Werkstatt

Hier in der Werkstatt geht es mit dem 59. Roman 'aus der Detektei Lessing' weiter !

Er spielt in Wolfenbüttel und Kissenbrück unter dem Titel: 'Schrecklich schöne Aussicht'.

Ab sofort habt ihr wieder die Möglichkeit mit eigenen Ideen an der neuesten Detektivgeschichte aus der Lessingserie mitzuwirken.

Falls ihr eigene Ideen zu den Spielorten habt, solltet ihr mir diese via Mail zukommen lassen.

 

uwe.brackmann59@gmail.com

 

Eure Ideen werden, soweit sie umsetzbar sind, berücksichtigt und euer Name, wenn gewünscht, als Coautor im Buch berücksichtigt.

 

Mein Dank gilt in besonderer Weise, Herrn Jürgen Nieber, der meine Manuskripte aus reinem Idealismus lektorieren. Mit im Team sind die Maler Robert Tschöp, Charlotte Matzeit, Rüdiger Franz und Julia Elena Zeh, die mit ihren Bildern maßgeblich die Einbände zur Detektei Lessing mitgestalten. Überdies mit dabei, der Bremer Fotograf Andreas Eberl, der dem letzten Mike Winter Krimi mit seinem Foto ein Supereinband gab. Den Link zu seiner Argentur findet ihr übrigens auf dieser Website.

 

Start der Leseprobe

Detektei Lessing

schrecklich schöne Ausssicht

1

„Hast du mal in den Spiegel geschaut?“, erkundigte sich meine Liebste. Mir blieb das Stück Brötchen im Halse stecken. „Ich sehe jeden Morgen in den Spiegel“, entgegnete ich, nachdem ich wieder Luft bekam. „Wenn du den im Bad meinst, kannst du nicht wissen, was ich meine. Der zeigt nur den Bereich über deiner Brust an und der ist deinem Alter entsprechend noch recht passabel.“ Ich wusste nicht so recht, ob ich ihre Feststellung als Kompliment oder als Fingerzeig deuten sollte.

„Was ich meine, ist dein Waschbärbauch, den du ja in diesem Spiegel nicht sehen kannst.“ „Bitte?“ „Lauter schlechte Fette, die, gerade bei Männern, zu Schlaganfall und Infarkten führen.“ Ich legte den Rest vom Brötchen zur Seite, rutschte vom Hocker und sah an mir herab. „Das ist deine Schuld“, rechtfertigte ich mich. „Du kochst zu gut und dann ist da noch etwas, was in letzter Zeit zu kurz kam.“ Ich sah in ein Fragezeichen.

„Ein guter Hahn wird selten fett“, schob ich meine Erklärung nach. Miriam prustete vor Lachen. „Kann es sein, dass du dich da gerade etwas überschätzt?“ Ich zog den Bauch ein, schob die Brust vor und lächelte sie smart an. „Nee!“ Zur Bekräftigung deutete ich mit geschwellter Brust und erhobenen Kopf auf unsere Tochter. „Um beim Hahn zu bleiben“, griff sie meine Worte auf. „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Da sich Ramona nun zu uns gesellte, wechselten wir das Thema. So dachte ich zumindest, bis meine Liebste unsere Tochter in hinterhältigster Weise in ihre Intrige einspannte. „Der Papa fährt jetzt öfter mit uns Fahrrad“, ließ sie die Katze aus dem Sack. Okay, Miriam ist Staatsanwältin und als solche versteht sie es schon von Berufswegen sehr gut, sich die Angeklagten so zurecht zu legen, dass sie ihr blindlinks in die Falle taumeln, aber dass sie mir nicht klipp und klar sagte, was sie eigentlich wollte, nahm ich ihr übel.

Ramona sah mich mitleidig an. „Papa, bist du dir sicher, dass du dich auf einem Fahrrad halten kannst?“ „Du kannst mir ja deine Stützräder ausleihen“, lächelte ich verschmitzt. Meine Kleine hielt sich theatralisch die Hand an die Stirn. Womit sie Miriam immer ähnlicher wurde. „Weißt du denn nicht, dass Mama die schon längst verschenkt hat?“ Ein ungutes Gefühl keimte in mir auf.

Als guter Papa hätte ich das wohl wissen sollen. Auch wenn es in den vergangenen Monaten in meiner Detektei recht turbulent zuging, rechtfertigt dies nicht alles. Auch wenn mir die Art und Weise missfiel, in der mich Miriam zum Fahrradfahren nötigte, in der Sache, so musste ich mir objektiv eingestehen, hatte sie recht. Meine Kondition war längst nicht mehr so, wie sie sein sollte und einen Waschbärbauch hatte ich zugegeben auch.

„Ach Schatz“, sah mir meine Liebste meine innere Zerrissenheit an. „Wenn du aus der Übung bist, ist das gar kein Problem. Du kaufst dir einfach ein Pedelec, damit du mit uns Schritthalten kannst.“ Damit hatte sie mich an den … an der Ehre gepackt. „Na, so weit kommt´s noch!“, entgegnete ich mich um Kopf und Kragen redend. „So weit ist es noch lange nicht. Ich bin doch keine Lusche.“ „Schade, Ramona und ich haben auch eins. Aber wenn du meinst, dass es auch ohne Unterstützung geht…“

Früher kam man auch mit einem normalen Rad ans Ziel, überlegte ich. Da hatte man nicht mal eine Gangschaltung. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich bei Wind und Wetter mit meinem Drahtesel etliche Kilometer am Stück zurücklegte. Weshalb sollte dies heute nicht mehr möglich sein? Davon abgesehen waren Elektrofahrräder sündhaft teuer. Nein, für mich stand fest, dass ich auch ohne diesen Schnickschnack klarkam.

„Wenn ich mich quasi auf einer Sänfte durch die Gegend chauffieren lassen soll, kann ich mir das Ganze auch sparen. Kondition und Fitness gibt es nicht umsonst“, argumentierte ich. „Und meinen Bauchansatz bekomme ich ohne Hilfsmotor viel schneller weg.“ „Na, wenn du meinst…“, zuckte Miriam mit den Achseln, während sie Ramona den Kitarucksack auf den Rücken schnallte. Unsere Tochter kicherte leise vor sich hin. „Ich werde es euch schon beweisen“, setzte ich die Messlatte meiner Erwartungen viel zu hoch.

„Tschüss Papa“, verabschiedete sich Ramona wie gewohnt mit dem obligatorischen Nasereiben von mir. „Hab einen schönen Tag.“ „Denk dran, du holst sie heute ab“, erinnerte mich Miriam. „Das weiß ich doch.“ Nun gabs noch einen Kuss von meiner Liebsten und ich blieb allein mit den Resten des Frühstücks zurück. „Ich hab euch lieb!“, rief ich ihnen nach und widmete mich dem Geschirr. Als emanzipierter Mann von Welt ist es natürlich eine Selbstverständlichkeit für mich, Miriam bei der Hausarbeit zu unterstützen.

Ein neuer Wochentag ist ein neuer Arbeitstag, was bedeutet, dass ich nach getaner Arbeit in die im Souterrain gelegene Detektei wechselte. Als ich die Treppe hinunterging, dachte ich an die Jahre zurück, in denen ich als Hauptkommissar bei der Braunschweiger Kripo arbeitete.

„Guten Morgen, Chef“, empfing mich Trude in der Anmeldung. „Guten Morgen, Frau Berlitz“, nickte ich meiner Putzsekretärin freundlich lächelnd zu. „Schön, Sie zu sehen.“ Ach, was ging es mir doch gut, freute ich mich des Lebens. „Wir haben Post von der Secura. Die fordern eine Menge Geld von Ihnen.“ Plopp! Die rosa Wolke, auf der ich gerade noch in die Detektei schwebte, zerplatzte wie eine Luftblase und ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen.

„Wie kann das sein? Ist Ihnen bei der Abrechnung möglicherweise ein Fehler unterlaufen?“, hakte ich voller Sorge nach. „Eigentlich nicht, Chef.“ Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. „Vielleicht sollte ich alles noch mal durchrechnen“, bemerkte sie offenbar, wie sich mein Hahnenkamp aufstellte. Womit wir wieder beim Thema waren. „Das sollten Sie wohl besser tun.“ Trude nickte beflissentlich. „Wo ist Leonie eigentlich?“ Meine Putzsekretärin zuckte mit den Achseln.

Bevor der Tag endgültig im Eimer war, weil ich etwas Unüberlegtes von mir gab, verschwand ich in meinem Büro. Ausgerechnet jetzt passte mir eine unvorhergesehene Zahlung überhaupt nicht ins Budget. Strenggenommen passte es auch sonst nicht, denn momentan war die Auftragslage mal wieder bescheiden. Zusätzliche Freizeitaktivitäten scheiterten also nicht an zu viel Arbeit.

2

„Bitte deck schon mal die Tafel auf der Terrasse ein, Silvio. Bei dem Wetter wird nachher sicherlich einiges los sein.“ „Alle?“ „Der Anmeldung nach müssten zehn Tische reichen. Falls es dann doch mehr werden sollten, können wir immer noch dazustellen. “ „Geht klar, Chefin.“

Im Restaurant ‚Schöne Aussicht‘ herrschte an diesem Samstagvormittag, wie so oft, geschäftiges Treiben. Eine Geburtstagsgesellschaft, die aus mehreren Mitgliedern des angrenzenden Golfclubs und dessen Angehörigen und Freunden bestand, wurde erwartet. Trotz Stress herrschte zwischen dem Personal ein lockerer Umgangston. Die Leiterin des Restaurants galt als kompetent und sie war bei den Serviceangestellten beliebt.

Bevor Richard Coslowski, genannt Rico, hinter der Bar verschwand, half er Silvio dabei, die Tische zu einer Tafel aufzubauen. Nach getaner Arbeit klatschten sich die Männer ab. Silvio Stanza, der der Liebe wegen von Tirol nach Wolfenbüttel kam, holte sich die benötigte Tischwäsche und begann diese auf der Tafel auszubreiten, als er zwischen einigen Bäumen hindurch am Ende der 18. Bahn einen Golfer sah, der merkwürdig schwankte. Er konnte nicht sehen, wer dort spielte, aber um diese Zeit gab es nur wenige, die in Frage kamen. Als er weiterspielte, ging er weiter seiner Arbeit nach.

Gerade als er die Terrasse wieder verlassen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel, wie die Person plötzlich umkippte. Silvio sah nun genauer hin, hoffte darauf, dass der Spieler nur gestolpert war und jeden Moment wieder aufstehen würde, doch wer immer es war, er blieb liegen. Der Tiroler starrte gebannt zur Baumgruppe, vor der er die Person zuletzt gesehen hatte. Das abschüssige und hügelige Gelände verhinderte, dass er ihn auf dem Boden liegen sehen konnte. Im selben Moment fasste er den Entschluss, der Person zur Hilfe zu eilen.

„Marina!“, rief er nach seiner Chefin, während er in die Küche stürmte. Die Restaurantleiterin und Lucas Stern waren mit Vorbereitungen beschäftigt. „Am Ende der 18. Bahn, direkt an der Baumreihe, ist gerade jemand zusammengebrochen.“ Silvio griff nach dem Erste-Hilfe-Kasten. „Nimm dein Handy mit“, erinnerte ihn Marina Hefter. „…und melde dich, falls du uns brauchst.“

Rico sah seinem Kollegen irritiert nach, als er ihm mit einer Getränkekiste in der Hand entgegenkam. „Was ist denn los?“ Am liebsten wäre Silvio stehen geblieben und hätte Rico alles erklärt, um nicht allein über den Golfplatz laufen zu müssen, doch er spürte, dass es um jede Sekunde ging. Also lief er weiter, nach links, über den kleinen Parkplatz vor dem Restaurant und weiter um das Gebäude herum.

Um keine Zeit zu verlieren, lief er zwischen den Bäumen hindurch, an einem Sandbunker vorbei, auf das gepflegte Grün der 18. Bahn. Immer wieder hielt er Ausschau nach dem Gestürzten, doch zwischen ihm und der Stelle, an der er ihn aus den Augen verlor, befand sich ein Hügel, der ihm nach wie vor die Sicht versperrte.

Endlich entdeckte er etwas am Boden liegend. Kein Zweifel, das musste die Person sein, die er stürzen sah. Silvio erinnerte sich an die beige Sommerjacke und den blauen Golf-Trolley, den die Person hinter sich herzog. Er wurde langsamer, sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er fragte sich, was ihn erwarten würde und er spürte, wie eine gewisse Unsicherheit in ihm aufkam. Der ‚Erste-Hilfe-Kurs‘ den er wegen des Führerscheins machen musste, lag bereits ein paar Jahre zurück.

Silvio erreichte den wie leblos daliegenden Körper eines Mannes. Die Person lag auf dem Bauch, sein Gesicht von ihm abgewandt. Silvio sprach ihn an, kniete sich neben den Mann. Er legte seine Hand auf dessen Rücken und er rüttelte ihn. Er sprach weiterhin mit ihm, stellte Fragen, auf die er keine Antwort erhielt und drehte ihn schließlich auf den Rücken. „Herr Ottesen“, erkannte Silvio in dem Mann einen der Clubmitglieder, die auf der Liste der Geburtstagsgäste vermerkt waren. Als er in die starren Augen des Mannes sah, schrak er zurück.

Eigentlich wusste er von diesem Moment an, dass der Mann tot war und doch funktionierte er nun wie ein Schweizer Uhrwerk. Als erstes rief er bei seiner Chefin an, schilderte, was er sah, und bat um ihre Unterstützung, dann überprüfte er die Atmung des vor ihm liegenden Mannes. Nachdem er weder Puls noch Atemaktivität feststellen konnte, drückte er seinen rechten Handballen in schneller Folge auf die Brust des vermeintlich Toten und drückte diese etwa dreißig Mal in schneller Folge etwa sechs Zentimeter ein. Genauso, wie er es gelernt hatte. Danach überdehnte er seinen Kopf nach hinten und gab ihm eine Atemspende.

Genau das wiederholte er, bis ihm schwindelig wurde und er für einen Moment absetzen musste. Er wollte gerade wieder mit den lebenserhaltenden Maßnahmen weitermachen, als er einen Mann und seinen Kollegen auf ihn zulaufen sah.

„Ich bin Doktor Hingsen!“, rief er ihm zu. „Machen Sie weiter!“ Und obwohl Silvio eigentlich am Ende seiner Kräfte war, setzte er die Herzdruckmassage fort. Während der Arzt seinen Koffer öffnete und eine Spritze aufzog, kniete sich Roco auf die andere Seite des Golfers und löste Silvio ab. „Marina hat den Notruf gewählt“, informierte Roco. „Stayin alive, stayin alive“, sang er, während er das Herz des Opfers animierte. „Das machen Sie wirklich gut“, lobte der Arzt, während er die Spritze setzte.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe der aus Wolfenbüttel kommende Rettungshubschrauber Christoph 30 auf der Bahn 18 landete. Trotz des wiederholten Einsatzes eines Defibrillators konnte der Notarzt nur noch den Tod des Mannes feststellen. Da sich die Ärzte einig waren, stellte Doktor Hingsen an Ort und Stelle den Totenschein aus und wenig später holte ein Bestattungsinstitut den Leichnam ab.

Doktor Knut Hingsen sowie Silvio Stanza und Richard Coslowski wurden durch die bei solchen Anlässen hinzugerufenen Polizisten routinemäßig im Restaurant befragt. Die Gäste der geplanten Geburtstagsfeier zogen es nach ihrem Eintreffen aus nachvollziehbaren Gründen vor, wieder zu gehen. Der Tod des Unternehmers Markus Ottesen sorgte in den folgenden Tagen im Golfclub für allerhand Gesprächsstoff. Wie in solchen Fällen schon fast üblich, machten allerlei Spekulationen und die verrücktesten Verschwörungstheorien die Runde.

Nicht selten beruhen solche Hypothesen auf einem wahren Kern, den irgendjemand irgendwo zu irgendeiner Zeit aufschnappte und nun unter das gemeine Volk brachte. Im Grunde gab es keinen Zweifel an dem Herztod des Wolfenbütteler Unternehmers. Eine Obduktion wurde weder von behördlicher noch von privater Seite gewünscht, und so wurde der Leichnam von Markus Ottesen bereits vier Tage nach seinem Tod verbrannt und kurz darauf auf dem Wolfenbütteler Hauptfriedhof an der ‚Lindener Straße‘ unter großer Anteilnahme beigesetzt.

 

 Fortsetzung vom 21.03.26

3

Auch zwei Monate nach meinem durch Miriam forcierten Bekenntnis zum Radsport und einer inzwischen zurückgelegten Fahrtstrecke von mindestens tausend Kilometern, hatte sich mein Bauchansatz immer noch nicht zurückgebildet. Die Qualen, die ich dabei, vor allem bergauf, erleiden musste, hatte meinen Neid auf alle Pedelec-Fahrer ins Unermessliche gesteigert. Aber das konnte und wollte ich natürlich nicht zugeben. Zumindest spürte ich, was meine Kondition anging, erste Fortschritte.

Was den Auftragseingang in meiner Detektei anging, herrschte mal wieder Ebbe. Zumindest hatte sich inzwischen eine Rückforderung der Secura-Versicherung als unbegründet erwiesen. Ein Fehler, den Trude bei der Überprüfung der Abrechnung entdeckte, entlarvte einen versuchten Betrug durch einen Secura-Mitarbeiter. Immerhin gab es dafür eine Entschuldigung und einen neuen Auftrag, der uns zumindest für die nächsten Tage über Wasser hielt.

„Haben wir noch Kapazitäten frei?“, krächzte Trudes Stimme unvermittelt aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage. Was bedeutete, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit einen neuen potentiellen Klienten gab. „Eigentlich nicht, es sei denn, es handelt sich um eine dringende Sache“, antwortete ich in der üblichen Weise. Ein mit Trude vor langer Zeit abgesprochenes Prozedere, was die Detektei in einem guten Licht erscheinen lassen sollte. „Am besten schicke ich Ihnen Frau Ottesen rein, damit Sie sich Ihr eigenes Bild machen können, Chef.“ „Das wird dann wohl das Beste sein“, gab ich grünes Licht und erhob mich, um die Frau mit der gebotenen Höflichkeit zu empfangen.

„Frau Ottesten“, kündigte Trude die mögliche Klientin an, während sie ihr die Tür zu meinem Büro öffnete. „Leopold Lessing“, empfing ich die etwa Fünfundzwanzigjährige. „Sonja Ottesen“, reichte sie mir die Hand. „Nehmen Sie doch bitte Platz. Was führt Sie zu mir?“ Die junge Frau sah mich aus traurigen Augen hilfesuchend an. „Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll.“ „Am besten am Anfang“, lächelte ich ihr aufmunternd zu.

„Es geht um meinen Vater“, begann sie. „Er erlitt vor zwei Wochen beim Golfen einen tödlichen Herzinfarkt.“ „Mein herzliches Beileid.“ „Danke.“ „Aber sagen Sie, Ihr Vater war nicht zufällig der Unternehmer Ottesen?“ Sie horchte auf. „Sie kannten meinen Vater?“ „Ich habe bereits vor einigen Jahren in seinem Auftrag ermittelt.“ „Ach, davon wusste ich gar nichts.“ Ich winkte ab. „Es handelte sich um keine große Sache.“

„Umso schlimmer ist der Grund, weshalb ich heute Ihre Hilfe benötige“, ließ mich Sonja Ottesen aufhorchen. „Ich glaube nicht an einen natürlichen Tod. Mein Vater war kerngesund. Er war ein großer Verfechter der Frühdiagnostik. Gesundheitschecks, Impfungen und Krebsvorsorge waren ihm schon wegen der Erkrankung meiner Mutter sehr wichtig. Er sagte immer, dass es irrsinnig wäre, seine Gesundheit zu vernachlässigen, aber seinen Wagen regelmäßig zur Inspektion zu geben.“ „Da kann ich Ihrem Vater nur beipflichten.“

„Ich habe mit unserem Familienarzt gesprochen. Doktor Schneider attestierte meinem Vater die beste Gesundheit. Leider weilte er zum Zeitpunkt des Infarkts auf einer Studienreise in New York.“ Ich sah Sonja Ottesen nachdenklich an. „Wenn es Zweifel an einem natürlichen Tod gab, verstehe ich nicht, weshalb dem nicht nachgegangen wurde.“ Die junge Frau vor meinem Schreibtisch mokierte sich. „Weil es meine Stiefmutter ablehnte.“ Meine Stirn krauste sich. „Ihr Vater hat also nach dem Tod seiner ersten Frau zu Ihrem Missfallen wieder geheiratet“, resümierte ich. „Meine Mutter ist nicht tot. Sie trennte sich von meinem Vater.“

Ich stutzte. „Nachdem sie an Krebs erkrankt war, hielt sie die Zuwendung meines Vaters schlichtweg nicht mehr aus und ließ sich von ihm scheiden.“ Es fiel mir ziemlich schwer, eine solche Entscheidung nachzuvollziehen, obwohl ich mir vorzustellen vermochte, dass Fürsorge auch erdrückend sein konnte. „Sie sind nicht der Erste, der meine Mutter nicht verstehen kann, aber sie war schon immer eine sehr selbstständige und starke Frau.“ „Wenn das der Weg Ihrer Mutter war, dann musste sie ihn gehen“, zollte ich der Entscheidung Respekt.

„Zunächst fiel mein Vater daraufhin in ein tiefes Loch. Zu den Selbstzweifeln kamen Depressionen und schließlich die Flucht in den Alkohol. Deshalb waren Rolf und ich ja froh, als er jemanden fand, aber dann…“ „Sie waren mit der Auswahl Ihres Vaters nicht gerade glücklich“, schlussfolgerte ich. „Nachdem sich für meinen Bruder und mich immer mehr herauskristallisierte, worum es Constanze wirklich ging, war es mit ihrer Freundlichkeit uns gegenüber natürlich vorbei.“ „Was sagte denn Ihr Vater dazu?“ Sie winkte ab. „Der war so sehr verliebt, dass er gar nicht mitbekam, wie sie ihn immer mehr für sich vereinnahmte. Jedes Wort gegen Sie interpretierte er als einen Angriff auf sich.“ „Wer die Notlage eines Menschen für seine Zwecke ausnutzt, um sich selbst zu bereichern, ist gewiss kein guter Mensch, aber ich bräuchte schon ein paar Anhaltspunkte, um ermitteln zu können.“

Während wir miteinander sprachen, machte ich mir einige Notizen, die ich für relevant hielt. „Wie alt ist Ihre Stiefmutter und wo lernte Ihr Vater sie kennen?“ „Constanze ist sechzehn Jahre jünger und sie war in der Firma die rechte Hand meines Vaters. Von daher hatte sie also die besten Einblicke in die Vermögensstruktur des Unternehmens.“ Das alles hörte sich für mich wie ein klassischer Fall von Erbschleicherei an. Mit einem ähnlich gelagerten Fall von Heiratsschwindel hatte ich es ein Jahr zuvor in Salzgitter Lebenstedt zu tun.1 Damals bezahlte der Betrüger mit seinem Leben.

„Darf ich fragen, womit Sie und Ihr Bruder ihr Geld verdienen?“ Die junge Frau zuckte mit den Achseln. „Warum nicht? Mein Bruder betreibt eine Tauchschule auf Menorca und ich arbeite im ersten Jahr als Laborantin in der Firma meines Vaters.“ Ich horchte auf. „Kann es sein, dass Ihr Bruder mit seiner Berufswahl nicht gerade die Erwartungen Ihres Vaters erfüllte?“ „Claudius kommt wohl eher nach unserer Mutter. Natürlich hatte mein Vater andere Pläne mit ihm, aber letztlich war er mit mir als seine mögliche Nachfolgerin ebenso zufrieden. Wahrscheinlich komme ich dann wohl eher nach meinem Vater.“ „Es muss für Sie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, als Ihr Vater seiner zweiten Frau immer mehr Kompetenzen einräumte.“

Ich lehnte mich zurück, um die Reaktion meiner Klientin zu beobachten. Meine Frage zielte nicht ohne Grund auf die Psyche der jungen Frau. Es ging mir darum, ob das Verhältnis von Sonja und Constanze Ottesen durch Neid und Missgunst oder durch ein mögliches Verbrechen an ihrem Vater vergiftet war.

„Wahrscheinlich hätte ich die Anweisungen meiner Stiefmutter meinem Vater zuliebe auch weiterhin ertragen, aber nachdem uns Doktor Brettschneider gestern den letzten Willen meines Vaters quasi um die Ohren schlug, stand für Claudius und mich fest, dass sie ihn manipuliert haben musste.“ Immerhin hatte es einige Zeit gebraucht, ehe sie die Katze aus dem Sack gelassen hatte. Es ging also um das Erbe. „Ihr Vater wird seinen letzten Willen sicherlich wohl überlegt und nicht erst kurz vor seinem Tod abgefasst haben“, sinnierte ich.

„Doktor Brettschneider ist seit vielen Jahren als Rechtsanwalt und Notar für unsere Familie tätig. Er hatte das ursprüngliche Testament zusammen mit meinem Vater ausgearbeitet.“ Ich hakte ein. „Es gab also eine neue letztwillige Verfügung?“ Sonja Ottesen nickte mir zu. „Sie wurde der Kanzlei von Doktor Brettschneider erst einen Tag nach dem Tod meines Vaters per Einschreiben zugestellt“, sorgte meine Klientin für einen inneren Aufschrei bei mir. „Da stimmt was nicht“, schüttelte ich den Kopf.

„Die Frage ist nur, wie kann ich das beweisen?“, sprach Sonja Ottesen aus, was ich dachte. „Sie sagten, dass Ihr Vater verbrannt wurde“, erinnerte ich mich. „Falls er durch Gift oder Medikamente getötet wurde, lässt sich dies nicht mehr durch eine Obduktion beweisen. Wissen Sie, ob er diese Art der Bestattung schon immer befürwortete?“ „Ich kannte sein Testament“, entgegnete Sonja Ottesen. „Deshalb und weil wir darüber sprachen, weiß ich, dass er immer ganz klassisch beigesetzt werden wollte. Als uns Doktor Brettschneider den letzten Willen meines Vaters vorlas, hatte ich das Gefühl, es ginge gar nicht um meinen Vater.“

Das alles klang ziemlich eindeutig. Allein die Frage, wie die Schwarze Witwe überführt werden konnte, bewegte fortan meine Gedanken. „Wollen Sie mir sagen, wie sich die Vermögenswerte verteilen?“, erkundigte ich mich, das Ergebnis meiner Frage längst erahnend. Claudius und ich erhalten lediglich den Pflichtteil. Dabei blieb die Firma in der Erbmasse unberücksichtigt, weil es sich um eine GmbH und Co.KG handelt.“

Ich kannte mich nicht mit dem Unternehmensrecht aus, konnte somit nichts dazu sagen, aber trotzdem stank das Ganze meiner Meinung nach zum Himmel. „Der Pflichtteil würde Claudius und mir im Grunde ausreichen, aber hier geht es um den letzten Willen unseres Vaters und nicht darum, dieser Frau tatenlos dabei zuzusehen, wie sie das Lebenswerk unseres Vaters durch Betrug an sich reißt. Das können und das wollen mein Bruder und ich so nicht hinnehmen“, bekräftigte die Frau vor meinem Schreibtisch voller Nachdruck.

„Letztlich geht es doch wohl vor allem darum, ein mögliches Verbrechen aufzudecken“, appellierte ich an ihren Gerechtigkeitssinn. „Ja natürlich, das vor allem anderen.“ „Okay, wenn ich für Sie und Ihren Bruder arbeiten soll, brauche ich alles, was Sie mir an Informationen zur Verfügung stellen können. Dies können Infos sein, die in Ihren Augen nichtig und banal erscheinen mögen, von mir als außenstehende Person jedoch ganz anders bewertet werden.“

„Ich weiß nicht sonderlich viel über Constanze. Sie trat irgendwann während meines Studiums in die Firma ein und arbeitete sich ziemlich schnell hoch. Als rechte Hand meines Vaters kam er schon bald nicht mehr ohne sie aus.“ Sie zeigte mir auf ihrem Handy ein Foto, welches ihren Vater und seine zweite Frau in einer vertrauten Pose zeigte. „Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber könnte es sein, dass die Frau schon damals ihre Reize einsetzte, um in diese Vertrauensstellung zu gelangen?“ „Davon können Sie ausgehen, Herr Lessing.“ Womit der Krebsbefund ihrer Mutter sicherlich nur der äußere Anlass für die Scheidung war, überlegte ich.

Was mein Honorar und die Nebenkosten anging, waren wir uns schnell einig. Nachdem Trude den erforderlichen Ermittlungsauftrag zur Unterschrift vorgelegt hatte, überwies Sonja Ottesen noch in meinem Büro via Handy den obligatorischen Drei-Tage-Vorschuss und wir machten uns an die Arbeit.

Um eine umfassende und zeitnahe Recherche auf allen nur erdenklichen Ebenen durchführen zu können, bedarf es zunächst Grundinformationen über die Firmengründung, Gesellschafterverträge, Verbindlichkeiten und Infos zum Firmenvorstand. Hinzu kamen private Auskünfte zur Familie und soweit bekannt die Namen von Freunden und guten Bekannten. Gerade hier können Kleinigkeiten von großer Bedeutung sein.

Vor allem sind sämtliche Angaben zum Tod des Markus Ottesen von größter Relevanz. Dabei sind der Auffindeort des Verstorbenen, der Zeitpunkt sowie die Namen sämtlicher Zeugen und deren Aussagen von enormer Wichtigkeit. Zu Beginn unseres Gesprächs hatte mir meine Klientin bereits erzählt, dass ihr Vater beim Golf verstarb. Da mir in der Nähe lediglich ein Golfplatz bekannt war, setzte ich voraus, dass es sich um den Golfclub des Ritterguts Hedwigsburg bei Kissenbrück handelte. Folglich wunderte es mich auch nicht, als mir meine Klientin den Namen und die Anschrift des Arztes nannte, der als erstes bei ihrem Vater eintraf.

 

 Fortsetzung vom 28.03.26

4

Nachdem ich Trude mit den Recherchen zu der Zeit beauftragt hatte, in der Constanze Ottesen noch Lieberknecht hieß, machte ich mich gemeinsam mit Leonie auf den Weg nach Kissenbrück. Meine Klientin hatte mir den Namen eines Ersthelfers genannt, der in dem an den Golfplatz angrenzenden Restaurant ‚Schöne Aussicht‘ als Servicekraft beschäftigt ist.

„Meine Güte, von so vielen Parkplätzen können die Geschäftsleute in der City von Wolfenbüttel nur träumen“, bemerkte Leonie, während wir an einer ganzen Reihe unbesetzter Stellplätze vorbeifuhren. „Ist ja fast wie am Heidepark. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es hier so viele Golfer gibt.“ „Golf ist nicht mehr allein der oberen Schicht vorbehalten und abgesehen davon werden einige Plätze sicherlich auch von Gästen des Restaurants genutzt“, mutmaßte ich.

Als wir das wunderschön gelegene Lokal betraten, waren wir beide überrascht. Vor uns öffnete sich ein sonnendurchflutetes zwölfeckiges Restaurant mit ansprechendem Ambiente. Über die Fläche waren etwa ein Dutzend Tische großzügig verteilt. Auf einer kleinen Empore befanden sich einige Tische, die in gemütlichen Nischen verbaut waren. Am meisten aber lockte die Terrasse.

Es bedurfte lediglich eines Blickes zwischen uns, um durch die offene Tür nach draußen zu gehen. Die milden Temperaturen und der laue Wind, der von Südwesten her über die Baumreihen des leicht abfallenden Golfplatzes strich, hüllten uns in eine ganz wundersame Stimmung. Wir nahmen an einem der wenigen noch freien Tische, direkt an der durchsichtigen Terrassenumfriedung Platz und sahen einige Spielern dabei zu, wie sie die Bälle über das Grün trieben.

Während wir ihnen gespannt nachsahen, begrüßte uns einer der Servicekräfte. „Willkommen in der ‚Schönen Aussicht‘.“ Er legte uns die Speisekarten vor und erkundigte sich, ob wir einen Wunsch haben. Leonie strahlte ihn aus leuchtenden Augen versonnen an. „Wir würden gern mit Herrn Silvio Stanza sprechen“, überraschte ich ihn. „Er steht vor Ihnen“, überraschte er uns ebenso. „Wir sind Privatermittler. Unseren Informationen nach sind Sie der Ersthelfer, der Herrn Ottesen versorgte.“

Der junge Mann sah zu den benachbarten Tischen hinüber. „Wie Sie sehen, ist es gerade ungünstig. Wenn Sie in etwa zwei Stunden noch mal kommen könnten, dann ist weniger zu tun.“ „Ja natürlich“, nickte ich ihm zu. „Sie müssen Herrn Ottesten von hier aus gesehen haben“, resümierte ich. „Können Sie mir die Stelle zeigen?“ Er deutete mit dem ausgestreckten Arm auf eine Baumreihe, die sich in etwa 70 Metern Entfernung befand. „Sehen sie die Lücke zwischen den Bäumen dort?“ „Ja klar“, lächelte ihm Leonie zu. „Dahinter beginnt Bahn 18 und vor der nächsten Baumreihe, fast am Loch, sah ich, wie er zusammenbrach.“ „Dann war es mehr Zufall, dass Sie überhaupt darauf aufmerksam wurden“, stellte ich fest. „Wenn Sie so wollen. Aber nun muss ich wirklich weiterarbeiten.“ „Okay, dann bis nachher.“

„Ich dachte, Sie wollten jetzt zu der Stelle latschen, an der Herr Ottesen den Löffel abgab“, wunderte sich meine Azubine, als ich die Richtung zum Wagen einschlug. „Nachher, und ganz nebenbei könntest du wirklich etwas respektvoller über den verstorbenen Vater unserer Klientin sprechen.“ „Sorry, aber das liegt an meinem leeren Magen. Sie wissen doch, wenn ich Kohldampf schieben muss, werde ich zur Diva.“ „Du kannst dich gern bedienen, im Handschuhfach liegen noch…“ „Ich weiß, Frischeiwaffeln!“, fiel sie mir mit rollenden Augen ins Wort.

„Wenn du die nicht magst, hast du auch keinen Hunger“, entgegnete ich verärgert. „Wo fahren wir denn jetzt hin? Gibt es da wenigstens einen Laden oder muss ich weiter hungern?“ „Auf dem Weg zu Doktor Hingsen kommen wir an einer Fleischerei vorbei. Vielleicht kannst du ja da deine Bedürfnisse stillen?“ „Na dann treten Sie das Pedal besser bis zur Bodenwanne durch, sonst machen die zu, bevor wir dort sind.“ „Ich werde hier ganz sicher kein Knöllchen für zu schnelles Fahren riskieren“, stellte ich klar. „Stimmt, hier auf dem Land steht ja auch an jeder Ecke ein Blitzer.“

Einen Blitzer gab es nicht, aber kaum dass ich am Ortseingang in die ‚Allee‘ einbog, hatte ich einen Trecker mit zwei Anhängern vor der Nase. Vor der Kurve konnte ich natürlich nicht überholen und danach hatte ich ständig Gegenverkehr. „Verdammt noch mal, da bin ich ja zu Fuß schneller!“, zerbiss die Diva neben mir einen Fluch nach dem anderen zwischen den Zähnen, während sie ständig auf ihre Armbanduhr starrte.

Endlich auf dem Parkplatz vor der Fleischerei angekommen, sprang Leonie aus dem Wagen und rannte zum Eingang, wo in diesem Moment das Licht ausging. In ihrer Verzweiflung klopfte sie immer energischer an die Tür. Ich überlegte, ob ich besser das Weite suchen sollte, als sich im Laden jemand erbarmte und die Tür wieder öffnete. Ich stutzte, als ich sah, dass Leonie der Frau um den Hals fiel. Der Hunger meiner Azubine musste größer sein, als ich es für möglich hielt. Die Ausmaße des Pakets, welches sie beim Verlassen der Fleischerei in den Händen trug, toppte meine schlimmsten Befürchtungen. Wenn ich nicht genau wüsste, dass sie nicht schwanger war, dann…

„Stellen Sie sich vor, Chef“, riss sie enthusiastisch die Beifahrertür auf. „Weil Feierabend ist, habe ich das Fresspaket völlig umsonst bekommen.“ Ich schüttelte fassungslos den Kopf. „Hast du die Frau deswegen so geherzt?“ „Nein, nein, das war Jutta, eine Schulfreundin aus längst vergangenen Zeiten. Wir gingen zusammen in die Grundschule.“ „Aber du kommst doch aus Springe“, überlegte ich. „Das ist es ja. Wir hatten uns völlig aus den Augen verloren. Sie hat in der Zwischenzeit geheiratet und ist hierhergezogen. Die Fleischerei gehört ihrem Mann.“ „Ja, die Welt ist klein und deswegen sollten wir jetzt zur Praxis von Doktor Hingsen fahren.“

Während ich weiter über die ‚Hauptstraße‘ und vor der Apotheke rechts in die ‚Alte Dorfstraße‘ fuhr, knisterte Leonie ungeniert mit dem Papier ihres Fresspaketes. „Wollen Sie auch eine Wurst?“, erkundigte sie sich mampfend zwischen zwei Bissen. „Nee danke, mir wird schon vom Zusehen schlecht.“ „Verstehe ich nicht, die sind echt lecker.“ „Glaub ich, aber vier Stück nacheinander sind selbst für mich zu viel.“ „Wieso, ich hätte Ihnen doch nur eine gegeben.“

Ungeachtet dessen lenkte ich meinen ‚T-Cross‘ auf den letzten freien Parkplatz vor der Praxis. „Willst du mit deinem Fresspaket lieber draußen warten?“ „Also Chef, Arbeit geht ja wohl vor.“ „Na dann sollten wir dich hier gleich mal auf einen Bandwurm untersuchen lassen.“ „Wie jetzt?“, sah mich meine Azubine entsetzt an. „Also normal ist das mit deiner Fresserei ja wohl nicht.“ „Okay, dann gehen Sie da mal schön alleine rein.“ „War ein Witz, Leonie“, amüsierte ich mich. „Wenn Sie da drinnen irgendetwas…“ „Na hör mal“, beruhigte ich sie. „Noch bestimmt in diesem Land jeder selbst über die Unversehrtheit seines Körpers.“

„Guten Tag, mein Name ist Lessing. Ich würde gern den Herrn Doktor sprechen.“ „Sind Sie angemeldet?“, erkundigte sich die resolute Dame hinter dem Tresen der Anmeldung. „Nein, ich…“ „Dann müssen Sie morgen früh ab 8 Uhr wieder kommen“, fiel sie mir ins Wort. „Sie haben mich missverstanden, junge Frau“, versuchte ich die Situation aufzuklären. „Verarschen kann ich mich alleine“, reagierte sie erbost. Ich war mir keiner Schuld bewusst. „So meinte ich das ja gar nicht“, ruderte ich zurück. „Sie denken also, ich wäre eine alte Schachtel. „Äh nein, natürlich nicht“, war ich nun völlig verunsichert.

„Wir sind Privatermittler“, grätsche Leonie in das Gespräch. „Es geht um den verstorbenen Golfer.“ „Weshalb sagen Sie das nicht gleich“, erwiderte die Sprechstundenhilfe kopfschüttelnd. „Mal sehen, ob der Doktor Zeit für Sie hat. Warten Sie hier.“ Kurz darauf kehrte sie mit mürrischem Gesichtsausdruck zu uns zurück. „Der Doktor erwartet Sie.“

„Guten Tag, nehmen Sie bitte Platz“, lud uns der weiß gekleidete Mann hinter dem Schreibtisch mit einer großzügigen Handbewegung ein. „Meine Sprechstundenhilfe sagte, Sie wären Detektive, die mich wegen des tragischen Todes von Herrn Ottesen sprechen wollen.“ „So ist es“, bestätigte ich. „Wir ermitteln im Auftrag der Tochter des Verstorbenen und würden Sie gern zu den Umständen befragen“, erklärte ich. „Können Sie sich ausweisen?“ Ich reichte ihm den von Sonja Ottesen unterschriebenen Ermittlungsauftrag und meinen Personalausweis.

„Scheint alles in Ordnung zu sein“, befand er nach eingehender Prüfung. „Sie werden verstehen, dass ich mich absichern muss.“ „Selbstverständlich.“ „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“ „Sie haben den Totenschein ausgestellt“, begann ich mit dem Wesentlichen. „Das ist richtig. Doktor Specht und ich kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass es sich um einen Myokardinfarkt handelte.“ „Er starb also Ihrer fachärztlichen Überzeugung entsprechend ohne Fremdeinwirken“, brachte es Leonie auf den Punkt. „Sie gehen der Möglichkeit nach, dass dem nicht so sein könnte?“, verstand der Mediziner sehr schnell, worauf wir hinauswollten. „Da muss ich Sie enttäuschen. Der Befund von Doktor Specht und mir war eindeutig. Daran gibt es keinen Zweifel.“ Doktor Hingsen schien sich seiner Sache sicher.

„Wir wollten Ihre Expertise nicht in Frage stellen“, korrigierte ich seinen Eindruck. „Weshalb drängte sich mir dann gerade genau dieser Eindruck auf?“ „Nein, nein, das haben Sie missverstanden. Es geht uns um Kleinigkeiten, die Ihnen möglicherweise auffielen.“ Seine Stirn runzelte sich. „Ich fürchte, ich kann Ihnen immer noch nicht so recht folgen.“ „Wollte er noch etwas sagen oder durch eine Bewegung andeuten?“

„Ich muss da wohl etwas klarstellen“, holte der Mediziner aus. „Herr Ottesen war bei meinem Eintreffen schon nicht mehr bei Bewusstsein. Einer der Kellner aus dem Restaurant führte bereits die Herzdruckmassage durch. Ich habe daraufhin einen Ambubeutel[1] gesetzt und eine erste Insulinspritze verabreicht. Kurz darauf trafen der Notarzt und der RTW ein.“ „Weshalb waren Sie eigentlich noch vor dem Rettungswagen am Ort des Geschehens?“, hakte Leonie nach. „Frau Hefter rief in der Praxis an. Die Erfahrung zeigt, dass ich schneller vor Ort sein kann als der Heli aus Wolfenbüttel. Bei einem Infarkt zählt wirklich jede Sekunde. Abgesehen davon war der Heli in diesem Fall erst später verfügbar.“

„Dann gab es also keinerlei Hinweise auf einen Medikamentenmissbrauch oder eine Vergiftung“, resümierte ich. „Glauben Sie mir, Herr Lessing, wenn ich auch nur den geringsten Zweifel an einem natürlichen Tod gehabt hätte, wäre der Leichnam zur Obduktion in das Rechtsmedizinischer Institut nach Braunschweig gebracht und ganz gewiss kein Totenschein ausgestellt worden.“

„Vielen Dank für Ihre Offenheit und für Ihre Zeit, Doktor Hingsen“, beendete ich seine Befragung und reichte ihm die Hand, während ich mich erhob. „Je eher sich Ihre Klientin mit dem Verlust ihres Vaters abfindet, umso weniger wird sie darunter leiden.“ „Vielen Dank für Ihr Mitgefühl, ich werde Frau Ottesen über Ihre Aufführungen bezüglich des Todeshergangs in Kenntnis setzen.“

„Das klang alles ziemlich plausibel, Chef“, wog meine Azubine nachdenklich den Kopf. „Werden Sie unserer Auftraggeberin wirklich alles so wiedergeben?“ „Natürlich“, entgegnete ich wie selbstverständlich. „Na, dann hat sich unser neuer Fall sicher erledigt, bevor wir mit den Ermittlungen richtig angefangen haben.“ „Keine Angst, ich habe ja nicht gesagt, wann ich ihr davon berichte, und außerdem werden wir jetzt erst noch Silvio Stanze befragen.“ „Aber die zwei Stunden sind doch noch gar nicht rum.“ „Stimmt, deshalb sehen wir uns zunächst auch noch die 18. Bahn und den Ort an, an dem Herr Ottesen zusammenbrach.“ „Sind Sie sicher, dass Sie eine solche Entfernung ohne Auto bewältigen können?“ Mir fehlten die Worte.

Fortsetzung vom 04.04.26

 

5

Zurück am Golfplatz zeigte ich Leonie, was noch in mir steckte. Nachdem ich den Platzwart letztlich von der Notwendigkeit der Inaugenscheinnahme des Unglücksortes überzeugt hatte, begleitete uns der Mann zu einem Club-Car, um uns die Stelle zu zeigen. „Diese kleinen Elektrowagen sind flinker, als ich dachte“, bemerkte ich erstaunt, während wir über das Grün der 18. Bahn huschten. „Unseren kleinen Sprinter hatten wir schon, als an Tesla noch gar nicht zu denken war“, erklärte Herr Major.

„So, hier also verstarb unser langjähriges Mitglied und ein guter Freund“, deutete er ergriffen auf ein kleines Holzkreuz, welches Markus Ottesen zu Ehren vom Clubvorstand aufgestellt worden war. Auf dem Platz selbst zeugten noch die Spuren des Rettungswagens von dem Unglück. „Die Tage vor dem schrecklichen Ereignis hatte es viel geregnet. Daher war der Boden noch recht weich“, erklärte der Platzwart. „Es wird eine Weile dauern, bis die Wunden verheilt sind.“ „Ich sehe mich da hinten mal ein bisschen um“, deutete Leonie zwischen die Bäume auf die benachbarte Bahn. 

„Bei der Rettung eines Menschenlebens kann man auf die Unversehrtheit eines Golfplatzes natürlich keine Rücksicht nehmen“, entgegnete ich, während ich mich bückte, um die Schutzkappe einer Spritze aufzuheben. „Natürlich“, entgegnete er gedehnt. Als ich mich in meiner gebückten Position nach dem Restaurant umdrehte, stellte ich fest, dass mir ein Hügel die Sicht darauf versperrte. Erst nachdem ich mich wieder aufgerichtet hatte, konnte ich, zwischen einer Baumgruppe hindurch, die Terrasse erkennen. Silvio Stanza musste folglich über eine ausgezeichnete Sehkraft verfügen, um an dieser Stelle überhaupt etwas erblicken zu können.

„Ist Constanze Ottesen eigentlich auch Mitglied im Club?“, wandte ich mich an Herrn Major. „Sie begleitete ihren Mann gelegentlich ins Restaurant, wo sie ihm von der Terrasse aus beim Spiel zusah oder auf Club-Veranstaltungen, die in der ‚Schöne Aussicht‘ stattfanden, aber für das Golfen konnte sie Herr Ottesen wohl nicht begeistern. Mit ihren High-Heels wäre dies allerdings ohnehin nicht möglich gewesen“, vernahm ich eine gut dosierte Portion Zynismus in seinen Worten.

„Damit hätte die Lady sicherlich Ihren schönen Platz zerstochen“, kehrte Leonie mit einem Tuch in der Hand zu uns zurück. „Ich fand es zwischen den Bäumen.“ „Wissen Sie, ob jemand das Halstuch vermisst?“, wandte sie sich an den Platzwart. „Nicht, dass ich wüsste.“ Sie roch daran und tütete es letztlich ein. „Man weiß ja nie.“ „Besonders beliebt war Frau Ottesen nicht“, fuhr Herr Major fort. „Das heißt, bei den Damen nicht, wenn Sie verstehen“, lächelte er vornehm zurückhaltend. „Ein Blickfang ist sie ja schon, aber eben auch eine Konkurrentin.“ „Frau Ottesen geizte also nicht mit ihren Reizen“, fasste ich seine Worte zusammen. „Von mir haben Sie das nicht“, übte er sich abrupt in Verschwiegenheit. „Für wen ermitteln Sie eigentlich?“ In diese Richtung hatte sich der Wind also gedreht. „Keine Angst, nicht für die Witwe.“

Nachdem uns Herr Major wieder zum Startpunkt unserer kleinen Exkursion zurückgefahren hatte, bedankte ich mich bei ihm für seine offenen Worte. „Falls Sie interessiert sind, wir suchen immer nach engagierten Mitgliedern.“ „Na, das wäre doch was für Sie, Chef“, redete mir meine Azubine grinsend zu. „So weit sind Sie ja noch gut zu Fuß und das mit dem Abschlag kann man lernen.“ Ich kam mir vor wie im tiefsten Rentenalter. „Vielen Dank, ich überlege es mir“, lächelte ich dem Platzwart wohlwollend zu, während ich darüber nachdachte, wie ich mich bei dem kleinen Luder angemessen revanchieren konnte.     

Es waren inzwischen mehr als zwei Stunden vergangen, als wir erneut das Restaurant betraten. Der erste Ansturm schien vorbei und auf der Terrasse waren wieder einige Tische frei. Silvio Stanza sah uns hereinkommen. „Ist hier immer so viel los?“, erkundigte sich Leonie, während wir nach draußen gingen. „Wir sind sehr vom Wetter abhängig, aber wenn die Sonne lacht, können wir uns nicht über einen Mangel an Arbeit beklagen.“ „Kein Job für dich, Leonie“, feuerte ich meine Retourkutsche ab. Zum ersten Mal sah ich meine Azubine sprachlos. Sie blickte mir entsetzt in die Augen und im selben Moment tat sie mir schon wieder leid. „Das war natürlich nur Spaß, ich kann mich auf meine Mitarbeiterin absolut verlassen.“ 

„Meine Chefin weiß Bescheid. Sie wird gleich zu uns stoßen. Darf ich Ihnen inzwischen etwas servieren?“ Ich sah Leonie fragend an. „Für mich nichts“, entgegnete sie eingeschüchtert. „Eine Cola und einen Cappuccino“, entgegnete ich. „Das war nicht so gemeint“, versuchte ich die Wogen zu glätten. „Alles gut, Chef. Wer austeilt, muss auch einstecken können.“

„Frau Hefter bringt Ihre Bestellung gleich mit“, kehrte der junge Mann an unseren Tisch zurück und setzte sich. „Von hier aus hat man wirklich eine schöne Aussicht, aber den Unglücksort konnten Sie ja eigentlich gar nicht sehen.“ „Stimmt. Ich hatte Herrn Ottesen auf dem Weg über die 18. Bahn hin und wieder gesehen. Das heißt, eigentlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht erkennen, wer dort spielte. Je mehr sich die Person dabei dem Loch näherte, umso mehr verschwand sie hinter dem Hügel. Letztlich sah ich nur noch etwas mehr als den Kopf.“ „Und dieses Tuch?“, erkundigte sich Leonie. „Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Ich schob anerkennend die Unterlippe vor. „Auf die Entfernung wäre das auch mehr als beachtlich.“ „Ich war gerade damit beschäftigt, die Tafel für eine kleine Geburtstagsfeier herzurichten, als ich sah, wie plötzlich auch der Rest von ihm verschwand.“ Er hob beschwörend die Hände. „Keine Ahnung, aber irgendwie wusste ich sofort, dass er sich nicht einfach nur bückte, sondern gestürzt war. Als er nicht wieder aufstand, war mir klar, dass irgendwas Schlimmes passiert war.“

„Da läuft es einem direkt kalt über den Rücken“, bemerkte Leonie mitfühlend. „Was glaubst du, wie es mir ging?“, stimmte ihr Silvio zu. „Er kam sofort zu mir in die Küche und schnappte sich den Erste-Hilfe-Kasten“, erzählte uns die Restaurantleiterin, während sie die Getränke servierte. „Ich wusste gar nicht, was los war, aber da ich Silvio sonst nicht so aufgeregt kenne, war sofort klar, dass etwas im Argen lag.“ Ich schilderte kurz, was geschehen war, schnappte mir mein Handy und rannte los.“

Frau Hefter hatte sich inzwischen zu uns gesetzt. „Silvio sagte, Sie wären Privatdetektive. Darf ich fragen, für wen Sie ermitteln?“ „Nicht für die Witwe, falls Sie darauf hinauswollen“, umging ich die Preisgabe meiner Klientin. Frau Hefter lachte kurz auf. „Das dachte ich mir.“ „Sie kamen also an den Ort des Geschehens“, nahm ich den Faden wieder auf. „Wie fanden Sie Herrn Ottesen vor?“

Silvio holte tief Luft. Selbst einige Tage nach den Vorkommnissen stand er emotional noch immer unter dem Eindruck des Geschehenen. „Er lag auf dem Bauch. Ich sprach ihn an, erhielt aber keine Antwort. Als ich ihn zu mir auf den Rücken rollte, erkannte ich Herrn Ottesen. Er atmete nicht, war ohne Bewusstsein. Ich rief meine Chefin an und begann mit der Herzdruckmassage.“ „Und ich rief daraufhin sofort in der Praxis von Doktor Hingsen an“, ergänzte seine Chefin.

„Sagen Sie, Frau Hefter, weshalb wählten Sie nicht zuerst den Notruf?“ „Ich bin Marina“, bot uns die Restaurantleiterin das Du an. „Der Rettungswagen braucht länger. Die Erfahrung zeigt, dass selbst der Hubschrauber nicht so schnell hier ist wie unser Dorfarzt.“ „Ich sprach übrigens inzwischen mit Doktor Hingsen. Er erzählte mir, dass sich der Heli noch in einem anderen Einsatz befand und somit erst später verfügbar war. Sie haben also genau das Richtige gemacht.“ „Ich war heilfroh, als Roco und der Arzt dazukamen, um mich zu unterstützten“, erklärte Silvio. „Sie glauben nicht, wie anstrengend zehn Minuten Herzdruckmassage sind.“

„Oh doch, ich war bereits in einer solchen Situation und kann daher nachempfinden, wie schrecklich es ist, wenn all die Bemühungen am Ende vergebens waren.“ „Das war eigentlich das Schlimmste“, pflichtete mir Silvio bei. „…und Herr Ottesen kam bis zuletzt nicht mehr zur Besinnung?“, hakte ich noch einmal nach. „Dann hätte ihn Roco ja nicht mehr beatmen brauchen“, begründete Silvio. „Er hatte ihm ja so einen Beatmungsbeutel über Mund und Nase gehalten.“

Alles, was er sagte, deckte sich mit dem, was ich bereits von Doktor Hingsen wusste. „Fiel euch irgendetwas an Herrn Ottesen auf? Kam euch etwas merkwürdig vor?“ Silvio hielt einen Moment lang inne, bevor er den Kopf schüttelte. „Abgesehen davon, dass mir hinterher speiübel war, eigentlich nicht.“ „Das kam sicherlich von der Anstrengung und deiner Emotionen“, schlussfolgerte Marina. „Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, habe ich ihn nach Hause geschickt.“

Silvio zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung, was es war. Auf jeden Fall war mir für den Rest des Tages so schlecht, dass ich nicht einen einzigen Bissen mehr herunterbekam.“ „Na dann muss dir aber wirklich übel gewesen sein“, lächelte Marina. Ich musste Leonie unwillkürlich ansehen. „Aber dafür hatte ich Brand wie ne Bergziege“, erinnerte sich der Ersthelfer. „Vergessen Sie nicht, dass Sie sich in einer emotionalen Ausnahmesituation befanden“, erklärte ich. „Menschen reagieren auf Belastung sehr unterschiedlich.“ Silvio nickte mir zu. „Ja sicher, was sollte es auch sonst gewesen sein?“

Fortsetzung vom 11.04.26

6

„Was fällt dir eigentlich ein, mir einen Schnüffler auf den Hals zu hetzen?“, fuhr Constanze meine Klientin erbost an. „Wieso dir? Wir haben die Detektei nur mit Nachforschungen beauftragt, die im Hinblick auf den Tod meines Vaters Licht ins Dunkel bringen sollen. Falls du dich diesbezüglich angesprochen fühlst, wirst du wohl deine Gründe dafür haben“, ließ sich meine Auftraggeberin nicht einschüchtern. „Was fällt dir ein, du kleines undankbares Miststück? Du kannst froh sein, dass ich dich noch nicht aus der Firma geworfen habe!“

„Mach dich nicht besser als du bist“, entgegnete Sonja Ottesen selbstbewusst. „Du weißt genau, dass du dafür einen triftigen Grund brauchst.“ Die Witwe warf ihr einen eisigen Blick zu. „Wenn´s weiter nichts ist, da fallen mir spontan mehrere Gründe ein.“ „Mach dich nicht lächerlich. Ich bin mir sicher, dass du in irgendeiner Weise am Tod meines Vaters Schuld bist.“ „Pass auf, was du sagst! Für solch schwerwiegende Anschuldigungen sollte man besser Beweise haben.“ „Na, dann zieh dich schon mal warm an, denn die werden wir ganz sicher beschaffen.“ Constanze lächelte ihr giftig zu. „Vielleicht solltest du dich besser warm anziehen, meine Liebe. Unter der Brücke soll ein eisiger Wind wehen, denn hier in meinem Haus ist kein Platz mehr für dich.“

Sonja schluckte trocken, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Wurde sie tatsächlich gerade von diesem Biest aus dem Haus ihres Vaters geworfen? „Das trifft sich gut, ich habe bereits meine Sachen gepackt. Es widert mich an, dieselbe Luft mit dir zu atmen. Für den Moment weiche ich, aber ich komme wieder und dann hole ich mir zurück, was du meiner Familie gestohlen hast!“ „Übernimm dich nur nicht und achte dabei besser gut auf deine Gesundheit.“

Sonja hatte verstanden. Wenn sie bis zu diesem Zeitpunkt noch Zweifel hatte, waren diese nun von Constanze selbst ausgeräumt worden. Als sie ihre kleine Wohnung unter dem Dach der Villa räumte, war ihr schwer ums Herz, musste sie doch all ihre Erinnerungen an ihr Elternhaus zurücklassen. Ihre wichtigsten Habseligkeiten in ein paar Koffern verstaut, trat sie nun den schweren Gang über die breite Holztreppe an.

„In die Firma brauchst du gar nicht mehr kommen“, wurde sie bereits von Constanze im Foyer erwartet. „Du bist ab sofort freigestellt. Natürlich bei vollen Bezügen. Schließlich kann ich nicht ausschließen, dass du sensible Daten und Betriebsgeheimnisse an dich bringst.“ „Das ist ja wohl das Letzte!“, schrie Sonja sie erbost an. „Nicht ganz, das Letzte wird die alte Bretterbude in Suderode sein, in der deine Mutter derzeit haust. Die und euer Pflichtteil werde ich euch auch noch nehmen.“   

Wenig später saß mir Sonja Ottesen in meinem Büro gegenüber und schilderte mir, was in der Villa vorgefallen war. „Im Grunde hatte ich ja damit gerechnet, aber als es dann tatsächlich geschah, war es dennoch so, als würde mir die Frau den Boden unter den Füßen wegziehen.“ „Nun, es handelt sich um Ihr Elternhaus“, seufzte ich mitfühlend. „Es ist nur allzu verständlich, dass Sie sich angeschlagen fühlen.“

„Offenbar war Constanze bereits bestens über Ihre Recherchen am Golfplatz informiert“, überraschte sie mich. „Offenbar ist sie doch nicht so unbeliebt, wie es mir der Platzwart weismachen wollte.“ „Brachten uns Ihre Ermittlungen denn wenigstens ein Stück weiter?“, erkundigte sich meine Klientin. Ich betätigte die Ruftaste der Gegensprechanlage. „Ja bitte?“, krächzte Trudes signifikante Stimme aus dem Lautsprecher. „Bringen Sie uns doch bitte das Tuch“, wies ich meine Putzsekretärin an.

Sekunden später stürmte Leonie, natürlich ohne vorheriges Anklopfen, in mein Büro. Ich nahm den Asservaten-Beutel seufzend entgegen. „Meine Assistentin fand dieses Tuch unweit der Stelle, an der Ihr Vater zusammenbrach“, erklärte ich, während Leonie zufrieden mein Büro verließ. Ich reichte ihr den Beutel. „Das ist ein Halstuch meines Vaters“, erkannte sie es wieder. „Lassen Sie es bitte im Beutel“, bat ich, als sie diesen öffnen wollte.

„Wenn Sie sich sicher sind, werde ich das Tuch in einem Labor auf Fremd-DNA untersuchen lassen. Allerdings benötige ich eine Präferenz-DNA Ihres Vaters dafür.“ „Was soll das bringen?“ „Bestenfalls ergibt sich daraus ein Anhaltspunkt, der weitere Ermittlungen rechtfertigt“, erklärte ich. „Verstehe. Eventuell gibt es unter seinen persönlichen Sachen aus dem Golfclub noch einen Kamm.“ „Ich habe heute Nachmittag einen Termin mit dem Hausarzt Ihres Vaters. Es wäre gut, wenn Sie mich dorthin begleiten könnten.“

Nachdem mir meine Klientin eine Vergleichsprobe ihres Vaters gebracht hatte, suchte ich Jogi im Polizeipräsidium in der ‚Münzstraße‘ auf, um ihn zu bitten, die Untersuchung des Halstuchs bei der KTU[1] in Auftrag zu geben. Mein ehemaliger Kollege musste sich weit aus dem Fenster lehnen, um diese auf Staatskosten durchführen zu lassen. Wie immer bei solchen Gefälligkeiten versprach ich ihm im Gegenzug ein opulentes Abendessen in einem Restaurant.

[1] Kriminal technische Untersuchung

„Gut, dass Sie es einrichten konnten“, empfing ich meine Klientin vor der Praxis von Doktor Mauser in der Bahnhofstraße. „Der Ermittlungsauftrag, den Sie mir unterschrieben, reicht bei solch speziellen Nachforschungen meist nicht aus. Ärzte tun sich bei der Pflicht zur Verschwiegenheit oft schwer.“

„Guten Tag Frau Ottesen“, trat uns der Mediziner mit ausgestreckter Hand entgegen. „Ich nehme an, Sie sind Herr Lessing“, begrüßte er mich ebenfalls. „Wir hatten telefoniert“, nickte ich ihm zu. „Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig die Zeit nehmen.“ „Mein Herzliches Beileid, Frau Ottesen.“ „Bleiben Sie doch bitte bei Sonja. Sie kennen mich mein ganzes Leben schon.“ „Sehr gern. Was kann ich für Sie tun?“, bot uns Doktor Mauser einen Platz vor seinem Schreibtisch an.

„Ich wüsste gern, wie es um die Gesundheit meines Vaters bestellt war. Es will mir einfach nicht in den Kopf, dass er an einem Herzinfarkt starb.“ Der Mann hinter dem Schreibtisch rieb sich die Nase. „Ich kann deine Zweifel durchaus nachvollziehen. Dein Vater war immer stets auf seine Gesundheit bedacht.“ „Eben! Er ließ sich ja in regelmäßigen Abständen bei Ihnen durchchecken.“ „Nachdem wir telefonierten, bin ich seine Akte noch mal durchgegangen und ich muss sagen, dass mir ein Infarkt im Grunde unerklärlich erscheint.“

Der Mediziner drehte uns den Monitor seines Computers zu. „Seht selbst, die Röntgenaufnahme und die erst kurz vor seinem Tod erfolgte Ultraschalluntersuchung waren ohne negativen Befund. Für sein Alter war Markus äußerst vital. „Genau deshalb vermute ich, dass mit seinem Tod nicht alles mit rechten Dingen zuging“, brachte es meine Klientin auf den Punkt. „Nun ja, ich weiß um die Veränderungen im Leben deines Vaters und ich muss dir leider sagen, dass er glücklich war. Da ich seine zweite Frau nie persönlich kennenlernte, steht mir auch kein Urteil zu. Ich möchte allerdings zu bedenken geben, dass unentdeckte Blutgerinnsel einen Infarkt auslösen können.“

„Die Eile, mit der Herr Ottesen verbrannt und dann unter die Erde gebracht wurde, lässt schon einen anderen Gedanken aufkommen“, brachte ich eine Tatsache ins Spiel, von der Doktor Mauser bislang nichts wusste. „Das wundert mich jetzt doch“, reagierte er überrascht. „Bei seinem letzten Besuch sprach dein Vater von einer neuartigen Möglichkeit der Bestattung, die mir bislang fremd war. Da er sehr davon angetan war, habe ich mich noch am selben Abend kundig gemacht. Es ging um eine Reerdigung.“

Meine Klientin und ich hingen dem Mediziner an den Lippen. „Es handelt sich dabei um eine Alkalische Hydrolyse Kompostierung.“ Darunter konnte ich mir nun gar nichts vorstellen. „Es geht darum, den Leichnam in einer speziellen Box über einen Zeitraum von sechs Wochen unter Beigabe von Erde und Blumenschmucks zu kompostieren. Der so entstandene Humus wird dann zur Anzucht einer beliebigen Pflanze verwendet, die dann im heimischen Garten beigesetzt werden kann.“

„Das ist ja toll“, schien sich meine Klientin ebenso zu begeistern wie ihr Vater. „Allerdings ist dies in Niedersachsen derzeit wohl noch nicht möglich“, erklärte der Doktor. „Wenn Ihr Vater diese Form der Bestattung wollte, liegt es eigentlich nahe, dass er dies in seinem Testament oder in einem Beiblatt als Teil seines letzten Willens kundtat“, bemerkte ich, während ich meine Klientin nachdenklich ansah. „Davon war bei der Testamentseröffnung keine Rede. Wenn er diese Absicht erst bei seiner letzten Untersuchung äußerte, kann es natürlich sein, dass er dies in seinem Testament noch gar nicht änderte.“ „Ich hatte ihm eine ausgezeichnete Konstitution attestiert. Vielleicht erschien Ihrem Vater diese Änderung daher auch noch nicht für so dringlich“, sinnierte Doktor Mauser. „Allerdings wollte er garantiert nie verbrannt werden, das weiß ich genau.“

„Allmählich wächst in mir die Erkenntnis, dass Sie mit Ihrem Verdacht richtig liegen könnten“, schlussfolgerte ich. „Zum einen erfreute sich Herr Ottesen offensichtlich bester Gesundheit. Zum anderen steht zu befürchten, dass seinem Wunsch nach einer Reerdigung oder einer traditionellen Erdbeisetzung nicht entsprochen wurde und er stattdessen in Windeseile verbrannt und in einer Urne beigesetzt wurde. Folglich sollte man sich doch nach dem Grund für diese Eile fragen.“ „Die wollten was vertuschen“, folgerte meine Klientin.

 

Fortsetzung vom 18.04.26

 

7

Wer, wenn nicht Doktor Schnippler, war versierter, mir eine Antwort auf meine Frage nach der Asche eines verbrannten Leichnams zu geben? Also rief ich den Rechtsmediziner in seiner Wirkungsstätte im Pathologischen Institut an der ‚Celler Straße‘ an.

„Hallo Doktor Schnippler, wie geht es Ihnen? Seit dem Leichenfund in der Asse hatten wir nicht das Vergnügen.“ „Na, Herr Lessing, es ist schön von Ihnen zu hören, zumal ich das Wort Vergnügen im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit eher selten zu hören bekomme. Nu ja, wie geht’s mir? In Zeiten wie diesen habe ich zumindest keine Langeweile. Was kann ich denn für Sie tun?“ „Es geht die Asche eines Verstorbenen. Ist es möglich, darin noch eine Vergiftung des Toten nachzuweisen?“

Ich lauschte angespannt in das Telefon, doch außer einem leisen Rauschen war nichts mehr zu hören. „Hallo, Herr Doktor, sind Sie noch dran?“ „Nu.“ Abermals Stille. „Die meisten Gifte können durch ein forensisch-toxikologisches Gutachten im Blut, in Körperflüssigkeiten, in der Leber und im Gehirn nachgewiesen werden. In der Asche hingegen lassen sich dagegen nur sehr wenige Substanzen eindeutig identifizieren.“ „Aber möglich wäre es schon…“, schöpfte ich Hoffnung.

„Nu, eine derart aufwendige Analyse hat allerdings einen Haken“, zerschlug er meine Zuversicht schon mit dem nächsten Satz. „Sie ist äußerst teuer.“ „Ach so, wenn´s weiter nichts ist… Ich denke, dass kriege ich hin. „Na, das ist ja einwandfrei“, freute sich der Pathologe über eine Abwechslung in seinem sonst eher blutigen Arbeitsleben. „Dann fehlt nun nur noch ein Grund für die Exhumierung der Urne“, grübelte ich.

„Denken Sie aber auch daran, dass sich nicht jedes Gift nachweisen lässt“, gab der Mediziner zu bedenken. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus. „Es wäre natürlich blöd, wenn meine Klientin eine Menge Geld investiert und am Ende nichts dabei herauskommt.“ „Nu, das Risiko will gut überdacht sein.“ „Gibt es denn da keine andere Möglichkeit? Vielleicht nach Feierabend?“ „Herr Lessing, wir kennen uns doch wohl schon lange genug. Was nutzt Ihnen ein Gutachten, wenn es nicht offiziell ist?“

Der Mediziner hatte zweifellos Recht, aber noch wusste ich nicht, ob meine Klientin bereit war, ein solches Risiko einzugehen. Doch das weitaus größere Problem bestand darin, die nötigen Beweise zur Rechtfertigung einer Exhumierung beisammen zu bringen. Ich bedankte mich bei Doktor Schnippler und versprach, mich schon bald wieder bei ihm zu melden.  

Der Recherchemotor in meiner Detektei lief auf Hochtouren. Während sich Trude der ersten Witwe und der Kinder des Opfers angenommen hatte, ermittelte meine Auszubildende im Vorleben von Constanze Ottesen, geborene Lieberknecht. Was mich betraf, richtete ich mein persönliches Augenmerk auf das Unternehmen, welches nach dem Tod von Karten Ottesen auf seine zweite Frau übergegangen war. Wo sonst, wenn nicht in der Firma selbst, konnte ich Informationen sammeln, die normalerweise nicht an die Öffentlichkeit gelangten?

Die gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der betrieblichen Brandschutzeinrichtungen nach ASR A2.2 erforderte eine stimmige Verkleidung. Ich wählte eine Jacke mit passender Arbeitshose samt dem Aufdruck einer bundesweit agierenden Firma und stiefelte samt Sackkarre, auf der ich einiges an Equipment montiert hatte, in die Anmeldung.

„Die Firma Minimax, mein Name ist Retter. Ich bin zur Überprüfung und Wartung der Feuerlöscher sowie der Brandmeldeanlage angekündigt.“ Die adrette Dame hinter dem Tresen der Anmeldung sah auf den Monitor ihres Rechners. „Sind Sie sicher, dass Sie für heute angekündigt wurden? Ich habe hier nichts vermerkt.“ „Mir ist das egal, gute Frau. Ich bekomme mein Geld und Ihre Firma muss so oder so bezahlen.“ „Ich halte Rücksprache.“

Zu 99 Prozent folgt auf den Dialog mit einem Weisungsberechtigten stets grünes Licht, weil im Allgemeinen schlichtweg davon ausgegangen wird, dass irgendjemand den Termin verschlampt hat. Bei ‚Medical-Pro‘ war es nicht anders. Selbst die geringe Möglichkeit, dass nach meiner Abweisung ein Brandereignis auftreten könnte und die Versicherung wegen des nicht eingehaltenen Wartungsvertrags nicht zahlt, ist einfach zu groß.

Aufgrund meiner Erfahrung als Hauptkommissar bei der Braunschweiger Kripo und gemeinsamen Übungen mit der Berufsfeuerwehr weiß ich, dass sich die Einsatzpläne und alle Aufzeichnungen zur Brandbekämpfung in einem Feuerwehrleitkasten in der Nähe einer BMA[2] befinden. Ausgestattet mit diesem Wissen war es ein Leichtes, die Standorte der Feuerlöscher zu finden. Da sich diese unter anderem dort befanden, wo sich die Angestellten zur Ergänzung des Flurfunks trafen, konnte ich lauschen, ohne Verdacht zu erregen.

[2] Brandmeldeanlage

Es liegt nahe, dass bei diesen Gelegenheiten auch viel Banalitäten ausgetauscht wurden. Die Kunst eines Ermittlers besteht darin, den Tratsch schon während der Lauschaktion zu filtern und relevante Informationen in den Synapsen zu speichern. Hier zeigt sich, was Erfahrung wert ist und einen guten Ermittler letztlich ausmacht.

Während Constanze Ottesen das Erbe lediglich geneidet wurde, galt der Geschäftspartner des Verstorbenen als arrogant und impulsiv. Hinter vorgehaltener Hand wurde Oliver Brunn bereits als möglicher Liebhaber der Chefin gehandelt. Auch wenn eine gewisse Brisanz in der Luft lag, schien sich zu diesem Thema niemand detaillierter äußern zu wollen. Die Angst vor einem möglichen Verlust des Arbeitsplatzes war allgegenwärtig. Offenbar wurde die Führung des Unternehmens weder ihm noch Constanze Ottesen wirklich zugetraut. Viel mehr hing das Gerücht über dessen Verkauf wie ein Damoklesschwert über allem.

Es war spät geworden und so verabschiedeten sich die Mitarbeiter nach und nach in den Feierabend. So waren irgendwann kaum noch Leute da, die ich belauschen konnte. Somit war es auch für mich an der Zeit, die Sachen zu packen, um unerkannt zu verschwinden. Ich hatte meine Sackkarre gerade bepackt, als ich Zeuge eines heftigen Streits wurde.

„Mein Mann ist gerade unter der Erde. Wie sieht es wohl aus, wenn unsere Beziehung jetzt publik wird?“, vernahm ich die Stimme einer Frau. Da die Tür zum Lager nicht weit genug geöffnet war, hatte ich keine Chance, die Gesichter der Streitenden zu sehen. Da jedoch lautstrak gestritten wurde, konnte ich die Auseinandersetzung zumindest verbal recht gut verfolgen.

„Was zum Teufel willst du denn jetzt noch geheim halten? Glaubst du wirklich, deine Angestellten würden nichts von uns ahnen?“ „Genau, vielleicht ahnen sie etwas, aber sie wissen es bislang nicht und so wird es vorerst auch noch bleiben“, sprach die Frau, die ich dem Gespräch nach als Constanze Ottesen identifizierte, ein Machtwort.

„So kannst du mit mir nicht umgehen!“, setzte sich der Mann zur Wehr. „Wenn ich merke, dass du mich nur verarscht hast, damit ich dir den Weg freimache und mich jetzt am ausgestreckten Arm verhungern lassen willst, werde ich dafür sorgen, dass deine Rechnung nicht aufgeht.“ „Sag mal, spinnst du jetzt komplett?“, reagierte Constanze wütend. „Ich halte mich an unsere Absprache. Du erinnerst dich, dass wir uns während der ersten Zeit nicht sehen wollten? Aber wenn du mir jetzt drohst, können wir unsere Beziehung auch hier und jetzt beenden.“

„So war´s doch gar nicht gemeint“, ruderte ihr Gesprächspartner zurück. „Ich bin einfach mit den Nerven runter. Was, wenn dieser Schnüffler etwas findet und am Ende alles auffliegt?“ Die Sache wurde zunehmend interessanter. „Beruhige dich, ich habe dafür gesorgt, dass Sonja erst einmal mit sich selbst zu tun hat.“ „Was hast du gemacht?“ „Ich habe sie von der Arbeit freigestellt und aus dem Haus geworfen“, erklärte die Witwe.

Was für ein durchtriebenes Luder, dachte ich mir, während ich weiterhin lauschte. „Damit hast du sie doch nur noch mehr gereizt.“ „Sie wird die Füße stillhalten, weil ich ihr klar gemacht habe, dass ich ihrer Mutter ansonsten das Haus in Osterwieck wegnehme.“ „Kannst du das denn einfach so?“ „Du willst gar nicht wissen, zu was ich fähig sein kann, wenn sich mir jemand in den Weg stellt.“ Dieser Frau war buchstäblich alles zuzutrauen.

„Was wolltest du hier eigentlich?“, erkundigte sich ihr Gesprächspartner wohl eher aus Verlegenheit. „Putzalkohol, Paraffin, Benzin und etwas Kleber“, entgegnete sie knapp. „Was zum Teufel hast du denn damit vor?“ Mir schwante da etwas. „Ich sagte doch, ich werde ihr, wenn nötig das Haus wegnehmen.“ „Sorry, aber ich verstehe kein Wort.“ Ich konnte kaum glauben, was ich hörte. „Mit so einem Molotow-Cocktail lässt sich ein warmer Abriss unproblematisch und recht einfach in die Tat umsetzen.“

Die Frau musste wahnsinnig sein. Plötzlich hörte ich sie amüsiert lachen. „Nun schau nicht so, du Dummerchen. Glaubst du wirklich, ich würde die Trulla aus ihrer Hütte bomben?“ „Für einen Moment dachte ich…“ „Quatsch, ich werde mir an so etwas doch nicht die Hände verbrennen, das machst du.“ „Weshalb weiß ich bei dir nie, ob du ernst meinst, was du sagst.“ „Weil du unfrei bist.“

Ich fragte mich, was sie damit sagen wollte, ohne den Sinn hinter ihren Worten wirklich zu verstehen. War es ihre Unverfrorenheit oder ihr merkwürdiger Humor, mit dem sie Markus Ottesen fesselte? Ging es in dem Gespräch um eine Absprache zwischen ihr und dem Mann, der mit ihr im Lager stritt, oder hatte all dies nichts mit dem Tod des Unternehmers zu tun? Auch wenn ihr Gespräch darauf deuten könnte, war nichts davon eindeutig.

Eindeutig hingegen waren die Geräusche, die ich nun vernahm. Wer auch immer der Mann im Lager war, er wurde zu ihrem Spielball. Kurz bevor das Match so richtig begann, ließ sie ihn abblitzen wie eine Gottesanbeterin. Irgendwann würde sie ihn fressen, da war ich mir sicher. Die Frage war nur, wann. Wahrscheinlich dann, wenn er ihr nicht mehr von Nutzen war.

Die Geräusche im Lager überschlugen sich. „Da war etwas“, unterbrach sie seine Bemühungen. „Ich habe nichts gehört.“ „Doch, ich bin mir ganz sicher“, beharrte sie. „Es ist besser, du gehst jetzt.“ Der arme Tropf folgte ihr wie ein Schoßhund. „Wir telefonieren“, versprach sie. Ich sah mich nach einem Schlupfloch um. Gerade noch rechtzeitig tauchte ich im Lichtschatten unter einer Treppe ab. Was ich sah, war keine Überraschung. Oliver Brunn, der Geschäftspartner von Markus Ottesen, bediente das Klischee vom Pakt mit dem Teufel.

 

Ende der Leseprobe

 

Nachdem das fertige Manuskript lektoriert wurde, geht es als Leseprobe in den Downloadbereich.

Ab 01.06.26 ist es dann auch als Taschenbuch zu erwerben.

An dieser Stelle finden Sie nach und nach wieder drei Fragen zum aktuellen Werkstattroman.

Die Antworten bitte bis zum 30.04.26 an Uwe.brackmann59@gmail.com senden.

 

1. auf welcher Golfbahn brach M.Ottesen zusammen?

2. wie heißt der Hausarzt von M. Ottesen?

3. welcher Cocktail ist nicht trinkbar?

 

 

Hier noch einmal die Spielregeln.

Mit jeder Buchvorstellung, also noch bevor das Buch in den Druck bzw. in den Downloadbereich wechselt, stelle ich an dieser Stelle drei Fragen aus dem Werkstattbuch, die Sie in einer Mail an mich richtig beantworten sollten. Der Einsender jeder zehnten richtigen Mail erhält ein handsigniertes Taschenbuch aus meiner Kollektion. Aber auch die übrigen Mitspieler gehen nicht leer aus. Sofern sie mir die richtigen Lösungen zugemailt haben erhalten sie jeweiles ein E Book zugesandt.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Solange das Buch in der Werkstatt steht, können Sie sich am Gewinnspiel beteiligen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich sehr über die rege Teilnahme und die vielen Mails freue, die bei früheren Gewinnspielen bei mir eingegangen sind.

 

Haben Sie die vorangegangenen Kapitel aufmerksam gelesen? Dann könen Sie die Fragen sicher beantworten. Wenn Sie glauben, alle drei Fragen richtig beantworten zu können, mailen Sie die richtigen Antworten an: uwe.brackmann59@gmail.com

Bis dahin: Ihr Uwe Brackmann

 

vielen Dank für die rege Beteiligung am Gewinnspiel. Es sind wieder zahlreiche richtige Lösungen eingegangen. Alle Gewinner wurden benachrichtigt. Viel Spaß beim lesen des neuen Band 57 mit dem es schon bald in der Werkstatt weitergeht und hoffentlich bis zum nächsten mal.

 

Den 58. Roman aus der

Detektei Lessing

"Enkeltrick"

 

ist seit 13.02.26 im regionalen Buchhandel und auf Bestellung unter "Kontakt", und als E-Book auf Amazone erhältlich.

Er ist dann auch gern als Geschenk mit Signatur zu erwerben.

Im Downloadbereich, kann er als 7 Kapitel umfassende Leseprobe (Kenntlich machen und kopieren) heruntergeladen werden. Das komplette E-Book ist dann ebenfalls für 2,99 € in einer Mail an "uwe.brackmann59@gmail.com" zu bestellen.

Alle meine Bücher können über die Reiter 'Bücher' und 'Links' bei Amazon, Weltbild, Thalia u.s.w. als E-Book und Bände 50 und 51 als Hörbücher erworben werden.

 

In diesen Geschäften bekommt ihr und Sie meine Bücher:

Wolfenbütteler 'Buchhandlung Behr' Kornmarkt

Wolfenbütteler 'Buchhandlung Steuber' Am alten Tore

und

in Vorsfelde in der Buchhandlung Sopper, Lange Str. 17