Tisch. Alexanders Bild ploppte auf dem Monitor auf. Auf seiner Stirn zeigte das Handy 21:12 an. Wieso rief er sie an? Das tat er doch schon seit langem nicht mehr. Es klingelte weiter. Rebecca war im Zweifel, ob sie das Gespräch annehmen sollte, dann dachte sie an die Ruhe, die sie sich selbst auferlegt hatte, um in ihrem Kopf wieder Ordnung zu schaffen und wusste, wie das Gespräch enden würde. Also drückte sie ihn einfach weg.
Ihr Blick wechselte immer wieder zwischen dem Glas und dem Bild hin und her, bis sie den Rahmen schließlich in hohem Bogen in Richtung Flur warf. Es schlug splitternd auf dem Fliesenboden auf. Der Rahmen zerbrach, so, wie ihre Ehe zerbrochen war. Sie lachte und weinte zugleich. Ihr Kummer trieb sie, das Glas anzusetzen und es in einem einzigen Zug zu leeren.
Die Nadel des Plattenspielers hüpfte, aus den Lautsprechern erklang immer wieder dieselbe Passage, ‚…es ist fast nie zu spät, es zu kapieren‘. Wollte ihr das Schicksal damit sagen, dass sie ihn endlich vor die Tür setzen sollte? Er hatte weder am Haus noch an der Kanzlei Anteile. Er würde gehen, wie er gekommen war. Die Vorstellung daran trieb ihr ein Lächeln ins Gesicht. Rebecca setzte das Glas ein weiteres Mal an und stellte fest, dass sie es bereits geleert hatte.
Sie erhob sich seufzend, um die Nadel umzusetzen und um ihr Glas nachzufüllen. Als ihr Blick dabei auf die Terrassentür und den maskierten Mann fiel, der in diesem Moment ihr Haus betreten hatte, erschrak fast zu Tode. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ Fragen, die so überflüssig waren wie die Waffe, die der maskierte Unbekannte auf sie richtete. „Wo Geld?“, erkundigte sich der Mann kurz und knapp. „Wir haben nicht viel Geld im Haus“, stammelte sie. „Du lügst, wo Tresor?“, machte der Einbrecher zwei Schritte auf sie zu, während er bedrohlich die Pistole auf sie richtete.
Rebecca verlor die Nerven, warf das Glas nach dem Maskierten und lief los. Sie hörte, wie es ploppte, im selben Moment verspürte sie einen stechenden und heißen Schmerz in ihrem Bein. Es sackte weg, versagte ihr jede weitere Belastung. Sie kippte zur Seite, um im nächsten Moment mit ihrem Körper hart auf den Fliesen aufzuschlagen. Sie schrie vor Schmerz. Der Eindringling schlug ihr ins Gesicht. „Ruhig, sonst tot!“ Rebecca zwang sich zur Ruhe. Ihre schmerzerfüllten Schreie gingen in ein wehes Stöhnen über.
„Wo Tresor?“, schnauzte er sie an. Sie deutete konfus auf ein Bild an der Wand. Der Einbrecher riss einen ihrer Arme hoch und schliff sie hinter sich her. Dann klappte er das Bild zur Seite und zog sie hoch, bis sie schluchzend auf einem Bein neben ihr stand. „Halts Maul! Aufmachen!“ „Ich…, ich weiß die Kombination nicht mehr“, stotterte sie. Woraufhin er ihr den Schalldämpfer der Pistole gegen die Schläfe presste. „Du bist tot.“ „Warten Sie“, flehte sie ihn an. „Ich kann nicht klar denken, wenn Sie mir die Waffe an den Kopf halten.“
Der Maskierte zog die Pistole etwas zurück. „Los!“ „Ja, ich mache ja schon“, versuchte sie sich zu konzentrieren, wobei sie das Stellrad von einer Ziffer zur nächsten drehte. Kaum dass sie die Tür geöffnet hatte, schubste er sie zur Seite. Während sie stöhnend zu Boden ging. griff sie reflexartig nach ihm, um sich festzuhalten. Er schlug ihr brutal den Knauf seiner Pistole auf den Kopf. Als sie stöhnend vor ihm auf dem Boden lag, räumte er in aller Ruhe, scheinbar völlig emotionslos, den Tresor leer.
Unterdessen hatte die Nadel die schadhafte Stelle auf der Vinylscheibe überwunden und die Arie fand ihr Ende. Irgendetwas in ihr trieb sie dazu an, sich trotz der heftigen Schmerzen aus der Situation zu befreien. Ein Überlebensinstinkt, die Angst vor noch Schlimmerem, ihre eiserne Disziplin, die sie so erfolgreich hatte werden lassen, oder einfach nur die erhöhte Ausschüttung von Adrenalin. Was auch immer sie antrieb, es setzte übermenschliche Kräfte in ihr frei. Kräfte, die sie mit ihren Händen Stück um Stück über den Fliesenboden schob.
Nachdem er den Tresor geleert hatte, sah er ihr nach. Die verwischte Blutspur, die sie auf den Fliesen hinterlassen hatte, zog sich über mehrere Meter in Richtung Flur. Er verzurrte den Rucksack, in dem er auch das unbenutzte Brecheisen mit sich trug und schnallte ihn auf den Rücken. Scheinbar vollkommen gelassen und ohne jede Eile ging er ihr nach, legte die Pistole mit dem auf den Lauf geschraubten Schalldämpfer auf sie an und schoss auf sie. Einfach so, direkt auf den Hinterkopf. Ihre Stirn knallte auf den Boden, alles Leben wich aus ihrem Körper. Ein kurzes Zucken noch und Rebecca König war tot.
Als er ging, zog er die Terrassentür hinter sich zu und verschwand so lautlos, wie er gekommen war. Als der Maskierte den ‚Adenemer Weg‘ erreichte, schlug die Glocke der nahen Kirchturmuhr zwei Mal. Halb zehn, dachte er unzufrieden, während er sich nach Osten wandte und dem Straßenverlauf bis zur Feuerwehr im Laufschritt folgte, wo er in den an dem Glas und Papiercontainern versteckten Golf einstieg. Außer ihm war keine Menschenseele auf der Straße. Kein Auto in Richtung Wendessen oder Ortsmitte fuhr an ihm vorbei, kein Bus, der an der Wendeschleife drehte. Niemand hatte etwas von dem bemerkt, was nur 30 Meter von ihm entfernt stattfand. Er wusste, dass er sich beeilen musste, damit sein Plan aufging.
Fortsetzung vom 26.09.26
6
Es war 9 Uhr in der Früh, als die Haushälterin Inge Solms die Eingangstür aufschloss und den Flur betrat. „Hallo Rebecca, bist du noch daheim?“, rief sie, wie jeden Morgen, bevor sie ihre Arbeit im Hause Bender-König antrat, in die eigentlich stets leeren Räume. Wie gewohnt erhielt sie auch diesmal keine Antwort. Also öffnete sie die rechts vom Eingang gelegene Tür zum Wirtschaftsraum und verschwand darin, um sich bequemere Schuhe anzuziehen und um das erste Arbeitsgerät zur Hand zu nehmen.
Als sie in die Küche ging, fiel ihr ein süßlicher Geruch auf, der aus dem Wohnzimmer zu kommen schien. Sie beschloss daher, die Terrassentür zu öffnen. Als sie vom Flur kommend in den offenen Wohnbereich kam, erschrak sie fast zu Tode. Rebecca lag unmittelbar vor ihr in einer Blutlache. Eine rote Spur führte bis unter den Tresor. Als sie begriff, was sie sah, begann sie zu schreien. Sie riss die Tür auf und rannte, so schnell ihre Beine sie trugen, aus dem Haus, die Treppe hinunter und durch den Garten bis auf die Straße. Dabei rief sie immer wieder laut um Hilfe.
„Was um Himmels Willen ist denn los, Inge?“, vernahm sie plötzlich die Stimme eines Nachbarn. „Ich glaube, sie ist tot“, stammelte sie, mit der ausgestreckten Hand zum Haus der Eheleute König zeigend. „Beruhige dich erst einmal und komm von der Straße“, redete er mit besonnener Stimme auf sie ein, während er sie zu der gegenübergelegenen Bushaltestelle führte, damit sie sich auf die Bank setzen konnte. „Was sagst du da? Wer ist tot?“ „Bitte sieh nach, ich kann das nicht.“ „Gut, aber du wartest hier so lange“, sagte er mit Nachdruck. Als er eine weitere Nachbarin kommen sah, bat er darum, dass sie sich um die Haushälterin kümmerte. Schließlich betrat er mit einem flauen Gefühl das Haus. Als er kurz darauf zurückkehrte, war er kreidebleich. „Hast du ein Handy dabei, Anne? Wir müssen die Polizei anrufen.“
Nur wenige Minuten später vernahmen sie die Sirenen von mehreren sich schnell nähernden Fahrzeugen. Anne Holzer stand an der Straße und bedeutete der Besatzung des Streifenwagens, dass sie vor dem Haus der Eheleute König halten sollte. „Sie haben den Polizeinotruf gewählt?“, erkundigte sich die Streifenpolizistin. „Ja, hier im Haus muss etwas Schreckliches geschehen sein. Mein Nachbar sagt, alles sei voller Blut und Frau Bemer-König ist tot.“ Im selben Moment stoppte ein Rettungswagen hinter der Streife. Zwei Sanitäter stiegen aus und kamen auf sie zu. „Warten Sie bitte hier“, bat die Polizeihauptmeisterin. Während sich die Beamten mit gezogenen Waffen dem Gebäude näherten, führte Frau Holzer die Rettungssanitäter zur Bushaltestelle, wo sie sich Inge Solms annahmen.
Nur wenig später sahen sie, wie der Polizeibeamte die Sanis ins Haus winkte. Kurz darauf verließen alle Beteiligten das Haus. Während der Polizist auf der Treppe vor dem Eingang stehen blieb, kam die Hauptmeisterin zur Bushaltestelle zurück.
„Sie hatten recht, die Frau ist tot.“ Womit sie sich Inge Solms zuwandte. „Sie haben also die Tote gefunden. Haben Sie die Frau berührt oder sonst etwas angefasst?“ „Ganz sicher nicht“, entgegnete die Haushälterin wieder einigermaßen gefasst. „Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, oder haben Sie etwas gehört, als Sie das Haus betraten?“, fragte die Polizeibeamtin weiter. Inge Solms schüttelte den Kopf. Ihr erschien alles so irreal, so als wäre das alles nichts weiter als ein böser Traum, aus dem sie endlich erwachen wollte.
„Kann ich Frau Solms mit zu mir nehmen?“, erkundigte sich Heinz Ofzareck, wobei er auf das Nachbargrundstück zeigte. „Wenn Sie versprechen, dass keiner von Ihnen wegläuft, ist das so Okay“, stimmte die Hauptmeisterin zu. „Vorher benötige ich allerdings noch Ihre Namen und Ihre Anschriften“, erklärte sie. „Wurde sie ermordet?“, fragte Anne Holzer gerade heraus. Inge Solms hielt den Atem an. „Das darf ich Ihnen nicht sagen, aber die Kommissare aus Wolfenbüttel werden gleich hier sein und Sie sicherlich auch noch befragen. Halten Sie sich also bitte zur Verfügung.“
Während sich, angelockt durch die Sirenen, immer mehr Ahlumer vor dem Haus des Opfers einfanden, schenkte Heinz Ofzareck sich und den Frauen erst einmal einen Schnaps ein. Das Bild der Leiche, die er und Inge Solms blutüberströmt auf dem Boden liegen sahen, verfolgte sie dennoch, ließ sich mit einem ‚Kurzen‘ nicht aus dem Kopf bekommen. Also schenkte er nach, bis es besser wurde.
Unterdessen trafen im Haus der Nachbarn die Kommissare Sinner und Schubert, der Pathologe Doktor Schnippler und Lutz Findeisen mit seinen Mitarbeitern von der Kriminaltechnik ein. Um den Tathergang rekonstruieren zu können, musste jeder Meter des Fundorts, der sich in diesem Fall sehr schnell auch als Tatort identifizierte, fotografiert und in einer digitalen, dreidimensionalen Übersicht übernommen werden. Sitzpolster, Tischplatten, der Tresor, jede Türklinke und jeder Gegenstand im Tatortbereich wurde mit einer Folie abgeklebt, um jeden Fingerabdruck, jedes Haar und jede noch so winzige DNA-Spur zu sichern. Dabei wurde jede Folie mit einem QR-Code versehen und ebenfalls in die Übersichtskarte aufgenommen.
„Können Sie schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen, Doktor Schnippler?“, erkundigte sich der Hauptkommissar. „Herr Sinner, Sie wissen doch, wie ungern ich zu einem so frühen Zeitpunkt eine Prognose abgebe“, wand sich der Rechtsmediziner wie ein Aal. „Nun, angesichts der Raumtemperatur und der Tatsache, dass sich die Totenflecken nicht mehr wegdrücken lassen, kann ich sagen, dass die Leichenstarre bereits eingesetzt hat und der Tod mindestens vor acht Stunden und höchstens vor zwölf Stunden eingetreten ist.“ „Oje, das ist ein Zeitfenster von vier Stunden“, kratzte sich Sinner hinter dem Ohr. „Geht es nicht ein wenig genauer?“ „Nu, Herr Sinner… Aber Sie haben Glück. Aller Wahrscheinlichkeit nach blieb die Uhr des Opfers in dem Moment stehen, in dem sie mit dem Arm auf dem harten Fliesenboden aufschlug. Ob dies allerdings der exakte Todeszeitpunkt ist, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis, aber immerhin dürfte dies zumindest solange ein Anhaltspunkt für Sie sein, bis ich Ihnen den Obduktionsbericht übermittelt habe.“
Der Hauptkommissar nickte ihm zu. „Wann?“, hakte er nach. „Ach so, die blieb um exakt 21:14 Uhr stehen. Sinner machte sich Notizen. „Was ist mit ihrem Bein passiert?“ „Na, das sieht man doch“, entgegnete Doktor Schnippler verwundert. „Dass es sich offenkundig um ein Einschussloch handelt ist mir schon klar“, entgegnete Sinner genervt. „Ich meinte eigentlich das Kaliber.“ „Nu, Herr Sinner, dann müssen Sie mir das auch sagen. Meine Glaskugel habe ich im Institut gelassen.“ „Also?“, verdrehte der Ermittler die Augen. „Nu, ich würde sagen Kaliber 4,5mm.“
Sinner`s Stirn krauste sich. „Ein nicht gerade häufig verwendetes Kaliber. So aus dem Stegreif fällt mir da nur die Glock 17 ein.“ „Nu, davon verstehe ich nichts“, zuckte der Rechtsmediziner mit den Achseln. „Falls sich bei Ihrer Arbeit etwas Ungewöhnliches ergibt…“ „…werde ich Sie davon unterrichten“, fiel ihm Doktor Schnippler ins Wort. „Genau, so wars gedacht“, bestätigte Sinner, während er sich im Raum umsah.
„Herr Findeisen“, wandte er sich nun an den Leiter der Spurensicherung. „Was können Sie mir zum Tathergang sagen?“ „Tja, es sieht ganz so aus, als habe das Opfer ihren Mörder ins Haus gelassen. Zumindest gibt es keine Einbruchspuren wie bei den anderen Einbrüchen.“ „Wie? Es gab weitere Einbrüche?“, erkundigte sich Sinner überrascht.
„Ich dachte..., na egal. Vor nicht einmal zwei Wochen hatte ich hier ganz in der Nähe, ebenfalls am ‚Adenemer Weg‘, bereits zu tun. Da kamen die Einbrecher durch die Terrassentüren ins Haus. In beiden Fällen wurden die ziemlich dilettantisch aufgebrochen.“ „Und hier?“ „Nichts, die Tür war unversehrt. Sie war lediglich zugezogen.“ „Dann könnten die Einbrecher die Tür möglicherweise offenstehend vorgefunden haben“, mutmaßte Schubert, der sich dem Gespräch erst kurz zuvor angeschlossen hatte. „Gut möglich“, bestätigte der Kriminaltechniker.
„Es gibt noch einen zweiten Unterschied zu den vorangegangenen Einbrüchen“, ließ Findeisen die Kommissare wissen. „Die Bewohner der beiden Häuser, in die übrigens in ein und derselben Nacht eingebrochen wurde, waren im Gegensatz zu unserem Opfer nicht daheim.“ „Insiderwissen oder gut ausbaldowert“, resümierte Schubert. „Dann haben sich die Täter diesmal im Haus geirrt, oder ihre Informationen stimmten schlichtweg nicht“, kommentierte Findeisen. „Oder aber, das eine hat nichts mit dem anderen zu tun“, dachte Sinner in eine weitere Richtung.
„Gut, kommen wir zum Tathergang“, konzentrierte sich Findeisen auf das Wesentliche. „Wir gehen davon aus, dass Täter und Opfer im Wohnzimmer aufeinandertrafen. Dabei stand Frau König aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem Sofa und der oder die Täter, das können wir erst nach der Auswertung der DNA-Spuren sagen, an der Terrassentür. Wir fanden die Scherben eines Glases, welches gegen das Fenster geflogen sein muss, zu Boden fiel und zerbrach.“ „Ich verstehe, Sie gehen davon aus, dass sich das Opfer wehrte, indem sie das Glas in die Richtung der Einbrecher warf“, schlussfolgerte der Hauptkommissar. „So ist es“, bestätigte der Leiter der KTU. „Sie wollte die so gewonnene Zeitspanne sicherlich zur Flucht nutzen.“ „Weit kam sie nicht“, deutete Schubert auf den ersten Blutfleck.
„Leider. Da das Glas offenbar sein Ziel verfehlte, konnte der Täter sehr schnell reagieren. Er schoss ihr ins Bein und sie ging zu Boden.“ Findeisen zeigte auf den Blutfleck, der dem Sofa am nächsten war. „Von hier aus muss er sie quer durch den Raum bis zum Tresor geschliffen haben.“ „Der Täter ging also äußerst brutal vor“, seufzte Sinner. „Es scheint fast, er hatte Spaß dabei.“
Findeisen stimmte ihm zu. „Ihre Prints am Stellrad des Tresors lassen den Schluss zu, dass sie ihn öffnen musste.“ „Sind Sie da sicher? Sie müsste dabei auf einem Bein gestanden und höllische Schmerzen gehabt haben“, überlegte Sinner. „Ihre Prints überlagern eindeutig alle anderen, die wir sichern konnten. Somit war sie die Letzte, die den Tresor öffnete.“ „Demnach waren der oder die Täter Profis, was nicht zu dem dilettantischen Öffnen der Terrassentüren passt“, fasste Schubert zusammen. „So weit würde ich nicht gehen“, widersprach Findeisen. „Wer mit dem Stemmeisen ungeschickt ist, muss nicht zwangsweise im Kopf dumm sein.“ Sinner reckte den Daumen. „Wenn Sie die DNA-Spuren ausgewertet haben, wissen wir hoffentlich, ob wir es mit denselben Tätern zu tun haben“, brachte es der Hauptkommissar auf den Punkt. „Sie konnten doch wohl DNA sichern?“ „Konnten wir“, bestätigte Findeisen die Hoffnung des Ermittlers. „Dann wissen wir auch, ob wir es mit einem oder mehreren Tätern zu tun haben.
Fortsetzung vom 03.10.26
7
Als es bei Heinz Ofzareck an der Haustür läutete, befanden sich der Hausherr und die beiden Damen nicht mehr in einer depressiven Stimmung. Um die Geschehnisse des Morgens einigermaßen hinter sich zu lassen, war die noch verschlossene Flasche Nordhäuser Doppelkorn, die ihm einst seine Tante Fränzchen aus Nordhausen zukommen ließ, extra geöffnet worden.
Genau dies tat Herr Ofzareck nun auch mit der Haustür. „Kommissar Schubert und Inspektorin Mai vom Kommissariat Wolfenbüttel“, stellte sich zunächst der Ermittler und dann seine Begleitung vor. „Befindet sich Frau Solms noch bei Ihnen?“, erkundigte er sich, den leicht schwankenden Mann vor sich musternd. „Na klar, sie sollte doch auf Sie warten. Die Anne Holzer ist auch noch da. Kommt ruhig rein“, bat er die Ermittler mit einer tiefen Verbeugung und einer einladenden Handbewegung ins Haus. Inspektorin Mai stand ihm, was die Verbeugung betraf, in nichts nach.
Als Kommissar Schubert und seine Kollegin auf Zeit die zu zwei Dritteln geleerte Schnapsflasche auf dem Tisch stehen sahen, war ihnen klar, womit sich das Trio die Wartezeit vertrieben hatte. „Das wird aber auch Zeit, Herr Polizist“, lallte Anne Holzer. „Ich müsste längst im Stall sein und die Ziege melken.“ „Seit wann hast du eine Ziege?“
„Ich unterbreche Ihre Unterhaltung nur ungern“, machte der Kommissar auf sich aufmerksam. „Aber wenn sie einen Termin mit Ihrer Ziege haben, sollten wir die Befragung besser so bald wie möglich hinter uns bringen.“ „Ein Staatsdiener, der zur Eile mahnt“, kommentierte Herr Ofzareck der Inspektorin zuzwinkernd. „In China geht das alles schneller, wie?“ „Ich komme aus Süd-Korea, Oppa“, stellte Frau Mai klar. Schubert sah seine Kollegin verwundert an. Herr Ofzareck fand es lustig.
„Sie können doch nicht einfach Opa zu ihm sagen“, wandte sich ihr Schubert flüsternd zu. „Ganz schön dreist“, gab nun auch Anne Holster ihren Senf dazu. „Entschuldigen Sie, aber bei uns sagt man Oppa zu einem älteren Herrn.“ „Da fliegt man um die halbe Welt, um festzustellen, dass man dort genauso spricht“, lallte Herr Ofzareck genüsslich. „Können wir dann?“, verlor Schubert allmählich den Geduldsfaden. „Ich muss zu meiner Ziege.“
„Frau Solms“, wandte sich Schubert der Zeugin zu. „Sie sind also die Haushälterin bei den Königs.“ „Seit über dreißig Jahren“, entgegnete sie mit zittriger Stimme. „Kommen Sie jeden Morgen zum Putzen?“ „Nur von Montag bis Freitag und ich bin keine Putzfrau“, stellte sie klar. „Natürlich nicht“, nickte ihr Schubert mit einer entschuldigenden Geste zu. „Ich war schon bei Rebeccas Eltern, den Benders angestellt. Ich habe das Kind quasi mit großgezogen“, liefen ihr unvermittelt die Tränen. „Unser tief empfundenes Mitgefühl.“
„Danke.“ „Ich müsste dann zu meiner Ziege“, erinnerte Frau Holster. „Also gut, dann mache ich mit Ihnen weiter“, lenkte Schubert ein, während er mit den Augen rollte. „Was haben Sie gesehen?“ Die bäuerlich gekleidete Frau in den Fünfzigern sah Schubert bedröppelt an. „Ja nichts. Ich habe ja nur die Inge getröstet.“ „Wie, Sie haben gar nichts gesehen?“, hakte Mia Mai noch einmal nach. „Nö.“ „Und gestern am späten Abend ist Ihnen auch nichts aufgefallen?“ „Nur dass mein Paul tropfnass nach Hause kam, weil er im Amtgarten besoffen in den Ententeich fiel.“ „Sie können jetzt Ihre Ziege melken gehen“, hatte Schubert ein Einsehen.
„Kommen wir noch einmal zu Ihnen, Frau Solms“, richtete der Kommissar seine Aufmerksamkeit wieder auf die Zeugin. „Haben Sie sich wieder etwas beruhigt?“ „Stellen Sie Ihre Fragen, Herr Kommissar.“ Schubert nickte ihr aufmunternd zu. „Können Sie sich daran erinnern, ob Sie die Haustür aufschließen mussten? Bitte, denken Sie genau nach.“ „Ja, ja, natürlich.“ „Wie?“ „Na ja, die Tür war abgesperrt.“ „Sie haben aufgeschlossen und sind ins Haus gegangen“, suggerierte er. „Ich habe mir dann andere Schuhe angezogen und bin ins Wohnzimmer gegangen. Da sah ich sie.“
Wieder kullerten Tränen über ihr faltiges Gesicht. „Wer macht so etwas Schreckliches nur?“ „Wir werden es herausfinden“, betonte der Ermittler. „Haben Sie den Puls der Toten gefühlt?“, fragte Mia Mai. „Jesses nein“, hielt sich Inge Solms die Hände vors Gesicht. So, als wollte sie das Bild, das sich gerade vor ihrem geistigen Auge eingestellt hatte, nicht sehen. „Alles war voller Blut, ich wollte da nur noch raus“, erzählte sie nachvollziehbar. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich daraufhin tat. Ich glaube, ich bin einfach nur schreiend aus dem Haus gelaufen.“
„Direkt auf die Straße“, ergänzte Heinz Ofzareck. „Du warst so durcheinander, Inge. Wenn in diesem Moment ein Auto gekommen wäre…, gar nicht auszudenken.“ „Nur gut, dass du gerade da warst.“ „Na ja, ich wurde von deinen Schreien alarmiert.“ „Wollten Sie nicht Ihre Ziege melken, Frau Holzer? Ich habe keine weiteren Fragen an Sie“, erinnerte Schubert die Bäuerin. „Nö, nö, jetzt wird’s doch interessant.“
„Inge hat mich dann ins Haus geschickt, um nach Frau König zu sehen“, fuhr Herr Ofzareck fort. „Als ich die arme Frau da liegen sah, hätte ich fast gekotzt. Na ja, ich habe ihr dann doch noch den Puls gefühlt, aber da war nichts mehr. Die war ja schon kalt.“ Frau Solms brach erneut in Tränen aus. „Tut mir leid, Inge.“ „Ist schon gut.“
„Sie sagten vorhin, Sie arbeiten schon über dreißig Jahre für die Familie“, erinnerte sich Schubert. „Ja, früher bei Rebeccas Eltern, Rechtsanwalt Bender.“ „Eine renommierte Kanzlei in Braunschweig“, las Inspektorin Mai von ihrem Handy ab. „Rebecca übernahm die Kanzlei nach dem Tod ihres Vaters. Frau Bender war bereits ein Jahr zuvor verstorben“, erzählte sie weiter. „Entschuldigen Sie, aber mir ist schlecht“, fuhr die Befragte unvermittelt in die Höhe. „Ich bringe dich zur Toilette“, bot sich Heinz Ofzareck an.
„Wir können die Befragung auch an dieser Stelle beenden“, hatte Schubert ein Einsehen, während der Hausherr Inge Solms aus dem Zimmer führte. Wobei nicht ganz klar war, wer sich an wem festhielt. „Schade, aber meine Dagmar wird sich freuen“, schien Anne Holzer dennoch enttäuscht über den plötzlichen Aufbruch. „Wir setzen die Befragung dann morgen bei Ihnen zuhause fort“, schlug der Kommissar vor, während er und die Inspektorin Mai an der Toilettentür vorbeigingen. „Ihre Adresse haben wir ja, Frau Solms.“ „Die Antwort der alten Dame war wenig verständlich.
„Falls sie uns nicht verstanden hat, sagen Sie Frau Solms bitte Bescheid, dass wir uns bei ihr melden“, gab Schubert seine Visitenkarte an Heinz Ofzareck weiter. „Erholen Sie sich erst einmal von dem Schock. Wir kommen gegebenenfalls auf Sie zu.“
Fortsetzung vom 10.10.26
8
Gegen Mittag traf Alexander König am Ort des Geschehens ein. Er sprang aus seinem Audi und ging eilig auf das von der Polizei vor seinem Haus gespannte Trassierband zu. So aufgeregt, wie er war, wollte er ohne sich um irgendetwas oder irgendwem scheren, die Absperrung durchbrechen. Zwei Polizeibeamte hatten alle Hände voll zu tun, um ihn daran zu hindern.
„Lassen Sie mich durch“, schrie er die Polizisten an. „Ich bin Alexander König, ich wohne hier!“ Der Hauptkommissar wurde vom Lärm vor dem Haus nach draußen gelockt, „Lassen Sie den Mann durch!“, rief er seinen Kollegen zu. „Sind Sie hier der Verantwortliche?“, blaffte König ihn an. „Und wer sind Sie?“, blieb der Ermittler gelassen. „Mein Name ist König, ich wurde angerufen. Wo ist meine Frau? Ich will sie sehen!“, versuchte er sich an dem Hauptkommissar vorbeizudrängeln. Sinner blieb jedoch standhaft.
„Der Tatort ist noch nicht freigegeben. Bitte haben Sie noch etwas Geduld“, erklärte der Ermittler. Im selben Moment gab Findeisen grünes Licht. „Ich muss Sie warnen, Herr König. Der Anblick Ihrer Frau ist nichts für schwache Nerven.“ „Ich muss sie ja sowieso identifizieren“, reagierte er scheinbar auf das Schlimmste gefasst. Bei ihrem Anblick holte ihn die Realität schneller ein als erwartet.
„Um Himmels Willen, wer hat ihr das angetan?“, schossen ihm Tränen in die Augen. Er kniete sich neben sie, nahm ihre Hand und streichelte sie. „Was hast du nur ertragen müssen?“ Sein Arm wischte die Tränen zur Seite, ehe er sich wieder erhob, um sich dem Hauptkommissar zuzuwenden. „Ich bin schuld an ihrem Tod“, stammelte er. „Wie meinen Sie das?“, wurde Sinner hellhörig. „Als kürzlich, hier ganz in der Nähe zwei Mal eingebrochen wurde, lag sie mir mit einer Alarmanlage in den Ohren. Ich habe es als hysterisch abgetan.“
„Nun, soviel ich weiß, fanden diese Einbrüche erst kürzlich statt. Innerhalb so kurzer Zeit hätte Ihnen keine Firma eine gute Alarmanlage einbauen können“, beruhigte ihn Sinner. Er sah zum Tresor, der in der Wand eingebaut war, zu der die Blutspur führte. „Wurde er aufgebrochen?“, fragte er den Ermittler. „Ihre Frau muss ihn geöffnet haben“, erklärte der Hauptkommissar. „Aber dann hatten die Schweine doch, was sie wollten! Weshalb haben die sie denn dann noch umgebracht?“
„Wir wissen noch nicht, ob es ein oder mehrere Täter waren“, räumte Sinner ein. „Können Sie schon sagen, was aus dem Tresor entwendet wurde?“, versuchte der Ermittler mehr über die Hintergründe des Einbruchs zu erfahren. „Ich…, ich kann da nicht hingehen, um hineinzusehen“, schüttelte der Rechtsanwalt den Kopf.
„Das ist nachvollziehbar. Es reicht, wenn wir das morgen klären“, zeigte der Ermittler Verständnis. „Ist er denn leer?“, erkundigte sich König. „Ja, er wurde komplett ausgeräumt“, bestätigte Sinner. „Dann kann ich Ihnen eine Liste machen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Ich weiß ja was drin lag.“ „Meistens versuchen die Einbrecher das Diebesgut zeitnah abzusetzen. Beispielsweise bei Schmuck oder bei seltenen Münzen können wir, wenn wir schnell sind, eine Liste der prägnantesten Stücke an Juweliere, Goldschmiede und andere Händler weitergeben, um die Verkäufer auf frischer Tat zu überführen.“
„Rebecca trug keinen teuren Schmuck und den, den sie hatte, bewahrte sie im Schlafzimmer auf. Aber ich hatte einige wertvolle Münzen im Tresor. Ich kann Ihnen Fotos und Expertisen davon geben.“ „Das hört sich gut an“, nickte ihm Sinner zu. „Es wäre gut, wenn Sie mir die Unterlagen heute noch mitgeben könnten“, bemühte sich der Ermittler, um Alexander König etwas abzulenken. Gemeinsam wechselten sie schließlich in sein Büro.
„Sie haben ein Bett in Ihrem Arbeitszimmer?“, krauste sich Sinners Stirn. „Ja, ich bin häufig länger in der Kanzlei. Oft ist es dann schon sehr spät, ehe ich nach Hause komme. Ich wollte meine Frau dann nicht unnötig wecken.“ „Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen“, lobte der Ermittler. „Aber gehört Ihnen die Kanzlei nicht gemeinsam?“ „Der Vater meiner Frau hat sie ihr bei seinem Tod vermacht. Wir haben erst danach geheiratet“, klärte mich König auf. „Während meine Frau Fachanwältin für Familienrecht ist…, war, bin ich für Verkehrsrecht zuständig. Da diese Fälle oft komplexer sind, hatte ich meistens länger zu tun.“
„Gestatten Sie mir noch eine letzte Frage, Herr König.“ „Kommt jetzt die obligatorische Frage nach meinem Alibi?“ „Reine Routine“, verteidigte sich Sinner. „Ich weiß, Herr Hauptkommissar. Ich war auf einem Kongress, und zwar in Goslar auf dem Verkehrsgerichtstag. Ich nehme in jedem Jahr daran teil. Normalerweise reist meine Frau mit mir und wir übernachten im Hotel ‚Der Achtermann‘, aber diesmal ließen es ihre Termine nicht zu.“ „Wir müssen das natürlich überprüfen“, warnte ihn Sinner vor. „Wenden Sie sich bitte an die Kanzlei, dort wird man Ihnen weiterhelfen.“
„Soll ich jemanden für Sie anrufen, damit Sie nicht allein sind? Vielleicht einen Seelsorger?“, kam der Ermittler seiner Fürsorgepflicht nach. „Danke, aber ich gehe für die nächsten Tage in ein Hotel“, ließ König keinen Zweifel daran, dass er nicht in seinem Haus bleiben wollte. „Geben Sie mir bitte Bescheid, wo Sie sich einquartieren und halten Sie sich zu unserer Verfügung.“ „Wie jetzt, Sie halten mich doch wohl nicht für den Täter?“ „Routine.“
9
„Guten Morgen, Frau Solms“, begrüßte Schubert die Haushälterin. „Der Herr neben mir ist mein Chef, Hauptkommissar Sinner“, deutete er auf seinen Begleiter. „Schön guten Tag.“ „Kommen Sie bitte herein.“ „Ich hoffe, Sie haben sich inzwischen so weit beruhigt, dass Sie uns noch einige Fragen beantworten können“, kam Schubert wenig später zur Sache. Frau Solms setzte ein Tablett mit Kaffee und einem Schälchen mit Keksen auf dem Tisch ab und setzte sich zu den Ermittlern. „Bitte bedienen Sie sich selbst, meine Herren. „Mir geht es noch nicht so gut“, schnaufte sie. „Sollen wir Ihnen einen Arzt rufen?“, fragte Sinner besorgt. „Danke, aber meine Tochter ist bereits auf dem Weg zu mir.“
„Der Tod von Frau Bender-König hat Sie sehr getroffen, nicht wahr?“, bemerkte Sinner. „Ich habe Rebecca quasi großgezogen“, kämpfte sie mit den Tränen. „Nachdem Frau Bender an Krebs verstarb, ließ sich Herr Bender nur noch gehen. Er trank immer mehr Alkohol und in der Kanzlei ließ er sich kaum noch blicken“, erzählte sie. „Rebecca musste sich um alles alleine kümmern. Ich merkte, wie sie mit der Situation vollkommen überfordert war. Dann kam Alexander König. Er füllte quasi die Lücke, die Herr Bender hinterlassen hatte und als Rebeccas Vater dann auch noch einen Infarkt erlitt, nutzte er seine Chance.“
„Ich entnehme Ihren Worten, dass Sie..., lassen Sie es mich so ausdrücken, ...dass Sie nicht der größte Fan von Herrn König sind“, drückte sich Sinner vorsichtig aus. „Etwa ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Vaters hat sie ihn geheiratet“, seufzte sie. „Ich freute mich für Rebecca, als sie kurz darauf schwanger wurde. Als er dann immer öfter spät aus der Kanzlei nach Hause kam, war es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Rebecca hinter seine ständigen Affären kam.“ Schubert machte sich eifrig Notizen.
„Die Ehe verlief also alles andere als harmonisch“, brachte es Sinner auf den Punkt. „Es gab ständig Streit und letztlich verlor sie ja vermutlich genau deswegen im vierten Monat das Kind.“ „Würden Sie Herrn König den Mord an seiner Frau zutrauen?“, wagte sich der Hauptkommissar ein gutes Stück weit vor. „Ich dachte, das waren die Einbrecher?“, schien Frau Solms von der Frage überrascht. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, erklärte Schubert, während er seinem Chef eine Tasse Kaffee reichte.
Die Haushälterin schüttelte den Kopf. „Zutrauen würde ich es ihm schon, aber der war ja wie in jedem Jahr beim Verkehrsgerichtstag in Goslar. Dort bleibt er immer drei Tage.“ „Wir überprüfen das gerade“, erklärte Sinner. „Wissen Sie, ob Frau Bender-König möglicherweise im Zusammenhang mit ihrem Beruf von jemandem bedroht wurde?“ „Davon ist mir nichts bekannt“, entgegnete sie schockiert. „Rebecca hatte keine Feinde. Sie war nicht jemand, der andere übervorteilte.“
Der Hauptkommissar trank seinen Kaffee und schob nachdenklich einen der Kekse hinterher. „Wie geht es denn nun für Sie weiter?“ Frau Solms verzog bitter lächelnd das Gesicht. „Bevor mich Herr König feuert, gehe ich von mir aus.“ „Weshalb sollte er das tun?“, hakte Sinner nach. „Ich bitte Sie, Herr Kommissar. Ich weiß zu viel über diesen Menschen. Ich kenne seine Schwächen und ich merke, wenn er lügt. Abgesehen davon bin ich längst in einem Alter, in dem man kürzertreten sollte. Vielleicht werde ich jetzt all, das machen, was bislang zu kurz kam.“ „Dann wünsche ich Ihnen für die Zukunft alles Gute“, wollte Sinner aufbrechen.
„Wir müssen doch noch die Fingerabdrücke von Frau Solms nehmen“, bremste Schubert seinen Kollegen. „Bin ich jetzt etwa auch verdächtig?“, wunderte sich die alte Dame. „Nein, nein“, lachte Schubert. „Die Kollegen von der Kriminaltechnik benötigen Ihre DNA und die Abdrücke für ein Ausschlussverfahren. Gestern kamen wir ja nicht mehr dazu.“ „Na dann walten Sie mal Ihres Amtes, Herr Kommissar“, streckte sie ihm ihre Hände entgegen.
Ähnliches erlebten die Ermittler auch bei der Befragung von Heinz Ofzareck. Demnach ging es nicht immer gesittet zu, wenn sich seine Nachbarn stritten. Oftmals war es derart laut, erzählte der alte Herr, dass er auf seiner eigenen Terrasse jedes Wort verstehen konnte. Abschließend bestätigte er durch seine Beobachtungen die Aussage von Frau Solms, in der sie den Kommissaren von den Affären des Rechtsanwalts erzählt hatte.
Ende der Leseprobe
Nachdem das fertige Manuskript lektoriert wurde, geht es als Leseprobe in den Downloadbereich.
Ab 14.11.26 ist es dann auch als Taschenbuch zu erwerben.
An dieser Stelle finden Sie nach und nach wieder drei Fragen zum aktuellen Werkstattroman.
Die Antworten bitte bis zum 25.10.26 an Uwe.brackmann59@gmail.com senden.
1. in welchem Saal brach Mona Schleicher zusammen?
2. wer verschickte den Doppelkorn?
3. wer ist Mia Mai?
Hier noch einmal die Spielregeln.
Mit jeder Buchvorstellung, also noch bevor das Buch in den Druck bzw. in den Downloadbereich wechselt, stelle ich an dieser Stelle drei Fragen aus dem Werkstattbuch, die Sie in einer Mail an mich richtig beantworten sollten. Der Einsender jeder zehnten richtigen Mail erhält ein handsigniertes Taschenbuch aus meiner Kollektion. Aber auch die übrigen Mitspieler gehen nicht leer aus. Sofern sie mir die richtigen Lösungen zugemailt haben erhalten sie jeweiles ein E Book zugesandt.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Solange das Buch in der Werkstatt steht, können Sie sich am Gewinnspiel beteiligen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich sehr über die rege Teilnahme und die vielen Mails freue, die bei früheren Gewinnspielen bei mir eingegangen sind.
Haben Sie die vorangegangenen Kapitel aufmerksam gelesen? Dann könen Sie die Fragen sicher beantworten. Wenn Sie glauben, alle drei Fragen richtig beantworten zu können, mailen Sie die richtigen Antworten an: uwe.brackmann59@gmail.com
Bis dahin: Ihr Uwe Brackmann
vielen Dank für die rege Beteiligung am Gewinnspiel. Es sind wieder zahlreiche richtige Lösungen eingegangen. Alle Gewinner wurden benachrichtigt. Viel Spaß beim lesen des neuen Band 60 mit dem es schon bald in der Werkstatt weitergeht und hoffentlich bis zum nächsten mal.
Der 61. Roman aus der
Detektei Lessing
"Ahlumer Nächte"
ist ab Mitte November 26 im regionalen Buchhandel und auf Bestellung unter "Kontakt", und als E-Book auf Amazone erhältlich.
Er ist dann auch gern als Geschenk mit Signatur zu erwerben.
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