Werkstatt

Hier in der Werkstatt geht es demnächst mit dem 60. Roman 'aus der Detektei Lessing' weiter !

Er spielt in Wolfenbüttel und Atzum unter dem Titel: 'Im Augenblick des Todes'.

Ab sofort habt ihr wieder die Möglichkeit mit eigenen Ideen an der neuesten Detektivgeschichte aus der Lessingserie mitzuwirken.

Falls ihr eigene Ideen zu den Spielorten habt, solltet ihr mir diese via Mail zukommen lassen.

 

uwe.brackmann59@gmail.com

 

Eure Ideen werden, soweit sie umsetzbar sind, berücksichtigt und euer Name, wenn gewünscht, als Coautor im Buch berücksichtigt.

 

Mein Dank gilt in besonderer Weise, Herrn Jürgen Nieber, der meine Manuskripte aus reinem Idealismus lektorieren. Mit im Team sind die Maler Robert Tschöp, Charlotte Matzeit, Rüdiger Franz und Julia Elena Zeh, die mit ihren Bildern maßgeblich die Einbände zur Detektei Lessing mitgestalten. Überdies mit dabei, der Bremer Fotograf Andreas Eberl, der dem letzten Mike Winter Krimi mit seinem Foto ein Supereinband gab. Den Link zu seiner Argentur findet ihr übrigens auf dieser Website.

 

Start der Leseprobe

Detektei Lessing

Band 60

Im Augenblick des Todes 

1

Es war kurz vor Mitternacht, als sich ein blauer Audi mit röhrendem Motor und dröhnender Musik dem Kreisel zwischen Ahlum und Salzdahlum näherte. Der Fahrer war auf dem Weg nach Sickte, weshalb er die erste Ausfahrt nahm und weiter in Richtung Apelnstedt fuhr. Er kam, wie an nahezu jedem Freitag, von einem Treffen mit der Auto-Clique.

Seit die beiden neunzig Grad Kurven entschärft waren, konnte er auf der zu dieser Zeit recht wenig befahrenen Landstraße den getunten Motor seines Wagens noch einmal so richtig hochziehen. Gerade als er mit über einhundert Sachen in die erste der beiden S-Kurven einlenken wollte, erkannte er auf dem Rastplatz der ehemaligen Kurve die Lichter eines Warnblinklichts. Getreu dem Ehrencodex seiner Clique bremste er ab, um gegebenenfalls seine Hilfe anzubieten.

Im Scheinwerferlicht seines Audis erkannte er kurz darauf den Wagen. Er stoppte hinter ihm. Aus seinem herabgelassenen Fenster zerriss ein Song der Scorpions die laue Sommernacht. Gerade als er aussteigen wollte, bemerkte er eine dunkle Gestalt, die sich aus dem Gebüsch näherte. Unter dem tief heruntergezogenen Cap erkannte er ein Gesicht. „Schwache Blase, wie?“, lästerte er grinsend. Die Antwort fiel weniger humorvoll aus. „Spinnst du?“, fragte der Mann im Wagen, während er in den Lauf einer Pistole sah. „Lass den Scheiß! Das ist nicht witzig.“ „Nein“, entgegnete die Person. „Das soll es auch nicht sein.“

In diesem Moment wurde dem Mann im Wagen bewusst, dass die Situation ernst war. Er spürte, wie sich jeder einzelne Muskel in ihm versteifte, wie er zu keiner noch so kleinen Bewegung mehr in der Lage war. Er wollte um sein Leben betteln, doch seine Lippen pressten sich aufeinander, ließen nicht den leisesten Laut entweichen. Stattdessen starrte er auf die Waffe, die nach wie vor auf ihn gerichtet war. Seine Atmung beschleunigte sich, in seinem Körper schien alles zu vibrieren, wurde heißer und heißer.

Die Person an der Fahrertür beobachtete ihn genau. Sie schien sich an seiner Angst zu ergötzen. Seine Reaktion stimulierte, euphorisierte sie geradezu bis hin zur Ekstase, die in drei ohrenbetäubenden Schüssen ihren Höhepunkt fand. Während der Getroffene auf dem Sitz in sich zusammensackte, stieß die Person vor dem Fenster einen befreienden, geradezu unmenschlichen Laut aus. Im selben Moment rutschte der Fuß des Sterbenden von der Kupplung. Der Audi machte einen Satz nach vorn und prallte auf den vor ihm stehenden Wagen. Mit dem Absterben des Motors hauchte auch der Mann im Audi seinen letzten Atemzug.

Die offenbar wahnsinnige Person am Fenster sah ihm unterdessen regungslos beim Sterben zu. Das letzte, was Daniel Droste im Augenblick seines Todes sah, war ein hämische Grinsen. Der starre Blick jener Person löste sich nur zögerlich von dem Toten. Fast hatte es den Anschein, als wolle sie den sich bietenden Anblick so lange wie möglich auskosten, doch das Geräusch eines sich nähernden Autos erforderte eine Reaktion.

Die Person beugte sich nach vorn, langte durch das Fenster und schaltete zunächst das Licht und dann die Soundanlage ab. Der Wagen näherte sich vom Kreisel kommend dem Parkplatz. Bevor das Licht seiner Warnblinkanlage gesehen werden konnte, schaltete sie auch diese ab. Anschließend begab sie sich in das Dunkel der angrenzenden Büsche und lauerte. Sie war auf alles gefasst, wollte nichts dem Zufall überlassen, wenn nötig auch ein weiteres Mal morden.

Der Wagen fuhr auf die erste Kurve und somit auf den ersten Parkplatz zu. Seine Geschwindigkeit verringerte sich. Der Fahrer wurde bereits aus der Dunkelheit ins Visier genommen. Jede seiner Lenkbewegungen wurde akribisch beobachtet. Ihr Puls wurde schneller, heftiger, sie spürte, wie das Leben in ihren Adern pulsierte, wie ihr Blut immer heißer wurde und wie ihr Adrenalin den Verstand raubte.

Der Wagen fuhr vorbei, sie legte den Kopf in den Nacken und stöhnte. Ihre Muskulatur entspannte sich. Langsam fuhr sie wieder runter, lockerte sich, indem sie den Kopf über ihre Schultern kreisen ließ. Es knackte in ihren Knochen. Sie wandte sich wieder dem Audi zu. Fast hätte sie die CD von den ‚Skorpions‘ vergessen. Noch einmal langte sie in den Wagen und drückte mit dem behandschuhten Zeigefinger der linken Hand auf die Auswurftaste des Players. Sie nahm sie mit sich, schob sie in ihr Radio, drehte die Lautstärke bis zum Anschlag und fuhr davon.

Erst am späten Vormittag fuhr ein weißer Sprinter auf den Parkplatz. Der Paketzusteller Jusef Dousco wollte eine kurze Pause einlegen, um ein kleines Geschäft zu erledigen und um seinen Hunger zu stillen. Er kam aus Richtung Apelnstedt und wie immer fuhr er nicht den in seiner Fahrrichtung gelegenen ersten Parkplatz, sondern den zweiten an. Durch den üppigen Baum und Strauchbewuchs war dieser von der Straße aus kaum einsehbar, was ihm für sein erstes Vorhaben von Vorteil schien.

Als er auf den Parkplatz fuhr, ärgerte er sich jedoch, weil er nicht allein zu sein schien. Er stoppte seinen Wagen dennoch und packte seine Brotdose und die Thermosflasche mit dem Kaffee aus. Immer wieder versuchte er trotz der ihn blendenden Sonne hinter der Windschutzscheide des kaum zwanzig Meter von ihm entfernt stehenden Wagens etwas zu erkennen. Doch anders als erwartet regte sich in dem Audi nicht das Geringste. Nachdem einige Minuten vergangen waren und sich die Blase des Paketzustellers immer heftiger meldete, stieg er notgedrungen aus. Er verschloss seinen Sprinter und warf einen letzten Blick zu dem Mann, der hinter dem Steuer saß. Kein Zweifel, der Typ hatte sich seit einigen Minuten nicht bewegt. Er schlussfolgerte, dass der Fahrer ein Nickerchen machte, womit er sich ungeniert in die Büsche schlagen konnte.

Kurz darauf kehrte er erleichtert zurück. Dabei sah er, dass die Scheibe in der Fahrertür vollständig heruntergelassen war.  Er stutzte und ging einige Schritte auf den Wagen zu. Während er sich näherte, veränderte sich sein Blickwinkel und die Sonne blendete nicht mehr. Mit demselben Atemzug bemerkte er in der Brust des Manner mehrere Wunden, aus denen Blut sickerte. Nicht viel und wahrscheinlich war es längst getrocknet, aber das konnte der Bote nicht mehr sehen, weil er sich längst geschockt von der Leiche abgewandt hatte.

 

Fortsetzung vom 11.07.26

2

„Wann haben Sie den Toten entdeckt?“, erkundigte sich Kommissar Schubert bei dem Paketzusteller. „Das habe ich doch alles schon den Polizisten gesagt“, erwiderte Jusef Dousco. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber wenn ich jetzt nicht weiterfahren kann, schaffe ich heute meine Tour nicht mehr.“ Schubert ließ sich nicht beeindrucken. „Je schneller Sie meine Fragen beantworten, umso schneller sind wir damit durch.“ Der Syrer stieß einen tiefen Seufzer aus, verdrehte die Augen und antwortete.

„Haben Sie den Toten oder irgendetwas im Inneren des Audis angefasst?“ „Allah sei mein Zeuge, nein!“ „Sie wollten hier also eine kurze Rast einlegen?“, fasste Schubert das Geschehen noch einmal zusammen. „Was ist Rast?“ „Eine Pause“, erklärte der Kommissar. „Ich werde diese Sprache nie verstehen“, schüttelte der Syrer den Kopf. „Warum so viele Worte für eine Sache?“ „Sie hielten also an, um hier Ihre Pause zu machen“, rekapitulierte Schubert. „Ich musste pinkeln.“

„Äh, ja“, nahm der Ermittler die Antwort zu Protokoll. „Und irgendwann fiel Ihnen dann auf, dass sich der Tote nicht bewegte?“ Der Syrer nickte dem Kommissar erleichtert zu. „Genauso wars.“ „Was geschah dann?“ „Na, ich bin zum Wagen gegangen und sah die Wunden im Oberkörper des Mannes. Mir war sofort klar, dass der tot war.“ Die Stirn des Kommissars krauste sich. „Haben Sie seinen Puls überprüft?“ Jusef Dousco machte eine abwehrende Handbewegung. „Bei Allah, nein! Ich habe nie einen Geschossenen gesehen. Ich habe sofort den Notruf gewählt.“ „Es heißt Erschossenen und Wildpinkeln ist eine Ordnungswidrigkeit“, belehrte ihn Schubert.

„Ihr Deutsche macht mich kaputt“, stöhnte der Zeuge kopfschüttelnd. „Kann ich jetzt gehen?“ „Eine letzte Frage noch, Herr Dousco. Fiel Ihnen noch ein weiteres Fahrzeug auf, als Sie auf den Rastplatz fuhren, oder kam Ihnen eins entgegen?“ Der Syrer überlegte angespannt. Seine Stirn legte sich dabei in Falten. „Da waren viele Autos.“ Der Ermittler stutzte. „Wo?“ „Überall.“ „Hier auf dem Parkplatz?“ Dousco schüttelte den Kopf. „Nein, hier war keiner, aber woanders waren viele.“

Schubert drückte die Mine seines Kugelschreibers zurück und klemmte den Stift an sein Notizheft. „Fürs Erste war es das. Bitte finden Sie sich morgen Vormittag in der Polizeidienststelle Wolfenbüttel, an der ‚Lindener Straße‘ ein.“ „Aber das geht nicht, ich muss arbeiten“, entgegnete der Zeuge entsetzt. „Also gut“, lenkte Schubert ein. „Dem Protokoll ist es letztlich egal, wann Sie es unterschreiben. Wann könnten Sie denn da sein?“ Dousco wog den Kopf abwägend hin und her. „Ich komme um 9 Uhr.“ „Also doch am Vormittag.“ „Nein, am Abend.“

„Seid ihr so weit?“, erkundigte sich der Ermittler bei den Leuten von der Spurensicherung. Bevor der Paketzusteller mit seinem Sprinter weiterfahren konnte, musste der Wagen auf Spuren untersucht werden, die mit der Tat in Zusammenhang stehen konnten. Letztlich war zu diesem Zeitpunkt nichts ausgeschlossen und es musste in alle Richtungen ermittelt werden. Lutz Findeisen signalisierte ihm, dass die Arbeiten am Sprinter abgeschlossen waren, und Schubert gab dem Zeugen grünes Licht.

„Das sieht wie eine Hinrichtung aus“, schüttelte der Hauptkommissar den Kopf. „Nu, wenn Sie mich fragen, war hier ein hohes Aggressionspotential im Spiel. Der Täter traf drei Mal aus nächster Nähe in die Brust des Opfers, wobei mindestens ein Treffer schon tödlich gewesen sein dürfte. Allerdings war der Mann nicht sofort tot. Sein Todeskampf dürfte sich über ein bis zwei Minuten erstreckt haben.“ Doktor Schnippler deutete auf eine der Wunden. „Anhand des Einschusskanals, den das Geschoss verursachte, dürfte der Schütze…“ „Oder die Schützin“, ergänzte Tim Sinner. „Nu ja, wie Sie meinen, Herr Hauptkommissar. Jedenfalls können Sie davon ausgehen, dass der Mann durch das geöffnete Fenster aus einer erhobenen Position erschossen wurde.“ „Der Täter stand also…“ „Oder die Täterin“, unterbrach Doktor Schnippler. „Äh, ja, genau“, pflichtete ihm Sinner bei. „…also vor dem Seitenfenster.“ „Einwandfrei.“

„Können Sie schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen, Herr Doktor?“ „Na. Sie wissen doch, dass ich mich ungern so früh festlege, Herr Sinner.“ „Nur ganz vage“, ließ der Hauptkommissar nicht locker. „Vor Mitternacht oder eher später?“ „Na, wenn Sie mich so fragen, dann denke ich, dass Sie mit Mitternacht gar nicht schlecht liegen“, schätzte der Rechtsmediziner. „Plus minus zwei Stunden“, fügte er zur Sicherheit an. „Genaueres, wie immer erst…“ „Nach der Obduktion“, fiel ihm Sinner ins Wort. „Genau.“

„Wie sieht es aus, Lutz, konntet ihr weitere Spuren zum Tathergang sichern?“, erkundigte sich Tim Sinner. „Was die Spurenlage im Inneren des Audi betrifft, werden wir die wie üblich erst in der KTU[1]ermitteln. Am äußeren Fahrzeug gibt es einen kleineren Lackschaden, der auf einen Auffahrunfall hindeuten könnte. Ich konnte allerdings noch nicht genau bestimmen, wie alt dieser Schaden ist.“ Der Hauptkommissar horchte auf. „Letzte Nacht liegt im Bereich des Möglichen?“ „Könnte sein, könnte aber auch nicht sein“, ließ sich der Leiter der Spusi nicht festlegen. „Ich frage mich die ganze Zeit, was der Tote hier um diese Zeit wollte“, dachte Sinner laut nach. „Da kann ich dir vielleicht weiterhelfen“, versprühte Lutz Findeisen Hoffnung. „Wir fanden an einem der Bäume Urinspuren.“

„Es gibt also eine DNA“, schlussfolgerte der Hauptkommissar. „Die könnte von dem Zeugen stammen“, gab Schubert zu bedenken, der sich in diesem Moment zu ihnen gesellte. „Jusef Dousco gab dies und seine Frühstückspause als Grund für seine Rast an.“ „Na, das wäre ja auch zu einfach gewesen“, lamentierte Findeisen. Sinner rieb sich das Kinn. „Trotzdem, der Tote hatte sicherlich einen Grund für seinen nächtlichen Stopp.“ „Was ist mit seinem Handy?“, erkundigte sich Schubert. „Das haben wir schon gecheckt“, entgegnete der Leiter der Spurensicherung. „Die letzte Aktivität, die von dem Opfer ausging, fand um 23:24 Uhr statt.“ „Das grenzt zumindest schon mal den Zeitpunkt der Tat etwas ein“, bemerkte Schubert.

„Die komplette Liste bekommt ihr, wenn wir das Handy ausgelesen haben“, vertröstete Findeisen die Kommissare. „Schon klar“, seufzte Sinner und wandte sich seinem Dienstpartner zu. „Den Namen und die Adresse des Opfers haben wir ja. Machen wir uns also auf den Weg, um den Angehörigen die traurige Nachricht zu überbringen.“ „Können Sie da nicht allein hinfahren, Chef? Ich würde mich dann in der Zwischenzeit schon mal um den letzten Telefonkontakt kümmern, den das Opfer hatte.“ „Nee Schubert, da müssen wir gemeinsam durch.“ „In diesen Momenten hasse ich unseren Job“, seufzte der Kommissar. „Vier Augen sehen und vier Ohren hören besser als zwei“, entgegnete Sinner trocken.

[1] Kriminaltechnische Untersuchung

Fortsetzung vom 18.07.26

3

Auch wenn Schubert nur allzu gern auf diesen Gang verzichtet hätte, befand er sich nun an der Seite seines vorgesetzten Dienstpartners. „Das ist so gar nicht meins“, beteuerte er zum wiederholten Male. „Auch die unangenehmen Seiten unseres Jobs müssen erledigt werden“, ließ sich der Hauptkommissar nicht erweichen, während er seinen Daumen auf den Klingeldrücker presste. Es brauchte einige Zeit, ehe sich im Inneren des Hauses etwas tat. Als die Tür endlich geöffnet wurde, tauschten die Kommissare einen kurzen Blick.

„Frau Droste?“, erkundigte sich Sinner. „Wenn’s auf der Klingel steht, wird’s wohl so sein.“ Der Hauptkommissar zeigte seinen Dienstausweis und deutete auf seinen Begleiter. „Der Kollege Schubert. „Ist was mit meinem Sohn?“, ahnte die Frau im Rollstuhl bereits, dass etwas Schlimmes geschehen war. „Vielleicht sollten wir besser ins Haus gehen“, schlug Schubert vor. „Die zunächst so taffe Frau reagierte fahrig. „So reden Sie doch! Ist etwas mit Daniel? Ist er tot?“ „Bitte, lassen Sie uns ins Haus gehen“, bemühte sich Sinner, eine gewisse Kontrolle aufrechtzuerhalten. Es war nicht das erste Mal, dass er eine solche Nachricht überbringen musste. Er wusste also aus Erfahrung, wie unvorhersehbar Angehörige zuweilen darauf reagierten. Die körperliche Situation, in der sich die Mutter des Toten befand, ließ eine noch heftigere Reaktion erwarten.

„Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen können?“, erkundigte sich Schubert, nachdem er und sein Dienstpartner Frau Droste in die Küche gefolgt waren. „Vielleicht eine gute Freundin, eine Nachbarin oder eine andere Ihnen nahestehende Person?“ „Jetzt reden Sie endlich, Mann!“, schrie Lydia Droste. „Sie haben Recht“, brach Sinner endlich sein Schweigen. „Ihr Sohn wurde heute Morgen tot in seinem Auto aufgefunden.“ Ein Klageschrei erfüllte den Raum. Den Ermittlern lief es kalt den Rücken hinunter. Ihre Versuche, die Frau zu beruhigen, misslangen.

Lydia Droste atmete schwer. Immer wieder drückte sie ihre Faust in den weit geöffneten Mund und biss darauf, bis sie blutig war. Sinner sah sich das Ganze nicht lange an und orderte einen Rettungswagen. Er wusste, dass jede weitere Frage unverantwortlich war. „Hat er sich mit seinem Wagen totgefahren?“, fragte sie, nachdem ihr der Notarzt eine Spritze verabreicht hatte.“ Die Frau braucht jetzt absolute Ruhe“, entband der Mediziner den Ermittler von einer Antwort. 

Als sie von den Sanitätern in ihrem Rollstuhl zum Rettungswagen dicht an Sinner vorbeigeschoben wurde, griff sie nach seinem Arm. „Gehen Sie zu Anna Redlich, sie ist seine Freundin.“ Er nickte ihr betreten zu, während sie über die Rampe samt Rollstuhl in den Rettungswagen gehoben wurde. Selbst als die Sanitäter die Türen schlossen und sich der RTW in Bewegung setzte, sah er ihr gedankenverloren nach.

„Was ist los, Chef?“, kam Schubert dazu. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich diesen Job noch mehr als dreißig Jahre machen muss, frage ich mich, ob ich das wirklich so lange aushalten kann und will.“ „Was glauben Sie, weshalb ich mich davor drücken wollte“, seufzte Schubert. Der Hauptkommissar holte tief Luft und wandte sich dem kleinen Siedlungshäuschen in der ‚Halberstädter Straße‘ zu. Die Tür stand noch immer weit auf und aus dem Inneren vernahm er das Klagen der Mutter. „Ich hoffe, wir finden seinen Mörder.“

Was nun geschah, war Routine. Zunächst suchten die Kommissare zusammen mit den Kollegen der Spurensuche das Haus des Ermordeten, die Garage, seinen Arbeitsplatz und jeden anderen Ort, an dem er sich öfter aufgehalten hatte. Freunde, Bekannte, Studenten der Ostfalia und Lehrer wurden befragt. Ein Bewegungsprofil, welches die letzten Stunden bis zu seinem gewaltsamen Tod rekonstruierte, wurde akribisch und mit Sorgfalt erstellt. All dies brachte allerdings nicht den erwünschten Erfolg und so wurde die Soko Parkplatz nach drei Monaten und die Hälfte der Mitarbeiter reduziert und nach einem halben Jahr ganz aufgelöst. 

„Ich weiß gar nicht, wie ich Frau Droste sagen soll, dass wir den Fall zu den Akten legen müssen, weil wir nicht die kleinste Spur haben“, schüttelte der Hauptkommissar mit dem Kopf. „Alles, was wir wissen, ist, dass eine selbstgebrannte CD mit den ‚Skorpions‘ verschwand.“ „Letztlich können wir nicht mal mit Bestimmtheit sagen, ob der Mörder die CD tatsächlich mitnahm“, relativierte Schubert. „Den Zeugenaussagen nach, spielte er diese Musik auf dem Parkplatz der ‚Ostfalia‘“, gab Sinner zu bedenken. „Wo um alles in der Welt soll der verdammte Tonträger sonst hingekommen sein?“

„Schön und gut, Chef“, verzog Schubert versonnen das Gesicht. „Was nutzt es uns, wenn der Mörder die CD tatsächlich mitgenommen hat. Selbst wenn er sie abspielt und es jemand hört, wird ihn dies nicht entlarven.“ „Wie auch immer, van der Waldt hat uns einen neuen Fall übertragen. Auch wenn der nun Priorität hat, werden wir den Mord an Daniel Droste nicht für immer ruhen lassen.“ Schubert klappte die Mappe mit den Ergebnissen ihrer Ermittlungen zusammen und schob sie in den Aktenschrank zu den anderen ungeklärten Fällen. „Vielleicht ergeben sich ja in der Zwischenzeit neue Erkenntnisse.“

Sinner schnappte sich seine Jacke. „Na dann, auf nach Schladen, Schubert. Unser neuer Fall wartet in einem der Silos der Zuckerfabrik.“

 

4

Die Terrassenüberdachung war fertiggestellt und unsere Fahrradtouren in die weitere Umgebung von Wolfenbüttel hatten nicht nur zur Folge, dass sich mein Waschbärbauch allmählich zurückbildete und sich meine Konstitution kontinuierlich verbesserte, es bewirkte auch, dass sich bei mir eine völlig neue Sicht auf mein Leben einstellte. Die Stunden, die ich dabei mit Ramona und Miriam verbrachte, wurden mir von Mal zu Mal wertvoller. War mir die Detektei bislang ebenso wichtig wie die Familie, richtete sich mein Fokus nun mehr auf Ramona und Miriam.

Der Erkenntnis folgt die Entscheidung, das Leben zu ändern, den bisherigen Trott hinter sich zu lassen und Grundlegendes zu überdenken. Natürlich trug ich nicht nur für meine Familie, sondern auch für meine Mitarbeiter Verantwortung. Denn im Grunde gehörten sie ebenso zu meinem Leben. Die Lösung hieß Delegieren, ein Wort, welches für jemanden wie mich, der am liebsten alles selbst erledigen möchte, eine große Bedeutung in sich trägt. Wer das eine will, der das andere muss, sagt mein Freund Jogi immer und er hat recht. Wenn ich mehr Zeit mit meinen Lieben verbringen wollte, musste ich lernen, Verantwortung abzugeben. Bei dem Gedanken, diese in Leonies Hände zu legen, kamen mir zwar Bedenken, aber da ich wusste, dass sie auf einem guten Weg war, hatte ich Hoffnung.

Eine solche Entscheidung lässt sich natürlich nicht über Nacht umsetzen, aber letztlich trieb mich ja keiner, weil noch niemand etwas von meinem Entschluss ahnte. Sowohl Leonie als auch ich hatten somit Zeit, um meine Vorstellungen in die Tat umzusetzen. Ich nahm mir daher vor, meine Azubine zeitnah auf die Prüfung ihrer Ausbildung zur Detektivin vorzubereiten. Da es in meinem Beruf kein reguläres Examen und somit auch keine Prüfung gab, beruhte dieser Check allein auf meinen Vorgaben, was die Sache für Leonie gewiss nicht einfacher machte.

So saß ich bereits seit Stunden in meinem Büro und grübelte darüber nach, wie ich die junge Dame am besten herausfordern konnte. Die alltägliche Arbeit in meiner Detektei, wie die Recherche und die Überprüfung von Versicherungsfällen, konnte ich ihr und Trude schon seit längerem überlassen. Abgesehen von gelegentlichen Außeneinsätzen, die beispielsweise der Überprüfung von Betrügern galten, die unser soziales Netz als eine Hängematte betrachteten, bearbeiteten meine Mitarbeiterinnen diese Fälle bereits überwiegend eigenständig.

Was allerdings die verzwickten Aufträge betraf, bei denen sich zeigt, wie gut eine Detektei wirklich ist, bedurfte es beim Ermitteln neben einer klaren Struktur und logischem Denken vor allem das, was allgemein als Bauchgefühl bezeichnet wird. Eine Komponente, die sich nicht erlernen lässt.  

Obwohl, ein gewisses Bauchgefühl ließ sich bei der kleinen Fressraupe nicht leugnen. Allerdings hatte dies einen eher anderen Ursprung. Da sie sich jedoch sicher war, dass keine Schwangerschaft vorlag und eine Untersuchung bei ihrem Hausarzt ebenfalls nichts Negatives ergab, nahmen ihr Onkel Christoph und ich ihre Dauerfressattacke erst einmal so hin.

Was eben jenes besondere, nicht erlernbare Gefühl für die Lösung eines speziellen Falls angeht, ließ sich dies nur in der Praxis erwerben. Leider gab es derzeit keinen solchen lukrativen Auftrag. Somit brauchte ich mir über die Kosten, die nach dem Abschluss ihrer Ausbildung auf mich zukommen würden, zumindest keine Sorgen machen. Ich hatte mein Gedankenspiel noch nicht beendet, als mich Trudes krächzende Stimme aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage auf meinem Schreibtisch, aus eben jener geistigen Arbeit riss.

„Sorry Chef, ich störe nur ungern, aber hier vorne bei mir in der Anmeldung steht das Ehepaar Möller und möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen.“ „Aber Sie wissen doch, dass wir keinen weiteren Fall mehr annehmen können“, reagierte ich in der abgesprochenen und bereits vielfach erprobten Weise. „Ich weiß, Chef“, entgegnete sie gedehnt. „Es geht um eine verschwundene junge Frau.“ „Bitte Herr Lessing“, vernahm ich eine aufgewühlte Stimme. „Helfen sie uns!“

Selbst wenn ich bis zum Hals in Arbeit stecken würde, gäbe es an dieser Stelle keine Ausrede. Ich legte einige Akten auf den Tisch, um den Eindruck von Geschäftigkeit zu erwecken und öffnete die Tür zu meinem Büro. „Bitte treten Sie näher. Ich will sehen, was ich für Sie machen kann.“

Natürlich mag diese Art der eigenen Vermarktung etwas skurril wirken, aber die Erfahrung, die ich in den Jahren als Detektiv sammeln konnte, zeigt, dass man nur dann als guter Ermittler gilt, wenn der Anschein erweckt werden kann, dass man förmlich in Arbeit erstickt.

„Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Lessing, aber wir wissen wirklich nicht mehr weiter“, erklärte Herr Möller, während sich das Ehepaar auf die Stühle vor meinen Schreibtisch setzte. „Wo drückt denn der Schuh?“, erkundigte ich mich salopp. „Es geht um unsere Stefanie.“ „Steff war gestern zu einer kleinen Feier vor dem Studentenwohnheim in der Ostfalia. Sie studiert dort Elektrotechnik“, fiel Frau Möller ihrem Mann ins Wort. Sie war mehr als aufgeregt. Ihre Hände zitterten, während sie sprach.

„Bitte beruhigen Sie sich erst einmal. Vielleicht ist es besser, wenn Ihnen meine Mitarbeiterin einen Beruhigungstee zubereitet“, schlug ich vor. „Ach bitte, ich glaube der täte mir jetzt wirklich ganz gut“, zeigte sie sich dankbar. „Wie alt ist denn Ihre Tochter?“ „Steff ist 18“, entgegnete Herr Möller.

Das Mädchen war also volljährig und sie war mit Freunden auf einem Sommerfest. Ich konnte es gut verstehen, wenn sich Eltern um ihr Kind sorgten, aber in diesem Fall erschien mir der Aufwand, der von ihnen betrieben wurde, für verfrüht. Dennoch war es wichtig, den Leuten das Gefühl zu geben, dass ich ihre Sorge teilte und sie ernst nahm.

„Wann hatten Sie denn den letzten Kontakt mit Ihrer Tochter?“, erkundigte ich mich daher. „Steff wollte um 23 Uhr daheim sein. Als sie nicht kam, rief ich sie eine halbe Stunde später auf ihrem Handy an.“ „Welchen Eindruck machte sie zu diesem Zeitpunkt auf sie?“, unterbrach ich sie. Frau Möller sah ihren Mann bedächtig an. „Eigentlich war sie fröhlich wie immer.“ „Sie wollte sich nach dem Telefonat mit meiner Frau direkt auf den Weg machen“, ergänzte Herr Möller. „Nachdem sie eine Stunde später noch nicht zuhause war, versuchte ich sie ein weiteres Mal zu erreichen“, fuhr Frau Möller fort. „Da war nur noch die Mailbox dran.“

Ich sah zur Uhr. „Es ist jetzt 11 Uhr, es sind also inzwischen zwölf Stunden vergangen. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Ihre Tochter ist fast erwachsen. Sie hat doch sicherlich einen Freund.“ „Es gab da tatsächlich einen jungen Mann, aber von dem hat sie sich vor einem Jahr getrennt“, räumte Frau Möller ein. „Sie könnte vielleicht jemanden kennengelernt haben und die Nacht bei ihm verbracht haben.“ „So eine ist unser Mädchen nicht“, stellte Herr Möller klar. „Außerdem hätte sie sich dann auf jeden Fall bei uns gemeldet“, pflichtete Frau Möller ihrem Mann bei. „Nein, ich weiß ganz genau, dass ihr etwas passiert ist. Eine Mutter spürt so etwas.“

„Suchen Sie nun nach unserer Tochter oder sollen wir uns nach einem anderen Detektiv umsehen?“, riss ihr der Geduldsfaden. „Bei der Polizei haben die uns auch nicht geglaubt“, rückte Herr Möller unvermittelt mit dem Grund für ihren Besuch bei mir heraus. „Dann hat man Ihnen sicherlich gesagt, dass es noch viel zu früh ist, um sich Sorgen zu machen“, versuchte ich das Ehepaar zu beruhigen. „Die wollten nicht mal eine Vermisstenanzeige aufnehmen“, wütete der aufgebrachte Vater. „Wir sollen ein paar Tage abwarten und dann noch mal wiederkommen.“

Meine Stirn krauste sich. Wenn diese Aussage stimmte, war das so nicht in Ordnung. „Okay, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie warten bis heute Abend ab. Sollte sich Ihre Tochter auch nach 24 Stunden nicht bei Ihnen gemeldet haben, werde ich den Fall übernehmen.“ Die Eheleute sahen sich zögerlich an, ehe sie mir zunickten. „Hoffentlich ist es dann nicht schon zu spät“, setzte mich Frau Möller unter emotionalen Druck. „Machen Sie mir eine Liste mit allen Kontakten, die Ihre Tochter hat. Falls sie nicht auftaucht, verlieren wir dann keine Zeit.“ „Gut, das machen wir.“

 

Fortsetzung folgt am 25.07.26

 

Ende der Leseprobe

 

Nachdem das fertige Manuskript lektoriert wurde, geht es als Leseprobe in den Downloadbereich.

Ab 01.10.26 ist es dann auch als Taschenbuch zu erwerben.

An dieser Stelle finden Sie nach und nach wieder drei Fragen zum aktuellen Werkstattroman.

Die Antworten bitte bis zum 30.07.26 an Uwe.brackmann59@gmail.com senden.

 

1. Wie oft wurde auf Daniel Droste geschossen?

2. ?

3. ?

 

 

Hier noch einmal die Spielregeln.

Mit jeder Buchvorstellung, also noch bevor das Buch in den Druck bzw. in den Downloadbereich wechselt, stelle ich an dieser Stelle drei Fragen aus dem Werkstattbuch, die Sie in einer Mail an mich richtig beantworten sollten. Der Einsender jeder zehnten richtigen Mail erhält ein handsigniertes Taschenbuch aus meiner Kollektion. Aber auch die übrigen Mitspieler gehen nicht leer aus. Sofern sie mir die richtigen Lösungen zugemailt haben erhalten sie jeweiles ein E Book zugesandt.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Solange das Buch in der Werkstatt steht, können Sie sich am Gewinnspiel beteiligen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich sehr über die rege Teilnahme und die vielen Mails freue, die bei früheren Gewinnspielen bei mir eingegangen sind.

 

Haben Sie die vorangegangenen Kapitel aufmerksam gelesen? Dann könen Sie die Fragen sicher beantworten. Wenn Sie glauben, alle drei Fragen richtig beantworten zu können, mailen Sie die richtigen Antworten an: uwe.brackmann59@gmail.com

Bis dahin: Ihr Uwe Brackmann

 

vielen Dank für die rege Beteiligung am Gewinnspiel. Es sind wieder zahlreiche richtige Lösungen eingegangen. Alle Gewinner wurden benachrichtigt. Viel Spaß beim lesen des neuen Band 60 mit dem es schon bald in der Werkstatt weitergeht und hoffentlich bis zum nächsten mal.

 

Den 59. Roman aus der

Detektei Lessing

"Schrecklich schöne Aussicht"

 

ist seit 03.06.26 im regionalen Buchhandel und auf Bestellung unter "Kontakt", und als E-Book auf Amazone erhältlich.

Er ist dann auch gern als Geschenk mit Signatur zu erwerben.

Im Downloadbereich, kann er als 7 Kapitel umfassende Leseprobe (Kenntlich machen und kopieren) heruntergeladen werden. Das komplette E-Book ist dann ebenfalls für 2,99 € in einer Mail an "uwe.brackmann59@gmail.com" zu bestellen.

Alle meine Bücher können über die Reiter 'Bücher' und 'Links' bei Amazon, Weltbild, Thalia u.s.w. als E-Book und Bände 50 und 51 als Hörbücher erworben werden.

 

In diesen Geschäften bekommt ihr und Sie meine Bücher:

Wolfenbütteler 'Buchhandlung Behr' Kornmarkt

Wolfenbütteler 'Buchhandlung Steuber' Am alten Tore

und

in Vorsfelde in der Buchhandlung Sopper, Lange Str. 17