Werkstatt
Hier in der Werkstatt geht es nun mit dem 58. Roman 'aus der Detektei Lessing' weiter !
Er spielt in Wolfenbüttel und Ahlum und trägt den Titel: 'Enkeltrick' .
Ab sofort habt ihr wieder die Möglichkeit mit eigenen Ideen an der neuesten Detektivgeschichte aus der Lessingserie mitzuwirken.
Falls ihr eigene Ideen zu den Spielorten habt, solltet ihr mir diese via Mail zukommen lassen.
Eure Ideen werden, soweit sie umsetzbar sind, berücksichtigt und euer Name, wenn gewünscht, als Coautor im Buch berücksichtigt.
Mein Dank gilt in besonderer Weise, Herrn Jürgen Nieber, der meine Manuskripte aus reinem Idealismus lektorieren. Mit im Team sind die Maler Robert Tschöp, Charlotte Matzeit, Rüdiger Franz und Julia Elena Zeh, die mit ihren Bildern maßgeblich die Einbände zur Detektei Lessing mitgestalten. Überdies mit dabei, der Bremer Fotograf Andreas Eberl, der dem letzten Mike Winter Krimi mit seinem Foto ein Supereinband gab. Den Link zu seiner Argentur findet ihr übrigens auf dieser Website.
Start der Leseprobe
Detektei Lessing
Enkeltrick
1
Weihnachten und Silvester lagen hinter uns. Das neue Jahr begann ebenso unspektakulär wie das alte zu Ende gegangen war. Das heißt, nicht ganz, denn in der Werkzeugecke in unserer Garage befand sich nun auch eine Kreissäge. Miriam hatte sie mir zu Weihnachten geschenkt, weil sie sich schon seit längerem eine Überdachung unserer Terrasse wünschte. Als Staatsanwältin war sie es zwar gewohnt, zielführend zu denken, aber ein persönliches Geschenk war das ganz sicher nicht. Man stelle sich vor, ich würde ihr einen Kochtopf schenken, Nicht auszudenken, was ich von meiner Liebsten zu hören bekäme.
So war ich an diesem Morgen also hinsichtlich Materialbeschaffung mit dem Wagen unterwegs. Da sich im Baumarkt ‚Am Rehmanger‘ nicht das richtige Material fand, musste ich bei Eisesglätte an der Feuerwehr vorbei, quer durch die Stadt gurken, um zur ‚Schweigerstraße‘ zu gelangen. Der Hype nach einem Cappuccino ließ mich allerdings am ‚Grüner Platz‘ einen Abstecher in die Innenstadt machen. Um nicht über den ‚Holzmarkt‘ fahren zu müssen, bog ich gegenüber der Volksbank in die ‚Neue Straße‘ ab.
Keine glückliche Entscheidung, wie mir bereits im nächsten Moment bewusst wurde, als ich in Höhe Seichter, einem ehemaligen Handwerkergeschäft, eine Vollbremsung hinlegen musste. Eine ältere Frau eilte ohne auch nur einen einzigen Blick für den Verkehr übrig zu haben, über die Straße. Der Wagen rutschte auf dem angefrorenen Asphalt unkontrolliert zur Seite und drehte sich dabei. Als sie bemerkte, wie mein Wagen auf sie zukam, blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte dem sich unausweichlich nähernden Ungetüm entgegen. In ihren Augen lag so viel Traurigkeit, wie ich sie selten zuvor bei jemandem gesehen hatte.
Wenige Zentimeter vor ihr blieb der T-Cross zum Glück stehen. Ich fiel in den Sitz zurück und atmete erleichtert auf. Nachdem ich ausgestiegen war, stand die Frau noch immer regungslos da. „Habe ich Sie touchiert?“, erkundigte ich mich besorgt. Sie drehte langsam den Kopf und sah mich aus weit aufgerissenen Augen fragend an. „Sind Sie verletzt, tut Ihnen etwas weh?“ Sie wandte sich von mir ab und setzte ihren Weg, ohne auf meine Fragen zu reagieren, einfach fort.
Ich setzte ihr nach. „Warten Sie! So können Sie nicht weitergehen.“ Sie sah mich kurz an, lächelte irgendwie merkwürdig und ging ungeachtet meiner Worte weiter. Lautes Hupen lenkte meine Aufmerksamkeit für einen Moment auf meinen Wagen, der noch immer mit weit geöffneter Tür mitten auf der ‚Neue Straße‘ stand. Ich bedeutete dem Fahrer des hinter meinem Wagen blockierten Autos die Ruhe zu bewahren. Die alte Frau war inzwischen weitergegangen.
Ich lief ihr nach. „Sie stehen unter Schock. Ich rufe einen Rettungswagen.“ „Es ist nichts passiert“, entgegnete sie fahrig. „Dann lassen Sie sich von mir zu einem Arzt fahren.“ „Wie Sie sehen, geht es mir gut“, erwiderte sie bestimmt. Der Typ im Auto hämmerte abermals auf der Hupe herum. „Also gut, aber dann nehmen Sie für den Fall der Fälle wenigstens meine Visitenkarte.“ Sie nahm sie, steckte sie ein und ging weiter. Ich sah ihr noch einen Moment nach, ehe ich durch das energische Hupen des unsensiblen Zeitgenossen aufgefordert wurde, meinen Weg fortzusetzen.
Da sie in die ‚Okerstraße‘ abgebogen war und ich in Richtung altes Gericht weiterfuhr, verlor ich sie schon an der Kreuzung aus den Augen. Zumindest fand ich an der Rückseite des Parkhauses gleich einen Parkplatz. Nur wenige Minuten später betrat ich vom ‚Herzogtor‘ kommend die Fußgängerzone.
Neun Millionen hatte die Sanierung der alten Gas- und Wasserrohre sowie die Umgestaltung der Wolfenbütteler Flaniermeile gekostet. Die Läden, die diese Durststrecke überstanden hatten, hofften nun darauf, dass sich ihre Umsätze wieder bessern und alles so wie früher würde. Was wären wir ohne unsere Träume?
Vor dem Café Klatsch standen drei Tische und einige Stühle, auf denen angesichts des kalten und ungemütlichen Winterwetters niemand saß. Bevor ich im Café verschwand, lies ich meinen Blick die Fußgängerzone hinuntergleiten und dachte an die Schneemassen, die sich zu meiner Jugendzeit im Januar vor den Geschäften auftürmten. Heute fiel nur noch selten Schnee, der dann auch noch liegen blieb. Meistens zeigte sich der Winter von seiner schmuddeligen Seite. Kein Wunder, dass kaum jemand das Haus verließ, um shoppen zu gehen. Da ist es im Internet bequemer, aber auch einsam.
„Hallo Leo“, begrüßte mich Gregor. Seit Anne in ihren wohlverdienten Ruhestand gegangen war, fehlte die Caféhausmutti hier an allen Ecken. Auch wenn die Qualität von Speisen und Getränken dem gewohnten Standard entsprach, fehlten mir unsere Gespräche und ihre Herzlichkeit. „Hallo Gregor, machst du mir bitte einen Cappuccino?“ „Schon in Arbeit.“ Ich griff mir die Zeitung und setzte mich an den letzten freien Tisch am Fenster.
Als ich hinaussah, musste ich unwillkürlich an die Vorweihnachtszeit zurückdenken, als ich Anne nach einer Idee für ein Geschenk für Miriam fragte. „So, dein Cappuccino“, riss mich Gregor aus den Gedanken. Ich bedankte mich, schlug die Zeitung auf und las von nichts anderem als von Krieg, Not und Elend. Gleichzeitig dachte ich an einen Satz, mit dem mich Ramona kürzlich aufhorchen ließ: „Wir machen die Welt kaputt.“ Wenn das, was gerade geschieht, selbst von einem fünfjährigen Kind registriert wird, frage ich mich, wie weit es noch kommen muss, bis die Mächtigen dieser Welt endlich zur Vernunft kommen.
Ich starrte in die Zeitung und hatte dennoch die Frau wieder vor Augen, die mir vor den Wagen gelaufen war. Auch wenn gottlob nichts passiert war, fragte ich mich, weshalb sie so von der Rolle gewesen war. Letztlich hatte sie beim Überqueren der Straße nicht auf den Verkehr geachtet. Zudem ging mir die Traurigkeit in ihren Augen nicht aus dem Sinn. Wahrscheinlich hatte sie kurz zuvor einen Schicksalsschlag erlitten.
Ich trank noch einen Cappuccino, las die Zeitung und dachte nicht weiter über mein morgendliches Erlebnis nach. Am späten Vormittag kehrte ich dann mit einem Wagen voller Balken und anderem Baumaterial nach Hause zurück. Leonie freute sich sehr, dass sie mir beim Ausladen helfen durfte.
„Sie wissen schon, dass solche Sträflingsarbeiten nicht zu einer klassischen Ausbildung zählen?“ Erstens bist du keine klassische Auszubildende und zweitens trainiert das Tragen von Balken deine Konstitution und deine Sinne“, erwiderte ich schulmeisterlich. „Meine Sinne stehen mir aber eigentlich nach etwas ganz anderem, Chef.“ „Lass mich raten, du hast Kohldampf.“ „Woher…?“ Ich schüttelte den Kopf. „Die Schlepperei macht halt hungrig. Nur gut, dass gleich Mittagspause ist.“
„Ich koche gleich Spaghetti mit Tomatensauce. Wenn du willst, kannst du gerne mitessen. Ramona isst in der Vorschule.“ „Na, da hat sie ja noch mal Glück gehabt.“ Ich sah Leonie beleidigt an. „Was soll das heißen? Bislang hat mein Essen noch jedem geschmeckt.“ „Ich sag´s mal so, wie es ist, Chef. Sie sind ein netter Mann, da möchte Ihnen niemand weh tun. Wenn Sie Trude und mir etwas Gutes tun wollen, dann laden Sie uns besser nach Mc Donald´s ein.“ Jetzt kapierte ich, aus welcher Richtung der Wind wehte.
„Die momentan etwas dürftige Auftragslage zwingt mich zum Sparen.“ Meine Azubine runzelte die Stirn, während ihr Blick das Baumaterial ins Visier nahm. „Verstehe…“ „Das ist eine Investition in die Zukunft“, erklärte ich. „Mein leibliches Wohl ebenfalls“, entgegnete sie zungenfertig. Ich stutzte, schüttelte den Kopf und ging Spaghetti kochen.
2
Der Nachmittag verlief wie so oft dieser Tage ohne nennenswerte Ereignisse. Meine Azubine und ich waren im Auftrag einer Versicherungsgesellschaft bei einem Außeneinsatz damit beschäftigt, eine dubiose Schadensmeldung zu überprüften. Trude war mit Buchführung und einigen Recherchen in einem Fall von angeblicher Entmietung beschäftigt und Axel war, wie so oft, mit der Stiftung in der Twelkenmühle eingebunden. Auch wenn es dieser Tage keine größeren Fälle zu bearbeiten gab, hielten wir uns zumindest über Wasser.
Obwohl erst später Nachmittag, war es fast dunkel, als ich mit Leonie im Schlepptau in die Detektei zurückkehrte. Zu meiner Überraschung war Trude nicht allein in der Anmeldung. „Hallo Tim“, begrüßte ich den Kriminalhauptkommissar. „Was führt dich in die Detektei? Brauchst du etwa einen kompetenten Ermittler?“ „Wer weiß?“, zuckte er mit den Achseln. „Kann ich dich kurz sprechen?“ An seinem Gesichtsausdruck war zu sehen, dass er in einer ernsten Angelegenheit gekommen war.
„Macht Feierabend Mädels, morgen ist auch noch ein Tag“, ließ ich die verbleibenden zehn Minuten bis zum regulären Arbeitsende großzügig unter den Tisch fallen. „Gehen wir in mein Büro“, schlug ich vor. „Willst du einen Kaffee?“ Tim schüttelte den Kopf.
„Was kann ich für dich tun?“ Er legte eine meiner Visitenkarten auf den Schreibtisch. Ich sah ihn fragend an. „Ja und?“ „Vor etwa zwei Stunden wurden wir in den Seeliger-Park gerufen, weil ein Spaziergänger dort eine ältere Frau tot auf einer Bank sitzend aufgefunden hat.“ Ich stutzte. „Ein natürlicher Tod?“, fragte ich nach. „Wir wissen es noch nicht. Die erste Leichenschau ergab nichts Außergewöhnliches. Deine Frau und ich haben uns dennoch zu einer Obduktion entschlossen.“
„Das ist alles sehr tragisch, aber was kann ich in dieser Sache für dich tun?“, erkundigte ich mich verwundert. „Die Frau hatte keinerlei Papiere bei sich. Einzig diese Visitenkarte.“ „Jetzt verstehe ich. Du hoffst, dass ich dir bei ihrer Identifizierung weiterhelfen kann.“ „Wie du da nur so schnell draufkommen konntest“, feixte Tim. Er zog sein Handy aus der Tasche und rief ein Foto der Toten auf.
Ich erstarrte, als ich die Frau erkannte. „Ach du dicker Vater. Die habe ich heute Morgen fast über den Haufen gefahren.“ Der Hauptkommissar sah mich fragend an. „Bei der Identität der Frau kann ich dir leider nicht weiterhelfen“, musste ich die Hoffnung des Hauptkommissars zerschlagen. „Ich habe sie heute Morgen zum ersten Mal gesehen. Sie erschien mir verwirrt und irgendwie abwesend. Und dann waren da noch diese traurigen Augen.“
Tim sah mich irritiert an. „Was meinst du?“ „Ich weiß gar nicht, wie ich es dir erklären soll, aber die waren so voller Trauer, als wenn sie gerade einen geliebten Menschen verloren hatte oder einen anderen schlimmen Schicksalsschlag hinnehmen musste.“ „Du sagtest, du hättest sie fast über den Haufen gefahren“, griff Tim meine Worte auf. „Ja, sie trat einfach so, ohne sich um den Verkehr zu kümmern, auf die Straße. Der Wagen kam auf der glatten Straße nur wenige Zentimeter vor ihr zum Stehen. Da sie keinen Krankenwagen wollte und es ihr so weit gut zu gehen schien, gab ich ihr meine Visitenkarte und machte die Straße frei.“
Tim kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. „Hast du nach ihrem Namen gefragt?“ „Die ganze Situation war so absonderlich, weil sie ständig weitergehen wollte, dass ich froh war, als sie die Karte einsteckte und nicht gleich wegwarf.“ „Für dich gab es dennoch keinerlei Anzeichen auf einen bevorstehenden Suizid?“, stellte Tim eine Frage, die mich auch in den folgenden Wochen nicht loslassen sollte. „Jetzt, im Nachhinein, mache ich mir natürlich Vorwürfe, weil ich nicht doch einen Rettungswagen gerufen habe, aber in der Situation war ich mir einer solchen Entwicklung nicht bewusst.“ „Ich will dir um Himmels Willen kein schlechtes Gewissen einreden, aber egal, was auch immer die Frau dazu trieb, sich das Leben zu nehmen, sie hatte offensichtlich niemanden.“
In den nächsten Tagen war ich froh, dass keine neuen Fälle hereinkamen. Obwohl mir diese, aus heutiger Sicht, zumindest Abwechslung verschafft hätten. Es gelang Tim Sinner die Identität der Frau durch einen Öffentlichkeitsaufruf zu klären. Meine Schuldgefühle minderte dies allerdings nicht. Auch wenn ich versuchte, mir gegenüber meiner Familie nichts anmerken zu lassen, lies Miriam nicht locker, bis ich ihr alles erzählt hatte.
Ich wusste, dass sie mich nur auf andere Gedanken bringen wollte, als sie mir immer wieder mit der Terrassenüberdachung auf die Pelle rückte, aber das war ehrlich gesagt das Letzte, wonach mir in diesen Tagen der Sinn stand. Meine Ausrede, dass sich solche Handwerksarbeiten besser im Frühjahr bewerkstelligen ließen, schien sie nicht sonderlich zu beeindrucken. Erst als ich mit spitzem Bleistift, Millimeterpapier und allerlei Linealen die Planung in Angriff nahm, beruhigte sich das Ganze etwas.
Allmählich wurden auch meine Anrufe bei Tim seltener und letztlich erfuhr ich, dass sich die alte Frau mit einem Medikamentencocktail das Leben genommen hatte. Keiner ihrer Angehörigen konnte sich die Tat erklären und so beruhigte sich mein schlechtes Gewissen allmählich wieder und ich war gerade wieder bereit für einen neuen Fall, als eine ältere Dame die Detektei betrat.
„Guten Tag, mein Name ist Sophie Schreiner“, stellte sie sich Trude vor. „Ich würde gern die Hintergründe des Selbstmords meiner Freundin aufklären lassen.“ Meine Putzsekretärin reagierte zwiegespalten. Hatte sie auf der einen Seite mitbekommen, wie mir der Suizid der alten Frau zugesetzt hatte, war ihr auf der anderen Seite bewusst, wie wichtig ein neuer Fall für die Detektei war. „Darf ich fragen, um wen es sich handelt?“, hatte Trude eine Vorahnung. „Es geht um Irmela Wacholder.“
Meine Mitarbeiterin schluckte trocken. „Wir haben momentan viel zu tun, aber ich werde den Chef fragen, ob wir noch einen weiteren Fall annehmen können.“ „Ach bitte, ich kenne nur diese eine Detektei.“ Trude erhob sich. „Wenn Sie bitte einen Moment hier warten würden?“ Die potentielle Klientin nickte ihr zu, während Trude an meine Bürotür klopfte.
„Sorry, aber in der Anmeldung sitzt eine gute Freundin von Frau Wacholder.“ Schlagartig waren die Bilder, die traurigen Augen und alles andere wieder da. Nichts von alledem war vergessen oder verarbeitet, alles war wieder so präsent, als wäre es gerade erst geschehen. Ich starrte Trude an, ohne ein einziges Wort zu sagen. „Sie möchte erfahren, was ihre Freundin in den Tod trieb und ehrlich gesagt, würde ich das auch gern wissen.“
Während ich über eine Antwort nachdachte, fragte ich mich, was eigentlich mit mir los war. In all den Jahren bei der Braunschweiger Kriminalpolizei und auch als Detektiv hatte ich so manche Situation erlebt, in der ich mich selbst hinterfragen musste. Hatte Begegnungen mit Menschen, denen ich nicht helfen konnte und im Grunde war es mit jener alten Frau nicht anders. Sie wollte sich nicht von mir helfen lassen. Ich kannte sie nicht, war kein Vertrauter und so stand es mir nicht zu, sie wegen ihrer Traurigkeit zu befragen.
„Es ist wohl besser, wenn ich der Frau absage“, schlussfolgerte Trude aus meinem Schweigen. „Das werden Sie nicht machen“, erhob ich mich, als wäre ich gerade von einer Tarantel gestochen. „Wir nehmen den Fall an. Bitten Sie die Dame herein.“ „Gut, dann verschiebe ich Ihre Termine um eine halbe Stunde“, schauspielerte Trude, während sie die Tür zu meinem Büro öffnete und meiner Bitte nachkam. „Herr Lessing nimmt sich Zeit für Sie“, erklärte sie und bedeutete ihr mit einer einladenden Handbewegung, dass ich in meinem Büro auf sie warte. „Vielen Dank.“
„Guten Tag. Lessing“, begrüßte ich die Frau und bot ihr einen Platz vor meinem Schreibtisch an. „Einen Kaffee?“ „Gern, bitte schwarz.“ „Bevor ich die Tür zu meinem Büro schloss, vergewisserte ich mich, ob Trude ihren Wunsch mitbekommen hatte.
„Mein Name ist Schreiner“, stellte sie sich mir vor. Ich war die Freundin von Irmela Wacholder, der Frau, die man Anfang letzter Woche tot auf einer Bank im Seeliger-Park aufgefunden hat.“ „Ich bin im Bilde“, entgegnete ich. „Der Selbstmord meiner Bekannten geht mir einfach nicht aus dem Kopf.“ „Das kann ich wirklich gut verstehen“, nickte ich ihr anteilnehmend zu. „Ich habe Ihre Freundin am Morgen vor ihrem Suizid in der Stadt gesehen. Um genau zu sein, lief sie mir vors Auto.“
Sie reagierte überrascht. „Was soll das heißen?“ „Ich konnte einen Unfall vermeiden. Ihre Freundin wirkte irgendwie abwesend auf mich und sie schien mir unglücklich zu sein.“ „Das verstehe ich nicht“, schüttelte Frau Schreiner ungläubig den Kopf. „Irmela war eigentlich eine Frohnatur. Sie hatte stets ein Lächeln auf den Lippen und immer einen Spruch parat.“ „Dann muss kurz vor ihrer Tat etwas Schlimmes geschehen sein“, sinnierte ich.
Die alte Dame nahm ihre Brille ab und tupfte sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen aus den Augen. „Soweit ich weiß, gab es keinen solchen Grund. Und wenn, dann hätte sie mich sofort angerufen und mir davon erzählt.“ „Sie waren offenbar sehr vertraut miteinander“, folgerte ich. Sie zuckte mit den Achseln. „Wie gesagt, wir waren Freundinnen.“ „Dann kennen Sie doch sicherlich auch die Familie der Verstorbenen.“
Trude unterbrach das Gespräch, als sie den Kaffee hereintrug. „Ich hoffe, er schmeckt Ihnen“, setzte sie die Tasse vor Frau Schreiner ab und verließ wieder das Büro. „Ihr Sohn Klaus wohnt mit Marie und ihrem Enkel Jakub in Ahlum. Soviel ich weiß, arbeitet er hier in Wolfenbüttel als Mechaniker bei Alpert und Maschke. Irmela wohnte bei mir um die Ecke in der ‚Bahnhofstraße‘. Die Nummer weiß ich nicht.“ „Bei Ihnen um die Ecke?“ „Ich lebe in der Seniorenresidenz am Schulwall.“
Durch einen meiner letzten Fälle kannte ich dieses Heim. Es war eher kleiner, aber es gehörte nicht nur durch seine Lage zu den besseren Häusern in der Stadt. Dafür galt es allerdings als nicht so günstig. Meine potentielle Klientin musste also über einen gewissen Wohlstand verfügen.
„War Frau Wacholder eigentlich verheiratet?“ „Ihr Mann Johannes verstarb vor etwa zwei Jahren an einem Herzinfarkt.“ „Sie lebte also seitdem allein“, schlussfolgerte ich. „Eigentlich war die Wohnung viel zu groß für sie, aber sie war lange Zeit nicht bereit, den letzten Schritt zu gehen. Erst vor ein paar Wochen entschloss sie sich, zu mir in die Residenz zu ziehen. Leider gibt es eine Wartezeit.“ „Gab es weitere Freunde und Bekannte?“, hakte ich nach. „Seit dem Tod ihres Mannes lebte Irmela sehr zurückgezogen“, seufzte die Frau vor meinem Schreibtisch, während sie die Kaffeetasse ansetzte.
„Nehmen Sie den Fall an?“ „Mein Tagessatz beläuft sich auf fünfhundert Euro plus Spesen und dreihundert Euro für meine Mitarbeiterinnen.“ Sie sah mich durchdringend an. „Hauptsache, Sie sind es wert.“ „Gut, dann darf ich Sie bitten, mir diese Vollmacht zu unterschreiben, in der Sie mir bestätigen, dass ich in Ihrem Namen ermitteln darf.“ Ich legte ihr das Formular vor und sah ihr dabei zu, wie sie jede einzelne Zeile aufmerksam durchlas. „Wann können Sie mit Ihrer Arbeit beginnen?“ Ich sah zur Uhr. „Ich habe jetzt noch zwei Außentermine, aber danach könnte ich direkt loslegen.“ „Dann berechnen Sie für heute aber nur einen halben Tag, oder?“ Ich nickte ihr amüsiert zu.
„Einen Schlüssel zur Wohnung Ihrer Freundin haben Sie wohl nicht zufällig?“ „Den hatte ich quasi für den Notfall, aber inzwischen habe ich den ihrem Sohn zurückgegeben. Klaus begann am Wochenende die Wohnung zu räumen. Es muss ja alles irgendwie weitergehen.“ „Was sagt denn die Familie zu dem Suizid?“ „Ihren Enkel Jakub hat der Tod seiner Oma natürlich sehr mitgenommen“, erklärte Frau Schreiner. „Klaus ist eher, wie sein Vater war. Er versucht sich nichts anmerken zu lassen und Marie hat viel damit zu tun, ihre Männer zu trösten.“ „Sie kennen sich gut in der Familie aus“, stellte ich fest. „Irmela und ich kennen uns seit der Schulzeit und haben uns nie aus den Augen verloren. Da bekommt man einiges mit.“
„Nun gut, Ich werde heute noch Kontakt zu Herrn Wacholder aufnehmen. Darf er wissen, dass Sie meine Auftraggeberin sind?“ „Ich habe ihm gesagt, dass ich einen Detektiv beauftragen werde.“ Ich war überrascht. „Wie hat er darauf reagiert?“ „Er sagte, ich solle mir das Geld sparen und das niemand den Grund für den Suizid herausfinden wird.“ „Na, dann hoffe ich mal, dass ich ihn eines Besseren belehren kann.“
3
Nachdem meine Mitarbeiterinnen die Adresse, die Telefonnummer und einige Informationen zu Klaus und Marie Wacholder recherchiert hatten, rief ich den Sohn der Verstorbenen persönlich an, um einen Termin für den Nachmittag mit ihm auszumachen. Während Trude mehr über das Leben der Toten in Erfahrung bringen sollte, fuhren Leonie und ich nach Ahlum, wo wir ‚In den Ackern‘ nach dem Haus mit der Nummer 42 suchten.
Als wir vor dem Einfamilienhaus ankamen, war der Sohn der Verstorbenen gerade damit beschäftigt, den Gehsteig vom frisch gefallenen Schnee zu befreien. „Herr Wacholder?“ „So ist es“, bestätigte er. „Herr Lessing, nehme ich an.“ „Frau Fischer, meine Mitarbeiterin“, stellte ich Leonie vor. „Am besten gehen wir rein“, schlug er vor und stellte den Schneeschieber zur Seite.
„Sie wohnen sehr ruhig hier draußen“, stellte ich fest, während wir ihm ins Haus folgten. „Ja, das stimmt. Vor allem abgelegen und doch nicht einsam. Hier passen die Leute noch aufeinander auf.“ „Das ist gerade in der heutigen Zeit effektiver als die beste Alarmanlage“, pflichtete ich ihm bei.
„Das ist meine Frau, Maria“, stellte er seine Frau vor. „Mögen Sie einen Cappuccino?“ „Das wäre ein Träumchen“, entgegnete ich erfreut. Leonie grinste sich eins. „Und Sie?“ „Ich würde auch einen nehmen.“ Damit verschwand die recht ansehnliche Frau in der Küche.
„Sie ermitteln also für Frau Schreiner“, brachte es der Sohn der Verstorbenen auf den Punkt. „Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll, aber wenn es Sophie hilft, mit dem Suizid meiner Mutter klarzukommen, soll es mir recht sein.“ „So einen Schritt zu gehen ist ja schon ungewöhnlich, aber ihn quasi aus heiterem Himmel zu gehen, ohne dass sich eine solche Tat in irgendeiner Weise vorher angekündigt hätte, wirft natürlich die Frage nach dem Warum auf.“
„Wem sagen Sie das? Meine Frau und ich standen erst einmal unter Schock, als uns der Kommissar die Nachricht überbrachte.“ „Das kann ich mir vorstellen“, zeigte Leonie Verständnis. „Gab es im Leben Ihrer Mutter Hinweise auf Lebensmüdigkeit oder Depressionen?“, fragte Leonie geradeheraus. „Mein Vater starb vor etwa zwei Jahren. Damals verfiel sie zwar in eine tiefe Trauer, aber nach über dreißig Jahren Ehe ist das wohl nachvollziehbar. Eigentlich erholte sie sich dann recht schnell und fasste neuen Lebensmut. Sophie unterstützte sie damals sehr.“
„Haben Sie in der Wohnung Ihrer Mutter etwas, was Ihnen merkwürdig vorkam?“, suchte ich nach einem Anhaltspunkt, der mich auf eine Spur bringen konnte. „Was meinen Sie?“ „Unterlagen, Briefe, Dokumente, die Ihnen fremd waren. Ich denke beispielsweise an einen unseriösen Vertrag, den man ihr vielleicht über das Internet oder an der Haustür aufgedrängt hat.“ Herr Wacholder sah mich aus großen Augen alarmiert an. „An eine solche Möglichkeit hatte ich bislang noch gar nicht gedacht.“
Seine Frau trug ein Tablett mit Cappuccinos herein. „Sag mal Marie, ist dir in Mutters Unterlagen irgendetwas spanisch vorgekommen?“ Sie verteilte die Tassen und sah ihren Mann nachdenklich an. „Nee, aber wenn, dann hätte ich es dir doch sofort gesagt.“ „Hatte Ihre Mutter die Möglichkeit, ins Internet zu gehen?“, hakte Leonie nach. „Ja sicher, Sie bestellte sich ab und an etwas. Ich hatte ihr ein PayPal-Konto eingerichtet.“ „Es wäre gut, wenn Sie mir die Zugangsdaten geben würden. Ebenso ihre Mail-Adresse und die Telefonnummer.“ „Gut.“
Klaus Wacholder sah mich durchdringend an. So als würde er darüber nachdenken, ob er mir trauen konnte. Unsere gemeinsame Vorliebe für guten Cappuccino sorgte für eine Brücke des Vertrauens. Als ich ihm dann auch noch erzählte, dass ich vor einigen Jahren bei seinem Arbeitgeber einen Wagen gekauft hatte, war das Eis gebrochen.
„Am Mittwoch ist Testamentseröffnung. Vielleicht erfahre ich dabei etwas, was uns weiterbringt“, ließ er mich aufhorchen. „Meine Eltern waren zwar nicht reich, aber auch nicht mittellos“, beschrieb er die finanzielle Situation seiner Mutter eher vage. „Hatte sie nicht vor, zu Frau Schreiner in die Seniorenresidenz zu ziehen?“ Die Eheleute sahen sich verblüfft an. „Davon wissen wir gar nichts“, entgegnete die Schwiegertochter. „Wahrscheinlich wollte sie erst dann darüber reden, wenn es so weit war“, relativierte ich, um die Situation zu retten.
„Gut möglich, die beiden verzapften ja öfter mal irgendeinen Blödsinn“, reagierte Frau Wacholder mit einem Lächeln. Ich nahm mir vor, meine Klientin bei Gelegenheit danach zu fragen. Die Frage, die ich mir selbst stellte, lautete, ob in der Familie tatsächlich alles so tutti war. Immerhin versprach mir Klaus Wacholder mich hinsichtlich der Testamentseröffnung auf dem Laufenden zu halten und uns die gewünschten Informationen zuzusenden.
„Sagen Sie mal Chef, weshalb haben Sie ihn nicht nach dem Wohnungsschlüssel gefragt?“ „Was willst du in einer leeren Wohnung? Das, was für uns von Interesse sein könnte, haben die beiden doch schon mitgenommen.“ „Sie haben mal gesagt, das, was man nicht auf den ersten Blick sieht, ist oft das wirklich Interessante.“ „Merkst du wie viel Weisheit in diesen Worten steckt?“, konnte ich kaum glauben, dass dieser Satz von mir stammte. „Du hast recht, wir werden Herrn Wacholder bei Gelegenheit nach dem Schlüssel fragen.“
Leonie sah zur Uhr. „Eigentlich könnten wir doch schon Feierabend machen, oder?“ „Bislang haben wir nichts vorzuweisen“, entgegnete ich. „Was soll ich unserer Klientin sagen, wenn sie fragt? Nee, nee, ein Stündchen müssen wir noch.“ Ein Stöhnen erfüllte den Wagen. „Mir knurrt der Magen.“ „Das ist nichts Neues, meine Liebe. Wir werden jetzt die Nachbarschaft von Frau Wacholder befragen. Du wirst sehen, wie schnell die Zeit dabei vergeht und dein Hungergefühl wird auch verschwinden.“
Bei meiner letzteren Prognose war ich wohl etwas zu optimistisch. Der nervöse Magen meiner Azubine weckte einige irritierte Blicke während der Befragung. „Falls Sie ins Bad müssen, dann tun Sie sich keinen Zwang an“, bemerkte Kasper Hutz, nachdem wir auf seinem Rokoko-Sofa Platz genommen hatten. „Oh danke, es geht schon.“
Die merkwürdigen Geräusche, die Leonie abgab, brachten mich immer wieder völlig aus dem Konzept. Es war höchste Zeit, dass ich mit Christoph darüber sprach. Ihr schier unersättlicher Appetit bereitete mir allmählich Sorge. „Es ist nur, weil ich schon lange nichts mehr gegessen habe.“ „Ja warum sagen Sie das denn nicht gleich, junges Fräulein“, erkundigte sich Kasper Hutz besorgt. Bevor ich meine nächste Frage stellen konnte, erhob er sich, ging an ein Büfett und kehrte mit einer runden Keksdose zurück. „Ich liebe diese Dänischen Kekse.“ „Oh ja, ich ebenfalls.“ „Soll ich uns einen Kakao dazu machen?“ Ich versuchte auf die Befragung zurückzukommen. „Bitte machen Sie sich keine Umst…“ „Au ja!“ Unser informelles Gespräch war zur Nebensache geworden.
Während Kasper Hutz in seiner Küche werkelte, machte ich Leonie klar, dass wir ganz sicher nicht mit einer Stunde auskommen würden, wenn wir bei der Befragung der anderen Hausbewohner in der gleichen Weise vorgingen. „Kein Problem, Chef, wenn es bei den anderen Leuten auch was Leckeres zu essen gibt.“ Mir klappte die Kinnlade herunter, Was sollte ich darauf antworten?
Bei Dresdener Kakao und Dänischen Keksen erzählte unser Gastgeber von einer zurückgezogen lebenden alten Dame, die ihre Wohnung nach dem Tod ihres Mannes nur selten verließ. Wenn man sich im Treppenhaus begegnete, habe man stets freundlich gegrüßt und auch schon mal zwei Worte miteinander gewechselt, aber es sei nie zu mehr als nur Smalltalk gekommen.
„Wenn Sie Langeweile haben, können Sie jederzeit gern bei mir vorbeikommen“, reichte Kasper Hutz meiner Auszubildenden seine Visitenkarte. „Wenn Sie dann wieder Kakao kochen und die Kekse da haben…“ „Aber gewiss doch, junges Fräulein. Ich freue mich schon, wieder mit Ihnen zu plaudern.“ Leonie nickte dem schmächtigen Mann lächelnd zu, während er die Tür hinter uns schloss. „Ich hatte das Gefühl, ich wäre gar nicht anwesend gewesen“, stellte ich fest. „Stimmt, ging mir genauso, Chef.“
Ignoranz ist die Stärke der Egoisten oder die Schwäche der Unsichtbaren. Während wir die übrigen Hausbewohner befragten, achtete ich darauf, nicht farblos zu bleiben. Die Infos, die wir bekamen, hielten sich dennoch in Grenzen. Allein der ältere Herr, der die Wohnung neben der von Irmela Wacholder bewohnte, hatte eine interessante Aussage zu machen.
„Ich weiß noch genau, es war der Nachmittag, bevor sie tot im Seeliger-Park aufgefunden wurde. Mein Enkel hatte nämlich an diesem Tag Geburtstag und ich war gerade vom gemeinsamen Mittagessen nach Hause gekommen, als ich vor meiner Wohnungstür stand und sie aufgeregt sprechen hörte. Ich glaube, sie telefonierte mit jemanden.“ „Wie kommen Sie darauf?“, hakte ich nach. „Sehen Sie selbst“, deutete er auf seinen Telefonanschluss im Flur. „Wie Sie sehen, besitze ich ein Mobilgerät, kann also in jedem Zimmer telefonieren. Das ist bei Irmela anders. Sie hat ein stationäres Gerät und das befindet sich eben da, wo der Anschluss ist.“
„Konnten Sie denn irgendetwas von dem Gespräch verstehen?“ „Leider nicht, mein Gehör ist nicht mehr das Beste. In bekam nur mit, dass Irmela sehr aufgeregt war.“ „Verstehe.“ „Ich bin ja dann auch in meine Wohnung gegangen.“ „Können Sie sich noch an die Uhrzeit erinnern?“ „Aber ja, das muss so gegen 15 Uhr gewesen sein.“ „Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen.“
„Wieso hat er uns geholfen?“, erkundigte sich Leonie, nachdem der Zeuge die Tür geschlossen hatte. „Mir ist da gerade ein Gedanke gekommen, den wir überprüfen sollten.“ Meine Azubine sah mich fragend an. „Herr Wacholder gab uns die Zugangsdaten für die Fritz Box seiner Mutter. Sowie ich in der Detektei bin, werde ich einfach die Telefonverbindungen in der betreffenden Zeit heraussuchen und die entsprechenden Nummern abtelefonieren.“ „Sie? Computer? Nee! Wenn Sie etwas Essbares organisieren, mache ich das.“
Ich staunte einmal mehr, wie schnell das bei den jungen Leuten heutzutage geht. Auch wenn ich nun wirklich kein absoluter Dulli am Computer war, aber so sicher und selbstverständlich, wie Leonie mit der Technik umging, konnte ich es mir nur erträumen. „Sehen Sie selbst, Chef. Es gab in der fraglichen Zeit nur einen einzigen Anruf bei Frau Wacholder.“ Leonie kopierte die Nummer und gab sie in ein Rückwärtssuchprogramm ein. Nach wenigen Sekunden war klar, dass sie zu einem Server nach Ungarn führte.
„Endstation“, seufzte meine Azubine. „Ab hier lässt sich die Nummer nicht weiterverfolgen.“ Es war klar, dass ein Nachverfolgungsantrag in diesem Land nahezu aussichtslos war. Auch als ein Mitglied der EU sträubte sich dieses Land gegen jede Art der Kontrolle. Das Geld aus Brüssel kam ja dennoch. Manchmal habe ich den Schmusekurs mit einigen dieser Länder einfach nur satt.
„Ein privater Anschluss steckt bestimmt nicht dahinter“, mutmaßte Leonie. „Ganz sicher nicht“, pflichtete ich ihr bei. „Ich fürchte Frau Wacholder wurde das Opfer eines Enkeltricks“, sprach ich meine Vermutung aus. „Das wäre eine Erklärung für die Aufregung, die uns ihr Nachbar beschrieb.“ „Und wenn die Gauner Erfolg hatten, dann erklärt sich auch ihre Traurigkeit am nächsten Morgen“, fügte ich an. Plötzlich machte alles einen Sinn.
4
Noch gab es keinen Beweis für meine Theorie und so hielt ich mit dieser Information zunächst noch hinter dem Berg. Bevor ich meiner Klientin davon Bericht erstattete, wollte ich Beweise sammeln. Der Besuch von Herrn Wacholder und seiner Frau in der Detektei stellte jedoch meine Zurückhaltung auf den Kopf.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich überrascht. „Wir kommen gerade von der Bank. Die Konten meiner Mutter sind leer“, erzählte er aufgeregt. „Bitte beruhigen Sie sich bitte erstmal. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten.“ „Heute Morgen war Testamentseröffnung“, fuhr er hitzig fort. „Meine Mutter hat mich als Alleinerben eingesetzt, aber am Tag vor ihrem Tod hat sie ihr gesamtes Ersparte von der Bank geholt.“ „Um welche Summe reden wir?“ „Auf ihrem Sparbuch waren über dreißigtausend Euro.“
„Ich fürchte, Ihre Mutter wurde das Opfer von Telefonbetrügern.“ Die Eheleute starrten mich entsetzt an. „Wir wissen inzwischen, dass Ihre Mutter am Tag vor ihrem Tod einen Anruf bekam, auf den sie wahrscheinlich panisch reagierte. Wir stießen im Protokoll der Fritz-Box auf eine Telefonnummer, die zu einem Server nach Ungarn führt. An dieser Stelle kommen wir leider nicht weiter.“ „Sie sollten Anzeige erstatten“, riet ich.
Wenn man als Detektiv mit den eigenen Mitteln nicht weiterkommt, sollte man dies eingestehen und andere Wege empfehlen. So, hatte ich es immer gehalten und nur so bleibt man seriös. „Ich gebe Ihnen den Ausdruck des Protokolls aus der Fritz-Box mit, damit Sie den bei der Polizei vorlegen können. Soviel ich weiß, gibt es in Wolfenbüttel noch keine Abteilung gegen Cyber Kriminalität. Da werden Sie wohl nach Braunschweig müssen.“ „Dann hat sich meine Mutter deswegen das Leben genommen“, liefen ihm die Tränen.
Zumindest war es mir gelungen, hinsichtlich ihres finanziellen Verlustes einen Hauch von Hoffnung in die Gesichter der Eheleute zu bringen, wenngleich ich weniger an einen Erfolg glaubte. „Haben Sie herzlichen Dank, Herr Lessing. Falls wir mal ein Problem haben, kommen wir ganz bestimmt auf Sie zurück“, erklärte Herr Wacholder, während ich ihn in der Anmeldung verabschiedete.
Trude, die mal wieder über die Gegensprechanlage alles mitgehört hatte, schüttelte mürrisch den Kopf. „Wieso haben Sie die Leute denn an die Polizei verwiesen?“ „Weil wir ihnen nicht weiterhelfen konnten.“ „Dann wird sich Frau Schreiner gewiss auch zurückziehen“, seufzte Leonie. „Der Grund für den Suizid ihrer Freundin dürfte somit klar sein. Ich fürchte, es gibt somit keinen Grund mehr, uns weiterhin zu engagieren.“
Ich rief also unsere Klientin an und verabredete mich mit ihr in der Seniorenresidenz. Wie so oft, wenn ich mit dem Wagen in die Stadt fahre, sind Parkplätze Mangelware. Mir blieb also nichts anderes übrig, als ins Parkhaus zu fahren. Frau Schreiner erwartete mich auf ihrem Zimmer im ersten Obergeschoss.
Ich war überrascht, als ich ihr geschmackvoll eingerichtetes Refugium betrat. „Alle Achtung, Sie haben es sich wirklich gemütlich gemacht.“ „Ich war dreimal verheiratet. Etwas Gutes musste der ganze Ärger, den das mit sich brachte, ja haben.“ „Da haben Sie natürlich recht“, schmunzelte ich. „Aber nun spannen Sie mich bitte nicht länger auf die Folter, was gibt es für Neuigkeiten?“
Ich beschrieb mit wenigen Worten, was wir herausgefunden hatte und räumte ein, dass ich mit meinen Möglichkeiten am Ende war. „Das sehe ich anders, Herr Lessing. „Im Grunde geht es doch jetzt erst los und ich werde Sie dabei unterstützen.“ Ich sah meine Klientin nachdenklich an und begriff letztlich, worauf sie hinauswollte. „Sie wollen den Betrügern eine Falle stellen.“ „Sie sind also doch das pfiffige Kerlchen, für das ich Sie gehalten habe“, freute sich die couragierte Dame.
„Die Idee hat was“, sinnierte ich. „Es stellt sich allerdings die Frage, wie wir dafür sorgen können, dass die Betrüger ausgerechnet bei uns anrufen?“ „Für etwas kreativer hätte ich Sie schon gehalten. Ist es nicht so, dass sich diese Leute ihre Opfer über das Telefonbuch heraussuchen?“ Ich stimmte ihr zu, ohne zu wissen, worauf sie hinauswollte. „Und suchen die sich nicht immer ältere Leute heraus, indem sich diese Verbrecher an betagt klingende Namen orientieren?“ „Wir können doch nicht alle in Frage kommenden Personen in der Stadt anrufen und vor einem solchen Anruf warnen“, sah ich eine Menge Arbeit auf uns zukommen.
„Allein hier in der Residenz gibt es eine ganze Reihe Mitbewohner, die sich zu Tode langweilen. Für eine so gute Sache sind die ganz bestimmt zu haben.“ „Gut, gehen wir mal davon aus, wir liegen mit unserer Idee richtig, dann wissen wir immer noch nicht, wovor wir die Menschen warnen sollen. Es gibt mehrere Varianten des Enkeltricks“, gab ich zu bedenken. „Es geht doch aber immer um das Geld der Opfer. Wir könnten den Leuten sagen, dass sie sich dann sofort bei uns melden sollen, wenn der Anrufer verlangt, dass sie bei ihrer Bank Geld holen sollen.“
Ich musste zugeben, dass die Idee der alten Dame nicht die schlechteste war, aber ich wusste auch, dass die Betrüger sie meistens so lange am Telefon hielten, bis sie in die Bank gingen. „Na schön, aber dann müssen wir den Leuten auf jeden Fall sagen, dass sie kein Online Banking machen.“
5
Nicht nur meine Mädels knieten sich in den kommenden Tagen voll rein. Auch die Senioren waren mit großem Eifer bei der Sache. In einer Stadt von der Größe Wolfenbüttels, die obendrein einen überprozentualen Anteil an Rentnern hat, gab es hunderte Telefonate zu führen. Handynummern wurden dabei noch nicht einmal berücksichtigt, denn die wurden selten von Betrügern angerufen.
Nach knapp einer Woche waren alle in Frage kommenden, potentiellen Opfer informiert. Nun hieß es warten. Für Klaus Wacholder schien das Warten auf die erlösende Nachricht von der Polizei ein Geduldspiel zu sein, dem er nicht gewachsen war. Als er von meiner Klientin erfuhr, dass wir einen anderen Ansatz verfolgten, kam er in die Detektei.
„Ich habe von Frau Schreiner gehört, wie sie den Tätern auf die Spur kommen wollen“, berichtete er. „So, wie Sie die Sache verfolgen, scheint es mir erfolgversprechender zu sein. Die Polizei hat den Server, von dem aus der Anruf zu meiner Mutter ausging, in Ungarn bestätigt und bei den dortigen Behörden ein Amtshilfeersuchen gestellt. Ihrer Erfahrung nach kann es Wochen dauern, ehe sich die betreffende Stelle meldet. Meistens führen die eigentlichen Ermittlungen vor Ort dann ins Leere.“
„Ich habe Ihnen von Anfang an wenig Hoffnung gemacht“, entgegnete ich seufzend. „Es ist mir ein Graus, wenn solche hinterhältigen Betrüger ungeschoren davonkommen“, schimpfte der Sohn der Verstorbenen. „Es ist traurig, aber so lange die Politik im Dornröschenschlaf verharrt, wird sich daran nichts ändern“, tat ich meine Meinung dazu kund. „Die Verbrecher wissen nur zu gut, wie sie die Schwachstellen der Justiz ausnutzen können.“
„Wäre es für Sie vorstellbar, dass ich mich an Ihren Ermittlungen beteilige?“, erkundigte sich der Mann vor meinem Schreibtisch. „Wenn Sie sich an den Kosten für mein Honorar beteiligen wollen, sollten Sie das mit Frau Schreiner besprechen.“ „Ich dachte eher an eine persönliche Unterstützung“, erwiderte Herr Wacholder. Ein solches Angebot hatte ich auch noch nicht bekommen. „Da muss ich Sie enttäuschen, dass geht schon aus rechtlichen Gründen nicht. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich Sie informiere, sobald ich etwas Genaueres weiß.“
„Mein Sohn hatte eine ganz besondere Verbindung zu meiner Mutter. Er leidet seht unter ihrem Tod. Es wäre gut für ihn, wenn die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden.“ „Ich kann nichts versprechen, aber wir tun unser möglichstes und darüber hinaus“, versprach ich. „Wenn ich ehrlich bin, dachte ich nicht, dass Sie überhaupt etwas herausfinden würden.“ „Auch das ist möglich.“
„Jakub fährt leidenschaftlich gern Motorrad“, erzählte Herr Wacholder. „Da er immer noch in der Ausbildung ist, hat ihm meine Mutter ab und an ein wenig finanziell unterstützt. Sie ahnten beide nicht, dass ich es wusste.“ „Sie haben sich offensichtlich Gedanken gemacht“, erkannte ich die Überlegung, die hinter seiner Geschichte steckte. „Ich müsste ohnehin mit Ihrem Sohn sprechen.“ „Er könnte heute Nachmittag in der Detektei vorbeikommen.“ „Das wäre gut.“
„Wie konnte meine Mutter diesen Gaunern nur auf den Leim gehen? Ich habe sie etliche Male davor gewarnt.“ „Glauben Sie mir, Herr Wacholder, diese Leute sind äußerst geschickt, wenn es darum geht, während des Telefonats mit ihren Opfern Namen und Verwandtschaftsverhältnisse herauszufinden. Es ist also gut möglich, dass es sich auch um einen sogenannten Schockanruf handelte“, zeigte ich eine weitere Möglichkeit auf.
Er holte tief Luft. „Worin besteht der Unterschied?“ „Oftmals werden die Opfer von einem angeblichen Staatsanwalt oder von einem falschen Kommissar angerufen, der dann von einem Unfall erzählt, den eines der Kinder oder Enkel verursacht hat. Sie versetzen ihre Opfer dabei bewusst in Angst und Schrecken, um ihnen dann zu eröffnen, dass es dem Angehörigen körperlich gut geht. Erst in der nächsten Stufe erklären sie, dass nur dann auf eine Untersuchungshaft verzichtet werden kann, und nun wird der Ausnahmezustand, in dem sich das Opfer nach wie vor befindet, schamlos ausgenutzt, wenn der Angerufene eine Kaution in erheblicher Höhe bezahlt.“
Von einer solchen Vorgehensweise hatten mir damaligen Kollegen vom Betrugsdezernat erzählt. Solche Schockanrufe waren also keine neue Masche, sondern wurden schon seit vielen Jahren immer wieder erfolgreich praktiziert. Dabei gilt in der Regel, je älter das Opfer, umso leichter das Spiel.
Als ich Herrn Wacholder zur Tür brachte, bat ich ihn um Geduld. „Wir können nur hoffen, dass sich schon bald eines der vermeintlichen Opfer bei uns meldet.“ „Aber wie geht es dann weiter?“ „Seien Sie versichert, dass wir gut darauf vorbereitet sind“, entgegnete ich ausweichend. „Es geht uns um die Hintermänner, nicht um den kleinen Fisch, der die Beute abholt.“ „Wenn Sie das hinkriegen, zahle ich Ihnen einen Bonus“, stellte der Sohn der Verstorbenen in Aussicht und verabschiedete sich. Ob er die Wiederbeschaffung des Geldes damit verband, weiß ich nicht. Für mich ging es in erster Linie um die Zerschlagung dieser Tätergruppe, damit dieses Schicksal hunderten anderer Opfer erspart blieb. Manchmal fühle ich mich im Kampf gegen das Verbrechen wie Don Quichote.
Fortsetzung vom 27.12.25
6
„Wie weit seit ihr mit den Geldpäckchen?“, wandte ich mich meinen Mitarbeiterinnen zu. „Wir haben jetzt vier Bündel zu je fünftausend Euro fertig“, freute sich Trude. „Die werden im Leben nicht darauf kommen, dass es sich lediglich um kopierte Hunderter handelt. Wenn Sie mich fragen, können Sie sich die vier echten Scheine obenauf sparen.“ „Nee, nee, wir müssen das Risiko zu klein wie möglich halten“, blieb ich bei meiner Anweisung. „Wir haben nur die eine Chance und die wollen wir doch nutzen.“
„Übrigens konnte ich inzwischen den Besitzer der Handynummer ermitteln, den Frau Wacholder nach dem Anruf und am Morgen ihres Todes mehrfach anrief.“ „Und?“ „Es handelt sich um den Enkel der Verstobenen.“ Womit sich meine Vermutung also bestätigte. Ich sah zur Uhr. „Sein Vater wollte ihn heute Nachmittag bei uns vorbeischicken.“ „Falls er keinen Bock auf uns hat, haben wir ja jetzt seine Handynummer“, schmunzelte Leonie.
Ich war kaum in meinem Büro verschwunden, wo ich mit Christoph über den Bandwurm seiner Nichte sprechen wollte, als Jakub Wacholder die Detektei betrat. „Tach, mein Vater meint, ich soll hier ne Aussage machen.“ Trude sah auf ihr Telefon und sah den jungen Mann über den Rand ihrer Lesebrille musternd an. „Herr Lessing telefoniert gerade. Setzen Sie sich doch bitte einen Moment.“ Jungchen verdrehte die Augen. „Ich hab nich viel Zeit.“ „Mein Chef auch nicht. Wollen Sie in der Zwischenzeit einen Kaffee trinken?“ „Habt ihr auch Cola?“ „Damit kann ich leider nicht dienen.“
„Ist Jakub Wacholder inzwischen da?“, erkundigte ich mich über die Gegensprechanlage. „Sitzt hier vorn und wartet ungeduldig“, entgegnete Trude. „Schicken Sie ihn rein.“ Womit sich die gute Seele dem Enkel der Verstorbenen zuwandte und auf die Tür zu meinem Büro deutete. „Sie haben es gehört. Sie können hineingehen.“
„Guten Tag, Herr Wacholder“, begrüßte ich den jungen Mann. „Schön, dass es so schnell mit Ihrem Besuch klappte. „Sie können mich Jakub nennen.“ Der hoch aufgeschossene Typ mit den breiten Schultern steckte in einer Motorradkluft. Er ließ sich auf einem der Besucherstühle nieder und legte seinen Helm neben sich. „Weshalb bin ich hier?“, kam er gleich zur Sache. „Sie waren der Letzte, mit dem Ihre Großmutter am Morgen Ihres Todes telefonierte“, eierte ich daher nicht lange herum. Ich bemerkte seine angespannte Mimik. „Worum ging es in dem Gespräch?“ „Keine Ahnung, Mann. Manchmal war meine Oma etwas neben der Spur. Hatte wohl mit dem Alter zu tun.“
Ich sah ihn durchdringend an. „Bitte überlegen Sie, Jakub. Der Anruf hatte sicherlich einen Grund.“ „Ich war voll genervt, weil sie mich auch schon am Vorabend andauernd angerufen hat.“ „Weshalb sind Sie nicht drangegangen?“ „Hören Sie, ich hatte ein erstes Date mit einem Mädchen. Da kommt es nicht so gut, wenn andauernd das Handy nervt.“ „Aber irgendwann gab es doch sicher eine Möglichkeit, zumindest die Mailbox abzuhören?“
Er holte tief Luft. „Heute weiß ich auch, dass meine Oma noch leben könnte, wenn ich die scheiß Mailbox abgehört hätte, aber als sie mich dann am Morgen erreichte, brauchte ich das ja nicht mehr.“ „Okay“, verkniff ich mir jeglichen Kommentar und befragte ihn weiter. „Was sagte sie zu Ihnen?“ „Das war alles nur so merkwürdiges Zeug. Ich dachte, sie hätte einfach nur schlecht geträumt.“ Ich wurde allmählich ungeduldig. „Was erzählte sie Ihnen?“ „Ob mich der Kommissar noch am Abend gehen ließ oder ob ich bis zum Morgen in der Zelle bleiben musste.“
Nach dieser Aussage musste ich mich mehr als zusammenreißen. Ich fragte mich, ob er überhaupt zugehört hatte. Eigentlich hätten alle Alarmsignale bei ihm klingeln müssen. Im Nachhinein musste ihm die Tragweite dieses Gesprächs bewusst sein, weshalb ich jeglichen Kommentar für mich behielt und ihn weiter befragte.
„Was haben Sie ihr geantwortet?“ Er zuckte die Achseln. „Na, dass ich keine Ahnung von dem hatte, was sie da sagte und dass ich mit einem Mädchen aus war. Ich konnte ja nicht ahnen, was hinter alledem steckte.“ „Nein, das konnten Sie wirklich nicht“, beruhigte ich ihn. „Haben Sie Ihren Eltern von dem Telefonat erzählt?“ Er sah mich aus großen Augen fragend an. „Sie sollten ihnen schon deshalb davon erzählen, weil Sie die Last einer Mitschuld nicht allein tragen können.“ „Aber die werden mich doch sowas von hinhängen“, seufzte er schuldbewusst. „Werden Sie es ihnen sagen?“ Nur falls es nötig sein sollte.“ Er atmete erleichtert auf. Womit mir klar war, dass er es für sich behalten wollte.
„Mein Vater sprach von Trickbetrügern, die meiner Oma ihr gesamtes Ersparte abgegaunert haben.“ „Das ist richtig“, bestätigte ich. „Hat sie sich deswegen umgebracht?“ Wie so oft in ähnlicher Situation, suchte ich nach den passenden Worten. „Ich bin kein Psychologe, aber ich vermute eher, dass sie sich geschämt hat, weil sie auf den Betrug hereinfiel. Ihr Vater hat seine Mutter immer wieder vor solchen Situationen gewarnt und trotzdem hatte sie all ihr Geld verloren. Wir können nur erahnen, was dieses Versagen in Ihrer Oma auslöste.“ „Aber sie konnte doch gar nichts dafür“, widersprach Jakub. „Sicher nicht, aber wer sich in einer solchen Ausnahmesituation befindet, sieht das anders.“
Fortsetzung vom 03.01.
7
Es war an einem Dienstag um kurz nach sechzehn Uhr, als der erhoffte Anruf die Detektei erreichte. Ich war mit Frau Schreiner in der Seniorenresidenz am Schulwall verabredet, um mit der Klientin unser weiteres Vorgehen zu besprechen.
„Allmählich bekomme ich Zweifel an unserer Idee, Herr Lessing. Nicht, dass Sie mich missverstehen, es geht mir nicht um Ihr Honorar, aber diese Betrüger sind offensichtlich klug genug, um es nicht schon wieder in unserer Stadt zu versuchen.“ „Ich kann Ihre Ungeduld nachvollziehen, aber irgendwann werden sie es erneut versuchen“, versprühte ich Hoffnung. Im selben Moment klingelte mein Handy.
„Entschuldigen Sie, Frau Schreiner, aber da muss ich drangehen.“ „Machen Sie nur“, erhob sich die Klientin und verließ den Raum. „Ich hoffe, es ist etwas Wichtiges, Trude.“ „Es geht los, Chef!“, vernahm ich die aufgeregte Stimme meiner Putzsekretärin. „Eine Frau Spock rief gerade an. Ich habe Ihnen ihre Handynummer zugesandt. Sie erwartet Ihren Rückruf.“ „Gut.“
Nun musste alles nach Plan ablaufen. Zunächst musste ich Frau Spock instruieren. Während ich die entsprechende Nummer wählte, kehrte meine Klientin zu mir zurück. „Oh, ich dachte Sie hätten das Telefonat bereits beendet.“ „Es ist so weit“, erklärte ich, während der Anruf angenommen wurde.
„Guten Tag, mein Name ist Lessing. Ich bin der Detektiv, der Sie bei Ihrem weiteren Vorgehen unterstützt.“ „Irmtraut Spock. Dem Himmel sei Dank. Wenn Sie mich nicht vorgewarnt hätten, hätte ich dem Kerl alles geglaubt. Der Mann kannte sogar den Namen von meiner Enkelin und dann weinte Clair auch noch ins Telefon. Alles klang so realistisch.“ „Was hat der Kerl von Ihnen verlangt“, dämmte ich ihren Redefluss ein wenig. „Er will von mir zwanzigtausend Euro Kaution, damit Clair nicht ins Gefängnis muss.“ „Bis wann haben Sie Zeit, um das Geld zu besorgen?“, hakte ich nach. „Ein Kollege von dem Kommissar holt das Geld um 18 Uhr an meiner Haustür ab.“
Ich sah auf meine Armbanduhr. „Es ist jetzt 16:10 Uhr, ich nehme an, dass Sie nicht so viel Geld im Haus haben.“ „Das habe ich dem Mann auch gesagt und dass ich es erst von der Bank holen muss.“ „Wo genau wohnen Sie?“ „Enge Straße 28, gegenüber der St.-Trinitatis-Kirche.“ „Fühlen Sie sich in der Lage, zum Schein auf die Forderungen der Betrüger einzugehen?“, fragte ich, um sicher zu gehen, dass die Frau nicht psychisch überfordert war. „Da machen Sie sich mal keine Sorgen, diesen Verbrechern muss man das Handwerk legen!“
„Also gut, dann packen wir es an. Wo befindet sich Ihre Bank?“ „An der Ecke zum ‚Ziegenmarkt‘.“ „Also die Volksbank.“ „Ja genau“, bestätigte die couragierte Frau. „Es ist möglich, dass Ihr Haus beobachtet wird. Die Betrüger wollen sicher gehen, dass Sie nicht die Polizei einschalten. Falls es so ist, werden die ihnen bis zur Bank folgen. Lassen Sie sich nichts anmerken und nehmen Sie eine Tasche mit, in die Sie das verlangte Geld verstauen können.“
„Soll ich das Geld wirklich von meinem Sparbuch abheben?“, klang ihre Stimme besorgt. „Natürlich nicht. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie bis in die Bank verfolgt werden, daher warte ich in der Bank auf Sie. Sie erkennen mich an einem Cowboyhut.“ „Das ist ja wie in einem Krimi“, schien Frau Spock fasziniert. „Ich werde Ihnen dann eine Tüte mit dem Geld übergeben.“ „Ach so.“ „Wann werden Sie in der Bank sein können?“ „Bis 5 Uhr müsste ich es schaffen.“ „Gut, bis dann also.“
Ich beendete das Gespräch und sah zur Uhr. „Es ist jetzt 16:18 Uhr. Genug Zeit, um in die Detektei zu fahren und das präparierte Geld zu holen.“ „Ich bin so aufgeregt, Herr Lessing.“ „Wenn alles nach Plan läuft, werden wir schon bald wissen, wer Ihrer Freundin das angetan hat.“ „Wann schalten Sie die Polizei ein?“ „Wenn wir wissen, wohin der Bote das Geld bringt. Drücken Sie mir die Daumen.“
„Seid ihr dann so weit?“, erkundigte ich mich kurz darauf bei meinen Mitarbeiterinnen. „Wir haben den GPS-Sender, genau, wie sie es wollten, in einem der Geldbündel verbaut.“ „Hauptsache er fällt nicht raus, falls der Bote das Geld umpackt“, wurde ich allmählich etwas nervös. „Keine Angst, Chef, das klappt schon.“ „Also gut“, drückte ich aufs Tempo. „Wir müssen los. Wer weiß, ob wir vor der Bank einen Parkplatz bekommen.“
Das Schicksal meinte es einigermaßen gut mit uns. Der Abstellplatz neben der Bank war zwar kein regulärer Parkplatz, aber besser als gar keiner. „Du bleibst bitte im Wagen, wir verbinden jetzt unsere Handys und du informierst mich, falls sich hier draußen etwas tut.“ „Aber ich weiß doch nicht, wie die Frau aussieht“, bemängelte Leonie. „Ich auch nicht. Du wirst sie schon erkennen und falls hier draußen ein Typ herumlungert, wirst du es schon merken.“ „Soll ich ein Foto machen?“ Ich verzog nachdenklich das Gesicht. „Nur, wenn du sicher bist, dass er es nicht bemerkt.“
Nachdem die Verbindung stand, stopfte ich mir einen kleinen Mann ins Ohr, griff meinen Stetson und stieg aus, um exakt um 16:52 Uhr in der Bank zu verschwinden. Ich steuerte auf einen der beiden Stehpulte zu, an denen man Formulare ausfüllen oder sonstigen Papierkram erledigen konnte, und wartete geduldig.
Es war 16:58 Uhr, als sich Leonie bei mir meldete. „Chef, ich glaube, Ihre Verabredung betritt gerade die Bank.“ Im nächsten Moment sah ich sie. Eine ältere Frau mit kurzem gewälltem Haar betrat auf einen Stock gestützt den Schalterraum. Ein Mann von etwa dreißig Jahren folgte ihr. Sie sah sich um und kam auf mich zu. Ich nahm den Stetson ab und bedeutete ihr in einigem Abstand zu warten. Sie begriff mein Zeichen und ging an mir vorbei, um sich am Tresen der Information anzustellen.
Als ich bemerkte, wie sich der Mann an einem der Schalter anstellte, folgte ich ihr und stellte mich wie sie an der Information an. „Frau Spock?“ „Ja“, flüsterte sie. „Fehlalarm, es ist alles gut. Folgen Sie mir bitte.“ „Fühlen Sie sich der Sache noch gewachsen?“, erkundigte ich mich in einer ruhigen Ecke. „Mir geht’s prima“, beruhigte sie mich. „Sicher?“ Sie nickte. „Wie geht es weiter?“ „Ich übergebe Ihnen jetzt das Geld, Sie gehen nach Hause und warten, bis es durch den Boten abgeholt wird. Meine Mitarbeiterin wird Sie auf dem Heimweg nicht aus den Augen lassen.“ „Gut“, reagierte sie erleichtert.
Ich beobachtete nebenbei, wie der Mann am Schalter von einer Mitarbeiterin der Bank bedient wurde. Wahrscheinlich war er nicht der Mann, der Frau Spock beobachtete. „Gibt es in Ihrem Haus noch weitere Wohnungen?“, fuhr ich mit meiner Befragung fort. „Ja, ich wohne im Parterre.“ „Dann wird niemand Verdacht schöpfen, wenn meine Mitarbeiterin kurz darauf ebenfalls das Haus betritt. Ist die Haustür unverschlossen?“ „Nein, die Tür fällt ins Schloss.“ „Sie wird also klingeln. Lassen sie Frau Fischer dann zu Ihrem Schutz in Ihre Wohnung. Sie wird Ihnen dann alles Weitere erklären. Sie machen das übrigens großartig.“ Frau Spock lächelte verhalten.
„Neben dem Imbiss steht ein etwa dreißigjähriger Mann und beobachtet den Eingang der Bank“, vernahm ich Leonies Stimme. Wenn es sich dabei um den Boten handelte, war dies ein weiteres Indiz für eine unbeteiligte Person am Schalter. Ein Blick zur Uhr sagte mir, dass es für Frau Spock nun Zeit war, die Bank wieder zu verlassen. Gleichzeitig bemerkte ich, wie der Mann vom Schalter durch die Schalterhalle ging und dem Ausgang zustrebte.
Eine Minute später, um exakt 17:08 Uhr verließ auch Frau Spock die Bank. Ich folgte ihr in einigem Abstand. Natürlich war ihr eine gewisse Nervosität anzumerken, was nur um so glaubwürdiger wirkte. Vor der Bank suchte ich zunächst nach dem Mann am Imbiss. „Der Typ folgt ihr auf der anderen Straßenseite in Richtung Gefängnis“, hielt mich Leonie auf dem Laufenden. Als ich den Wagen erreichte, sah ich das Unheil bereits auf mich zukommen.
„Sie schon wieder, Herr Lessing“, verdrehte die Politesse ihre hübschen Augen. „Frau Knöllchen“, seufzte ich genervt, während Leonie aus dem Wagen stieg und Frau Spock ebenfalls folgte. „Bei jeder anderen Gelegenheit würde ich mich über ein Treffen mit Ihnen freuen.“ Ich sah Leonie nach, bis sie hinter der Kurve am Gefängnis verschwunden war. „Du musst bei Frau Spock klingeln“, gab ich ihr eine Info weiter. „Meinen Sie mich?“ „Nee.“
„Haben Sie das Parkverbotsschild nicht gesehen?“, sah sie mich streng an. „Was soll ich sagen?“, konzentrierte ich mich wieder auf die Frau in der verhassten Uniform. „Wie wäre es mit der Wahrheit?“ „Immer“, schmunzelte ich. „Natürlich habe ich das Schild gesehen, aber es besteht ja kein Halteverbot und weil ich keine drei Minuten weg war und zudem meine Mitarbeiterin im Wagen saß, dachte ich, dass es in Ordnung sei, wenn ich für einen Moment halte.“ „Und das soll ich Ihnen jetzt glauben?“ Ich schürzte meine Lippen. „Das müssen Sie entscheiden.“
Der Ordnungswidrigkeitsmitteilungsdrucker sank. Gleichzeitig griente sie mich verschmitzt an. „Ich glaube Ihnen kein einziges Wort, aber es war so nett vorgetragen, dass ich heute mal Gnade vor Recht ergehen lasse.“ „Bekommt man nicht einen Rabatt, wenn man ein Dutzend Strafzettel beisammenhat?“ „Noch ein Wort und ich überleg es mir nochmal.“
Okay, es gibt angenehmere Möglichkeiten eine Wartezeit totzuschlagen, aber erstens war meine Intervention amüsant und zweitens erfolgreich. Es war genau 17:45 Uhr, als ich meinen Wagen auf einem freien Parkplatz in der ‚Kreuzstraße‘ an der Ecke zur ‚Enge Straße‘ abstellte. Da ich rückwärts eingeparkt hatte, konnte ich bis zur Trinitatiskirche sehen.
Fortsetzung vom 10.01.26
8
„Bis hierhin hat es doch prima geklappt, Frau Spock“, freute sich Leonie mit der Rentnerin. „Der Rest ist ein Kinderspiel.“ „Haben Sie den Mann gesehen, der mir folgte?“ „Natürlich“, beruhigte sie die alte Dame. „Wir nehmen an, dass es sich um einen der Betrüger handelt. Es könnte gut sein, dass der gleich das Geld hier abholt.“ „Oh je.“ „Sein Sie wie immer und lassen Sie ihn nicht in die Wohnung kommen.“ „Was, wenn er das Geld nachzählen will?“, erkundigte sich Frau Spock. „Keine Angst, der wird nur einen kurzen Blick darauf werfen und gleich wieder verschwinden.“
Die Rentnerin sah meine Azubine ängstlich an. „Na hoffentlich geht das gut.“ „Ich werde direkt hinter der Tür stehen und auf Sie aufpassen. Sollte er Sie zur Seite drücken und die Wohnung dennoch betreten, werde ich ihm zeigen, wo der Hammer hängt. Ich bin für solche Fälle ausgebildet“, nahm sie Frau Spock die Angst.
Mit dem nächsten Atemzug klingelte es. „Pünktlich ist er ja“, lächelte sie gequält. „Nehmen Sie den Beutel mit dem Geld und öffnen Sie ihm“, flüsterte Leonie ihr zu. Etwas wackelig auf den Beinen trat sie an die Gegensprechanlage und erkundigte sich, wer vor dem Haus stand. „Der Bote“, entgegnete dieser. Sie betätigte den Türöffner und der Mann, der sie verfolgt hatte, betrat das Treppenhaus.
Als sie ihn durch den Türspion erkannte, drehte sie sich zu meiner Azubine. „Er ist es“, flüsterte sie. Leonie nickte ihr aufmunternd zu. Frau Spock öffnete zögerlich die Tür. „Haben Sie das Geld?“ „Zeigen Sie mir erst Ihren Ausweis“, entgegnete sie unerschrocken. Leonie trat der Schweiß auf die Stirn. „Natürlich“, entgegnete der Bote und zeigte ihr die gewünschte Legimitation. „Kommt meine Enkelin nun frei?“ „Wenn es Ihnen der Kommissar versprochen hat, dann wird es auch so geschehen.“ Damit nahm er den Beutel entgegen, sah kurz hinein und verschwand.
Entgegen meiner Annahme verließ er das Haus in Richtung Kirche, wo er dann am Schuster vorbei den ‚Landeshuter Platz‘ betrat. Er bemerkte nicht, wie ihm Leonie in einigem Abstand folgte. Was mich betraf, musste ich mich sputen. Auch wenn das GPS wie erhofft auf dem Monitor blinkte, wollte ich Sichtkontakt halten, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.
Eine eben solche Überraschung näherte sich bereits von der ‚Breite Herzogstraße‘ kommend in der Gestalt einer Politesse. Frau Knöllchen war erneut im Anmarsch und ich hatte mal wieder vergessen, den Parkomaten zu füttern. Mein T-Cross schoss quasi wie von allein aus der Parkbucht. Als ich an ihr vorbeibrauste, grüßte ich ihr kurz zu und bog in Richtung ‚Holzmarkt‘ ab. Ich nutzte die Grünphase und fuhr vor dem Kino in die ‚Kannengießer‘ und dann in die ‚Karlstraße‘ um schließlich ebenfalls zum ‚Landeshuter Platz‘ zu gelangen.
Während sich das GPS nun schneller bewegte, sah ich, wie mir meine Azubine zuwinkte. Ich stoppte kurz und ließ sie zusteigen. „Der Bote ist gerade mit einem braunen Mazda in Richtung ‚Wallstraße‘ losgefahren.“ „Konntest du erkennen, ob er allein im Wagen saß?“ „Er betätigte den Türöffner und stieg auf der Fahrerseite ein“, erstattete sie Bericht. „Ich denke, er saß allein im Wagen.“ „Das hast du gut gemacht“, lobte ich.
„Er fährt jetzt über die Oker auf den ‚Juliusmarkt‘ zu“, informierte sie mich nun über die jeweilige Position des Geldes. „Wie hat sich Frau Spock geschlagen?“, erkundigte ich mich, während ich dem GPS folgte. „Stellen Sie sich vor, sie hat den Boten nach dessen Dienstausweis gefragt.“ „Das hat sie tatsächlich gemacht?“ „Mir ist fast das Herz in die Hose gerutscht.“ „Das glaube ich.“
Vom ‚Juliusmarkt‘ ging die Fahrt weiter über die ‚Lindener Straße‘, die ‚Halberstädter‘ vorbei an der Lindenhalle und dem TÜV nach SZ-Lebenstedt. Hinter dem geschlossenen Tor eines Schrotthandles endete die Fahrt für uns im Augenblick. Bevor ich Hauptkommissar Winter informierte, der ein guter Freund aus alten Zeiten war und inzwischen bei der Kripo in Salzgitter auf Verbrecherjagt ging, musste ich sicher sein, dass sich hinter dem Tor die Drahtzieher der Enkeltrick-Anrufe befanden.
„Sie wollen da aber jetzt nicht rein, Chef“, hielt es meine Azubine nicht für eine gute Idee, als ich im Schließfach unter dem Fahrersitz nach meiner Waffe griff. „Solange wir nicht wissen, ob wir hier am Ziel sind, haben wir nichts gewonnen“, erklärte ich. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich die Betrüger das Geld genauer ansehen und feststellen, dass es sich um Blüten handelt und sie natürlich auch auf den GPS-Sender stoßen. Ich darf nicht zulassen, dass die sich unerkannt aus dem Staub machen.“ „Ja schon, aber wie wollen Sie das allein verhindern?“, fragte Leonie besorgt. „Ich habe da so eine Idee.“
Bevor ich meine Azubine im Wagen zurückließ, versteckte ich ihn hinter einem Aufsatzcontainer. „Falls ich in einer halben Stunde nicht wieder zurück bin, informierst du Mike Winter und sagst ihm, was Sache ist. Seine Telefonnummer sende ich dir gleich aufs Handy.“ Damit stieg ich aus und ging an den Kofferraum, wo ich meine Kevlarweste anlegte, zusätzliche Munition und etwa Equipment einpackte. Nun musste sich zeigen, ob ich mit den Jahren eingerostet war.
9
Eine geeignete Stelle, an der sich der teilweise marode Drahtzaun überwinden ließ, war schnell gefunden. Angesichts der großen Löcher zwischen den Maschen ging ich nicht davon aus, dass jeden Moment zwei blutrünstige Wachhunde um die Ecke kamen. Die Wahrscheinlichkeit auf Kameras zu stoßen, war dafür umso größer. Ich umging daher den freien Platz vor der Annahme und begab mich zum rückwertigen Teil einer größeren Halle.
Vorbei an etlichen aufgetürmten Holzpaletten und Gitterboxen, stieß ich auf eine Stahltür. Das darin verbaute Sicherheitsschloss war seines Namens unwürdig. Es hielt meinem Lock-Picker höchstens zehn Sekunden stand. Bevor ich die Tür jedoch vollständig öffnete, vergewisserte ich mich mittels Videospion, den ich durch den schmalen Türspalt schob, ob sie von innen Alarmgesichert war. Erst als ich sicher sein konnte, dass dies nicht der Fall war, öffnete ich die Tür weiter und betrat vorsichtig den hinteren Teil der Halle. Es roch nach altem Öl, nach Schmiere und verbrannten Elektroden.
Der Lichtkegel meiner Taschenlampe fing mehrere Holzkisten ein. Einige waren quadratisch, andere länglich. Groß waren sie alle. Bei einer Kiste lag der Deckel nur lose auf. Eine Einladung, genauer nachzusehen. Zwischen Holzwolle entdeckte ich einige Metallteile für Maschinen oder Fahrzeuge. Für eine genauere Bewertung fehlte mir leider das Fachwissen. Ich machte Fotos, schob den Deckel in seine Ausgangsposition und schlich weiter.
Dieser Bereich der Halle ging in einen größeren Teil über. Da ich die Taschenlampe ausgemacht hatte, um mich nicht zu verraten, konnte ich mich nur mit äußerster Vorsicht durch das diffuse Licht der Hofbeleuchtung tasten, die durch die Oberlichter in die Halle fiel. Nachdem ich mich aus dem offensichtlichen Lager in die eigentliche Halle bewegt hatte, vernahm ich unterschiedliche Stimmen. Ich hörte geringstenfalls drei Männer heraus, die offenbar miteinander stritten.
Während ich mich ihnen weiter vorsichtig näherte, erkannte ich in der Nähe eines großen Rolltores mehrere Oberklasse Fahrzeuge. Bei einem war die Motorhaube weit geöffnet. Das spärliche Licht, in dem ich etliche Fahrzeugteile auf dem Hallenboden davor liegen sah, stammte von einer Lichtquelle, die sich direkt über mir befinden musste. Seitlich von mir machte ich nun eine Eisentreppe aus, die in eine ehemalige Meisterloge führte.
Es deutete eigentlich alles auf einen Ring von Fahrzeugdieben hin, ich fragte mich allerdings, was diese Diebe mit dem Enkeltrick zu tun hatten. Autoschieberei war zwar ein einträgliches, aber auch ein schmutziges Geschäft. Im Grunde zwei vollkommen unterschiedliche Bereiche, was mich zu dem Schluss kommen ließ, dass hier mehr als eine einfache Autoschieberbande zu Werke gehen musste. Offenbar hatte ich in ein Wespennest gestochen.
Um bei der Kripo für weitere Ermittlungen zu sorgen, musste ich mehr herausfinden. Denn nur, wenn ich meine Mutmaßungen durch Beweise belegen konnte, würde die Maschinerie in Gang gesetzt. Doch alles was ich bisher vorlegen konnte, waren Fotos von dem Geldboten, von Metallteilen in einer Holzkiste und einem Nummernschild an einem der vor mir stehenden Sportwagen. Das war zu wenig.
Die Stimmen über mir waren leiser geworden, die Männer hatten sich offenbar beruhigt. Ich fragte mich, ob sie den GPS-Sender noch nicht entdeckt hatten. Ich musste näher an sie herankommen, um sie zu belauschen und um brauchbare Fotos von ihnen zu machen. Es war nicht ganz ungefährlich, aber wenn ich über die Regalwand neben dem Meisterbüro dicht genug herankam, würde ich ihre Stimmen mit meinem Handy aufnehmen können.
Gerade noch rechtzeitig fiel mir die zeitliche Frist ein, die ich mir gesetzt hatte, um wieder bei Leonie zu sein. Die halbe Stunde musste seit zwei Minuten abgelaufen sein. Ich schrieb ihr eine Nachricht, in der ich sie bat, eine weitere halbe Stunde auf meine Rückkehr zu warten, ehe sie Mike Winter anrief. Ohne auf ihre Antwort zu warten, stellte ich die Diktierfunktion meines Handys ein und kletterte nach oben. Letztlich wusste ich nicht, ob sich dies so nah am Geschehen noch problemlos aktivieren ließ.
Dass ich dabei jedes Geräusch vermeiden musste, versteht sich von selbst. Genau das erwies sich jedoch als die größte Herausforderung. Ein paar Übungseinheiten an der Kletterwand hätten das Unterfangen sicherlich vereinfacht. Leider hatte ich körperliche Fitnessprogramme in letzter Zeit vernachlässigt. Genau wie die Geräte, an denen ich Tag für Tag mit einem schlechten Gewissen vorbeilief.
Mit zunehmender Höhe verstand ich die Stimmen besser. Zu meinem Erstaunen unterhielten sich die Männer in sauberem Hochdeutsch, was darauf schließen ließ, dass es sich um Landsleute handelte. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zumindest schien ihre Stimmung ausgelassen. Sie prosteten sich zu und machten Pläne, wie sie ihr Leben in Saus und Braus gestalten wollten.
„Was zum Teufel ist das denn?“, hörte ich einen der Männer im nächsten Augenblick wüten. Im selben Moment krachte etwas gegen die Wand, an der ich lehnte. „Ein Sender! Irgendwer hat dir Falschgeld und einen Sender untergeschoben!“ „Das gibt es doch nicht!“, fluchte der Geldbote. „Die Alte ist ganz normal zur Bank gegangen und hat die Kohle abgeholt. „Verdammter Scheiß, du blöder Idiot hast die Bullen unter Garantie direkt hierhergeführt“, schlussfolgerte der Mann, der offenbar das Sagen hatte. „Glaub mir Josch, mir ist niemand gefolgt.“ „Das ist ein GPS-Sender, die lassen sich von überall orten!“ „Dann sollten wir jetzt nicht kopflos handeln“, reagierte der dritte Mann sehr besonnen.
„Uns bleibt wohl kaum die Zeit, um in aller Ruhe einen Plan zu schmieden“, reagierte der Wortführer cholerisch. „Wir sollten hier so schnell wie möglich verschwinden!“ „Ja sicher, aber was, wenn die Bullen da draußen längst auf uns warten?“, blieb der dritte Mann überlegt. „Falls es so ist, kennen die bislang nur Kai. Er hat uns die Situation eingebrockt, geben wir ihm die Möglichkeit, seinen Fehler wieder gut zu machen.“ „Wie, ich soll mir da draußen für euch eine Kugel einfangen?“, fragte der Geldbote entsetzt. „Siehst du irgendetwas auf dem Monitor?“, beruhigte ihn der dritte Mann. „Bislang sieht alles ruhig aus.“ „Ja aber…“ Josch hielt ihm eine Waffe an den Kopf. „…aber wenn du jetzt nicht gehst, fängst du dir hier eine Kugel.“
Der Geldbote schien geschockt, weil sein Kumpan keinen Zweifel daran ließ, dass er es genauso meinte, wie er es ihm angedroht hatte. Ich nutzte die Situation, um weitere Fotos zu machen. Wortlos wandte er sich ab und verließ das Meisterbüro. „Vergiss nicht, uns Bescheid zu geben“, mahnte der, den er Josch genannt hatte. Um die Ernsthaftigkeit seine Worte zu unterstützen richtete er Zeige- und Mittelfinger auf seine Augen. „Denk dran, man sieht sich immer zweimal.“
Höchste Zeit, um mich vom Fenster des Büros zu lösen und auf dem Regalboden nach hinten zu schieben. Dabei war größte Vorsicht geboten, um keinen Lärm zu verursachen. Während ich hörte, wie er über die Gitterstufen der Treppe nach unten eilte, schrieb ich Leonie eine Nachricht, in der ich sie vor dem Betrüger warnte. Ihre Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Soll ich ihm folgen? Mir war klar, dass wir bislang nicht wussten, mit wem wir es zu tun hatten und sie dies durch eine Verfolgung ändern wollte, aber Leonie war meine Rückversicherung. Folglich schrieb ich ihr, dass sie die Stellung halten sollte.
Unterdessen bewegte sich der Geldbote nach allen Richtungen blickend und in geduckter Haltung dem Ausgang der Halle entgegen. Von den drei Gaunern schien er derjenige mit der wenigsten Erfahrung zu sein. Ein Umstand, der ihn nicht weniger gefährlich machte als die beiden, die sich noch immer in der Meisterloge aufhielten. Sicher kein guter Platz, wenn die Polizei die Halle stürmen würde, aber der Platz, an dem sich der Monitor für die auf dem Hof angebrachten Kameras befand, wie ich inzwischen wusste.
Nachdem ich mich wieder nach vorn geschoben hatte, bestätigte sich meine Schlussfolgerung. Die Betrüger beobachteten, wie sich der Geldbote unangetastet über den Betriebshof bewegte. „Okay, die Luft scheint noch rein zu sein. Sehen wir zu, dass wir hier verschwinden.“ „Warte noch“, wurde Josch gebremst. „Die Bullen könnten auch am Tor noch lauern.“ „Jetzt können wir ihn nicht mehr sehen“, erklärte Josch. „Gehen wir schon mal zu den Wagen. Er wird sich sicher gleich melden.“
Im nächsten Moment vernahm ich eilige Schritte, die über die Gitterstufen nach unten rannten. Kurz darauf liefen beide an mir vorbei zu den vor dem Rolltor abgestellten Nobelkarossen. Ich sah, wie Josch eine Nachricht auf seinem Handy las und daraufhin das Rolltor öffnete. Gleichzeitig stieß ich mit dem Fuß gegen einen kleinen Gegenstand, der daraufhin scheppernd gegen die Querstreben des Hochregals schlug und weiter mit viel Lärm zu Boden fiel. Die Männer zogen ihre Waffen, ohne zu wissen, wohin sie zielen sollten, sprangen in die Wagen und rasten aus der Halle.
Ende der Leseprobe
Nachdem das fertige Manuskript lektoriert wurde, geht es als Leseprobe in den Downloadbereich.
Kurz darauf ist es dann auch als Taschenbuch zu erwerben.
An dieser Stelle finden Sie nach und nach wieder drei Fragen zum aktuellen Werkstattroman.
Die Antworten bitte bis zum 30.01.26 an Uwe.brackmann59@gmail.com senden.
1. wo lief Frau Wacholder Leo vor´s Auto?
2. wo wohnt Frau Schreiner?
3. in welcher Bank holt Frau Spock das Geld ?
Hier noch einmal die Spielregeln.
Mit jeder Buchvorstellung, also noch bevor das Buch in den Druck bzw. in den Downloadbereich wechselt, stelle ich an dieser Stelle drei Fragen aus dem Werkstattbuch, die Sie in einer Mail an mich richtig beantworten sollten. Der Einsender jeder zehnten richtigen Mail erhält ein handsigniertes Taschenbuch aus meiner Kollektion. Aber auch die übrigen Mitspieler gehen nicht leer aus. Sofern sie mir die richtigen Lösungen zugemailt haben erhalten sie jeweiles ein E Book zugesandt.
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Solange das Buch in der Werkstatt steht, können Sie sich am Gewinnspiel beteiligen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich sehr über die rege Teilnahme und die vielen Mails freue, die bei früheren Gewinnspielen bei mir eingegangen sind.
Haben Sie die vorangegangenen Kapitel aufmerksam gelesen? Dann könen Sie die Fragen sicher beantworten. Wenn Sie glauben, alle drei Fragen richtig beantworten zu können, mailen Sie die richtigen Antworten an: uwe.brackmann59@gmail.com
Bis dahin: Ihr Uwe Brackmann
vielen Dank für die rege Beteiligung am Gewinnspiel. Es sind wieder zahlreiche richtige Lösungen eingegangen. Alle Gewinner wurden benachrichtigt. Viel Spaß beim lesen des neuen Band 54 mit dem es schon bald in der Werkstatt weitergeht und hoffentlich bis zum nächsten mal.
Den 57. Roman aus der
Detektei Lessing
"Dezemberblues"
ist ab Mitte November 25 im regionalen Buchhandel und auf Bestellung unter "Kontakt", erhältlich.
Er ist dann auch gern als Geschenk mit Signatur zu erwerben.
Im Downloadbereich, kann er als 7 Kapitel umfassende Leseprobe (Kenntlich machen und kopieren) heruntergeladen werden. Das komplette E-Book ist dann ebenfalls für 2,99 € in einer Mail an "uwe.brackmann59@gmail.com" zu bestellen.
Alle meine Bücher können über die Reiter 'Bücher' und 'Links' bei Amazon, Weltbild, Thalia u.s.w. als E-Book und Bände 50 und 51 als Hörbücher erworben werden.
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